Volltext

(Artikel * 2005) Werning, Rainer
Kollektive Amnesie Vergangenheitspolitik in Asien 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs (Teil II)
in iz3w Nr. 289 * Seite 16 - 18
Themen: Geschichte; Kolonialismus; Krieg * Asien; China; Indonesien; Japan; Nordkorea; Südkorea * Zwangsarbeit; Zwangsprostitution; Zweiter Weltkrieg; Kriegsverbrechen; Postkolonialismus; Vergangenheitspolitik * Dok-Nr: 168370
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; VNB Barnstorf; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Zweiter Weltkrieg

Kollektive Amnesie
Vergangenheitspolitik in Asien 60 Jahre nach Ende des
Zweiten Weltkriegs (Teil II)

Nach den militärischen Erfolgen in China und Korea expandierte Japan Anfang der 1940er Jahre auch in Richtung Südostasien und Pazifik. Die zunächst als Befreier vom Kolonialismus gefeierten japanischen Truppen stellten sich jedoch schnell als das noch größere Übel dar: Folter, Mord, Zwangsarbeit und Zwangsprostitution waren an der Tagesordnung. Bis heute sind die japanischen Kriegsverbrechen oftmals nicht einmal offiziell als solche anerkannt.

von Rainer Werning

Zwischen 1930 und 1940 erlebte Japan ein phänomenales Wachstum. Die Industrieproduktion war um das Fünffache gewachsen, die jährliche Stahlproduktion von 1,8 auf 6,8 Millionen Tonnen und die Flugzeugproduktion von 400 auf 5.000 Stück gestiegen. Die japanische Wirtschaft war unter dem Kommando von Militärs in eine Kriegswirtschaft umgewandelt worden, wobei alles unternommen wurde, Vorräte strategisch bedeutsamer Rohstoffe anzulegen, die hauptsächlich aus China und Korea bezogen wurden. Die Militärausgaben wuchsen ebenfalls überproportional. Gemessen am Gesamthaushalt beliefen sie sich im Jahr 1931 auf knapp 30 Prozent und erreichten ihren Höhepunkt 1938 (ein Jahr nach der Invasion und Großoffensive gegen China) mit 75,4 Prozent. Allein von 1936 bis 1941 verdoppelten sich die Zahl der Wehrpflichtigen und die der Divisionsstärke. Über sechs Millionen Soldaten waren einsatzbereit. Ihr Feldzug gegen Ost- und Südostasien sowie Inseln im Pazifik wurde legitimiert mit dem unermüdlichen Einsatz für die Errichtung der »Größeren Ostasiatischen Gemeinsamen Wohlstandssphäre«1, dem »Kampf gegen den weißen Kolonialismus und Imperialismus«.
Für diesen Kampf benötigte Japan jedoch nicht nur ein starkes eigenes Militär, sondern auch Rohstoffe und zusätzliche menschliche Arbeitskräfte. Mit der militärischen Expansion gelangte man an beides. Der japanische Kampf gegen den »weißen Kolonialismus« wurde zum Plünderfeldzug durch ganz Südostasien.

