Volltext

(Artikel * 1998) Fiala, Christian
die Statistik - Seuche Zweifelhafte Diagnosen und Zahlenspiele zeichnen eine AIDS- Katastrophe in Afrika
in Blätter des iz3w Nr. 231 * Seite 8 - 10
Themen: Gesundheit; Katastrophe * Afrika * Dok-Nr: 77246
Standorte: A3W Osnabrück; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; VNB Barnstorf; 3WF Hannover; IfaK Göttingen; AWH Hagen; biz Bremen; EWNT Jena

Aids in Afrika

Die Statistik-Seuche
Zweifelhafte Diagnosen und Zahlenspiele zeichnen eine AIDS-Katastrophe in Afrika

von Christian Fiala


Bei der 12. Welt-AIDS-Konferenz in Genf wurde wieder einmal festgestellt, daß die Epidemie im Süden Afrikas »völlig außer Kontrolle« geraten sei. Die Statistiken über AIDS in Afrika zeichnen ein bedrohliches Bild, nachdem die Krankheit in vielen Staaten des Kontinents inzwischen zur häufigsten Todesursache geworden ist. Doch das Beispiel Uganda zeigt, daß die Hochrechnungen meist auf Vermutungen und Spekulationen basieren.

Bis zu seiner Unabhängigkeit im Jahr 1962 galt Uganda als Musterbeispiel britischer Verwaltung, und für Winston Churchill war das Land am Anfang des Jahrhunderts schlichtweg »die Perle Afrikas«. Auch das Gesundheitswesen war für damalige Verhältnisse beispielgebend. Doch der Export westlicher Medizin durch Kolonisatoren und später Entwicklungshelfer hat zwar zunächst zur Eindämmung von vielen Infektionskrankheiten, dann aber auch zur Verbreitung anderer geführt. Bereits im Jahr 1958 wurde ein organisiertes Blutspendewesen eingeführt. Innerhalb kurzer Zeit hatte sich dies im ugandischen Gesundheitswesen fest etabliert, nicht zuletzt, weil in dieser Region Infektionskrankheiten weit verbreitet sind, was eine chronische Blutarmut in weiten Teilen der Bevölkerung zur Folge hat. Die Organisation der Blutbank war für damalige Verhältnisse vorbildlich. Die verwendeten Flaschen wurden sterilisiert und die Nadeln bei Bedarf immer wieder geschliffen. So organisierte alleine die Blutbank in der Hauptstadt Kampala Anfang der 70er Jahre für die Krankenhäuser der damals etwa 350.000 Einwohner um die 14.000 Blutspenden jährlich. Der Großteil davon kam entweder von Verwandten der Patienten oder von bezahlten Blutspendern. In den meisten Fällen wurde das Blut nicht auf mögliche Infektionserreger untersucht, und HIV-Tests gibt es erst seit Anfang der 90er Jahre. Auch die Einführung von Spritzen, entweder für eine Therapie oder als Impfung, bedeutete besonders bei der Behandlung und Vorbeugung der weit verbreiteten Infektionskrankheiten zunächst einen wesentlichen Fortschritt. Zu den häufigsten Krankheiten zählen Durchfall, Lungenkrankheiten sowie sexuell übertragbare Infektionen wie Syphilis und Gonorrhoe. Die Tatsache, daß nicht sterilisierte Spritzen Krankheitserreger übertragen können, wurde damals allerdings wenig berücksichtigt. Genaue Untersuchungen über die Art und Weise, wie Spritzen sterilisiert wurden, liegen nicht vor. Lediglich aus Anekdoten ist bekannt, daß teilweise hunderte von Menschen mit der gleichen Nadel geimpft wurden. Derzeit werden »jedes Jahr weltweit über 12 Milliarden Injektionen« verabreicht, wie die WHO in einer Publikation festhält, »mindestens ein Drittel davon wird ohne ausreichende Sterilisation gegeben, womit möglicherweise Krankheiten übertragen werden.« Besonders in Afrika ist die Situation besorgniserregend, weil dort laut WTO mehr als 80 % der Einmalspritzen mehrfach verwendet werden. In Tansania wurde in einer neueren Untersuchung bei 12 Prozent der Spritzen, welche zur Verwendung hergerichtet waren, noch Blutreste des vorherigen Patienten gefunden.
Damit wird deutlich, daß die westliche Medizin nicht nur ein Fortschritt in der Gesundheitsversorgung ist, sondern andererseits auch ideale Bedingungen für die Ausbreitung von Infektionserregern bietet, wenn sie nicht richtig angewendet wird. Das ist seit langem bekannt, es gibt jedoch große Widerstände, über diese Auswirkungen zu reden, ist doch die Medizin der Exportschlager der westlichen Kultur. Konsequenterweise wird die Rolle von Injektionen und Bluttransfusionen bei der Ausbreitung von HIV und anderen Infektionserregern regelmäßig heruntergespielt.

