Volltext

(Artikel * 2007) Bandel, Jan-Frederik
Doppelte Fremdheit Hubert Fichtes ethnografische Impulse
in iz3w Nr. 298 * Seite 39 - 42
Themen: Ethnie; Literatur * Utopie; Hubert Fichte * Dok-Nr: 173241
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; VNB Barnstorf; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Literatur


Doppelte Fremdheit
Hubert Fichtes ethnografische Impulse

Der Schriftsteller Hubert Fichte sucht in seinen Werken Räume auf, die innerhalb der jeweiligen Gesellschaft als »gefährlich«, »randständig« klassifiziert werden. Diese Gegenräume findet Fichte sowohl im europäischen als auch im außereuropäischen Kontext. Immer im Vordergrund stehen dabei die potenzierte Fremdheit des Mitteleuropäers und der Exotismus. Fichtes Hinwendung zu den afroamerikanischen Synkretismen ist nicht zuletzt der Entwurf einer Utopie – auch wenn sie zum Scheitern verurteilt ist.


von Jan-Frederik Bandel

Im Dezember 1966 hält Michel Foucault im Rahmen der France-Culture-Sendereihe »Utopie und Literatur« eine erste Fassung seines später berühmt gewordenen Vortrags »Les hétérotopies« – Die Heterotopien. Mit diesem Begriff erfasst Foucault all jene Räume, die sich als Gegenräume innerhalb der Gesellschaft etablieren, »lokalisierte Utopien«, insofern sie die mythische oder reale Negation des alltäglichen Raumes mit einer präzisen Adresse, einer konkreten Räumlichkeit verbinden – so verwinkelt der Raum, so geheimnisvoll die Adresse auch sein mag. Kneipen können solche Heterotopien sein, Absteigen, Bordelle, Clubs, Gefängnisse, Psychiatrien, Altersheime, Friedhöfe, Tempel, Schiffe und andere Räume der Abweichung, der Verweigerung, Räume der Fantasie, des Traums, des Geheimnisses, der Sexualität, des Verbrechens und des Abenteuers. Schließlich auch: Räume einer exotistischen Lust am »ganz Anderen«, nicht nur dort, wo sie so manifest wird wie in den seinerzeit populären Feriendörfern des Club Mediterrané, die »den Bewohnern der Städte drei kurze Wochen einer ursprünglichen und ewigen Nacktheit bieten«, wie Foucault schreibt.
An diesen »ganz anderen Orten«, in diesen »ganz anderen Räumen« bilden sich andere Ordnungen, Ordnungen der Vermischung, der Exaltiertheit und der Ekstase. Solche Heterotopien sind auch Orte der Inszenierung, geheime Theater einer Selbstdarstellung, einer fantasmatischen Verwandlung. In jenen Jahren, als Foucault sein Konzept der »Heterotopologie«, also der Wissenschaft von den anderen Räumen formuliert, schreibt der Schriftsteller Hubert Fichte an seinem Roman über eine Hamburger Kellerkneipe, die spätestens durch dieses – 1968 erschienene – Buch zum Inbegriff solcher Heterotopien wird, egal ob man ihr Gefüge im Rückblick nun als »subkulturell«, »präpolitisch« oder schlicht »antibürgerlich« beschreiben will: Die Palette.
Wer sich als Kulturhistoriker an die Rekonstruktion dieses seltsamen, mitten im Hamburg der späten Wiederaufbaujahre gelegenen Ortes macht, erfährt viel über die Räumlichkeit eines derartigen Gegenortes, einer solchen »warmen Höhle«. Er erfährt von Bewegungen, kreuz und quer, vom Flipper zum Tresen zur Musicbox, von Nord nach Süd, von ganz unterschiedlichen Bewegungsintensitäten vorn, wo die Laufkundschaft hereinkommt, wo Bier um Bier gegriffen wird und seine Wirkung zeigt, wo auch der Weg zum Parkplatz, dem Ort der Prügeleien, kurz ist.

