Volltext

(Artikel * 2004) Möhle, Heiko
Gedenken um zu vergessen Vergangenheitspolitik am Beispiel des "Tansania-Parks"
in iz3w Nr. 275 * Seite 34 - 37
Themen: Geschichte; Kolonialismus * Tansania * Kolonialdenkmäler; Tansania Park * Dok-Nr: 139837
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; VNB Barnstorf; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Deutscher Kolonialismus

Gedenken um zu vergessen
Vergangenheitspolitik am Beispiel des »Tansania-Parks«


In Kolonialdenkmälern verdichtet sich Erinnerungspolitik in hohem Maße. So auch in den »Askari-Reliefs«1 aus dem Jahr 1938. Die in Terrakotta modellierten afrikanischen und deutschen Soldaten sollen das Kernstück des geplanten »Tansania-Parks« in Hamburg darstellen. Die Debatte darum zeigt, wie sehr die Deutsche Kolonialherrschaft auch heute noch beschönigt wird.

von Heiko Möhle

Im Mai 2002 überraschte das Hamburger Abendblatt mit der Nachricht, auf dem Gelände der ehemaligen Lettow-Vorbeck-Kaserne im Hamburger Stadtteil Jenfeld solle ein »Tansania-Park« entstehen. Eine »Stätte der Verständigung und des kulturellen Austauschs« sollte dieser laut der Initiatoren werden (Kulturkreis Jenfeld, ein lokaler Heimatgeschichtsverein und Jürgen Gotthardt, Honorarkonsul von Tanzania). Im Mittelpunkt der Anlage sollten die so genannten »Askari-Reliefs« (s. Kasten) sowie ein adlerbewehrtes »Schutztruppen-Ehrenmal« stehen. Ergänzt werden sollten sie durch Tanzanias Pavillon von der EXPO 2000.
Die genannten Denkmäler waren 1939 von der Wehrmacht zur Erinnerung an die kaiserlichen Kolonialtruppen in Afrika eingeweiht worden und hatten den Zweiten Weltkrieg ebenso wie den Kalten Krieg unter Ausschluss der Öffentlichkeit hinter Kasernenmauern überdauert. Unterstützt wurde das Vorhaben vom »Traditionsverband ehemaliger Schutz- und Überseetruppen«, der insbesondere die »Askari-Reliefs« vor »Vandalismus« retten wollte und seit der Schließung der Kaserne 1999 Geld für ihren Erhalt sammelte. Die Hamburger Kulturbehörde, die seitdem die Terrakotta-Soldaten in ihrer Denkmalwerkstatt lagerte, hatte noch unter SPD-Führung 50.000 DM für ihre Wiederaufstellung zugesagt.
Da keinerlei Konzept für die Gestaltung der Stätte existierte, warnten WissenschaftlerInnen der Universität Hamburg im August 2002 in einem offenen Brief vor einer »überstürzten Wiederaufstellung der Askari-Reliefs«. Eine Präsentation der Denkmäler sei nur dann zu befürworten, wenn sie zu einer kritischen Auseinandersetzung »mit dem deutschen Kolonialismus und der nationalsozialistischen Expansionspolitik« anrege. Trotz öffentlicher Proteste befürwortete die Mehrheit von CDU und SCHILL im Bezirk Wandsbek die Einrichtung des »Tansania-Parks«. Immerhin wurde ein Kuratorium mit dem Auftrag einberufen, eine »museumspädagogische Konzeption« unter »wissenschaftlicher Begleitung« zu erstellen.

