Volltext

(Artikel * 2002) Andrea Komlosy
Der große Bruch? Immanuael Wallerstein prognostiziert ein postkapitalistisches Zeitalter
in iz3w Nr. 262 * Seite 40 - 43
Themen: Entwicklungstheorie; Geschichte * Weltsystemtheorie; Kapitalismuskritik; Wallerstein, Immanuel; World-Systems Theory * Dok-Nr: 127481
Standorte: A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; VNB Barnstorf; IfaK Göttingen; biz Bremen; EWNT Jena

Debatte

Der große Bruch?
Immanuel Wallerstein prognostiziert ein postkapitalistisches Zeitalter

Immanuel Wallerstein wurde 1930 in New York geboren. Von 1955 bis 1970 forschte er vor allem zur Kolonialgeschichte Afrikas. Seit 1976 ist er Distinguished Professor of Sociology an der State University of New York (SUNY) in Binghamton im Staat New York. Bis heute ist er dort als Direktor des von ihm gegründeten »Fernand Braudel Center for the Study of Economies, Historical Systems, and Civilizations« aktiv.
Als historisch orientierter Wirtschaftssoziologe widmet sich Wallerstein vor allem makroskopisch orientierter Entwicklungstheorie. Seine leitende Forschungsfrage ist, wie es zur Herausbildung der »Ersten«, »Zweiten« und »Dritten Welt« kam und welche Rolle der Kapitalismus seit dem 16 . Jahrhundert dabei spielte. Wallersteins Hauptwerk mit dem Titel »The Modern World System« besteht aus insgesamt vier umfangreichen Bänden (bislang erschienen 1974, 1984, 1988). Darin bezieht sich Wallerstein vor allem auf drei materialistisch orientierte Theoriestränge: den Marxismus, die französischen Historiker der »Annales«-Schule wie z.B. Fernand Braudel und die Dependenztheorien. Letzteres erklärt auch, warum Wallersteins These vom kapitalistischen Weltsystem vor allem in der entwicklungstheoretischen Diskussion der 70er Jahre und 80er Jahre große Aufmerksamkeit erregte. Wallerstein kann aufgrund seiner systematischen Analyse der weltweiten kapitalistischen Arbeitsteilung als Wegbereiter der kritischen Globalisierungsdebatte gelten.
cst.


von Andrea Komlosy

Im Gegensatz zur Weltwirtschaft haben kapitalismuskritische Bücher wie Toni Negris und Michael Hardts »Empire« derzeit Konjunktur. Nun greift auch der Weltsystemtheoretiker Immanuel Wallerstein mit seiner neuen Publikation »Utopistik« in die Debatte über die Überwindung des Kapitalismus ein. Den Hintergrund für Wallersteins These, der bevorstehende Zusammenbruch des kapitalistischen Weltsystems biete große Chancen für emanzipatorische Bestrebungen, bildet nicht zuletzt das Aufkommen der globalisierungskritischen Bewegung.