Aids ist nicht gleich Aids
Die Weltgesundheitsorganisation publizierte 1986 eine Definition der Krankheit Aids für Entwicklungsländer, welche sich wesentlich von der Definition in Europa unterscheidet.1 Darin wird als Aids-krank erklärt, wer zum Beispiel länger als einen Monat Durchfall, starke Gewichtsabnahme und zum Beispiel generalisierten Juckreiz oder Husten hat. Ein HIV-Test ist nach dieser Definition ausdrücklich nicht notwendig und wird auch heute noch aus Geldmangel nur selten durchgeführt. Das heißt, die Krankheit Aids, die nach den Worten von Professor Luc Montagnier, dem Entdecker des HIV, »keine typischen Symptome hat«, wird in den Entwicklungsländern ausschließlich aufgrund vollkommen unspezifischer Symptome diagnostiziert.2
Die indizierenden Symptome sind nicht gerade selten in einem Land, das zwanzig Jahre systematischer Zerstörung hinter sich hat und in dem die durchschnittliche Lebenserwartung wegen der vielen Infektionskrankheiten und der schlechten hygienischen Verhältnisse bei ungefähr 50 Jahren liegt. Und so kann es nicht wirklich verwundern, daß Uganda in den Jahren nach 1986 einen starken Anstieg an »Aids-Fällen« hatte. So waren beispielsweise die Hälfte der Betten auf der Inneren Station in der Makerere Universitätsklinik in Kampala mit Aids-Patienten belegt. Das heißt: Diese Patienten hatten Fieber, Durchfall oder Gewichtsverlust sowie eines der in der Liste aufgeführten Nebenkriterien und wurden, entsprechend der WHO-Definition, ohne HIV-Test als Aids-Patienten deklariert.
Dazu kommt, daß viele Länder Afrikas die ursprüngliche WHO-Definition weiter abänderten. So kann Tuberkulose in Uganda ganz offiziell zu einer Aids-Diagnose führen. Im Nachbarland Tansania wurden die Kriterien für eine Aids-Diagnose zunächst enger gefaßt. Es waren zwei Haupt- und zwei Nebenkriterien notwendig. Doch das tansanianische Gesundheitsministerium schreibt in seinem Bericht vom August 1990: »Von den 1.987 neu gemeldeten Fällen haben lediglich 667 (33,6%) die erwähnten Kriterien erfüllt. [...] Obwohl 1320 Fälle (66,4%) genaugenommen keine Aids-Fälle sind, haben wir sie dennoch als solche gezählt, da wir davon ausgegangen sind, daß diejenigen, die sie gemeldet haben, einfach einen Fehler beim Ausfüllen der Formulare gemacht haben.«3 Beide Länder begründen ihr unterschiedliches Vorgehen damit, daß die WHO-Definition zu ungenau sei und an die nationalen Bedingungen angepaßt werden müßte. Es wird also angenommen, eine Infektionskrankheit würde diesseits oder jenseits der politischen Grenze unterschiedliche Symptome hervorrufen.
Diese Aussagen über das »klassische« AIDS-Land Uganda treffen auch auf viele andere Länder Afrikas zu, in denen die Lebensbedingungen ähnlich sind. Paradoxerweise haben daher auch Länder mit wenig HIV-Infektionen viele »Aids-Fälle«, bedingt durch die Ungenauigkeit der Aids-Definition. So schreibt Dr. Chin, der ehemalige Leiter der Abteilung zur Erfassung der Ausbreitung von Aids bei der WHO: »Es soll betont werden, daß die (surveillance) Definitionen von Aids nicht als verläßliche Zeichen einer HIV-Infektion gedacht sind. In Gegenden, wo es wenig HIV-Infektionen gibt, werden mit der WHO-Definition deshalb in erster Linie Patienten mit Tuberkulose, schwerer Mangelernährung oder Durchfall erfaßt.«

