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(Artikel * 2008) Letsch, Constanze
"Ich halte es für einen Vorteil, eine zweite Identität zu haben" Der georgisch-türkische Schriftsteller Fahrettin Çiloglu über Identität, Sprache und Kultur
in iz3w Nr. 308 * Seite 32 - 32
Themen: Kulturen/Lebensweisen; Literatur; Identität * Georgien; Türkei * Sprache * Dok-Nr: 199912
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; VNB Barnstorf; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Literatur in der Türkei

»Ich halte es für einen Vorteil, eine zweite Identität zu haben«
Der georgisch-türkische Schriftsteller Fahrettin Çilog?lu über Identität, Sprache und Kultur

iz3w: Warum schreiben Sie Geschichten?
Fahrettin Çilog?lu: Ich schreibe Geschichten, um sie mir als jemand, der denkt und erfindet, selbst zu erzählen. Ich liebe es, eine neue Welt jenseits der realen Welt zu erfinden, andere Welten zu schaffen, Wirklichkeiten aufzulösen, um neue Wirklichkeiten, ganz besonders märchenhafte Wirklichkeiten, daraus entstehen zu lassen. Das ist meiner Ansicht nach auch eine Revolte gegen Dinge im Leben, gegen Erlebnisse, die ich nicht selbst entscheiden, die ich nicht kontrollieren kann. Andererseits habe ich auch spezifischere Gründe, warum ich schreibe. Gründe, die sich in jeder einzelnen Erzählung auf eine andere Art zeigen. Ich möchte, dass nichts, was zu meiner realen und zu meiner imaginären Welt gehört, verloren geht. Deswegen packe ich es in eine Erzählung, in der Hoffnung, dass es dort überdauert, auch wenn ich diese endgültige Entscheidung darüber der Zeit überlasse.

Wie wichtig ist Ihnen Ihre georgische Herkunft, Ihre Identität als Georgier? Und wie einfach oder schwierig ist es, als Georgier in der Türkei zu leben?
Meine georgische Identität ist mir wichtig. Sie gibt mir gleichzeitig ein Zugehörigkeitsgefühl, das einen Großteil meiner Kindheit ausgemacht hat. Georgier zu sein ist für mich ein Gefühl jenseits des Bewusstseins, einfach eine Identität zu haben, die mir historisch gesehen gehört. Allerdings lebe ich in dieser Gesellschaft nicht nur mit dieser Identität. Ich sehe mich als zugehörig zu zwei Identitäten, zwei Sprachen und zwei Kulturen. Solange jemandem aufgrund seiner Andersartigkeit in einer Gesellschaft nicht mit Aggression begegnet wird, halte ich es für einen Vorteil, eine zweite Identität zu haben. Das, was uns zu uns selbst macht, sind doch auch die Dinge, die uns von anderen unterscheiden. So gesehen unterscheidet mich meine georgische Herkunft von anderen Mitgliedern dieser Gesellschaft. Ich sehe es als eine interessante Erfahrung, gleichzeitig als Teil dieser Gesellschaft zu leben und meine Unterschiede zu ihr zu bewahren. In einer Gesellschaft, die mir in keiner Weise fremd ist, als »Fremder« zu leben, ist bei dieser Erfahrung ein wichtiger Punkt.

Gibt es in der Türkei so etwas wie »MigrantInnenliteratur« ?
Der Begriff einer »MigrantInnenliteratur« erscheint mir nicht sinnvoll. Literatur ist eines der Ergebnisse daraus, dass sich jemand niedergelassen hat, weswegen sie sich meiner Meinung nach nicht gut mit dem Begriff »MigrantInnen« verträgt. Um trotzdem bei diesem Begriff zu bleiben: Man kann nicht sagen, dass es in der Türkei so etwas wie eine »MigrantInnenliteratur« gibt. In der türkischen Literatur findet man kaum von außen kommende Kulturen oder SchriftstellerInnen aus anderen Kulturen. Der wichtigste Grund dafür ist vielleicht, dass die Dominanzkultur dieses Landes demgegenüber nicht tolerant ist.

Ist georgische Literatur, georgische Kultur in der Türkei bekannt? Interessiert man sich dafür?
Ich kann nicht sagen, dass es in der Türkei, von vorübergehenden »Trends« einmal abgesehen, großes Interesse an anderen Kulturen gibt. Und Georgien war nie Teil eines solchen »Trends«, weswegen man auch nicht von einem besonderen Interesse für Georgien sprechen kann. Hier glaubt man im Allgemeinen, dass georgische Kultur das ist, was man von den Menschen kennt, die zwar georgischen Ursprungs, aber mittlerweile in der Türkei assimiliert sind. Viele Menschen in der Türkei sind Fremdem gegenüber allgemein nicht aufgeschlossen.

Kann Literatur Brücken schlagen?
Literatur ist ohne Zweifel ein Mittel, andere Kulturen kennenzulernen. Es ist jedoch nicht richtig, der Literatur missionarische Aufgaben aufzuerlegen, Pflichten, die außerhalb ihres Bereichs liegen. Man kann von Literatur nicht erwarten, dass sie gesellschaftliche Probleme löst, dass sie vergiftete oder zerstörte Beziehungen in der Gesellschaft repariert.

Wie ist das Projekt der Zeitschrift Pirosmani entstanden und warum? Wer liest Pirosmani?
Die Zeitschrift Pirosmani, die zweisprachig auf türkisch und georgisch erscheint, zielt darauf, türkischen LeserInnen die georgische Kultur näherzubringen. Die Leserschaft besteht aus GeorgierInnen, die in der Türkei leben und anderen in der Türkei lebenden Menschen, die nicht georgischen Ursprungs sind. Ab und zu erscheinen auch Artikel über türkische Kultur. Auf diese Weise bringt Pirosmani, da sie auch in Georgien erscheint, den Menschen dort ebenfalls die türkische Kultur näher.

Wie wichtig ist die Sprache für Sie? Fühlen Sie sich in zwei Sprachen zu Hause?
Da es in der Türkei nicht möglich ist, eine georgische Schule zu besuchen oder die georgische Schriftsprache zu lernen, ist meine Sprache als Schriftsteller türkisch. Meine Versuche, auf georgisch zu schreiben, sind auf ein paar wenige Gedichte begrenzt. Manche sagen, dass, wenn ich auf türkisch schreibe, es bei den LeserInnen trotzdem das Gefühl wachruft, etwas georgisches zu lesen. Es lässt sich darüber diskutieren, ob man in einer Sprache schreiben und gleichzeitig ein Schriftsteller einer anderen Kultur sein kann.


Das Interview führte Constanze Letsch.


Fahrettin Çilog?lu

Fahrettin Çilog?lu geboren 1955 in Ünye in der Türkei, hat georgische Eltern. Er arbeitet als Chefredakteur bei der georgisch-türkischen Literatur- und Kulturzeitschrift Pirosmani. Zudem schreibt er Kurzgeschichten und Gedichte, u.a. sind bis jetzt von ihm erschienen: Beni b?rak uzaklara (2004), Asksiz Mutluluk Yoktur (2004) und Uçinmaçini (2007). Seine erste ins Deutsche übersetzte Erzählung, »Die Reise meiner Großmutter«, erscheint im September 2008 im Berlinverlag.