Vor nunmehr 20 Jahren veröffentlichte Immanuel Wallerstein einen Essay mit dem Titel »Der historische Kapitalismus«. Der Soziologe und Afrikaforscher legte darin die Grundgedanken seiner Herangehensweise offen und beschrieb den Kapitalismus als ein System, das auf globaler Expansion, sozialer und regionaler Polarisierung sowie der zunehmenden Kommodifizierung ? der Verwandlung aller Dinge in Waren ? beruhte. »Der historische Kapitalismus« basierte auf Vorlesungen, die Wallerstein vor Studierenden der Universität Hawaii gehalten hatte. Er wandte sich an ein breites, der sozialen Veränderung verpflichtetes Publikum.
Tatsächlich bot der Text jedoch wenig Anknüpfungsmöglichkeiten für politisches Handeln, da Wallerstein vor allem die Stabilität und Erneuerungsfähigkeit des kapitalistischen Weltsystems in den Vordergrund stellte, das sich immer wieder von zyklisch auftretenden Krisen erholte, indem es stets neue Formen der Ungleichheit hervorbrachte. Auch wurde aufgezeigt, wie die antisystemischen Bewegungen, die gegen Ausbeutung und Entrechtung bestimmter Bevölkerungsklassen und Weltregionen auftraten, in die Machtstrukturen integriert wurden. Dies geschah einerseits durch ihre mehr oder weniger gewaltsame Unterdrückung, andererseits jedoch auch dadurch, dass sie sich selbst zum Ziel gesetzt hatten, Staatsmacht zu erringen. Zwar wies der Buchtitel auf die Endlichkeit des »Historischen Kapitalismus« hin, der als ein System mit einem Anfang, einem zyklisch strukturierten Entwicklungsverlauf und einem Ende dargestellt wurde. Konkrete Hoffnung auf ein absehbares Ende auf Grund der inneren Widersprüche des kapitalistischen Weltsystems ergab sich jedoch keine. Das Buch machte wütend, eine Handhabe zur Veränderung der Welt bot es nicht.
Genau in dieses Vakuum stößt Wallersteins neues Buch über »Utopistik« vor. Es fasst den »Historischen Kapitalismus« sowie die dagegen auftretenden und ihn letztlich stabilisierenden Bewegungen in seinen großen Entwicklungslinien zusammen, setzt den Hauptakzent jedoch auf den Übergang vom kapitalistischen Weltsystem zu einem anderen, in Form und Inhalt noch gänzlich ungewissen historischen System. Wallerstein, dem von Kritikern häufig ökonomischer Determinismus vorgeworfen wurde, eröffnet in »Utopistik« die Chance des sozialen Handelns, die Möglichkeit der Menschheit, ihre Geschicke selbst in die Hand zu nehmen, die gestalterische Kraft des freien Willens. Man ist versucht, diese Wende als Alterserscheinung eines Wissenschaftsaktivisten abzutun, der seine Schülerinnen und Schüler am Ende jahrzehntelanger Forschung nicht ohne Hoffnung zurücklassen möchte. Das kapitalistische Weltsystem sei, so Wallerstein, an einem Wendepunkt angelangt, an dem nicht mehr die Rückkehr zum Gleichgewicht bestimmend sei, sondern das Umkippen in ein unkontrollierbares Chaos bevorstehe. Dieses rufe ob der zu erwartenden Gewaltentladungen und Überlebenskämpfe große Ängste hervor, eröffne gleichzeitig aber auch die Chance auf eine bessere, eine gerechtere Welt.

Im Zugriff des Kapitals
Den Beginn des kapitalistischen Weltsystems setzt Wallerstein bei der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert an. Damals entstand in Zentral- und Nordwesteuropa der Kern jenes kapitalistischen Weltsystems, das zunächst Nordosteuropa und Amerika als Peripherien in seine Weltwirtschaft inkorporierte. In der Folge wurden immer mehr Weltregionen und schließlich die ganze Welt in den kapitalistischen Produktions- und Verwertungsprozess einbezogen. Den Impetus hierzu bildete die stete Suche nach Standorten für Produktion im Weltmaßstab, deren Arbeitskosten unter den bisherigen lagen: Durch die Beschäftigung bezahlter (Billig-)LohnarbeiterInnen erhielt das Kapital auch Zugriff auf die un- und unterbezahlte Arbeit der Haushalte und Familien, die mit dazu beitrug, trotz niedriger Löhne ein Überleben zu ermöglichen. Dazu kamen verschiedene Formen der Zwangsarbeit.
Sobald Subsistenzarbeit, Sklavenarbeit oder Fron direkt oder indirekt dazu beitrugen, Waren für den Weltmarkt herzustellen, stellten sie für Wallerstein konstitutive Bestandteile des kapitalistischen Weltsystems dar. Sie sind keine Relikte aus vorkapitalistischen Zeiten. Kapitalismus basiert vielmehr auf der Kombination unterschiedlicher Produktions- und Arbeitsverhältnisse in immer neuen Erscheinungsformen. Ihre ungleiche räumliche Verteilung brachte Zentren und von diesen abhängige Peripherien hervor, sowohl im kleinräumigen als auch im globalen Maßstab. Eine Legitimierungsfunktion für die Spaltungen der Gesellschaft stellten Geschlecht und Rasse dar; sie waren und sind notwendig, um die für Kapitalverwertung notwendige Differenzierung zu ideologisieren. Kapitalismus geht daher mit Rassismus und Sexismus Hand in Hand. Ein weiteres Konstitutivum des kapitalistischen Weltsystems stellt nach Wallerstein die zyklische Wiederkehr von Auf- und Abschwungphasen dar, die mit technischen und organisatorischen Entwicklungsschüben sowie mit einer Neuordnung der Standorte verbunden sind. An der Ungleichheit und Ungleichzeitigkeit als kapitalistischem Strukturprinzip haben diese Zyklen indes nichts geändert.
Solange Wallerstein die Funktionsweise des kapitalistischen Weltsystems beschreibt, ist sein Zugang in der Tat ein deterministischer: Jeder neue Widerspruch, den das System hervorbringt, wird im Rahmen der zyklischen Erneuerung überwunden, indem er entweder niedergehalten oder produktiv inkorporiert wird. Antisystemisches Handeln erhält seinen Sinn unter diesen Umständen lediglich aus dem Freiraum, den Widerständigkeit den Menschen in der Bewältigung des Alltags eröffnet ? eine letztendlich existenzialistische Begründung, die keine Perspektive der Systemüberwindung eröffnet.

