Volltext

(Artikel * 1997) Schmidt, Birgit:
Migration - Ein Brötchen und weg Ceuta - Im Vorhof der Festung Europa
in Blätter des iz3w Nr. 221 * Seite 14 - 15
Themen: Flüchtlinge; Migration * Ceuta und Melilla; Europa * Flüchtlingslager * Dok-Nr: 65213
Migration

Ein Brötchen und weg
Ceuta ? im Vorhof der Festung Europa

von Birgit Schmidt


Europa findet zusammen, indem es sich nach außen abschottet. Doch selbst das Schengener-Abkommen konnte nicht ganz verhindern, daß weiterhin Flüchtlinge in die Staaten der EU kommen. Daher wird nichts unversucht gelassen, ein normales Leben für unerwünschte Immigranten unmöglich zu machen. Ein Beispiel für diese Abschreckungspolitik ist die Südflanke der Festung ? Ceuta.

Die Überfahrt im Schnellboot vom andalusischen Algeciras nach Ceuta dauert eine knappe Stunde. An Bord sind, von einigen Touristen abgesehen, spanische Beamte, die das Wochenende auf dem spanischen Festland verbracht haben und viele Soldaten, Angehörige der Streitkräfte, die Spaniens Enklave auf afrikanischem Boden gegen Marokkos Ansprüche absichern sollen.
»Die Menschen, die sich in Ceuta aufhalten, geben uns allen ein bewundernswertes Beispiel für die Liebe zu Spanien« erklärt Verteidigungsminister Eduardo Serra, der am selben Tag wie ich hier eintrifft.
Ich habe daran meine Zweifel, denn das erste was ich sehe, nachdem ich den Schiffsbahnhof verlassen habe, ist ein Supermarkt, vor dem 40 bis 50 junge, schwarze Männer warten. Einige haben sich in Parklücken gestellt, in die sie Autofahrer, die einen Parkplatz suchen, einwinken; die anderen knäulen sich vor dem Eingang. Manchmal darf einer eine Einkaufstüte zum Wagen tragen und bekommt dafür eine 100-Pesetenmünze zugesteckt ? das sind ungefähr 1,20 DM.
»Kein Spanisch« sagt der etwa 15-jährige Junge, den ich nach dem Weg ins Zentrum frage und erzählt mir auf Französisch, daß er bald spanisch lernen wolle und daß er seit einigen Monaten darauf wartet, von der spanischen Regierung als Einwanderer akzeptiert zu werden. Als Illegaler zwar, aber als einer, der »es geschafft hat«. Er befindet sich in Ceuta, also in Spanien, doch Spanien besteht auf seinen Brückenköpfen in Afrika nur in einer Richtung: Während ich keine Grenze passiert habe, als ich die Meerenge von Gibraltar überquerte, liegt für meinen Gesprächspartner zwischen Spanien und Spanien, das Tor zur Festung Europa verschlossen.
Während er darauf wartet, daß seine Existenz zur Kenntnis genommen wird, muß er sich seinen Lebensunterhalt verdienen. Woher er kommt, möchte er mir nicht verraten. Natürlich nicht, denn das erste, was er nach seiner Ankunft tun mußte, war, seine Papiere zu vernichten, um das Risiko einer Abschiebung zu verringern. So wurde er zum »Subsaharaui«, dem spanischen Sammelbegriff für Flüchtlinge mit schwarzer Hautfarbe, die aus Ländern der Sahelzone oder noch südlicher gelegenen Staaten kommen und in Ceuta oder Melilla darauf warten, auf das europäische Festland übersetzen zu können.
Ceuta ist eine Kleinstadt. Vom Plaza de Africa ? hier befindet sich an strategisch günstiger Stelle das Guardia-Civil-Hauptquartier ? windet sich eine typisch spanische Flanier- und Einkaufsstraße einen kargen Hügel hinauf. Drumherum gibt es noch einige Nebenstraßen, einige schwer bewachte Wohnviertel, die ins Niemandsland zwischen Spanien und Marokko langsam ausfransen; viele Sperrgebiete, wo die Streitkräfte und die Legionen stationiert sind, eine zubetonierte Strandpromenade und das ist alles.
Während Senor Serra seine Truppen inspiziert und von patriotischem Odem spricht, der ihn noch nirgends so stark angeweht habe wie hier in Ceuta, laufe ich durch die Stadt: Das Straßenbild prägen die marokkanischen Einwohner, spanische uniformierte Schulkinder, gutgekleidete Mittdreißiger, die einige Jahre auf diesem Außenposten abreißen, weil das einer Beamtenkarriere nicht schaden kann, einige atavistische Erscheinungen aus der Hippie-Ära, die auf der Durchreise ins Kifferparadies des Folterspezialisten Hassan II. sind und wieder schwarze, junge Männer. Viele sind sehr jung, einige eindeutig noch Kinder, 12, 13 oder 14 Jahre alt. Die Glücklichen unter ihnen haben einen Job als Zeitungsverkäufer ergattert und bieten in Straßencafés, an Ampelanlagen und im Park die beiden Lokalblätter feil.