»Kaninchen fangen«
Millionen Chinesen und Koreaner mussten Zwangsarbeit leisten. Kojima Takao wurde 1939 in die Armee eingezogen und nach China in die Provinz Shantung geschickt. Als Zugkommandeur der kaiserlichen Armee hatte er den Befehl erhalten, »Jagd auf Arbeitskräfte zu machen«. »Unsere Aufgabe während des Krieges«, erinnert sich Kojima, »bestand darin, im Umkreis von 32 Kilometern alles zu tun, um Jugendliche und Männer im arbeitsfähigen Alter aufzuspüren. Operation ‚Kaninchen fangen’ hieß das. Ein Kommandeur hatte uns im September 1942 erzählt, dass unser Land an Arbeitskräftemangel leidet und wir deshalb tunlichst zusehen sollten, so viele Chinesen wie möglich nach Japan zum Arbeitseinsatz zu verfrachten. Wir mussten Leute zu ausgesuchten Sammellagern treiben. Wir machten regelrecht Jagd auf sie auf den Feldern und in den Dörfern und übergaben sie der Militärpolizei. Die entschied dann, wer kräftig genug war. Denen, die ausgewählt wurden, band man die Arme auf dem Rücken zusammen und führte sie ab. Wenn Leute Widerstand wagten, rückten sofort Panzer und Kavallerieeinheiten ein.«
Einer, der die Operation »Kaninchen fangen« und die Zwangsarbeit in Chikkou (Osaka) überlebte, war Wei Yonglu. Er erzählt: »Sobald wir in Shimen ankamen, wurden uns gewaltsam die Haare geschnitten. Das tat sehr weh. Danach nahm man uns unsere Kleidung ab und wir wurden in einer Hütte untergebracht, die aus Bambus bestand und mit Strohmatten ausgelegt war. In dieser Hütte wusste man kaum, wer noch lebendig und wer schon tot war. Es war Ende Juni und es fing an, ununterbrochen zu regnen. Das Wasser ging mir bis an die Knie. Tagelang verbrachte ich so. Heute tun mir noch immer die Knie weh. Mitglieder der Einheit schleppten täglich bis zu 30 Leichen weg. Die niedrigste Zahl, an die ich mich erinnere, waren 16 Tote an einem Tag.« Klagen von Wei und anderen Leidensgefährten vor japanischen Gerichten wurden bislang allesamt abgeschmettert.
Dasselbe Schicksal widerfuhr massenhaft Koreanerinnen und Koreanern. In ihren Fällen verwies die japanische Justiz auf den 1965 zwischen Tokio und Seoul ausgehandelten »Normalisierungsvertrag«, wodurch individuelle Klagen auf Entschädigung in Japan nicht möglich, da sie durch die Bereitstellung von Wirtschafts- und Finanzhilfe für Seoul abgegolten seien. In seiner Kolonie Korea hatte die japanische Regierung im April 1938 das Gesetz zur Allgemeinen Mobilmachung verkündet. In großem Stil wurden daraufhin Koreaner zu Arbeitsdiensten verpflichtet, um die japanische Kriegsmaschinerie aufrechtzuerhalten.
Über 4,5 Millionen Koreaner wurden auf diese Weise im Lande selbst mobilisiert und mindestens 1,6 Millionen von ihnen bis zum Kriegsende nach Japan verschleppt. Dort mussten sie in Kohlebergwerken, Eisenerzminen, in Rüstungsfabriken sowie beim Bau von Straßen und Ausbauarbeiten von Häfen schuften. Ungefähr ein Viertel der während der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki ums Leben gekommenen Menschen waren koreanische Zwangsarbeiter. Ab der zweiten Hälfte des Jahres 1944 zwangsrekrutierte die japanische Regierung Arbeitskräfte unabhängig von ihrem Alter. Jungen im Alter von 13 oder 14 Jahren, manchmal noch jünger, waren davon betroffen. Zehntausend von ihnen wurden als Kindersoldaten in Südostasien und im Pazifik eingesetzt.