System in der Krise
Eine systemüberwindende Perspektive ergab sich für Wallerstein erst, als er Anzeichen für einen historischen Wendepunkt zu erkennen vermeinte. Diesbezügliche Hinweise tauchten in seinen Schriften bereits im Verlauf der 80er Jahre auf. Die Überzeugung von der Endlichkeit des Systems, die er bis dahin als einen marxistischen Glaubenssatz mit sich herumgetragen hatte, nahm nun konkrete Gestalt an. Wallerstein trug die Indizien für eine mögliche Systemtransformation einerseits aus der empirischen Beobachtung des wirtschaftlichen, politischen und sozialen Geschehens auf der Welt zusammen, andererseits suchte er nach wissenschaftstheoretischen Begründungen.
Die Zuspitzung der Widersprüche auf der empirischen Ebene ortet er im tendenziellen Ansteigen der weltweiten Ausgaben für Löhne, Materialkosten, Umweltschutz und soziale Sicherheit, was die Möglichkeit, Profite zu realisieren, erheblich einschränkt. Die Profitkrise war von der Erschütterung des Glaubens an den Staat begleitet ? und bewirkte gleichzeitig die Abkehr systemfeindlicher Bewegungen von der Erringung der Staatsmacht als politischem Ziel. Mit dem Staat, der seine Legitimität verliert, sieht Wallerstein auch die Grundfesten der Kapitalakkumulation ins Wanken geraten, denn diese beruht schließlich darauf, Gewinne zu privatisieren und Kosten zu sozialisieren.
Wallerstein ist überzeugt, dass diese inneren Widersprüche derzeit an einem Punkt angelangt sind, an dem die Grenzen des Systems erreicht sind und zyklische Erneuerung nicht mehr möglich ist. Nur wenige folgen ihm in seiner Bestimmtheit. Nehmen wir trotzdem an, er hätte Recht. Wir befänden uns dann in einer Endkrise des Kapitalismus, die 20, 30, 40 Jahre dauern kann. Gleichzeitig mit der Systemkrise würden Bestrebungen zu beobachten sein, die Strukturkrise wie bisher durch zyklische Erneuerung zu überwinden ? was regionales Wachstum und branchenspezifische Höhenflüge ebenso bewirken kann wie Bankrott und Zusammenbruch in anderen Regionen. Es wäre also fast unmöglich, die verschiedenen Ereignisse als Ausdrucksformen der einen oder der anderen Krise, als Symptome des Übergangs oder als Ausdruck der Strukturanpassung innerhalb des Systems zu identifizieren.
Wallerstein bietet als analytische Hilfestellung ein überzeugendes Modell an.1 Er operiert mit unterschiedlichen Zeit- und Krisenbegriffen, der »Zeit der Zyklen« und der »Zeit des Übergangs«. Solange er innerhalb des kapitalistischen Weltsystems argumentiert, betrachtet er die zyklische Krise als Quelle der Erneuerung. Sobald jedoch die Endlichkeit des Kapitalismus als historisches System ins Spiel kommt, spricht er von Übergangszeit. Während erstere das menschliche Handeln den Spielregeln und Sachzwängen des Systems unterwirft, eröffnet die Übergangszeit Möglichkeiten, auf die Entwicklungen Einfluss zu nehmen.