Lokalisierte Utopie
Welche Art von Buch Die Palette ist, darüber gehen nicht nur die Meinungen der LeserInnen auseinander. Auch Hubert Fichtes rückblickende Klassifizierung ist alles andere als eindeutig. Ist es schlicht ein Kneipenroman? Der Versuch, einen deutschen Beatroman zu schreiben? Eine fröhlich ausgeuferte Reportage aus Unzufriedenheit mit dem, was die Schreiber von ZEIT und konkret über das Lokal zu berichten wissen? Eine soziologische Analyse in Romanform? Eine ethnografische Studie, die den späteren Berichten Fichtes über afroamerikanische Religion und Kultur, über Psychiatrie in Afrika methodisch eng verwandt ist?
Offenkundig ist, dass der Autor seine Zentralgestalt Jäcki als Medium nicht nur einer Beobachtung, sondern auch einer Faszination vorstellt. Man kann den Roman als Hamburger Ethnografie lesen, als Faszinationsanalyse einer »lokalisierten Utopie« des Ambivalenten, Inkohärenten, mithin: als Analyse eines höchstentwickelten Exotismus. Für Jäcki, der nach Jahren des Unterwegsseins in Schweden, Finnland und Frankreich nach Hamburg zurückkehrt, ist dieses Lokal, ist die Faszination, die sich damit verbindet, ein Grund, wieder hier zu leben. Ein Faszinationsort, zu dem andere kommen: die Roxi Bar auf St. Pauli, das Schreberhäuschen des Transvestiten Cartacalo/la mitten
im tristesten Kleinbürgerterrain Stellingen – ein stanniolgeschmückter grotesker Tempel im Spießeridyll der Kleingartenwelt, die geheimen Stricherkontinente des Hamburger Hauptbahnhofs usw.
So besehen, beginnt Fichtes großangelegtes ethnografisch-literarisches Programm einer Heterotopologie also tatsächlich in der Palette, in einem Hamburg, das mit allen Mitteln des Exotismus zur faszinierenden Fremde ausstaffiert wird. Es zeichnet sich aus durch jene merkwürdige Dialektik von Annäherung und Abgrenzung, Beobachterposition und Zugehörigkeit, die wohl jeder Feldforschung eigen ist.
Diese Dialektik der Faszination prägt Fichtes folgende Romane, Berichte, Interviews, Reportagen und Studien, bis hinein ins fragmentarisch nachgelassene Großprojekt einer – all diese Formen integrierenden – Geschichte der Empfindlichkeit, deren Edition erst in diesem Jahr, zwanzig Jahre nach dem Tod des Autors, abgeschlossen wurde. Das heterotopologische Interesse und der Exotismus durchziehen dieses Ensemble von Büchern. Im Roman Detlevs Imitationen ›Grünspan‹, in den Interviews aus dem Palais d’Amour, sowie in den nachgelassenen Bänden Alte Welt und Hamburg Hauptbahnhof entfaltet Fichte ein ganzes Panorama von Heterotopien des so genannten »Rotlichtmilieus« Hamburgs: Er interviewt SexarbeiterInnen beiderlei Geschlechts, BordellbetreiberInnen, BordellwirtschafterInnen, schildert Stricherlokale, schwule Treffs in Parks, illegale Pornokinos, Bordelle, die Bars der »Damenimitatoren« und die aufkommenden Sextheater. Er spricht mit einem »Ledermann« über Gefängniserfahrungen, die schwule SM-Szene, Treffen in einer umgebauten Fabrik und Lokale der Lederszene.
In zahlreichen Rundfunk- und Printberichten, schließlich in Büchern wie Xango und den Romanen Explosion und Forschungsbericht schildert er die heiligen Orte der afroamerikanischen Religionen – Voodoo, Santería, Candomblé, Umbanda – neben den Orten der schwulen Szene: Absteigen, Kinos, Parks. In Kliniken und psychiatrischen Dörfern in Afrika dokumentiert er – im gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, der Fotografin Leonore Mau erarbeiteten Band Psyche – traditionelle psychiatrische Praktiken und die Mischformen, die durch das Vordringen einer europäischen Psychoanalyse und Psychiatrie entstehen.

