Volltext

(Artikel * 2005) Werning, Rainer
Kollektive Amnesie Vergangenheitspolitik in Asien /Teil 1
in iz3w Nr. 288 * Seite 16 - 18
Themen: Geschichte; Krieg * China; Japan; Nordkorea; Südkorea * Zwangsarbeit; Zwangsprostitution; Zweiter Weltkrieg * Dok-Nr: 168300
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; VNB Barnstorf; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Zweiter Weltkrieg

Kollektive Amnesie
Zur Vergangenheitspolitik in Asien 60 Jahre
nach Ende des Zweiten Weltkriegs / Teil 1


Drei Monate später als in Europa endete mit der Kapitulation Japans am 15. August 1945 der Zweite Weltkrieg in Asien. Erst jetzt, 60 Jahre danach, werden in Ost- und Südostasien – vor allem in China und Korea – die Stimmen der Opfer japanischer Kriegsverbrechen, von Zwangsarbeit und Zwangsprostitution, durch eine größere Öffentlichkeit wahrgenommen. Und auch in Japan selbst beginnt, verhalten und langsam zwar, eine Debatte um die jüngere Geschichte.


von Rainer Werning

Seit dem Ende der so genannten »Großen Proletarischen Kulturrevolution« in den 1960er und 70er Jahren kommt es selten genug vor, dass aufgebrachte BürgerInnen in der Volksrepublik China auf die Straße gehen, dort Großdemonstrationen inszenieren und mit Steinen, Flaschen und Eiern werfen – und die Staatsmacht dies augenzwinkernd toleriert. Zehntausende strömten an mehreren Wochenenden im Frühjahr dieses Jahres in den Großstädten Peking, Shanghai, Hangzhou und Tianjin mit geballter Faust auf die Straßen, um ihrem Unmut lautstark Ausdruck zu verleihen. Auf Transparenten hieß es »Nieder mit dem japanischen Militär!« oder »Kampf dem japanischen Faschismus!« und auf Stirnbändern »Gegen Japan!«. Streitpunkt und Angriffsziel waren (und sind sporadisch noch immer) japanische Einrichtungen – diplomatische Vertretungen und Geschäftsniederlassungen – in der Volksrepublik. Außerdem wurden mehrere Millionen Unterschriften gesammelt, um gegen Japans offizielle Vergangenheitspolitik Front zu machen. All das, sagte Chinas Vize-Außenminister Wu Dawei, habe Japan sich selbst eingebrockt: »Die Verantwortung für diese Situation trägt die japanische Seite. Tokio hat es versäumt, historische Ereignisse angemessen zu behandeln.«
Der Blitzbesuch des japanischen Außenministers Machimura Nobutaka Mitte April goss dann zusätzlich Öl ins Feuer. Da hatte Machimura gegenüber seinem chinesischen Kollegen Li Zhaoxing doch tatsächlich die Verve, eine Entschuldigung für die »antijapanischen Umtriebe« anzumahnen und die Entschädigung zertrümmerter Botschaftsfenster und Schaufenster japanischer Geschäfte zu fordern. Das wiederum veranlasste den für Außenpolitik zuständigen Staatsrat Tang Jiaxuan zu der Forderung: »Japan muss sich seiner Kriegsvergangenheit stellen.« Schließlich signalisierte Peking, angesichts dieser Entwicklung komme ein ständiger Sitz Tokios im UN-Sicherheitsrat nicht in Frage.