Protest gegen »Selbstaufopferung«
Massenhaft wurden überdies Frauen als Zwangsprostituierte missbraucht – unter dem Deckmantel der Jyoshi Teishintai (»Einheiten der Frauen für die Selbstaufopferung«). Der Löwenanteil der zirka 200.000 Zwangsprostituierten in eigens eingerichteten, über die gesamte Kriegsregion verteilten Militärbordellen der japanischen Streitkräfte waren Koreanerinnen und Chinesinnen. Außerdem waren Mädchen und Frauen aus Burma, den Philippinen, Osttimor sowie Holländerinnen aus Niederländisch-Indien, wie Indonesien damals hieß, betroffen. Dem japanischen Generalstab ging es bei der Einrichtung solcher Militärbordelle darum, Unruhen in den jeweiligen Bevölkerungen infolge unkontrollierter Vergewaltigungen, die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten sowie den Verrat militärischer Geheimnisse zu vermeiden.
Die erste Frau, die dieses bis 1991 gänzlich tabuisierte Thema öffentlich machte, war die (mittlerweile verstorbene) Koreanerin Kim Hak-Sun. Seit dem 8. Januar 1992 demonstrieren alte koreanische Frauen im Zentrum der südkoreanischen Hauptstadt Seoul vor der japanischen Botschaft. Jeden Mittwoch zur Mittagszeit – bei klirrender Kälte oder sengender Hitze. Die Gruppe der Demonstrantinnen wird stets kleiner und das ihnen widerfahrene Unrecht erdrückender, solange Signale eines Schuldeingeständnisses aus Tokio ausbleiben. Dort stritt man das System von Militärbordellen zunächst ab. Als man schließlich einlenken musste, hieß es, für ein solches System seien Privatpersonen verantwortlich gewesen. 1998 stufte die UNO-Sonderberichterstatterin Gay McDougall die Vergewaltigungslager der japanischen Armee während des Zweiten Weltkriegs als eklatante Menschenrechtsverletzung ein. Schließlich machte eine internationale Juristinnengruppe anlässlich eines – symbolischen – Kriegsverbrechertribunals auch Kaiser Hirohito Mitte Dezember 2000 für die Zwangsprostitution verantwortlich und brandmarkte diese als Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Den betroffenen Frauen ist es ein Dorn im Auge, dass Tokio über einen von Privatleuten eingerichteten Fonds selektiv Kompensationszahlungen an Überlebende gewährt, japanische Berufungsgerichte indes Entschädigungsklagen ehemaliger Zwangsprostituierter regelmäßig verwerfen. Allein in Südkorea, so berichtete die Seouler Tageszeitung Joong Ang Ilbo, lebten im Jahre 2002 noch insgesamt 132 offiziell registrierte frühere Zwangsprostituierte.

Indonesiens verdrängte Epoche
Die Gewaltherrschaft über weite Teile Ostasiens und die damit verbundene Ausbeutung von Arbeitskräften und Rohstoffen waren Voraussetzung für die weitere Expansion Japans. Nachdem sich die japanischen Besatzungstruppen in China und Korea festgesetzt hatten, drangen sie Richtung Süden vor. Die Ölfelder in Niederländisch-Indien, auf Sumatra und auf Borneo waren wichtige strategische Ziele, nachdem die USA und Großbritannien 1941 einen Ölboykott gegen Japan verhängt hatten. Besonders die holländische Kolonie Niederländisch-Indien war für die Japaner wegen ihrer Nähe zur Nordküste Australiens und wegen ihrer Ölvorkommen und anderer Bodenschätze von besonderer Bedeutung.
Obwohl Holland selbst bereits im Mai 1940 von den Truppen Nazideutschlands überrannt worden war und sich die niederländische Regierung nach London abgesetzt hatte, leisteten die holländischen Kolonialtruppen auf Sumatra und Java noch bis Anfang März 1942 Widerstand gegen die Japaner. Dann mussten auch sie kapitulieren. Die antikoloniale Kriegspropaganda der Japaner gegen die Herren aus Europa stieß, wie der Theologie-Professor Peter Latuihamallo betont, bei der indonesischen Bevölkerung auf mehr Sympathien als irgendwo sonst in Asien: »In der ersten Zeit feierten viele in Indonesien die Landung der Japaner, weil sie die Holländer vertrieben hatten. Überall packten die Leute ihre rot-weißen indonesischen Fahnen aus und hissten sie neben der japanischen Flagge. Auch unser späterer Präsident Sukarno arbeitete als Freiwilliger für die Japaner. Er war zwar schon damals für die Unabhängigkeit, forderte uns Studenten jedoch dazu auf, die Japaner in ihrem Krieg zu unterstützen.« Ähnlich beschreibt dies Indonesiens bedeutsamster zeitgenössischer Autor Pramoedya Ananta Toer (siehe Kasten).
Einige Monate hielt in der Bevölkerung die große Erwartungshaltung an, Japan werde dem riesigen Inselreich als Befreier auch zur Unabhängigkeit verhelfen. Doch genau das sahen die Pläne in Tokio nicht vor, Indonesien sollte direkt von japanischen Truppen verwaltet werden. Die japanische Armee richtete zunächst auf Sumatra, Celebes (Sulawesi), Borneo (Kalimantan), in den Molukken (Maluku) und West-Timor Kriegsgefangenen- und Internierungslager ein. Dann folgten Internierungen auf Java, von denen zuallererst die alliierten Kriegsgefangenen und Bürger der Länder betroffen waren, mit denen sich Japan im Krieg befand. Damals lebten knapp 300.000 Europäer auf dem Archipel, eine kleine Zahl im Vergleich zu der zirka 68 Millionen Einwohner zählenden Bevölkerung Indonesiens. Ungefähr hunderttausend holländische Zivilisten wurden von den Japanern interniert, die meisten davon im Jahre 1942.
Insgesamt sollen etwa 155 solcher Internierungslager über den gesamten Archipel verstreut gewesen sein. Die meisten von ihnen befanden sich auf Java, weil dort auch der größte Teil der Europäer vor Kriegsbeginn gelebt hatte. Drei Jahre lang blieben diese Menschen von der Außenwelt abgeschlossen und lebten unter Bedingungen, die sich von Monat zu Monat verschlechterten. Zirka 16.800 Internierte überlebten die Strapazen nicht.