Sozialismus im Nirwana?
Tatsächlich greift Wallerstein mit der Differenzierung der Zeiten ein Bild auf, das zeitlos ist. Wir finden es im Lauf der Geschichte bei verschiedensten sozialen Bewegungen und der Art und Weise, wie sie gegenwartsorientiertes und zukunftsorientiertes Handeln miteinander vereinen. Ob in Form des Jüngsten Gerichts, des Nirwanas oder der sozialistischen Revolution ? wir kennen in den großen Religionen und Philosophien Perspektiven des Übergangs, die auf einem anderen Zeithorizont angesiedelt sind als dem des alltäglichen Handelns. Die Heilsvorstellungen des Christentums erscheinen uns heute undatiert; um die vorletzte Jahrtausendwende sahen millenarische Bewegungen allerdings den Moment nahen, an dem sich Gegenwart und Zukunft treffen.
In der Überzeugung, dass das Jüngste Gericht unmittelbar bevorstünde, intensivierten Bettelorden und Büßerbewegungen die missionarische Agitation.
Auch in den sozialistischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts, die viel stärker als das Christentum im konkreten Hier und Jetzt agierten, klafften die Meinungen über den geeigneten Zeitpunkt für die Revolution auseinander: Während die einen die Weltrevolution in eine ferne Zukunft schoben, kämpften andere für die ehestmögliche Verbesserung bzw. Veränderung der sozialen und politischen Zustände an einem bestimmten Ort. Auch die Historiografie begreift die großen Revolutionen der vergangenen zwei Jahrhunderte ? die Französische, die Russische und die Volksdemokratische ? überwiegend als Systembruch. Wallerstein hat indes stets auf ihren systemimmanenten Charakter hingewiesen. Er diskutierte damit auch die Erneuerbarkeit und die zyklische Regenerationsfähigkeit des kapitalistischen Systems.
Nun ortet Wallerstein am Beginn des dritten Jahrtausends selbst eine millenarische Wende. Von den Heilsvorstellungen der Gläubigen und Revolutionäre distanziert er sich dadurch, dass er den Übergang nicht im Sinn von Utopie, sondern von »Utopistik« begreift. »Utopistik« argumentiert im Rahmen eines von Wallerstein adaptierten Marxismus, warum das Kapital diesmal keine ausreichenden Reserven an unbezahlter Arbeit, ländlichen Regionen und Natur vorfindet, um die Profitkrise zu überwinden. Obwohl Wallerstein den bevorstehenden Zusammenbruch des Systems aus dessen inneren Gesetzmäßigkeiten und den unüberwindlichen Widersprüchen ableitet, in die diese geraten, liegt sein Trumpf auf einem anderen Gebiet. Sein Argument für die Endkrise ist nicht der gesetzmäßige Widerspruch, sondern das daraus resultierende Chaos. Dieses verunmögliche die Rückkehr zum Gleichgewicht und strebe unweigerlich einem Moment des Kippens zu. Eine Anleihe aus dem Begründungszusammenhang der Postmoderne, möchte man einwerfen. Tatsächlich stammt die wissenschaftstheoretische Anleihe jedoch aus den Naturwissenschaften. Ilya Prigogine, Nobel-Preisträger für Chemie (1977), hat Wallerstein ein plausibles Erklärungsinstrument geliehen.2 In seinen »Komplexitäts-Studien« identifizierte Prigogine Momente, an denen Bewegungen, die lange Zeit bestimmten Gesetzmäßigkeiten gehorchten, aus dem Gleichgewicht geraten. Wann eine solche Weichenstellung ? Prigogine bezeichnet sie als Verzweigungspunkt ? eintritt, ist ebenso wenig vorhersagbar wie der Verlauf der weiteren Entwicklung.