Mehr Schrein als Sein
Was war passiert, dass schrille Politik stille Diplomatie übertönt? Vordergründig geht es um die vom japanischen Erziehungsministerium Anfang April dieses Jahres erteilte Druckgenehmigung acht neuer Geschichtsbücher für den Schulunterricht, die – so die Kritik nicht nur aus China – die japanische Rolle im Zweiten Weltkrieg verherrliche und die japanischen Kriegsverbrechen verschweige. Im Zentrum der aktuellen Kontroversen steht indes Japans »unbewältigte Vergangenheit«, die die Regierung in Tokio sechzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aufs Neue einholt. Vor allem drei Dinge sind es, die in China und Korea (sowohl im Süden wie im Norden der geteilten Halbinsel) in der Vergangenheit wie aktuell die Gemüter erregen.
Erstens hat Premierminister Koizumi Junichiro seit seinem Amtsantritt im Jahre 2001 mehrfach den Yasukuni-Schrein (siehe Kasten) besucht, was die Regierungen in Peking, Seoul und Pjöngjang für unverschämt und einen zusätzlichen Affront gegen die zahlreichen Opfer des japanischen Militarismus halten. Zweitens geht es um die – aus japanischer Perspektive verharmlosend »Mandschurischer Zwischenfall« genannte – Invasion in der Mandschurei im Jahre 1931 und die Installierung des Marionettenstaates »Mandschukuo«. Dort wütete unter anderem die als »Einheit 731« bekannt gewordene Spezialtruppe Kaiser Hirohitos. Ihr Auftrag: Medizinische Tests an »lebendigem Material« (das betraf ChinesInnen und gefangen genommene Soldaten der Alliierten gleichermaßen) und die Exekution chemischer und bakteriologischer Kriegführung.
Der »Zweite Chinesisch-Japanische Krieg« schloss unter anderem das Nanking-Massaker ein, als von Mitte Dezember 1937 bis zum Frühjahr 1938 mindestens 200.000, wenn nicht gar 370.000 Menschen ermordet wurden. Erst im Dezember 1998 entstand das »Forschungszentrum zum Nanking-Massaker« an der Universität der Stadt, wo HistorikerInnen und SozialwissenschaftlerInnen aus dem In- wie Ausland über die sozio-psychologischen Auswirkungen des Massakers und die Kolonialisierungsstrategie der kaiserlich japanischen Armee forschen. Der japanische Justizminister Nagano Shigeto hatte noch 1994 das Nanking-Massaker schlichtweg abgestritten. Doch auch unter Mao Tse-tung und seinen Epigonen blieb dieses Thema tabuisiert. Die Sieger nach 1949 tolerierten keine Geschichte von Niederlagen, sondern nur »Heroen des sozialistischen Aufbaus«. Und die »Modernisierer« unter Deng Hsiao-ping wollten die sich intensivierenden Geschäftsbeziehungen mit Japan nicht gefährden. Opfer passten da lange Zeit nicht ins rechte (Geschichts-)Bild und werden von einflussreichen politischen Kreisen in Japan bis heute schlichtweg geleugnet.
Drittens weigert sich Tokio bis heute hartnäckig, die systematisch missbrauchten, vergewaltigten Frauen und Mädchen in den über ganz Ostasien, Südostasien und den Pazifik verstreuten japanischen Armeebordellen zu entschädigen und sich für das ihnen widerfahrene Leid zu entschuldigen. Betroffen waren etwa 200.000 Frauen – vorrangig aus Korea, aber auch aus China, den Philippinen, Burma, Osttimor und Holländerinnen in der damaligen Kolonie Niederländisch-Indien (Indonesien) –, die später nochmalig mit dem Begriff »comfort women« oder »Trostfrauen« gedemütigt wurden.