Deutsche Aufopferungsdiskurse
Der offene Brief löste eine über Hamburg hinaus gehende Debatte über den Umgang mit Deutschlands kolonialer Vergangenheit aus. Im Zentrum der Kritik stand die in den Denkmälern zum Ausdruck kommende Reduktion kolonialer Herrschaftsverhältnisse auf einen Mythos von bedingungsloser Treue und gemeinsamem Leid, der die Kolonialherrschaft nachträglich legitimiert habe.2 Dem harmonisierenden und geschichtsverfälschenden Eindruck, den die Nationalsozialisten mit der Errichtung der »Askari-Reliefs« erzielen wollten, werde in der geplanten Anlage keinerlei Bekenntnis zur Verantwortung für die Geschichte gegenübergestellt.
Während die Initiatoren des »Tansania-Parks« bis heute eine Erläuterung ihrer Absichten schuldig geblieben sind, schalteten sich externe Befürworter einer Wiederaufstellung der Kolonialdenkmäler eifrig in die Debatte ein – mit persönlichen Zuschriften bis hin zu Drohbriefen, seltener mit publizierten Beiträgen. An ihren Argumentationen lässt sich über den konkreten Anlass hinaus ablesen, welche Diskurse über die deutsche Kolonialzeit heute noch in Teilen der bundesdeutschen Gesellschaft virulent sind.
Bemerkenswert in vielerlei Hinsicht ist ein den »Tansania-Park« befürwortender Artikel von Jochen Arp, der am 21. September 2002 im »Ostpreußenblatt« erschien. Arp lobt den Begründer der deutschen Kolonialtruppen, Herrmann von Wissmann, »der den 200 Jahre lang von Arabern in Ostafrika betriebenen Sklavenhandel ausrottete und sich kämpferisch mit den Sklavenhändlern und ihren Hintermännern auseinandersetzen musste«, ebenso wie das Deutsche Reich, das »unermessliche Mittel in die Erschließung dieser Kolonie steckte, deren Handelsbilanz bis zuletzt negativ blieb«. Dieser koloniale Aufopferungsdiskurs leitet in einen deutschen Opferdiskurs über, wie er in letzter Zeit in den Debatten über die Wehrmachtsausstellung oder über den Bombenkrieg zu beobachten ist: »Linke Einpeitscher« würden die »Verstöße nach vorne zerren, um einen weiteren Grund zu haben, die Deutschen zu Schuldigen zu stempeln«. Dass Arp seinen Beitrag in der Gazette der »Landsmannschaft Ostpreußen« publiziert, erstaunt nicht, denn im extrem rechten Spektrum gibt es große Affinität zwischen Vertriebenenverbänden und Kolonialnostalgikern.
Arp ist geübt darin, historische Verbrechen zu verharmlosen. Gewöhnlich befasst er sich damit, die Zahl der Opfer von Auschwitz in Zweifel zu ziehen. Da er nicht so dumm ist zu behaupten, die deutsche Kolonialherrschaft in Afrika wäre ohne Makel geblieben, bemüht er sich, auch ihre Schrecken zu relativieren – und schafft das gleich sechsfach in einem einzigen Satz: »Natürlich gab es in der ungeordneten und unsicheren Anfangsphase Härten und Verstöße einzelner gegen das, was der moderne Mensch unter Menschenrechten versteht, doch alles in allem verhielten sich die deutschen Kolonialherren wesentlich zahmer als die anderen Kolonialmächte.«