Straßenschlachten im Niemandsland
Sie gehören zum Straßenbild bis um zehn Uhr abends; wenn die Geschäfte schließen, ziehen sie sich zurück. Bis vor einem Jahr ?wohnten? sie im Niemandsland, in den alten Katakomben der Befestigungsanlagen und niemand kümmerte sich darum, bis es am 11. Oktober 1995 zum Ausbruch tagelanger Straßenschlachten zwischen ihnen, der Guardia Civil und rassistisch motivierten Bürgerwehren kam. Ausgerechnet am ?Tag des Spaniertums?, unter Franco hieß er noch ?Tag der Rasse?, mußte das Galaprogramm für Nachrichtensendungen unterbrochen werden, in denen die spanische Öffentlichkeit zum ersten Mal breit vom Flüchtlingsproblem unterrichtet wurde. Man behauptete damals, ein Afrikaner hätte auf einen Guardia-Civil-Beamten geschossen; erst später gab man zu, daß die Kugel nur aus einer Guardia-Civil-Kaserne selbst hatte stammen können.
In Melilla kam es am 10. März 1996 zu Übergriffen der dort stationierten Legionssoldaten gegen die marokkanische Bevölkerung und ?schwarz?-afrikanischen Flüchtlinge, nachdem ein Legionssoldat bei einer Prügelei in einer Diskothek ums Leben gekommen war. Die Presse berichtete und Menschenrechtsorganisationen forderten einen humaneren Umgang mit den afrikanischen Immigranten. Alle, die sich im Oktober 1995 in Ceuta aufgehalten hatten, durften nach einem mehrwöchigen Gefängnisaufenthalt aufs spanische Festland und erhielten eine Arbeitserlaubnis für ein Jahr. Viele aus Melilla durften ebenfalls einreisen. Explizit ausgenommen waren Flüchtlinge aus Algerien, die eine eigene Gruppe bilden. Eine Erklärung wurde nicht gegeben.
Doch damit hörte die Dritte Welt nicht zu existieren auf. Neue Flüchtlinge kommen ständig nach. In Melilla hat man sie im Fußballstadion untergebracht, und in Ceuta leben sie nun im Lager Calamocarro, direkt an der marokkanischen Grenze.