Aufruf zur Auflehnung
Dieses naturwissenschaftliche Modell auf die spätkapitalistische Weltwirtschaft anzuwenden, betrachtet Wallerstein als wissenschaftstheoretische Voraussetzung, um zyklische Zeit mit systemischer Veränderung in Einklang zu bringen. Der Moment der Weichenstellung, an der ein System aus seinem Gleichgewicht gerät und daher Raum für etwas ganz Neues entsteht, eröffnet besondere historische Chancen. Während normalerweise die systemischen Funktionsmechanismen sozialen Widerstand abprallen lassen, integrieren oder von der Macht fern halten, hat politisches Handeln nun Bedeutung. Da sich die Zukunft an einem solchen Moment offen präsentiere, so Wallerstein, sei Einmischung umso wichtiger, um dem offenen Zustand eine sinnvolle Richtung zu geben.
»Utopistik« endet daher mit einem Aufruf zur Auflehnung, zur Einmischung und zum Entwurf neuer Modelle ? gegen Politikverdrossenheit, Ohnmachtsgefühl und Gleichgültigkeit. Wallersteins Hoffnung ruht auf den sozialen Bewegungen und der kritischen Wissenschaft, die er selbst als antisystemische Kraft betrachtet. Sein Aktionismus knüpft in gewissem Sinn an den existenzialistischen Handlungsimperativ an; er bettet diesen allerdings in sein Zeitmodell ein, das dem Handeln zum gegenwärtigen Zeitpunkt, in einer Phase des Chaos und der Unordnung, mehr Sinn verleiht als vor oder nach der Transformationsperiode.
Ob Wallersteins Prognose eines systemischen Übergangs zutrifft oder nicht, lässt sich freilich selbst mit der Anleihe bei den Naturwissenschaften nicht beweisen. Auch die Einschätzung, dass die prognostizierte Transformation in den nächsten Dezennien stattfinden werde, ist ungewiss. Die Beobachtung des Weltgeschehens vermag zwar Anhaltspunkte dafür zu liefern, wirft aber vor allem Fragen auf: Wird die gegenwärtige Profitkrise tatsächlich eine Dynamik entfalten, die keine Regenerierung in einem nächsten Wachstumszyklus findet? Und wird die Delegitimierung der staatlichen Politik, ohne die Kapitalakkumulation nicht auskommen kann, Machtstrukturen schlussendlich zum Einsturz bringen?
Gegen Wallersteins Zusammenbruchsthese lässt sich die Informalisierung und Flexibilisierung ins Feld führen, die nicht nur in peripheren Regionen, sondern zunehmend auch in den Zentren der Weltwirtschaft, den Global Cities, um sich greift. Ungeregelte und unterbezahlte Beschäftigung bringt Kosteneinsparungen für die Unternehmer. Diese partizipieren dadurch an den Leistungen aus der Haus- und Subsistenzarbeit, die die im informellen Sektor Beschäftigten am Leben erhalten. Informalisierung trägt daher zur Entspannung der Profitkrise bei. Auch die Tendenz, Kosten durch Verlagerung an Standorte mit niedrigerem Lohnniveau zu sparen, ist ungebrochen: Die Staaten des ehemaligen Ostblocks und China fungieren gleichermaßen als verlängerte Werkbänke wie als Zukunftsmärkte. Auch in entwickelten Gesellschaften selbst liegen ungeahnte Potenziale fortschreitender Kommodifizierung, etwa im Bereich der Kommunikation, der Gen- und Biotechnologien oder im Umweltsektor. Es gibt gute Gründe für die Annahme, dass Wachstumsbranchen, neue Märkte und immer wieder neue Formen der Spaltungen auf dem Arbeitsmarkt eine neuerliche Aufschwungphase begründen. Vielleicht ist ein Neustart bereits im Gange?