Erstens, lernen wir, wurden »Härten und Verstöße« nur am Anfang begangen. Zweitens stand keine böse Absicht dahinter, sondern die Konfusion, die so ein Anfang eben mit sich bringt. Drittens handelt es sich um Ausnahmen von der Regel, denn wo Verstöße begangen werden, muss es auch Regeln geben. Viertens, die »Härten und Verstöße« wurden von Einzelnen begangen; sie waren also nicht Bestandteil eines Systems. Fünftens sind »Menschenrechte« eine moderne Konzeption, die sich auf Geschehnisse vor hundert Jahren eigentlich nicht anwenden lässt. Und sechstens: die anderen Kolonialmächte waren noch schlimmer. Letzteres ist sicher das dümmste, aber auch das verbreitetste Argument zur Verharmlosung des deutschen Kolonialismus. Abgesehen davon, dass es sich historisch nicht verifizieren lässt: Unrecht wird nicht dadurch gemildert, dass auch andere welches begangen haben.
So zurückhaltend Autoren wie Arp in der Beurteilung deutscher Kolonialverbrechen sind, so deutlich werden sie, wenn es darum geht, die vermeintlichen Vorzüge deutscher Kolonialherrschaft zu preisen. Eine Zuschrift aus dem Umfeld des Traditionsverbands der Schutz- und Überseetruppen Hamburg an das Kuratorium für den »Tansania-Park« schlug in eine ähnliche Kerbe: »Natürlich wurden aus Unerfahrenheit anfangs Fehler gemacht, aber ab 1907 setzte eine rapide Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse, der Beziehung zu den Einheimischen, der Infrastruktur usw. ein, die durch den Krieg beendet, und seitdem nie wieder erreicht wurde«.
Nachdem die »Fehler« der Anfangszeit überwunden waren, will uns der Autor suggerieren, zeigte der deutsche Kolonialismus sein eigentliches Wesen: Er brachte den Fortschritt, oder, um es mit Arp zu sagen, »den Stoß in die Moderne«. Deutsche in Afrika – eine zivilisatorische Segnung mit anfänglichen Kollateralschäden? Diese Sichtweise ist nicht nur in rechtsextremen Kreisen verbreitet. Sie erfreut sich auch in der Mitte der Gesellschaft einiger Prominenz. Hellmut Kruse, Präsident des renommierten Hamburger Übersee-Clubs, brachte es im April 1999 bei einem Senatsempfang für Tanzanias ehemaligen Präsidenten Julius Nyerere so auf den Punkt: »Eine Geschichte, derer wir uns nicht zu schämen haben«. Dass diese Peinlichkeit den Regierungsparteien SPD und GAL als Gastgebern kein Wort des Bedauerns wert war, lässt sich nur dadurch erklären, dass über fünfzig Jahre konsequente Verdrängungsarbeit ihre Wirkung bei den politisch Verantwortlichen getan hatten.
In der früheren »Kolonialmetropole« Hamburg war nach 1945 die Erinnerung an die koloniale Vergangenheit fast vollständig aus dem kollektiven Gedächtnis verbannt worden. Man wollte neue Handelsbeziehungen nach Afrika anknüpfen, und da erschien es Kaufleuten und Politikern als glückliche Fügung, dass Deutschland seinen Kolonialbesitz bereits Jahrzehnte zuvor verloren hatte. So konnte man doch den nach Unabhängigkeit von Frankreich und England strebenden afrikanischen Staaten vergleichsweise »unbelastet« gegenüber treten. Ende der 1990er Jahre war die Erinnerung an die deutsche Kolonialzeit so weit nivelliert, dass es möglich wurde, Diskurse in die Öffentlichkeit zu tragen, die sich verharmlosend, ja sogar positiv auf die deutsche Kolonialzeit beziehen.

