Volltext

(Artikel * 1999) Burgmer., Christoph:
AFRIKA GIBT ES. EIN GESPRÄCH MIT JEAN ZIEGLER ÜBER AFRIKANISCHEN KULTUREN
in Blätter des iz3w Nr. * Seite 40 - 42
Themen: Kulturen/Lebensweisen * Afrika * Dok-Nr: 65302
Standorte: A3W Osnabrück; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; VNB Barnstorf; 3WF Hannover; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Kampfkulturen

Afrika gibt es
Ein Gespräch mit Jean Ziegler über afrikanische Kulturen

Das Interview mit dem Soziologen Jean Ziegler setzt die lose Gesprächsreihe fort, die mit Jean-Christophe Rufin (iz3w 229) und Edward W. Said (iz3w 231) begonnen wurde. Bezugspunkt ist jeweils die These von Samuel Huntington, derzufolge der machtpolitische Konflikt der Nationalstaaten und der Ideologien durch einen »Kampf der Kulturen« abgelöst werde. Während Huntington nicht-westliche Kulturen als potentielle Bedrohung für den Westen darstellt, besetzt Ziegler die schwarzafrikanischen Kulturen mit dem ?Prinzip Hoffnung?. Unter umgekehrtem Vorzeichen folgen damit beide einem ähnlichen Kulturbegriff.

Christoph Burgmer: Herr Ziegler, Samuel Huntington schreibt in seinem Buch »Krieg der Zivilisationen«, daß die Beziehungen des Westens zu Afrika ein nur geringfügiges Konfliktpotential enthalten, und zwar deshalb, weil Afrika so schwach sei. Und weiter schreibt er, daß in Afrika ein langfristiger Prozeß der Entwestlichung im Gange sei. Interesse und Einfluß der westlichen Mächte würden schwinden, die einheimische Kultur mache sich geltend. Während Lateinamerika immer westlicher werde, werde Afrika immer weniger westlich.
Jean Ziegler: Huntington habe ich in lateinamerikanischen Universitäten in den 70er Jahren erlebt. Im Auftrag der amerikanischen Regierung hielt er dort während der Militärdiktatur Vorträge. Er hat das Konzept der nationalen Sicherheit entwickelt, das von der Hypothese ausging, daß der Feind im Inneren sei. Daß also Gewerkschafter, Studenten, Demokraten, Priester, die mit der Diktatur nicht einverstanden waren und Grundrechte verlangten, als Feinde betrachtet, gefoltert und erschossen wurden. Das ist Huntington. Er hat auch eine vietnamesische Vergangenheit. Also wenn Sie mich als Soziologen nach Huntington fragen, dann sage ich erst einmal, das ist ein Söldner im Dienste des CIA. Er kann ja auch hin und wieder etwas Gescheites sagen. Aber was er hier gesagt hat, ist nicht der Diskussion wert.

Kann man denn angesichts der verschiedenen Kulturen, Völker und Gesellschaften Schwarzafrikas überhaupt von einem Schwarzafrika sprechen? Was versteht man unter dem Begriff Schwarzafrika?
Schwarzafrika ist einerseits der südliche Teil des afrikanischen Kontinents, im Westen durch den Atlantik begrenzt, im Osten durch den indischen Ozean. Sowohl im Atlantik als auch im indischen Ozean gibt es ein paar Inseln, die auch noch zum Kontinent gehören. Und dann die unglaublich zerstreute Diaspora, die eigene Sozialformationen hat. Denken Sie an Jamaika oder an Haiti. Das sind formell unabhängige, schwarze Nationalstaaten in der westlichen Hemisphäre. Das alles zusammen fällt unter den Begriff schwarzafrikanische Kulturföderation.

