Volltext

(Artikel * 2000)
Ich bin Afrikanerin Interview mit der ghanischen Schriftstellerin Amma Darko
en iz3w Nr. 246 * Pagina 37 - 37
Temas: mujeres; literatura * Ghana * Sprache * Dok-Nr: 91279
Standorte: BUKO Hamburg; DWL Erlangen; A3W Osnabrück; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; VNB Barnstorf; IFAK Göttingen; Kemnik Konstanz; AWH Hagen; biz Bremen

Jenseits von Afrika

»Ich bin Afrikanerin«
»Interview mit der ghanaischen Schriftstellerin Amma Darko

Frau Darko, im September diesen Jahres wird Ihr viertes Buch ?Verirrtes Herz? in Deutschland erscheinen. Sie leben und schreiben in Accra, Ghana, doch Ihre Bücher werden zunächst in Großbritannien verlegt, in andere europäische Sprachen übersetzt und finden manchmal auch den Weg (zurück) nach Ghana. Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem europäischen Markt und seinen Verlagen?
Amma Darko: So lange ghanaische oder afrikanische Verlage nicht über die Mittel verfügen, die Publikation afrikanischer Bücher/ Werke zu riskieren, solange werden afrikanische SchriftstellerInnen vom außer-afrikanischen Literaturbetrieb abhängig sein. Ich schreibe über Themen, die ich in meiner Gesellschaft für wichtig halte und mit denen ich ein gewisses Ziel verfolge. Verlage verfolgen ein anderes Ziel: Sie wollen in erster Linie Geld verdienen und suchen natürlich Material, das sich gut verkaufen lässt. Es wäre unrealistisch zu erwarten, dass AutorInnen und Verlage die gleiche Einschätzung haben, wie und worüber geschrieben werden sollte. Und natürlich, ich bin auf die Verlage angewiesen. Als afrikanische Schriftstellerin hier zu schreiben und dort veröffentlicht zu werden, bedeutet, dass in Bezug auf Themenauswahl und Formulierungen immer wieder Probleme auftauchen.

Können Sie dafür Beispiele geben?
In meinem Buch Spinnweben zum Beispiel, gab es mit dem britischen Verleger viele Unstimmigkeiten. Er wollte so viele Änderungen! Mit dem deutschen Verlag verlief die Diskussion aus nahe liegenden Gründen viel einfacher: In Ghana waren die Briten Kolonialherren. Wenn du also gegen die Kolonialzeit und die Kolonisatoren schreibst, sie im Schreiben lächerlich machst oder beschimpfst, dann kritisierst Du die Engländer, nicht die Deutschen. Daher waren bestimmte Stellen für den deutschen Verlag o.k., die für den britischen Verlag ein Problem waren. Klar, niemand sagt dir direkt, du darfst dies oder das nicht so schreiben. Es geht viel eher um die vielen Kleinigkeiten, die ein oder andere Formulierung, die ein bisschen anders klingen soll. Das Ganze läuft eher subtil ab. Als Autorin musst du dann entscheiden, wie weit du mitmachst, denn im Grunde wird verlangt, bestimmte Dinge einfach zurückzunehmen. Vielleicht ist es dann besser, zu warten und zu hoffen, dass die Zeit kommt, in der die Dinge so akzeptiert werden können, wie sie sind.

Sie schreiben in Englisch ? würden Sie nicht lieber in Ihrer Muttersprache schreiben?
Wenn mir diese Frage gestellt wird, frage ich mich immer, welche (Mutter-)Sprache? Es gibt in Ghana so viele Sprachen, ich wüsste gar nicht, welche ich wählen sollte. Um zu schreiben, braucht man einen gewissen Grad an Bildung. Und in Ghana verläuft schon die Grundbildung auf Englisch. Wir wachsen also damit auf, über ghanaische oder afrikanische Themen auf Englisch nachzudenken, zu sprechen, zu schreiben. Welchen geistigen und psychologischen Einfluss das auf uns hat, können andere vielleicht besser als ich analysieren. Ich weiß nur, dass ich mit Englisch ebenso aufgewachsen bin wie mit meinen afrikanischen Sprachen. Und ich schreibe am besten in Englisch. Eines Tages würde ich gerne etwas kleineres, vielleicht eine Novelle, in einer lokalen Sprache veröffentlichen. Doch die müsste ich wahrscheinlich erst auf Englisch schreiben und dann übersetzen ? in irgendeine ghanaische Sprache. Und wer soll das verlegen?