Für die Soldatenehre
In der Regel versuchen die Schönredner der deutschen Kolonialzeit gar nicht erst, ihre Interpretationen durch nachprüfbare Quellen zu belegen. Mangels geeigneter Dokumente bemühen sie unverdächtige »Kronzeugen«. Wie der erwähnte Verfasser aus dem Umfeld des Traditionsverbands: »Und die Einheimischen urteilten: Die Engländer haben gute Worte, aber ein hartes Herz, die Deutschen haben harte Worte, aber ein gutes Herz«.
Die milden bis begeisterten Urteile der »Einheimischen« oder »Eingeborenen« (die übrigens nie namentlich identifiziert werden) sind ein häufig wiederkehrendes Element, die Aussagen ehemaliger Kontrahenten während der Kolonialkriege (die immer beim Namen genannt werden) ein anderes. Ein Beispiel dafür lieferte Hellmut Kruse in seiner Rede vor Nyerere, als er auf die »Leistungen« des deutschen Schutztruppen-Generals Paul Lettow-Vorbeck einging: »Es ist gewiss nicht fehl am Platz, diesen sportlichen und ritterlichen Militär heute zu erwähnen. Sein früherer Feind, der Südafrikanische Feldmarschall Jan Christian Smuts, hatte so tiefen Respekt für ihn bewahrt, dass er nach dem Zweiten Weltkrieg eine Pension für ihn festsetzen ließ.«
Dass alliierte Soldaten bemüht werden, um deutschen Soldaten verbal auf die Schulter klopfen, verweist auf ein Kernanliegen vieler kolonialrevisionistischer Beiträge. Noch vor der Beschönigung des deutschen Kolonialismus geht es ihnen um eine Rehabilitierung des deutschen Militärs. Dieser Diskurs reproduziert geradezu idealtypisch Klischees, die nach dem Ersten Weltkrieg begründet und nach dem Zweiten insbesondere durch die Veteranenverbände weiter gepflegt wurden. Dem schmutzigen Krieg in Russland wird der »saubere« in Afrika gegenübergestellt – ein Krieg, der sich in erster Linie zwischen Deutschen und Engländern abgespielt habe und nach den Regeln eines sportlichen Turniers ausgefochten wurde.
Die Helden dieses Turniers heißen bis heute Paul Lettow-Vorbeck und Erwin Rommel. Beide wurden mit denselben Attributen versehen: hart aber fair, listig und einer erdrückenden Übermacht gewachsen, ritterlich und voller »Sportsgeist«. »Sauber« aber können die europäischen Kriege in Afrika nur im Licht eines Diskurses der Täter über die Täter erscheinen. Feldmarschall Smuts hatte General Lettow-Vorbeck nichts nachzutragen. Sein Feld wurde nicht von den »Schutztruppen« geplündert, sein Haus nicht niedergebrannt, seine Ehefrau nicht vergewaltigt, seine Kinder nicht zu »Hilfstruppen« gepresst und als Kanonenfutter verheizt.
In der Verherrlichung deutscher Soldaten liegt ein Schlüssel zur Antwort auf die Frage, was die Initiatoren des »Tansania-Parks« mit der Aufstellung der »Askari-Reliefs« bezweckten. Horst Junk, Vorsitzender des Kulturkreises Jenfeld, hatte sich vermutlich nie mit der deutschen Kolonialgeschichte beschäftigt, bevor er auf die Denkmäler stieß. Aber er betreibt ein privates Museum voller Militaria in einem Hamburger Stadtteil, dessen Geschichte und Gegenwart durch Kasernen geprägt ist.
Ihm geht es darum, eine militärische Gedenkstätte zu schaffen, in der Soldaten – Deutsche und Afrikaner – vereint als Opfer erscheinen. Zwar erkennt Junk an, dass die deutsche Kolonialherrschaft auch schreckliche Seiten hatte. Dass die Realität der kolonialen Herrschaftsverhältnisse ein harmonisierendes »Alle-Soldaten-waren-Opfer«-Gedenken unmöglich macht, vermag er allerdings nicht zu akzeptieren. Junk bedient sich »der Askari«, um diesen Widerspruch aufzulösen und den deutschen Soldaten die Legitimation verschaffen, sich in die Gräberfelder der Opfer von Krieg und Kolonialismus einzureihen: »Wenn wir Deutschen in der letzten Phase der Kolonialzeit so abschreckend auf diese Leute gewirkt hätten, hätten sie wahrscheinlich nicht mit Lettow-Vorbeck bis zur letzten Stunde gekämpft.«3
Nichts bringt diese Sichtweise so treffend zum Ausdruck wie eines der »Askari-Reliefs«, auf dem ein deutscher Unteroffizier an der Spitze »seiner« Askari marschiert. Es heute wieder aufzustellen, beinhaltet folgende Botschaft an Deutsche und Tanzanier: Wir laden euch ein zum gemeinsamen Gedenken, aber nicht zum gemeinsamen Erinnern. Die »Askari-Reliefs« sollen jenseits einer nebulösen Beschwörung gemeinsamen Kampfes und Leidens alles Trennende in der Geschichte vergessen lassen. Unliebsame Geschichte derart zu entsorgen, erfordert einige Dreistigkeit.
Oder eine solide Legitimationsbasis: Wieder sind es »die anderen«, »die Tanzanier«, die diese Legitimation schaffen sollen. In den Worten von Horst Junk: »Die Leute wollen gerne eine enge Bindung an Hamburg und Deutschland. Die sehen es als eine Zeitgeschichte, die in ihrem Land sich abgespielt hat.« Die Nachkommen der Opfergeneration, so soll dieses Statement wohl interpretiert werden, gestatten den Nachkommen der Tätergeneration, die Geschichte ad acta zu legen, ja sie fordern geradezu dazu auf. Wo immer der Kulturkreis und der Honorarkonsul auf Widerstand gegen ihre Pläne stießen, präsentierten sie ihren Joker: ein Schreiben aus dem Büro des tanzanischen Premierministers, in dem Tanzanias Unterstützung für die Errichtung des »Tansania-Parks« zugesagt wurde.