Poetik menschlichen Verhaltens
Wiederkehrend beschreibt Fichte in seinen Texten auch die Transitorte, zweifellos Heterotopien im Foucault’schen Sinne: Weniger Hafen und Flughafen sind hier prominent, als vielmehr der Hamburger Hauptbahnhof, ein wieder und wieder geschildertes Labyrinth geheimer Gänge, Treffpunkte, Bedeutungen. Weniger die vornehmen Hotelpaläste und Gästewohnungen, die Fichte und Mau, dem bürgerlichen Luxus keineswegs gänzlich abgeneigt, durchaus zu schätzen wussten, rücken ins Interesse, als vielmehr die Absteigen: Zugleich neutrale Orte des Reisenden und des anonymen, schnellen Sex, doppelt ausgelagert. Hier kennt man niemanden, hier will man niemanden zufällig treffen.
Der Kameruner Germanist David Simo hat darauf hingewiesen, dass der Effekt einer solchen ethnografischen Heterotopologie der einer »doppelten Fremdheit« ist: Innerhalb der fremden Gesellschaft sucht der Heterotopologe Fichte eben nicht vordringlich nach Orten der Vertrautheit, nach Momenten des Wiedererkennens – allenfalls in jenen Räumen, die innerhalb der jeweiligen Gesellschaft selbst als »gefährlich«, »randständig« klassifiziert werden, also z.B. den Schwulenbars, Parks und Kinos, wie er sie in allen Ländern frequentierte (ohne dass freilich die Empfindlichkeiten, Rituale, Fantasien überall dieselben wären).
Die Psychiatrien Afrikas, die Tempel der so genannten »Mischreligionen« Brasiliens, Haitis usw. sind Räume potenzierter Fremdheit für den Mitteleuropäer, dessen Schemata der Assoziation und Klassifikation Fichte wohl so wenig zu entkommen vermochte wie jeder andere, die er aber immerhin zu irritieren hoffte. »Ich habe eigentlich immer auf den Moment gewartet, wo ich etwas ganz Fremdes finden würde, wo ich mich gar nicht mehr zurechtfinden würde«, erklärt der Autor 1980 im NDR-Gespräch mit Peter Laemmle: »Ich spreche nicht von dem Fremden, um es verstehen zu lernen, um es einordnen zu können.« Jeden Versuch des Interviewers, einen Wunsch der Interpretation, Einordnung, Rückführung zu hören, wischt Fichte kurzerhand als »ganz fürchterliche eurozentristische Scheiße« weg: eben die Rückführung auf europäisch Vertrautes, ob Ödipuskomplex, Klassenkampf oder Liturgie.
Nun war er keineswegs so naiv, den immensen Exotismus, der sich im Traum vom »ganz Fremden« artikuliert, als solchen zu verkennen: die merkwürdige Gemengelage von »Unbehagen vor der Kultur«, »Behagen in der Unkultur« und »Unbehagen in der Unkultur« bestimmen für ihn das exotistische Bewusstsein. Und der Spott über die Projektionen des Eurozentrismus wie über die terminologisch komplexeren des Strukturalismus, der »synchronistisch über Welt und Psyche« verfüge, sollte nicht dazu verleiten, hinter Fichtes Reflexion der eigenen Projektionen zurückzufallen, wie es seine ungerufenen ApologetInnen gelegentlich tun.

Religion und Ritus
Natürlich sind es provozierend in den Raum geworfene Übertreibungen, wenn Fichte zum Ursprung seines Interesses an afrikanischen und afroamerikanischen Kulturen wahlweise die kindliche Faszination des »Sarotti-Mohren« oder den Wunsch, »mit Negern zu schlafen«, erklärt. Ähnlich wird man die abrupten Parallelisierungen zwischen vorpubertären Fantasien und religiöser Trance, zwischen dem Senegal und Bayern auffassen müssen. Dennoch: Die Oberflächenbeschreibungen, auf die sich die Ethnografie Fichtes in ihrer Gegenbewegung zu einer ethnologischen Hermeneutik egal welcher Prägung offensiv zurückzieht, liefern immer auch Projektionsflächen. »Ist es nicht wissenschaftliche Forderung, die Voraussetzungen aufzudecken?«, fragt Fichte 1976 in seinem programmatischen Vortrag Ketzerische Bemerkungen für eine neue Wissenschaft vom Menschen: »Ist es eine Schande, einzugestehen, dass man über die Woloff forscht, weil man schwul ist? Doch wohl nicht mehr! Auch das bedeutet ein ethnologisches Faktum, und es wäre Irreführung, es zu verschweigen.«
So ist Hubert Fichtes Hinwendung zu den afroamerikanischen Synkretismen nicht zuletzt der Entwurf einer Utopie: »Ich glaube, daß den Afroamerikanern etwas geglückt ist«, heißt es im Gespräch mit Laemmle: »daß sie in der Art der Steinmarder, die angefangen haben, Gummireifen zu fressen, mit dem Abfall der Industrie, der Technologie umgehen können. Ich glaube, sie haben uns eine Psychiatrie voraus – diese in ihren quasi künstlerischen Manifestationen zu studieren, war das Unterfangen meiner Religionsstudien.« Schon drei Jahre später allerdings fällt der Rückblick gänzlich resignativ aus: »Ich glaubte eigentlich wirklich an Freiheit – und Freiheit kann ja nur Ritenlosigkeit heißen«, erinnert er sich in einem Rundfunkgespräch im SFB: »Und das schien mir im Candomblé und in der Macumba gegeben. Aber da habe ich einfach nicht genau genug hingeguckt. Eine der trübsten Erfahrungen der letzten 15 Jahre ist sicherlich, dass das eher noch kleinbürgerlicher und enger ist als der Voodoo, den man hier sich in Berlin vorspielt.«
Betont man diese Momente, so ist natürlich noch nicht gesagt, dass »Fichte nichts weiß, wenn er ein Land betritt«, wie FAS-Kritiker Volker Weidermann kürzlich durchaus lobend behauptete: Fichte war, obwohl er sekundäre Quellen tendenziell eher unterschlug als mit ihnen hausieren zu gehen, und obwohl er die akademische Zunft der Ethnologen gern mit spöttischen Bemerkungen bedachte, keineswegs ein fachwissenschaftlich illiterater, bloß erfahrungsseliger Reisender. Wiederholt nimmt er Bezug auf die Arbeiten von ForscherInnen wie Lydia Cabrera, Melville Herskovits, Alfred Métraux oder Pierre Verger. Er gehörte unter anderem einem »Arbeitskreis Ethnomedizin« an – wie auch der Ethnologie-Professor Joachim Sterly, der sogar versuchte, mit einem Gutachten zu Fichtes ethnografischen Arbeiten ein Promotionsverfahren für den umfassenden Autodidakten einzuleiten.