Wer bietet mehr?
Alle gemeldeten Aids-Fälle werden von der WHO in Genf erfaßt und mit einem Faktor multipliziert, der - und das fällt auf - jedes Jahr höher wird. 1996 lag er noch bei 12, 1997 bereits bei 17. Der WHO wurden in den letzten eineinhalb Jahren 116.000 neue Aids-Fälle aus Afrika gemeldet. Im gleichen Zeitraum hat sie ihre Statistik der geschätzten Fälle jedoch um ganze 4,5 Millionen erhöht - Multiplikationsfaktor 38! Aus Uganda wurden bisher insgesamt 51.779 Aids-Fälle gemeldet. In ihrem letzten Bericht schätzt die WHO die Zahl der Aids-Fälle aus diesem Land jedoch auf 1,9 Millionen, das sind 10 Prozent der Bevölkerung. Damit addiert die WHO für jeden einzelnen gemeldeten Aids-Patienten jeweils 37 geschätzte Fälle zur Statistik dazu. Geht man von der Zahl derjenigen Fälle aus, die aufgrund der ausgeführten Definitionen gemeldet werden, so ergibt sich lediglich eine einzige Aussage: die meisten Menschen in Afrika sterben an Symptomen, die durch bekannte und behandelbare Infektionskrankheiten, wie Malaria, Lungenentzündung oder Durchfall als Folge der schlechten hygienischen Bedingungen entstehen. Hinzu kommt, daß die Statistiken meist alle Fälle seit Beginn der 80er Jahre aufaddieren, also kumuliert darstellen. Diese Art der Darstellung ist absolut ungewöhnlich in der Medizin, da sie unbrauchbare Resultate liefert. Sie muß zwangsweise ansteigen, auch wenn jedes Jahr nur noch wenige neue Fälle hinzukommen. So schreibt das Deutsche Ärzteblatt unter der Überschrift »Kumulative Verwirrung« bereits 1989: »Kein Mensch denkt daran, die Erkrankungszahlen an Mumps, Tuberkulose oder Scharlach aufzuaddieren von dem Tage an, an dem das Seuchengesetz erlassen wurde.« Folgerichtig sei der einzige Sinn einer solchen Darstellungsform: »Große Zahlen bringen großes öffentliches Geld.«
In seltener Offenheit bringt dieser Artikel im Deutschen Ärzteblatt auf den Punkt, worum es in der Gesundheitspolitik geht: Wer am lautesten schreit, und wer die Bevölkerung in Angst versetzt, bekommt die größte Unterstützung. In dieser Hinsicht waren die Institutionen, welche sich gegen Aids engagieren, in den letzten 15 Jahren absolut erfolgreich. Die absurden Aids-Definitionen und Zahlenmanipulationenen haben vielerorten dazu geführt, daß ein großer Teil der Budgets in Maßnahmen zur Veränderung des Sexualverhaltens investiert wird und damit für die medizinische Versorgung nicht mehr zur Verfügung steht. Die WHO »glaubt«, daß das HIV in Afrika im wesentlichen sexuell übertragen wird. Diese Aussage ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Erstens ist nach mehr als 15 Jahren eindeutig, daß es in Europa keine Epidemie unter der heterosexuellen Bevölkerung gibt. Warum also in Afrika? Zweitens wird häufig das angeblich besondere Sexualverhalten von Afrikanern angeführt. Dabei werden in den USA die Sexualpartner am häufigsten gewechselt, gefolgt von Frankreich, Australien und Deutschland. Südafrika liegt hingegen, ebenso wie Thailand abgeschlagen im hinteren Mittelfeld.4 Im Widerspruch zu wissenschaftlichen Daten werden deshalb Anekdoten generalisiert, um in Fortführung der langen christlichen Tradition über das angeblich so ausschweifende Sexualleben der Afrikaner zu phantasieren. (siehe auch »Wer hat Angst vor?m schwarzen Mann?« in iz3w Nr. 200)
AIDS wird zum wichtigsten Gesellschafts- und Gesundheitsproblem stilisiert. Dabei ist nach wie vor Malaria die häufigste Krankheit in Afrika, obwohl sie Anfang dieses Jahrhunderts in Europa und in manchen tropischen Gegenden erfolgreich besiegt worden ist. Die Malariaprogramme in Entwicklungsländern führen ein stiefmütterliches Dasein, das Geld geht an die Aids-Organisationen. Selbst das Engagement für sauberes Trinkwasser (in Uganda haben nur 30% der Bevölkerung Zugang dazu), elementare Grundlage für jedes erfolgreiche Gesundheitssystem, mobilisiert in Europa kaum jemanden. Von denselben Menschen, die kein Geld für sauberes Trinkwasser haben, wird erwartet, sich für jeden Verkehr ein Kondom zu kaufen ? eine AIDS-Politik, die zynischer kaum sein kann.