Afrika ruft (zurück)
Die Vorstellung, »die Tanzanier« würden den Deutschen die Entscheidung über die Kolonialdenkmäler abnehmen, verfehlte ihre Wirkung nicht, insbesondere nicht auf etwaige Bedenkenträger in den Hamburger Behörden. So betonte im August 2003 der Staatsrat der Hamburger Senatskanzlei in einer Podiumsdiskussion, er würde die Aufstellung der Denkmäler nicht befürworten, hätte nicht die tanzanische Seite dies ausdrücklich gewünscht. Es wäre vermessen, die legitimen Vertreter Tanzanias in dieser Frage zu bevormunden. Afrika rief, und alle wollten folgen...
Die legitimen Vertreter Tanzanias verhielten sich letztlich jedoch anders, als es die Initiatoren des »Tansania-Parks« erwartet hatten. Das zeigten die weiteren politischen Entwicklungen. Das mit einer Konzeption betraute Kuratorium, dem Mitglieder des Kulturkreises Jenfeld, des Museums für Völkerkunde, des Eine-Welt-Netzwerkes, der Universität und verschiedener Senatsbehörden sowie der Honorarkonsul von Tanzania angehörten, stellte im Frühjahr 2003 seine Arbeit ein. Drei Mitglieder hatten ihren Austritt erklärt, nachdem Alleingänge des Kulturkreises Jenfeld und unklare Kompetenzen der beteiligten Behörden alle Bemühungen um eine umfassende Konzeption konterkariert hatten. Bereits im September 2002 hatte der Kulturkreis eigenmächtig die »Askari-Reliefs« neben dem »Schutztruppen-Ehrenmal« aufstellen lassen; das Kuratorium konnte lediglich noch die Aufstellung von zwei knappen Informationstafeln sowie die Erstellung einer Broschüre mit historischen Hintergrundinformationen durchsetzen.
Obwohl im Sommer 2003 noch immer kein Konzept für die Denkmalanlage existierte, kündigten Kulturkreis und Senat für den
5. 9. 2003 die Eröffnung einer »Gedenkstätte in der ehemaligen Lettow-Vorbeck-Kaserne (»Tansania-Park«)« an, die im Beisein von Tanzanias Premierminister Frederick T. Sumaye erfolgen sollte. In den Tagen vor der geplanten Eröffnung kam es zu vielfältigen Protesten gegen »die konzeptionell völlig ungenügende Präsentation der im Geiste des Kolonialismus und des Militarismus geschaffenen Nazi-Denkmäler«4, in deren Verlauf an der Kasernenmauer eine Gedenktafel für Mohammed Hussein Bayume enthüllt wurde (ein ehemaliger Askari, den die Nazis 1944 im KZ Sachsenhausen umgebracht hatten). Das große internationale Medienecho trug dazu bei, dass die Einweihung des »Tansania-Parks« in letzter Minute platzte: Tanzanias Staatspräsident Benjamin W. Mkapa hatte seinem Premierminister die Teilnahme untersagt. Die Gestaltung der Anlage, so der Staatspräsident später, sei »zu eng, um den Reichtum der Beziehungen beider Länder zu reflektieren«.