Im Schatten Nippons
Weitaus schlimmer als das Schicksal der Holländer und Eurasier noch war das Los der einheimischen Bevölkerung. Die vermeintlichen Befreier entpuppten sich als gnadenlose Sklaventreiber, die immer mehr Menschen zur Zwangsarbeit verpflichteten. Romushas (Zwangsarbeiter) wurden vor allem beim Bau von Straßen und Brücken, dem Ausbau von Flughäfen sowie beim Ausheben von küstennahen Befestigungswällen eingesetzt. Für die japanischen Truppen blieb nämlich die Küstensicherung ein ungelöstes Problem; die langen Küsten waren zu riesig, um effektiv kontrolliert werden zu können.
Romushas wurden auch beim Bau anderer militärstrategisch bedeutsamer Projekte eingesetzt. Dazu zählten vor allem zwei Bahnprojekte: die Thailand-Burma-Bahn und die etwa 220 Kilometer lange Bahnlinie von Pakanbaroe (heute Pekanbaru) nach Muaro Sijunjung in Zentralsumatra. Diente erstere den Japanern als logistischer Brückenkopf, um Burma zu besetzen und die Invasion (Ost-)Indiens vorzubereiten, so sollte die Pakanbaroe-Bahn den Transportweg zwischen der Hafenstadt Padang auf Sumatra und Singapur verkürzen.
Von April 1943 bis zur Kapitulation Japans am 15. August 1945 dauerte der Bau dieser Bahn durch tropischen Dschungel. Insgesamt mussten etwa 6.500 Kriegsgefangene – vorwiegend Niederländer, außerdem einige Australier, Briten und US-Amerikaner – auf den Baustellen der Bahn arbeiten. Bei Kriegsende war ein Drittel von ihnen ums Leben gekommen. Weitaus höher noch war die Zahl der Opfer unter den Romushas; von schätzungsweise 98.000 zwangsrekrutierten Indonesiern kamen 80 Prozent ums Leben oder sie galten als verschollen.
Heute wird weder in Indonesien noch im modernen Pekanbaru selbst an dieses Kapitel der Kriegsgeschichte erinnert. Zwar steht dort seit Mitte der 1970er Jahre im Gedenken der Opfer auf einer Plattform eine alte Lokomotive, doch dieses »Kriegsmonument« ist verrostet und vergessen – allenfalls für Kinder als Spielplatz interessant.
Ähnlich wie in Burma (dem heutigen Myanmar) und Thailand paktierten die Nationalisten in Indonesien zumindest zeitweilig mit dem japanischen Militarismus und machten aus ihrer Bewunderung des damit transportierten faschistoiden Weltbildes und Überheblichkeitswahns keinen Hehl. Auffällig ist, dass in diesen drei südostasiatischen Ländern die Kollaboration mit dem Aggressor am ausgeprägtesten war und nachfolgend die Herrschaft von Militärs am längsten währt(e). Im Falle Indonesiens kam hinzu, dass die Führung des Landes martialisch gegen Dissens in der eigenen Bevölkerung vorging und sich mit Westpapua und Osttimor völkerrechtswidrig fremde Territorien einverleibte.
All das bleibt bis heute im öffentlichen Diskurs ebenso ausgeklammert und verschwiegen wie die Zeit unter japanischer Besatzung. Gedacht wird am Unabhängigkeitstag – am 17. August beging Indonesien den 60. Jahrestag seiner Befreiung und Unabhängigkeit – lediglich des langwierigen Kampfes gegen die Holländer. Das Gebaren der eigenen Elite im Schatten Nippons und die Schandtaten der postkolonialen Führung sind tabuisiert, weil mit deren Aufarbeitung unweigerlich die Zitadellen noch heute herrschender Machtzentren in Politik, Wirtschaft und im Militär unter Beschuss gerieten.