Wandel durch Chaos?
Wallerstein bestreitet dies im Grunde nicht. Er begründet sein Endzeitszenario ja gerade mit der Fähigkeit des Kapitalismus, Kommodifizierung voranzutreiben und dabei stets neue Ungleichheit zu erzeugen, aus deren Polarität sich die Kapitalakkumulation speist. Gleichzeitig verlagert jeder erfolgreiche Akt eines Unternehmens, eines Staates oder einer Region, dem Druck auf die Profite zu begegnen, das gleiche Problem auf höhere Ebene. Unter der Annahme, dass Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft, der Ressourcen und der Natur absolute Grenzen kenne, muss sich die Regenerationsfähigkeit der Akkumulation jedoch erschöpfen, zumal die Verkleinerung des Profitrahmens die Unternehmens- und die Staatenkonkurrenz größer werden lässt. Aus diesen einander gegenseitig aufschaukelnden Tendenzen erklärt Wallerstein das Chaos, das den Systemwandel einleitet. Neben den Emerging Markets und den Versprechungen der New Economy gibt es immer mehr Regionen und Gruppen der Gesellschaft, die so ausgepresst sind, dass Regeneration und Reintegration nicht mehr möglich scheinen. Sie stellen gleichzeitig das gesellschaftliche Potenzial dar, das jeden Glauben an die politische Lösungskompetenz von Staaten und Regierungen verloren hat. Somit stellt sich die Frage nach einer möglichen Re-Legitimierung staatlicher Politik.
Für Wallersteins Hypothese von der Erosion staatlicher Politik und dem Desinteresse antisystemischer Bewegungen an der Staatsmacht gibt es unzählige Beispiele. In den westlichen Demokratien sinkt das Interesse an Wahlen, in den Staaten des ehemaligen Ostblocks will es nicht aufkommen. Stattdessen nehmen so genannte zivilgesellschaftliche Strukturen an Bedeutung zu. Allerorts wird zur Selbsthilfe gegriffen, ob in der sozialen Versorgung, der persönlichen Sicherheit oder der Justiz. Dabei klaffen sowohl das materielle Niveau der gesellschaftlichen Selbstorganisation als auch die politische Kultur der sozialen Bewegungen weit auseinander. Sie reichen von der Bürgerinitiative westlichen Typs bis hin zu ethnischen und religiösen Bewegungen, was den Dialog sowie Allianzen zwischen den verschiedenen antisystemischen Kräften erschwert.
Umgekehrt sind auf allen erdenklichen Ebenen Gegenbewegungen gegen den Bedeutungsverlust des Staates zu beobachten. Das Vakuum, das durch den Kompetenzverlust der Nationalstaaten entsteht, wird durch Regionalblöcke mit suprastaatlichem Charakter aufgefüllt. Dies ist sowohl in Europa, in Amerika als auch im ostasiatischen Raum zu beobachten. Die Regulierung der Weltwirtschaft ist in zunehmendem Maß von der zwischenstaatlichen Ebene an globale Finanzorganisationen (IWF, WTO ...) übertragen worden, die durch die Bindung des Stimmrechts an die Kapitalkraft Gewähr leisten, dass nicht Konzerne, sondern Staaten in die Pflicht genommen werden. Diese Organisationen agieren wie ein Weltstaat. Sowohl im nationalen als auch im globalen Rahmen findet eine Verstaatlichung der zivilgesellschaftlichen Organisationen statt. Im Zuge ihrer Integration in die Verwaltung verlieren sie ihren Charakter als Opposition und übernehmen Aufgaben, die früher dem Staat oblagen. Schließlich erleben auch innerhalb der Nationalstaaten autoritäre Parteien Zulauf, die gegenüber der globalen Konkurrenz den nationalen Sicherheitsstaat forcieren.