Dekolonisierung der Köpfe
Die Debatte um den »Tansania-Park« enthält alle Elemente, die bereits nach dem Ersten Weltkrieg den Diskurs der Kolonialrevisionisten bestimmten: Verklärung des Kolonialismus zum Zivilisations- und Modernisierungsprojekt, Relativierung kolonialer Gräuel durch Vergleiche mit anderen Kolonialmächten und Legitimation durch unverdächtige »Fürsprecher«.
Es sind in erster Linie nationalistische und militaristische »Ewiggestrige«, welche die Beschönigung des deutschen Kolonialismus betreiben. Politische Verantwortungsträger bevorzugen hingegen, den deutschen Kolonialismus als Marginalie der Geschichte zu betrachten. Bereitwillig werden von ihnen afrikanische Stimmen wiedergegeben, die suggerieren, das alles sei lange vergangen, vergeben und vergessen. Diese Sichtweise gedeiht gerade dort, wo es darum geht, Deutschlands Rolle als »global player« neu zu definieren: die grüne Staatsekretärin Uschi Eid (BMZ) und Helmut Asche (GTZ) forderten jüngst, Deutschland solle sich in Afrika stärker engagieren, denn »niemand auf dem Kontinent (bringt) die Bundesrepublik mit einer langen Kolonialgeschichte oder mit aktuellen Großmacht-Interessen in Verbindung. Deshalb sind es Afrikaner selbst, die nach einem größeren deutschen Engagement rufen.«5
Was Deutschland erspart blieb, ist jedoch nicht der Kolonialismus, sondern der antikoloniale Befreiungskampf, wie England und Frankreich ihn erlebten. Gerade deshalb werden kolonial geprägte Stereotypen über AfrikanerInnen hierzulande bis heute kaum hinterfragt. Dazu gehört die Vorstellung, der Krisenkontinent Afrika werde ohne die ordnende Hand des Europäers nie zur Ruhe kommen. Sie ist heute so gegenwärtig wie vor 120 Jahren, als man sich anschickte, Afrika unter dem Vorwand aufzuteilen, etwas gegen den Sklavenhandel zu tun.6 Der Republik steht ihre mentale Dekolonisierung noch bevor. Die Debatte um den »Tansania-Park«, so zweifelhaft sie bisher gelaufen ist, kann dazu hoffentlich einen Anstoß geben.