Beobachteter Exotismus
In seinen letzten Lebensjahren, eben jenen, in die die resignativen Rückblicke auf 15 Jahre Erkundungsarbeit fallen, schreibt Fichte eine Reihe von Romanen über diese Erfahrung, über Exotismus, Euphorie, Utopie und Scheitern. Die wichtigsten sind sicherlich der kleine Band Forschungsbericht und der monumentale »Roman der Ethnologie« Explosion. Der eine schildert sehr knapp das Scheitern einer kurzen Forschung in Belize, der andere umspannt in weitem Bogen die besagten fast 15 Jahre: von der ersten, touristisch neugierigen Brasilienreise 1968/69 über Jahre intensiver Forschung und Erkundung 1971/72 bis zur gründlich desillusionierten Rückkehr nach einer dritten großen Brasilienreise 1981/82. Diese beiden Bände zeigen am deutlichsten, inwiefern Fichtes Geschichte der Empfindlichkeit dessen eigener Kennzeichnung entspricht: »Tourismusroman«.
Es sind zutiefst ironische Romane, gerade auch dort, wo ihr Held Jäcki Ironie als »Thomas Mann«, als »Herrschaftsmittel«, als »die Fliege, das St. Regis, die angeheiratete Bankierserbin« entsorgen will. Überhaupt ist er,
als er aufbruchsbewegt 1968/69 Brasilien entdeckt, nur zu gewillt, sich aller Dinge zu entledigen – in einem Moment schockhafter ästhetischer Erfahrung in der Waschküche der Professora Norma, einer Heterotopie par excellence, einem Ort der Utopie kompletter Erneuerung: »Die Alte Welt zerfällt für Jäcki. Die Neue Welt tritt auf Jäcki zu. ... Proust Adé. Theater Adé. Selbst Alex Adé. Pozzi Adé. Gruppe 47 Adé.«
Natürlich muss Jäckis exaltierte Suche nach dem »anderen Wissen«, dem »ganz Anderen, genau, ganz« nicht nur eine Ernüchterung folgen, sie läuft beständig zu auf eine mit allen Mitteln des komischen Romans gestaltete Schlüsselszene. Das »Allergeheimste« des Voodootempels, den per definitionem jedem Uneingeweihten verschlossenen Raum zu sehen, so lautet der obsessive Wunsch Jäckis – und als er ihm endlich, nach Jahren, am Tag vor seiner Abreise gewährt wird, sieht er nichts als einen kahlen, grauen Raum, »verschnürte heilige Würste an einem Haken.«
Auch im Forschungsbericht ist von einer solchen Obsession die Rede: dem Wunsch, der rituellen Ermordung eines Kindes beizuwohnen. Auch dies ein ironischer Verweis auf Jonathan Swift und seinen Modest Proposal zum Babyverzehr, für Fichte ein Exempel der Verschränkung von Satire und sadistischer Wunscherfüllung im Schreiben. Doch hier ist es Jäckis Exotismus, der auf einen solchen Sadismus regrediert angesichts des völligen Leerlaufens noch seiner Projektionen: Hier, in der Karibik, Anfang der achtziger Jahre bedarf es schon eines solchen Versuches, sich überhaupt noch ein Interesse abzugewinnen. Den rechten Nutzen der geplanten Forschung – die präzisere Bestimmung eines bestimmten Getränks, das in der Aufhebung der Trance eine Rolle spielen soll – sieht Jäcki nicht ein. Personal, Priester, Taxifahrer sind auf den wissenschaftlichen Ethnotourismus gepolt und haben das entsprechende Vokabular gepaukt, und letztendlich scheint er doch nur den Fußnoten eines deutschen Ethnologen nachzureisen, um bestenfalls ein wenig Kollegenschelte betreiben zu können. Auch hier ein Scheitern, ein Umschlag des Exotismus in Resignation, das sich – wie bereits in Explosion – nur als Literatur noch retten lässt. Denn Literatur heißt bei Fichte immer: Darstellung des Scheiterns von Utopien.