Den Opfern der Kriege
»Ich kann mich nicht erinnern, dass sich die Japaner irgendwann auch nur entschuldigt hätten«, sagt Ko Tim-Keung, Historiker aus Hongkong, zur Vergangenheitspolitik in Asien, »sie haben allenfalls bei verschiedenen Gelegenheiten ein paar Worte des Bedauerns fallen lassen. Wann immer man sie mit ihren Kriegsverbrechen konfrontiert, reagieren sie schockiert. Sie wissen nichts davon. So auch der Chefredakteur einer großen japanischen Zeitung hier in Hongkong. Als ich ihn einmal auf den Zweiten Weltkrieg im Pazifik ansprach, fragte er mich verdutzt: ‚Wann war das?’ Wenn schon ein Journalist, der hier in Hongkong als Bürochef fungiert, dermaßen ignorant ist, was ist dann vom Rest der Japaner zu erwarten?«
Die Ignoranz, von der Ko Tim-Keung spricht, und das Leugnen und Verdrängen der Opferschicksale sind Ausdruck einer bestimmten Haltung, Erziehung und Kultur des Vergessens, die im Nachkriegs-Japan politisch durchgesetzt wurde und bis heute öffentlich praktiziert wird. Doch Ignoranz und Vergessen beziehungsweise Politiken des Vergessen-Machens blieben keineswegs auf Japan beschränkt, wo alljährlich anlässlich der Gedenkfeiern der Atombombenabwürfe über Hiroshima (6. August) und Nagasaki (9. August) lieber die Opferrolle betont wird.
Die Siegermacht USA betrieb während der Verhandlungen des Alliierten Kriegsgerichts für den Fernen Osten in Tokio eine perfide Politik, indem nicht einmal Anklage gegen die Führungsriege der notorischen »Einheit 731« erhoben wurde, die in China den qualvollen Tod zahlloser ZivilistInnen durch bakteriologische und chemische Kriegsführung zu verantworten hatte. Der »intelligence value«, der nachrichtendienstliche Wert beziehungsweise die Verwertung dieser »Experimente an lebendigem Material«, wurde höher eingeschätzt als die Wahrung ethischer Normen und die Notwendigkeit juristischer Maßnahmen. Schließlich ging es darum, die Erkenntnisse der »Einheit 731« im Koreakrieg (1950-53) kriegsrelevant zu nutzen.
Und in den schließlich unabhängig gewordenen Kolonien? Wo immer die jeweilige Befreiungs- oder Unabhängigkeitsbewegung schnell siegte – wie im Falle Indonesiens und Vietnams –, waren die politischen und sozialen Verhältnisse so undurchsichtig und die Probleme der Menschen so schwerwiegend, dass an eine Würdigung der zahlreichen Kriegsopfer nicht zu denken war. Bis heute wird weder in Indonesien noch in Thailand von offizieller Seite der Hunderttausenden Romushas (Zwangsarbeiter) gedacht (Mehr dazu in der nächsten Ausgabe der iz3w).

Verordnete Aussöhnung
Ausgerechnet der ehemalige Leutnant Okamoto Minoru im Dienste des japanischen Kaisers sorgte für eine »Aussöhnung« zwischen Seoul und Tokio, als er 1965 den »Normalisierungsvertrag« zwischen beiden Ländern unterzeichnete. Minoru war von 1961-79 Seouls »starker Mann« – als südkoreanischer General wieder mit koreanischem Namen: Park Chung-Hee. Als Kollaborateur der Japaner hatte er deren Kaiser Hirohito einst geschworen, »wie eine Kirschblüte im Heiligen Krieg für die Errichtung der Größeren Ostasiatischen Gemeinsamen Wohlstandssphäre und in Verteidigung des odo rakudo (Reich des Rechten) zu fallen«. In Artikel 3 des »Normalisierungsvertrages« erkannte Tokio Seouls Alleinvertretungsanspruch für Korea an und gewährte Südkorea neben einer einmaligen Zahlung von 500 Millionen US-Dollar inklusive eines zinsgünstigen Darlehens auch danach großzügig Kredite. Park Chung-Hee sicherte im Gegenzug japanischen Unternehmen lukrative Geschäftsmöglichkeiten zu. Widerspruch duldete Park nicht. Im Oktober 1972 setzte er die Verfassung außer Kraft und verhängte – wie einen Monat zuvor Ferdinand E. Marcos auf den Philippinen – das Kriegsrecht über das Land. Eine Art vorbeugende Konterrevolution: In der Region ging nämlich die Furcht um, nach der (sich bereits abzeichnenden) Niederlage der USA in Indochina könnten weitere Länder kommunistisch werden.
Kritische Intellektuelle und MitarbeiterInnen junger, geschichtsinteressierter Nichtregierungsorganisationen haben vor allem in den vergangenen fünf Jahren wertvolles Material zusammengetragen, das die vielschichtigen Opfer- und Täterrollen nach dem Zweiten Weltkrieg schärfer ins Blickfeld rückt. Ein löbliches und längst überfälliges Unterfangen, bedenkt man, dass kein Land in Ostasien eine solch tiefgreifende koloniale Durchdringung erlitt wie Korea. Nicht nur war Koreanisch sprechen öffentlich verboten und Japanisch zur Amtssprache erhoben worden. KoreanerInnen mussten überdies ihre Namen japanisieren und eine Zunft koreanischer HistorikerInnen war genötigt, die Geschichte des eigenen Landes im Sinne der von den Kolonialherren oktroyierten Stagnations- und Heteronomiethese umzuschreiben. Demnach war Korea strukturell unfähig, eigenständig zu existieren. Sein Überleben vermöchte lediglich »das Wirken äußerer Faktoren« – in diesem Fall natürlich Japan – zu garantieren.
Was sechzig Jahre nach Kriegsende und selbst vierzig Jahre nach dem »Normalisierungsvertrag« zwischen Südkorea und Japan einen normalen Modus vivendi zwischen beiden Ländern erschwert, ist zudem die wieder heftig entbrannte Kontroverse um Tokdo, zwei kleine felsige Inseln im Ostmeer (wie die KoreanerInnen sagen) beziehungsweise im Japanischen Meer (wie die JapanerInnen sagen). Man könnte diesen Streit um zwei Felsbrocken als Lappalie abtun, würden nicht auch in dieser Region beträchtliche Gasvorkommen vermutet, auf deren Erschließung Tokio erpicht ist. Während Korea Tokdo bereits seit dem 6. Jahrhundert als Teil seines Territoriums betrachtet, erhebt Tokio nach wie vor Anspruch auf Takeshima, wie Tokdo Japanisch genannt wird – mit dem Argument, seit dem »Protektoratsvertrag« mit Korea (1905) seien die Inseln von Japan verwaltet worden und nach Kriegsende sei Tokdo/Takeshima kein Gegenstand politisch-diplomatischer Verhandlungen gewesen. Diese Position wiederum gilt vielen SüdkoreanerInnen sowie in den Medien des Landes als Beweis für die ungebrochen chauvinistische Haltung Tokioter Politik.