Sie werden mit vielen Stereotypen über Afrika und afrikanische Menschen konfrontiert. Ist es Ihnen ein Anliegen, diese verzerrten Bilder zurechtzurücken?
Früher war ich diesbezüglich regelrecht leidenschaftlich, inzwischen habe ich jedoch keine Lust mehr, in eine solch defensive Rolle gedrängt zu werden. Die Mehrheit der Leute hat keine Ahnung von Afrika ? ihr Bild ist hauptsächlich über das Fernsehen geprägt. Was für ein Bild soll ich da noch zurechtrücken? Wir leben nicht auf Bäumen ? wenn bestimmte Leute das immer noch glauben, ist denen auch nicht mehr zu helfen. Es ist reine Energie- und Zeitverschwendung, ständig zu beweisen versuchen, dass wir nicht primitiv sind. Das kann nicht mein Ziel sein, es gibt wirklich wichtigere Dinge zu tun.

Bis heute werden auf Afrika und seine Bevölkerung von außen bestimmte Bilder projiziert. Kultur und Identität der Menschen werden zu einer afrikanischen homogenisiert. Glauben Sie, dass es so etwas wie eine afrikanische Identität gibt?
Kultur ist für mich eine Form der Identität. Und wenn man unter Kultur die Lebensweise und Überzeugungen ? Kunst, Musik und Gebräuche ? einer Gruppe von Menschen versteht, dann gibt es so etwas wie eine afrikanische Identität. Ob es auch eine ghanaische Identität gibt? Ja, vielleicht, denn afrikanische Kultur ist für mich ein großes Bündel, geformt und geprägt durch die verschiedenen Länder dieses Kontinents, die ihre jeweiligen Kulturen zusammenbringen. Es gibt viel Gemeinsames, aber natürlich, wenn man sich die einzelnen Lebensweisen anschaut, hat jede für sich genommen ihre Besonderheiten. Und alle Besonderheiten tragen zu dem großen Rahmen der afrikanischen Identität bei ? sie können sich vielleicht mehr ergänzen, als dass sie sich widersprechen. Wenn sich afrikanische Menschen in einem nicht-afrikanischen Land treffen, fühlen sie sich sofort, fast automatisch, zusammengehörig. Ich glaube, dass wir als AfrikanerInnen bestimmte Gemeinsamkeiten haben.

Kann das vielleicht auch mit der Art der Wahrnehmung von außen zusammenhängen? In Deutschland wird Sie ja kaum jemand als Ghanaerin erkennen ? hier werden Schwarze eben alle als Afrikaner wahrgenommen.
Ich habe keine Lust mehr, ständig nur als Produkt einer Fremdzuschreibung gesehen zu werden. Wir sind so wie wir sind, nicht weil wir von außen so gesehen werden, sondern weil wir so sind. Wie gesagt, diese defensive Position, in der ich mich einerseits ununterbrochen von Fremdbildern abgrenzen und andererseits erklären muss, wie wir denn eigentlich sind, möchte ich mir nicht zuschieben lassen. Warum soll es ein Problem sein, im internationalen Rahmen als Afrikanerin wahrgenommen zu werden? Ich bin Ghanaerin und Afrikanerin und im Grunde sehe ich keinen Sinn darin, sich dauernd an dieser Frage aufzuhalten. Politisch und ökonomisch gesehen ist Afrika selbst als Kontinent verglichen mit anderen Ländern schwach ? um einer starken Einheit willen sollten wir uns also nicht dagegen wehren, Afrikaner zu sein.

Amma Darko wird von September bis Oktober auf einer Lesereise in Deutschland sein und ihr neues Buch vorstellen. Verirrtes Herz erscheint im Schmetterling Verlag.
Das Gespräch führte und übersetzte Tina Goethe (iz3w).