Das Scheitern der Utopie
Darin liegt auch die Pointe des »Tourismusromans«. In einem Rundfunkfeature, 1970 formuliert, nimmt dieser nicht mehr vollendete Text aus der Poetik des kleinen Romans die Utopie einer umgreifenden Veränderung des Bewusstseins durch Tourismus wieder auf: »Das war aus Jäckis Tourismusutopie geworden, der freundlichen modernen Völkerwanderung. Golf-Sailing Facilities, Folklore-Exkursionen.« – »Neckermann statt Robespierre. Der Tourismus als eine universelle Wandzeitung?«, heißt es dagegen noch im Nachfolgeband zur Palette, dem 1971 erschienenen Theaterroman Detlevs Imitationen ›Grünspan‹.
Allerdings geht es in dem Buch – neben diesem formulierten Gegenentwurf zum Modell revolutionärer Gewalt – um eine andere Utopie, einen anderen Exotismus, den Jäcki an die Stelle der verlorenen Palettenutopie setzt: Loreley, Yoshilambodu, Roxi, Sahara, Grünspan und vor allem Palais d´Amour heißen die neuen Orte seiner Exkursionen – und alle liegen sie auf St. Pauli. Hier findet Fichte nicht nur eine Theatralik des Alltags, Mischformen von Kunst, Pop, kulturellen Resten, transgressive Verwandlungsmythen vor allem sexueller Art, sondern auch Spielmaterial eines ins Surreale überschießenden Exotismus von Gewalt, Sexus und Komik, konzentriert in der Gestalt des Bordellwirtes Wolli, der halbnackt mit Maschinenpistole und Dauererektion durch die abstrusesten surrealen Szenen von Gewalt, Verbrechen und Prostitution stapft.
Die enge Verzahnung dieser Formen, die Wechsel- und Rückkopplungseffekte dieses Verweisspieles sind aber nicht nur artistische Leistungen, sie nehmen auch die gesamte Konstruktion von Ethnografie und Roman, Dokumentarismus und komisch überzeichneter Erzählung voraus – und mit ihr den Befund des uneinholbaren Exotismus und des Scheiterns der Utopie. Das Modell der Faszinationsanalyse, wie resignativ immer, ist also bereits erprobt: Nur so ist eine Utopie überhaupt zu haben.

Literatur:
– Peter Braun (2005): Eine Reise durch das Werk von Hubert Fichte. Frankfurt a.M.
– Hubert Fichte (2005): Detlevs Imitationen ›Grünspan‹. Reinbek 1971 (Neuausgabe Frankfurt a.M.)
– Ders. (2005): Die Palette. Reinbek 1968 (Neuausgabe Frankfurt a.M.)
– Ders. (2006): Explosion. Roman der Ethnologie. Frankfurt a.M. 1993 (Neuausgabe Frankfurt a.M.)
– Ders. (2005): Forschungsbericht. Frankfurt a.M. 1989 (Neuausgabe Frankfurt a.M.)
– Hubert Fichte/Leonore Mau (2005): Psyche. Annäherung an die Geisteskranken in Afrika. Frankfurt a.M.
– Michel Foucault (2005): Die Heterotopien/Der utopische Körper. Zwei Radiovorträge. Frankfurt a.M.
– Karl Katschthaler (2005): Xenolektographie. Lektüren an der Grenze ethnologischen Lesens und Schreibens. Hubert Fichte und die Ethnologen. Frankfurt a.M.


Jan-Frederik Bandel ist Literaturwissenschaftler und Publizist und hat mehrere Bücher zu Hubert Fichte veröffentlicht (zuletzt als Herausgeber: Tage des Lesens. Hubert Fichtes »Geschichte der Empfindlichkeit«, Aachen 2006). Seit Juli 2006 gibt er gemeinsam mit Nora Sdun und Gustav Mechlenburg die Zeitschrift Kultur & Gespenster heraus
(www.kulturgespenster.de).