Sie haben die traditionelle schwarzafrikanische Kultur durch die Existenz autonomer Bedeutungsfelder im Gegensatz zu westlichen Kulturen charakterisiert. Gilt das auch für die schwarzafrikanischen Kulturen in der Diaspora und für die modernen afrikanischen Kulturen?
Die meisten afrikanischen Kulturen haben eine unglaubliche Vitalität und Resistenzkraft, wenn man den ökonomischen, sozialen und politischen Zustand des Großteils der 52 Nationalstaaten auf dem afrikanischen Kontinent berücksichtigt und bedenkt, in welchem Zustand viele Diasporastaaten sind. Haiti z.B. ist das zweitärmste Land der Welt. Da bin ich voller Bewunderung für die Resistenzkraft und Vitalität der verschiedenen afrikanischen Kulturen. Aber die meisten von ihnen sind keine reinen Traditionskulturen mehr. Sie sind in einem sehr starken Akkulturationsprozeß begriffen, den man für jede Kulturzone auf dem Kontinent und in der Diaspora definieren müßte. Es gibt praktisch keine afrikanische Traditionsgesellschaft, die nicht von dieser Akkulturation betroffenen ist.
Aber trotzdem haben die Sozialformationen Afrikas eine kulturelle Eigenständigkeit, eine Vitalität und Kreativkraft von sehr sehr eindrücklicher Effizienz. Diese ontologisch in sich ruhende, unglaublich reichhaltige, symbolträchtige kulturelle Totalität gibt die Sicherheit. Die afrikanische Kultur sagt zu jedem Problem etwas aus, es gibt keine Grauzone, keinen Agnostizismus, der Tod, das Leben, die Zirkulation des Wortes zwischen den Lebenden und Toten usw. Eine afrikanische Traditionsgesellschaft, sei es in der Diaspora, sei es auf dem Kontinent, unterscheidet sich von dem Gesellschaftswissen in Westeuropa durch die Art und Weise der Wissensübermittlung. Während diese bei uns auf Konzeptualität, auf formallogischer Aneignung, auf diskursivem, analytischem Wissen beruht, werden die wesentlichen Kulturleitsätze, die identitätsformierenden Aussagen in den afrikanischen Hochgesellschaften initiatorisch und damit emotional übermittelt, durch Initiationsriten wie z.B. Mutproben, Ausgesetztwerden, das Erleben von Einsamkeit oder Gruppensolidarität. In diesen Erlebnisphasen des jungen pubertären Menschen überträgt die Gruppe das ontologische Wissen, das im Gegensatz zum westlichen, chronologisch strukturierten Wissen, rekurrent und zirkular ist. Und dieses initiatorische Wissen strukturiert eine Persönlichkeit viel stärker, als das konzeptuelle Wissen. Was mit einer Emotion verbunden ist, etwas, das man im Moment höchster Anspannung gelernt hat, Schmerzen, Freude, Angst, oder was immer auch die Emotion ist, das bleibt haften.

Ich möchte nun auf das Bild zu sprechen kommen, das sich im Laufe der Jahrhunderte von Afrikanern im Westen entwickelt hat. Die westliche Rezeption der afrikanischen Gesellschaften reicht zurück bis in den frühen Sklavenhandel. Wie kein anderer Kontinent wurden diese schwarzafrikanischen Gesellschaften nur aus westlichen Bedürfnissen heraus wahrgenommen. Warum gelingt es bis heute scheinbar reibungslos, diesen traditionellen westlichen Ethnozentrismus in seinen verschiedenen Erscheinungsformen fortzuschreiben?
Das liegt an dem Herrschaftswissen. 22,5 Prozent der Menschheit sind weiß. Und dieses Fünftel der Menschheit beherrscht den Planeten seit Ende des 15. Jahrhunderts. Diese Herrschaftsethnie ? ich habe das Wort Rasse nicht gerne, weil das so belastet ist ? , diese Herrschaftsethnie, die Weißen also, produzieren natürlich eine Ideologie und eine Wahrnehmung der anderen, die ihren Herrschaftsinteressen konform ist. Man kann ja, wie Brecht sagt, nicht gleichzeitig böse und glücklich sein. Deshalb muß man sich mit Apartheidstheorien, mit diskriminatorischen Theorien belügen. Man herrscht über Afrika, zuerst durch den Sklavenhandel, dann über die territoriale Okkupation durch die Kolonialreiche. Bei der Berliner Konferenz wurde 1885 von Bismarck die Welt unter den Weißen aufgeteilt. Bismarck hatte die berühmte Afrikakarte von Professor Wolf vor sich, auf der das ganze Herz von Afrika noch weiß war: »terra incognita«. Es wurde also ein Kontinent aufgeteilt, der nicht einmal kartographisch erfaßt, geschweige denn kulturell, sozial, politisch erforscht war. Der Kolonialismus war also eine reine Piratenoperation.
Nach dem zweiten Weltkrieg kam die Phase der sogenannten Dekolonisation, die nahtlos in das imperialistische System überging. Seit Ende des 15. Jahrhunderts bis zum heutigen Tag herrscht diese weiße Minorität über den afrikanischen Kontinent und produziert ein konzeptuell schwaches, verlogenes, uninformiertes, diskriminatorisches Herrschaftswissen.