Hilfloser Krieg gegen Terror
Je nach geopolitischer Kapazität ist die nationale Stärkung auch mit der Durchsetzung »vitaler Interessen« außerhalb der Staatsgrenzen verbunden. Diese Tendenz erhielt seit dem Anschlag auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 enormen Aufschwung, sowohl in den USA als auch bei ihren Verbündeten. Unter dem Vorwand des »Kampfes gegen den Terrorismus« rückte die autoritäre Stärkung des Staates vom gesellschaftlichen Rand in die Mitte. Sie muss nicht mehr gegen Wirtschaft, Zivilgesellschaft, suprastaatliche Einrichtungen und internationale Organisationen durchgesetzt werden, sondern schmiedet alle diese zu einer autoritären Allianz zusammen, die die Privilegien der westlichen Welt im Namen von Zivilisation und Menschenrechten verteidigt.
Die konzertierte Allianz zur Rettung der Politik ist Ausdruck eines verzweifelten Aufbäumens der Machtträger des kapitalistischen Weltsystems. Die staatsstärkende Aktion offenbart zudem, dass die antistaatliche Rhetorik liberaler und konservativer Kräfte lediglich auf den Staat in seiner umverteilenden und wohlfahrtspflegenden Ausrichtung zielt, nicht jedoch auf seine ordnungs- und sicherheitspolitischen Kernfunktionen. Obwohl Aufrüstung, Krieg und Terrorbekämpfung auf die Stärkung der Staatsfunktionen setzen, könnte diese Entwicklung auch als Bestätigung für Wallersteins Hypothese vom Zusammenbruch der Regulierung gelesen werden. Denn Legitimität wird dem totalen Staat nicht beschieden sein: Er stößt an innere Widerstände in den westlich-pluralen Gesellschaften. Dies vergrößert die weltweite Widerstandsbereitschaft. Letztendlich kann er die Sicherheit, die er Bürgern und Investoren verspricht, angesichts der Komplexität und Verletzbarkeit des globalen Kapitalismus nicht gewährleisten. Jeder Erfolg im »Kampf gegen den Terror« kann sich als Pyrrhussieg erweisen. Freilich erlaubt die Anhäufung militärischer Macht in den Händen der starken Staaten massive Schläge und Interventionen. Die Auseinandersetzungen zwischen systemerhaltenden und systemfeindlichen Kräften könnten kriegerisch eskalieren. Tatsächlich hat der Krieg bereits begonnen.
Wallerstein möchte mit seiner Schrift die antisystemischen Kräfte auf eine Zeit der Auseinandersetzung vorbereiten. Direkte praktische und organisatorische Hinweise, taktische und strategische Hilfestellungen finden sich bei ihm jedoch nicht. Indem Wallerstein die Bedrohungen, die mit der Krise des Kapitalismus verbunden sind, als Chancen beschreibt, will er dazu beitragen, Ängste vor Veränderung zu überwinden. Gleichzeitig begreift er die analytische Kapazität der Sozialwissenschaften als Hilfsmittel, aus dem Chaos des Übergangs einen Weg in Richtung Frieden und soziale Gerechtigkeit zu zeigen.

Anmerkungen:

1 Immanuel Wallerstein: Die Erfindung der ZeitRaum-Realitäten: Zum Verständnis unseres historischen Systems, in: ders., Die Sozialwissenschaften »kaputtdenken«. Die Grenzen der Paradigmen des 19. Jahrhunderts. Weinheim 1995, S. 164-180

2 Ilya Prigogine: Vom Sein zum Werden. Zeit und Komplexität in den Naturwissenschaften. 6. Aufl. München 1992; ders. u. Isabelle Stengers: Dialog mit der Natur. Neue Wege naturwissenschaftlichen Denkens. 7. Aufl. München 1993.


Andrea Komlosy ist Wirtschafts- und Sozialhistorikerin an der Uni Wien. Der Text beruht auf dem Nachwort zur deutschsprachigen Ausgabe von I. Wallersteins »Utopistik«, die jüngst im Promedia Verlag erschienen ist (128 Seiten, Euro 9,90).


Literatur:

? I. Wallerstein: Der historische Kapitalismus. Berlin 1984 (engl. 1983)

? I. Wallerstein: Das moderne Weltsystem. Die Anfänge der kapitalistischen Landwirtschaft und die europäische Weltökonomie im 16. Jahrhundert. Frankfurt/Main 1986 (engl. 1974); ders., Das moderne Weltsystem II ? Der Merkantilismus. Wien 1998 (engl. 1980)

? I. Wallerstein: Utopistik. Historische Alternativen des 21. Jahrhunderts. Wien 2002 (engl. 1998)