Rainer Werning ist Politikwissenschaftler und Publizist mit dem Schwerpunkt Ost- und Südostasien, Vorstandsvorsitzender des Korea-Verband e.V. im Asienhaus (Essen) und Co-Autor des im Frühjahr erschienenen Buches »‘Unsere Opfer zählen nicht’ – Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg« (Verlag Assoziation A). Teil 2 des Artikels folgt in der nächsten Ausgabe der iz3w.



Der Shinto-Schrein Yasukuni

Immer wieder sorgt der seit 1879 unter dem Namen Yasukuni (»Friedfertiges Land«) bekannte Shinto-Schrein in Japans Hauptstadt Tokio für Skandale. Ministerpräsident Koizumi Junichiro hat den Schrein bereits vier Mal seit seinem Amtsantritt im April 2001 besucht – obwohl es jedes Mal Proteste aus dem Ausland, vor allem aus China und Korea, hagelte. Die Regierungen in Peking, Seoul und Pjöngjang halten es für unsensibel, gar geschmacklos, dass hochrangige japanische Politiker diese Wallfahrtstätte des Chauvinismus besuchen und den dort bestatteten Toten ihre Reverenz erweisen.
Yasukuni entstand als staats-shintoistische Gedenkstätte für alle Japaner, die im Krieg für Japan gefallen waren und ihr Leben für eine »friedliche Heimat« opferten. Wer das große Eingangstor passiert hat, wird an das Schicksal von annähernd 2,5 Millionen Japanern erinnert, die während interner Konflikte starben oder im »Ersten Chinesisch-Japanischen Krieg«, im »Russisch-Japanischen Krieg«, im Ersten Weltkrieg, während des »Mandschurischen Zwischenfalls«, des »Zweiten Chinesisch-Japanischen Krieges« und des »Krieges im Pazifik« ihr Leben ließen. Auf Gedenktafeln sind die Namen der Gefallenen aufgelistet. Mit all diesen euphemistischen Bezeichnungen wird der »Kampf für das Überleben und die Selbstverteidigung« gerechtfertigt – von militärischen Interventionen, Angriffskriegen und Vernichtungspolitik kein Wort und keine Spur.
Um den Yasukuni-Schrein ist seit Ende der siebziger Jahre eine scharfe politische Kontroverse entbrannt, seitdem dort ebenfalls vierzehn Hauptkriegsverbrecher des Zweiten Weltkriegs geehrt werden. Bislang sind aufgrund der Weigerung seitens der Schrein-Leitung sämtliche Versuche fehlgeschlagen, die Ehrung der Kriegsverbrecher in Yasukuni einzustellen.
RW