Der Zusammenbruch des kommunistischen Osteuropa hat in Afrika Anfang der neunziger Jahre auch ungeheure Hoffnung auf Demokratisierung, auf Befreiung von westlicher Vorherrschaft geweckt. Wie sieht es einige Jahre später in der Realität der schwarzafrikanischen Gesellschaften aus? Und hier schließt sich die Frage an: Ist Afrika nicht aus dem Bewußtsein des Westens verschwunden?
Das wäre gleichgültig. Afrika gibt es. Afrika ist ein unglaubliches Konservatorium von Kulturgütern. Der Anthropologe Lévi-Strauss hat gesagt, es gibt einen dunklen Kern in allen Zivilisationen, in allen Menschengruppen, der wahrscheinlich Jahrtausende zurück liegt. Einmal wurde die Entscheidung getroffen, wo wir unsere sozialen Kräfte primär einsetzen. Die Europäer haben sie in der Primärakkumulation des Kapitals, in der Instrumentalität, in der Technologie eingesetzt, und haben dabei unglaubliches geleistet. Unsere kapitalistischen Gesellschaften sind ja von enormer Kreativkraft. Was wir alles können: auf den Mond fahren, 92 Prozent aller Computer stehen in der westlichen Welt usw. Während meiner Ansicht nach die afrikanischen Gesellschaften auf dem Kontinent und in der Diaspora von allem Anfang an ihre vordringlichste Aufmerksamkeit der zwischenmenschlichen Beziehung gewidmet haben. Und ihren Erklärungen in den Symbolsystemen ? den Mysterien des existentiellen Zusammenlebens, des Sterbens, des Geborenwerdens usw. ? hat der afrikanische Teil der Menschheit seit Jahrtausenden eine ganz andere Priorität gegeben. Deshalb gibt es, wie Jean-Paul Sartre gesagt hat, l`unité negative du monde. Es gibt zwar eine Einheit der Welt, weil es ein und derselbe Planet ist, der im Universum umherschwirrt und von derselben Sonne beschienen wird, aber es ist eine negative Identität. Es gibt zwei verschiedene Menschheiten. Eine afrikanische und eine westlich-europäische, weiße, Nordamerika mit den Diasporagesellschaften eingeschlossen, die ganz andere Kollektivschicksale gewählt hat. Und, da haben sie wahrscheinlich recht, die sich überhaupt nicht mehr verstehen. Die Weißen sagen, Afrika hat sich aus der Geschichte verabschiedet, Afrika gibt es nicht mehr, die Afrikaner sind nicht mehr in der Geschichte. Aber die sind in einer ganz anderen, vielleicht viel wichtigeren Geschichte. Und meine Hoffnung ist, daß es uns westlichen Zivilisationsmenschen einmal gelingen würde, den Weg zurückzufinden zu diesen Konservatorien der kulturellen Werte des heutigen Afrikas.

Realität ist sicherlich auch die Frage nach
den derzeitigen politischen und sozialen Bedingungen, in denen viele Menschen in Afrika leben...
... im November 1989 ist mit der Berliner Mauer die Westgrenze des sowjetischen Imperiums zusammengebrochen. Da beginnt in Afrika eine Periode des Aufbruchs, der kreativen Unruhe. Obwohl es in Afrika sowjetische Satellitenstaaten gegeben hat ? z.B. die Einheitspartei in Mosambique FRELIMO (Frente de Libertação de Moçambique) oder die Mengistu-Diktatur in Äthiopien ? war das korrupte sowjetische Terrorregime eine Importware, die nie ins Kollektivbewußtsein eingedrungen ist. Während der ganzen Periode des kalten Krieges war Afrika ein strategisches Exerzierfeld der verschiedenen Großmächte. Das hat 1961 mit der Ermordung von Lumumba angefangen. Seit diesem ersten extrakontinentalen Konflikt der Weltgroßmächte auf afrikanischem Territorium haben sich diese Situationen ständig wiederholt. Man kann Guinea-Bissau nennen, man kann Angola nennen. Von Beginn der 60er Jahre bis in die 90er Jahre hinein gibt es in Afrika einen Konflikt nach dem anderen, bei dem West- und Ostmächte aufeinander stoßen. Aber daraus zu schließen, daß es eine afrikanische Geschichte des Kampfes Kommunismus gegen Antikommunismus, Kommunismus versus Demokratie gegeben hätte, das wäre falsch. Die importierten Konflikte entsprechen Rationalitäten, die mit den Planetarmächten USA und der Sowjetunion zu tun haben, die aber nichts mit den autochthonen afrikanischen Gesellschaftsprozessen zu tun gehabt haben.
Gut. Nach Beendigung des kalten Krieges, dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch der Sowjetunion entsteht in Afrika große Hoffnung. Die meisten afrikanischen Eliten sagen, was alle denken: Jetzt beginnt eine neue Epoche. Jetzt werden wir nicht mehr überdeterminiert durch die amerikanische, französische, belgische, sowjetische Strategie, jetzt sind wir endlich allein und jetzt kann unsere Geschichte beginnen. Das war ein sehr großer Irrtum, weil die erhoffte Demokratisierung z.B. in Gabun, Kongo-Brazaville, Kongo-Kinshasa usw. nicht stattgefunden hat.