Anmerkungen:

1 Askari sind afrikanische Söldner, die in der deutschen Schutztruppe dienten. Sie kamen nicht nur aus Deutsch-Ostafrika, sondern auch aus dem Sudan

2 Vgl. Verena Uka, »Eine Geschichte, derer wir uns nicht zu schämen haben«. Magisterarbeit, Universität Hannover (2003), sowie den Pressespiegel unter http://www.tanzania-network.de

3 Podiumsdiskussion in der Uni Hamburg, 25.5.2002

4 Presseerklärung des Eine-Welt-Netzwerkes Hamburg und der GAL Wandsbek, 2.9.2003

5 Frankfurter Rundschau, 27.09.2003

6 So spricht sich etwa Johannes Mehlitz im Rheinischen Merkur vom 21.8.2003 für eine »Rekolonialisierung Afrikas« aus


Heiko Möhle beschäftigt sich in der Uni Hamburg und im lokalen Eine-Welt-Netzwerk mit kolonialer Erinnerungspolitik. Im Kuratorium zum »Tansania-Park« gewann er tiefe Einblicke in die Abgründe Hamburger Lokalpolitik.





Verklärung in Terrakotta
Die visuelle Botschaft der »Askari-Reliefs«

von Verena Uka

Das Deutsch-Ostafrika-Kriegerdenkmal dient seit 1939 der Traditionspflege der kaiserlichen Schutztruppe. Um zu zeigen, welche vergangenheitspolitische Rolle die inzwischen verharmlosend »Askari-Reliefs« genannten Terrakottareliefs in der öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Deutschen Kolonialismus spielen, lohnt eine Analyse der visuell verschlüsselten Botschaft.
Das erste der beiden Reliefs zeigt überlebensgroß vier afrikanische Träger, die von einem ebenfalls afrikanischen Soldaten mit geschultertem Gewehr angeführt werden. Die mit Tüchern notdürftig gekleideten Träger sind barfuss und tragen Munition auf ihren Köpfen. Sie wirken erschöpft, während sie eng hintereinander marschieren, folgen aber trotzdem dem energisch voranschreitenden Soldaten. Mit einem Blick zurück scheint dieser sich vergewissern zu wollen, ob sie noch da sind. Spiegelbildlich zeigt das zweite Relief vier uniformierte afrikanische Soldaten mit geschultertem Gewehr, die von einem weißen Schutztruppensoldaten angeführt werden. Sie folgen dem Anführer entschlossenen Blickes im Gleichschritt. Dieser hält in seiner Bewegung inne, stützt sein Gewehr auf dem Boden und blickt mit einer auf dem Oberschenkel geballten Faust zurück. Während seine Körperhaltung aufmerksam und energisch wirkt, scheinen ihm die Askari voller Vertrauen zu folgen.
Die bewaffneten, im Gleichschritt marschierenden und schwere Lasten tragenden Figuren vermitteln ein Bild tapferer Wehrhaftigkeit, heroischen Lebensgefühls und kriegerischer Tugend. Im Rahmen der Aufrüstung ab Mitte der 1930er Jahre entsprachen diese Tugenden dem Vorbild, das den deutschen Soldaten vermittelt werden sollte, um die Unbesiegbarkeit des Deutschen Reiches hervorzukehren. Die aus Terrakotta und Klinker geschaffenen Reliefs vermitteln ein Afrikabild, mit dem Wärme, aber auch rote, dunkle und fruchtbare Erde assoziiert wird. Ein Kontinent also, der Raum und Ressourcen für die koloniale Eroberung bereithält. Zudem erscheint der deutsche Anführer mit den afrikanischen Soldaten und Trägern als harmonische Einheit. Diese Darstellung lässt nicht nur die grausamen Gefechte des Ersten Weltkrieges als heroisch und kameradschaftlich erscheinen, sondern symbolisiert eine wohlwollende und harmonische Perspektive auf die Kolonialzeit insgesamt.
Die »Askari-Reliefs« waren das erste realisierte Denkmal, das afrikanische Menschen bildlich darstellt und nicht nur auf Gedenktafeln erwähnt. Vor 1914 – also während der Kolonialzeit – gab es nicht einmal derartige Entwürfe, in den 20er und 30er Jahren – also nach der Kolonialherrschaft – sind sie zunächst nicht umgesetzt worden. Was verbirgt sich hinter diesem Wandel? Bedeutsam ist nicht nur, dass afrikanische Menschen plötzlich dargestellt wurden, sondern vor allem, wie dieses Bild aussah. Hatte die Ideologie des Kolonialismus bisher nur über die Abgrenzung von den als minderwertig und hilfsbedürftig definierten Afrikanern funktioniert, wurde in den Reliefs die Verbundenheit und Nähe zu ihnen herausgestellt. Trotzdem erscheinen sie nicht als selbstbewusste Krieger oder eigenständige Personen, sondern sind auf eine dienende und folgende Rolle reduziert. Nicht Tod und Leiden sind sichtbar, sondern eine romantische Safaristimmung.
Nach dem Verlust der Kolonien durch den Versailler Vertrag ging es weniger um die Ehrung der Afrikaner als Menschen, als vielmehr um die Hervorhebung ihrer angeblichen Treue zu den deutschen Kolonialherren. Ihre angebliche Loyalität legitimierte die Kolonialherrschaft nicht nur als solche, sondern unterstrich die scheinbare Überlegenheit der deutschen Kolonialherren, die im Versailler Vertrag durch den Vorwurf der kolonialen Misswirtschaft und verfehlten »Eingeborenenpolitik« in Abrede gestellt wurde. Der aus dieser Argumentation geborene Askari-Mythos wurde also zum Sinnbild kolonialrevisionistischer Argumentation. Er scheint bis heute zu funktionieren.
Anscheinend sind Treue und Dienst der Askari für das »deutsche Vaterland« positiv darstellbar, weil sie sich in den Kolonien befinden und einer kolonialen Idee dienen, die sie gleichzeitig als dienende Schutzbefohlene definiert. Eine Existenz als gleichwertige Bürger in der deutschen Gesellschaft – etwa als Afro-Deutsche – wird nicht thematisiert. Gerade deswegen stellt sich die Frage, warum ausgerechnet Afrikaner die für das Deutsche Reich so zentralen militaristischen Tugenden verkörpern durften. Ganz einfach: Weil der auf das ferne Deutsch-Ostafrika bezogene Askari-Mythos nicht für Nähe steht, sondern für die Unmenschlichkeit der kolonialen und rassistischen Ideologie, die afrikanische Menschen auf Distanz zur deutschen Gesellschaft hielt und hält. Die Wiederaufstellung der »Askari-Reliefs« zeigt also, wie tief die Spuren der angeblich so unbedeutenden und vergleichsweise humanen deutschen Kolonialzeit bis heute noch sind.


Verena Uka koordiniert die Tagung »Afrika im Kontext: Weltbezüge in Geschichte und Gegenwart« der Vereinigung von Afrikanisten in Deutschland, die im Juni 2004 in Hannover stattfindet.