Anmerkung:

1 Am 1. August 1940 verkündete die Regierung in Tokio ihr Konzept der Größeren Ostasiatischen Gemeinsamen Wohlstandssphäre. Sie sollte eine Art japanischer Commonwealth sein, ein asiatisches Reich mit dem japanischen Kaiser an der Spitze. Als vorrangiges Ziel formulierte die Erklärung die Schaffung des »Weltfriedens«. Mit der Losung »Asien den Asiaten« funktionalisierte Japan den antikolonialen und antiimperialistischen Widerstand gegen die westlichen Kolonialmächte. In den japanischen Medien wurden die Invasionen der kaiserlich-japanischen Truppen in Ostasien, Südostasien und im Pazifik als »Großer Ostasiatischer Krieg zur Befreiung Asiens vom Joch des europäischen und US-amerikanischen Kolonialismus« herunter gespielt.


Rainer Werning, Politikwissenschaftler und Publizist mit dem Schwerpunkt Südost- und Ostasien, ist Vorstandsvorsitzender des Korea-Verband e.V. im Asienhaus (Essen) und Mitautor des Buches »‘Unsere Opfer zählen nicht’ – Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg« (Berlin/Hamburg 2005, Verlag Assoziation A).



Abscheu vor dem »großen Bruder«

»Die indonesische Bevölkerung hatte keine Achtung vor den Japanern, sondern schiere Angst, die auf die häufigen Misshandlungen durch Soldaten zurückzuführen war. Die Japaner betrachteten die Indonesier nicht nur als minderwertige Rasse, sondern eher noch als eine Herde Vieh, mit der sie umspringen konnten, wie es ihnen beliebte. Sie selbst fühlten sich als Herrenrasse (...) Viele Menschen wurden als Romusha, Zwangsarbeiter, von ihren Familien getrennt, um ohne Entschädigung Befestigungsanlagen zu errichten und fern der Heimat mit dem Himmel als einzigem Zeugen zu sterben. Nach dem Krieg erfuhr ich, dass mindestens vier Millionen javanische Bauern als Romusha ums Leben gekommen waren – als Futter für die militaristischen Nachkommen der Sonnengöttin. Vier Millionen! Die Städte quollen über vor Männern, die im verzweifelten Versuch, dem Tod zu entkommen, aus ihren Dörfern flohen.
(...) Ich konnte mich nicht dagegen wehren, eine gewisse Bewunderung für die Japaner zu empfinden, die Südostasiens Jahrhunderte langer Ankettung an Frankreich, England und Holland ein Ende bereitet hatten. Als sei es wirklich eine himmlische Macht, hatte Dai Nippon Teikoku, das Große Japanische Kaiserreich, mit einem einzigen Atemhauch die Vergangenheit weggeblasen. (...) Wie viele meiner Mitbürger hatte ich anfangs große Hoffnung auf die Befreiung vom Joch des Kolonialismus gelegt, die unser ‚großer Bruder’ uns verkündete, doch wie bei vielen anderen schlugen meine positiven Erwartungen bald in Abscheu um, als ich gewahrte, erfasste und begriff, dass Japan nichts anderes als eine neue Kolonialmacht war, die sich als noch habgieriger und unmenschlicher erwies als die früheren.«

Aus: Pramoedya Ananta Toer (2000): Stilles Lied eines Stummen – Aufzeichnungen aus Buru. Mit freundlicher Abdruckgenehmigung des Horlemann Verlages.