Kontroversen
Global denken... lokal handeln?
Die Chancen der Nord-Süd-Gruppen im Agenda 21-Prozeß
Gemäß der Vorgaben des Abschlußdokumentes des UN-Umweltgipfels von Rio, der Agenda 21, sollen auch die Kommunen einen Beitrag zur Nachhaltigen Entwicklung und zum globalen Umweltschutz leisten.
Seit einiger Zeit setzen sich nun in zahlreichen Städten und Kommunen neben Umwelt- auch viele Dritte-Welt-Gruppen für die Etablierung von
Lokale-Agenda-21-Prozessen ein.
In unserer neuen Rubrik »Kontroverse« diskutieren wir die Chancen der
Nord-Süd-Gruppen im Agenda-21-
Prozeß.
die redaktion
von Christoph Albuschkat
Welchen Beitrag können Weltläden oder andere Gruppen, die sich für die Belange der Länder des Südens einsetzen, im Prozeß der Agenda 21 leisten? Schaut man sich den bisherigen Verlauf der Agenda-Prozesse in deutschen Kommunen an, so fallen zwei Dinge ins Auge: Erstens haben sich bisher erst etwa 200 Kommunen auf den Weg gemacht, eine Lokale Agenda 21 (LA 21) für ihren Handlungsbereich zu erarbeiten ? entgegen der Vorgaben des UN-Umweltgipfels von Rio, daß bis Ende 1996 alle Kommunen diesbezüglich aktiv werden sollten. Zweitens fällt auf, daß in den meisten LA 21-Prozessen die Diskussionen vor allem auf Umweltthemen konzentriert sind. Das ist schon allein daran abzulesen, daß die Koordination der Agenda-Aktivitäten häufig in den Umweltämtern angesiedelt ist. Soziale Belange hingegen, geschweige denn Aspekte der kommunalen Entwicklungszusammenarbeit, werden von offizieller Seite stark vernachlässigt. Unsere Probleme sind uns eben am nächsten, noch dazu in Zeiten leerer Kassen. Wo also bleibt die Rolle der Weltläden und Nord-Süd-Gruppen im Agenda-Prozeß?
Die soeben skizzierte Bestandsaufnahme des Agenda-Prozesses ist kein Grund gegen, sondern für das Engagement der Weltläden und Nord-Süd-Gruppen in Sachen Agenda 21. Gerade weil viele dieser Gruppen in Deutschland noch immer ein Nischendasein führen und in der Öffentlichkeit wenig präsent sind, bietet die Agenda 21 eine Chance, das Thema der Gerechtigkeit zwischen Nord und Süd stärker in den Alltag zu bringen. Denn durch die Agenda 21 sollen auch die Auswirkungen unserer Lebensweise auf die Länder des Südens offengelegt werden, gemäß dem Spruch: »Global denken ? lokal Handeln«. Wer weiß schon, was mit unseren Altkleiderexporten nach Afrika passiert, wie und wo unsere Schnittblumen produziert werden oder wer unsere Fußbälle zusammennäht? Die Agenda 21 als internationale Vereinbarung für eine ökologisch und sozial nachhaltige Entwicklung dient dabei als Schiene, auf der die Nord-Süd-Gruppen eine größere Öffentlichkeit erreichen können.
Die Nord-Süd-Gruppen sind dabei keinesfalls nur Nutznießer eines Prozesses, der trotz aller Defizite zunehmend an Bekanntheit und Bedeutung gewinnt, sondern sie haben durchaus etwas zu bieten: jahrelange Erfahrung in Lobbyarbeit vor Ort, Kontakte zu anderen Gruppen ? auch in den Ländern des Südens -, ehrenamtliche Kräfte und Motivation. Das Allerwichtigste: Mit ihrem Produktsortiment verfügen die Weltläden über eine ökologisch, sozial und entwicklungspolitisch nachhaltige Alternative für Produkte, die heute noch zum großen Teil die Ausbeutung der Menschen in den Ländern des Südens manifestieren, wie Kaffee, Tee, Kakao und Bananen, um nur einige Beispiele zu nennen. Dieser Punkt ist von besonderer Bedeutung, da die Frage nach einer wirklichen Alternative oft das größte Problem darstellt bei der Suche nach einem zukunftsfähigen Lebensstil. Weltläden bieten diese Alternative seit über 25 Jahren ? leider noch mit einem sehr kleinen Wirkungskreis (der Anteil des fair-gehandelten Kaffees am deutschen Kaffeemarkt macht immer noch nur etwa 1 % aus), dafür aber mit einer überzeugenden Philosophie: »Fair trade statt aid«. Oder, um es mit den Worten des Entwicklungsexperten Franz Nuscheler zu sagen: »Die Kampagne von Transfair hat mehr Kaffeebauern zu einem existenzsichernden Einkommen verholfen als alle Entwicklungshilfe«.
Daß Nord-Süd-Initiativen im Agenda-Prozeß tatsächlich eine wichtige Rolle spielen und Erfolge verzeichnen können, wird vielerorts deutlich. In mehreren Kommunen, wie z.B. in Aachen, Neuss und Mainz, ging die Initiative zur Erarbeitung einer LA 21 von Nord-Süd-Initiativen aus. In anderen Kommunen sind sie mit vielfältigen Maßnahmen und Zielen am Prozeß beteiligt, etwa durch die Einführung fair gehandelter Produkte in allen städtischen Einrichtungen und in der Gastronomie (Münster), durch Partnerschaften mit Kommunen, Projekten oder Schulen in den Ländern des Südens (Osnabrück), die Förderung der Kultur Afrikas, Asiens und Lateinamerikas bei öffentlichen Festen (Bonn), entwicklungspolitische Bildungsarbeit in Kindergärten und Schulen (Bonn), Ausschank fair gehandelten Kaffees auf dem Münchner Oktoberfest, Einbindung der Universitäten (Münster, Bonn, Osnabrück) etc.
Der Kritik, die Agenda 21 sei nur eine leere Worthülse, der wenig konkrete Maßnahmen folgen, kann ich somit selbst aus der Sicht der Nord-Süd-Initiativen nicht zustimmen. Es kommt eben darauf an, was aus den Möglichkeiten, die die Agenda 21 durchaus bietet, gemacht wird ? und da ist jeder Weltladen, jede Umwelt-, Frauen- und andere Gruppe und jede Einzelperson gefordert, sich zu beteiligen. Daß die Arbeit der Nord-Süd-Gruppen durch den Agenda-Prozeß auch von politischer Seite eine Aufwertung erfahren kann, zeigt am deutlichsten das »Eine-Welt-PromotorInnen-Modell« in Nordrhein-Westfalen. Seit 1996 finanziert das Land 34 sogenannte Promotoren, die die entwicklungspolitische Arbeit der Kommunen unterstützen und koordinieren. Darüber hinaus gibt es weitere Institutionen, die Kommunen auch bundesweit bei ihrer Nord-Süd-Arbeit beraten, wie z. B. das Zentrum für kommunale Entwicklungsarbeit und der caf/Agenda-Transfer, beide in Bonn, sowie die Landesstellen der Carl-Duisberg-Gesellschaft.
Obwohl die kommunale Entwicklungszusammenarbeit auch im Agenda-Prozeß nicht im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses steht, gibt es für Nord-Süd-Gruppen zahlreiche Möglichkeiten, sich in den Prozeß einzubringen.
Christoph Albuschkat ist Geograph und arbeitet im Mainzer Eine-Welt-Laden Unterwegs. Er ist Referent für entwicklungspolitische Bildungsarbeit und Mitinitiator der Agenda 21 in Mainz. |