Sie haben geschrieben, daß man zwischen 1960 und 1980 eine Verlagerung des Kapitals in gerade unabhängig gewordene Staaten Schwarzafrikas beobachten kann, daß es jedoch nach 1989 eher anders herum aussieht, daß also die Industrie in den Westen zurückverlagert wird. Kein einziges Land Schwarzafrikas hat einen nennenswerten Binnenmarkt für Konsumgüter hervorgebracht. Die gelieferten Rohstoffe verlieren durch Ersatzstoffe an Bedeutung. Agrarprodukte werden in Europa gezüchtet usw., also eine schier endlose Kette, die man beliebig fortsetzen könnte. Inwieweit hat das mit den Bedingungen zu tun, in denen die afrikanischen Gesellschaften Anfang der 90er Jahre ihre Hoffnung in eine unabhängige Entwicklung einbrachten, die dann aber, jedenfalls in manchen Regionen, ins Gegenteil umschlug?
Afrika ist für einen global denkenden, von Mehrwertakkumulation und Profitmaximierung beherrschten Kapitalisten total uninteressant. Die Ausnahme bilden einige von Stacheldrahtzaun und Privatmilizen umgebene europäische Enklaven, in denen für den Westen nützliche Güter ausgebeutet werden. Aber das hat nichts mehr zu tun mit Beherrschung von Nationalstaaten, mit der Unterwerfung neokolonialer Eliten oder mit ideologischem Krieg, mit gesteuerter Entfremdung also, wie das in den 50er und 60er Jahren der Fall war. Afrika ist ausgetreten aus der Beuteregion des globalisierten Killerkapitalismus. Das stimmt. Und es hat versucht, in den überlieferten Strukturen eine eigene Geschichte wiederzufinden. Aber nahezu 90 Prozent der 52 Staaten Afrikas und der Inseln sind akkulturative Produkte. So, als ob Sie in ein Kaufhaus gehen, sich einen Mantel umhängen, egal ob der paßt oder nicht, und sagen: so, jetzt habe ich eine Verfassung. Das heißt weder in Senegal, noch Tschad, noch in Burkina-Faso, noch in Togo, noch irgendwo in diesen 18 Staaten des ehemaligen französischen Imperiums auf dem Kontinent existieren juristische bzw. staatliche Formen, die im entferntesten den sehr komplexen interkommunitären, uralten Beziehungen entsprechen. Und deshalb brechen diese postkolonialen Nationalstaaten auseinander. Das erscheint dann als reines Chaos. Für mich allerdings, also für jemanden, der etwas genauer hinschaut, ist es der Beginn von etwas sehr Wichtigem. Nämlich die Wiederaufnahme einer vorkolonialen gesellschaftlichen Erfahrung.


Das Gespräch führte Christoph Burgmer, der zuletzt das Buch »Der Islam«, Suhrkamp Verlag 1998, herausgab.



Jean Ziegler ist 1934 in Bern geboren. Er ist Professor für Soziologie an den Universitäten Genf und an der Pariser Sorbonne. Schwerpunkte seiner Arbeit sind die Gesellschaften und Kulturen Schwarzafrikas und die Kritik schweizerischer Selbstzufriedenheit. Zahlreiche Veröffentlichungen zu unterschiedlichsten Themen ? von einer Baudelaire-Biographie bis zur Untersuchung der Rolle der schweizer Banken während des Nationalsozialismus.

Veröffentlichungen:
? Afrika ? Die neue Kolonisation, 1980
? Genossen an der Macht ? Von sozialistischen Idealen zur Staatsräson, 1988
? Der Sieg der Besiegten. Unterdrückung und kultureller Widerstand, 1989
? Die Schweiz wäscht weißer, 1990
? Marx, wir brauchen Dich, 1992
? Wie herrlich, Schweizer zu sein, 1993