Anzahl der »Aids-Fälle« in Afrika laut WHO-Berechnung

WHO-Bericht von gemeldete Fälle geschätzte Fälle Multiplikationsfaktor
(kumuliert) * (in Mio) (kumuliert) * (in Mio)

Juli 1994 0,33 2,68 8
Januar 1995 0,35 3,15 9
Juli 1996 0,5 5,93 12
November 1997 0,62 10,4 17


* alle Aids-Fälle seit Ende der 70-er Jahre, einschließlich der bereits verstorbenen Menschen


Anmerkungen:

1 WHO Global programme on AIDS; Provisional WHO clinical case definition for AIDS, Wkly Epidemiol Rec, 1986; March 7; no 10: 72-3

2 Luc Montagnier; Von Viren und Menschen, Rowohlt, 1997

3 Ministry of Health, National Aids Control Programme, Aids Surveillance, Report No 3, August 1990, Dar es Salaam, Tanzania

4 Durex, Global Sex Survey, London, 1997, http://www.durex.com


Christian Fiala hat als Arzt u.a. in Thailand, Frankreich und Guadeloupe gearbeitet. Er ist Autor des Buches »Lieben wir gefährlich?«, das im Verlag Deuticke in Wien erschienen ist.


Aids-Waisen
Besonders abenteuerlich ist der Umgang mit Statistiken und Zahlen über Aids-Waisenkinder. »Ungefähr 830.000 Kinder leben mit HIV/Aids. Aber die Auswirkungen der HIV-Epidemie sind viel schwerwiegender, als die bereits große Zahl an infizierten Kindern vermuten läßt«, beschreibt die WHO die Situation mit dramatischen Worten in ihrer Pressemitteilung vom 28. November 1996 und fährt fort: »Das Waisen-Projekt in New York schätzt in einer Studie, daß in sieben Ländern insgesamt mehr als eine Million Kinder unter 14 Jahren durch Aids zu Waisen geworden sind. 95 Prozent dieser einen Million Kinder leben in Kenia, Ruanda, Uganda und Sambia. [...] Wenn wir von der vorsichtigen Schätzung ausgehen, daß die Zahl der bereits verwaisten Kinder in Uganda etwa 10 Prozent der HIV-Infizierten Mütter entspricht, so bedeutet dies, daß alleine in diesem Land mehr als drei Millionen Kinder von den Auswirkungen der Epidemie betroffen sind.«
In Uganda gibt es derzeit ungefähr acht Millionen Kinder unter fünfzehn Jahren. Dieses unfaßbare Verhältnis ? drei von acht Kindern wären demzufolge HIV-positiv ? relativiert ein anderer WHO-Bericht zu dem gleichen Thema: »Pflege und Unterstützung von Kindern HIV-infizierter Eltern« lautet der unscheinbare Titel. Auf Seite zwei steht zunächst folgender Hinweis: »Der Inhalt dieses restricted Dokuments darf ausschließlich denjenigen Personen zugänglich gemacht werden, an die es ursprünglich adressiert wurde. Es darf in keiner Weise weiter verteilt oder vervielfältigt werden und sollte in keiner Literaturliste aufgeführt oder erwähnt werden.« Es werden dann einige Fakten zu Aids-Waisen aufgeführt, die man eigentlich in den Pressemitteilungen der WHO erwartet hätte. »Es herrscht Verwirrung darüber, was mit dem Begriff Waisenkind gemeint ist. (...) Studien der WHO und anderer Organisationen, in denen die Zahl geschätzt wurde, haben verschiedene Definitionen angewendet.« Und im weiteren Verlauf werden einige davon weiter erklärt: »Die UNICEF definiert ein Kind dann als Waisenkind, wenn seine Mutter verstorben ist. Für die WHO ist jedes Kind ein Waisenkind, das beide Eltern oder nur die Mutter verloren hat. (...) In der Uganda Studie wurden, entsprechend der maßgebenden ugandischen Waisendefinition, alle diejenigen Kinder als Waisen gezählt, die einen oder beide Elternteile verloren haben.« Verloren heißt hier jedoch nicht verstorben, sondern abwesend, weshalb die WHO auch eine weitreichende Einschränkung macht: »Einer der verwirrenden Aspekte ist das Ausmaß, in dem die Abwesenheit eines Elternteils in machen Gesellschaften den Normalfall darstellt.« Schließlich weisen die Autoren auch auf die zwanzig Jahre Terrorherrschaft, Krieg und Bürgerkrieg von 1966 bis 1986 hin, während derer etwa eine Million Menschen getötet wurden ? für die WHO sind selbst diese Kinder »AIDS-Waisen«.