Lieber ins Gefängnis
Die Lebensbedingungen im Lager sind nach Aussagen des Sprechers der Organisation ?Derechos Humanos? (Menschenrechte), Rafael Lara, mit dem ich einige Tage später in Cadiz spreche, katastrophal. Noch in Ceuta lese ich ein Interview mit drei ägyptischen Flüchtlingen, die einige Monate in den Katakomben und in Calamocarro verbracht haben. Sie erklären, sie würden nun lieber ins Gefängnis gehen, denn da könne man sich wenigstens waschen.
In ?Achmeds Pub? sitzen marokkanische Männer an kleinen Tischen und essen. Ich setze mich zu David, der kurz einen Kaffee trinkt, bevor er wieder auf die Straße muß, um Geld zu verdienen. Ob er spart, um genug Geld für die Überfahrt auf einem ?Patera?, so nennt man in Spanien die wenig seetüchtigen kleinen Boote, mit denen Schleuser vor allem Flüchtlinge aus Marokko überzusetzen versuchen, zusammenzubekommen, frage ich ihn. Nein, die ?Pateras? seien zu gefährlich und als Afrikaner könne er sich nicht ohne weiteres unter die Marokkaner mischen; jede Gruppe bleibe lieber unter sich. Also wartet er, wie die anderen auch, auf die Möglichkeit einer legalen Überfahrt.
Am Abend treffe ich eine Freundin, die in Ceuta lebt, weil sie nirgendwo sonst eine Stelle als Englischlehrerin bekam. Früher, als die Flüchtlinge noch in den Katakomben lebten, gehörte sie zu den wenigen, die sich um sie bemühten: Mit Lebensmitteln und Spanischbüchern zog sie mehrmals in der Woche los, um den Flüchtlingen zu helfen. Nach den Auseinandersetzungen vom Oktober 1995 nahm sie einen von ihnen bei sich auf, organisierte Adressen in ganz Spanien für die, die sich dann dorthin auf den Weg machen konnten. Doch das Lager hat einiges verändert; dort war auch sie noch nicht.
Für Rafael Lara in Cadiz ist das Lager Calamocarra schlichtweg eine illegale Einrichtung. Das spanische Ausländergesetz sehe für das Delikt des illegalen Grenzübertritts zwar eine 30tägige Internierung vor, danach müsse es aber jedem offen stehen, sich niederzulassen, wo er oder sie will. Lara erklärt mir den Unterschied zwischen den einzelnen Gruppen. Es gibt nicht nur die ?Subsaharauis? und die Flüchtlinge aus Algerien, sondern auch Kurden stranden in Ceuta, Immigranten aus der Türkei, arabischen Staaten, den Philippinen... Und jede Gruppe hält zusammen.
Er erklärt mir auch den Unterschied zwischen denen, die in Ceuta oder Melilla auf eine legale Einreisemöglichkeit nach Spanien und somit nach Europa warten und den Marokkanern, die auf ?Pateras? versuchen, die Meerenge zu überqueren. Das ist nicht ganz ungefährlich, auch wenn von Ceuta aus der berühmte Felsen von Gibraltar an manchen Tagen zum Greifen nah erscheint. Niemand weiß, wieviele von der tückischen Strömung schon abgetrieben wurden und ertranken. Nach den Informationen von Laras Organisation wurden 1996 rund 3.500 Flüchtlinge gefaßt und wieder abgeschoben; 40 waren ertrunken, zwei erstickten in LKWs auf einer Fähre. Was mit den nach Marokko abgeschobenen passierte, weiß man nicht genau. Bis 1992 wurden sie in der Stierkampfarena von Tanger interniert, bis dieses Lager aufgelöst wurde. Die größte Mehrheit stammte aus Marokko, das Hassan II. seit 1961 uneingeschränkt regiert. Und in diesem Jahr waren erstmals bis zu zehn Prozent Frauen dabei, von denen ein hoher Prozentsatz schwanger war.

Eine Nußschale als Hoffnung
Im August 1996 erlebte Spanien nach 1992 den zweiten Höhepunkt einer illegalen Einwanderungswelle; mehr als sonst versuchten, auf ?Pateras? Spanien zu erreichen, da es bis zum 23. August die Legalisierung derer versprach, die sich auf seinem Territorium aufhielten. Das galt nach eingehender Einzelfallprüfung für die, die nachweisen konnten, schon vor dem 1. Januar 1996 gekommen zu sein. Umstände, die von Schlepperorganisationen, die umgerechnet bis zu 2.000 DM für eine Überfahrt verlangen, nicht besonders hervorgehoben wurden. Für die Guardia Civil ist es das geringste Problem, die Einwanderer zu verhaften. Man klaubt die Entkräfteten einfach von ihren Nußschalen. Sie bekommen ein Brötchen ? etwas heißes ist verboten ? und direkt vom Kommissariat geht es wieder nach Marokko. Auch dieses Vorgehen ist, so Rafael Lara, illegal: Das spanische Einwanderungsgesetz sieht eine Prüfung der Motive und Umstände vor; andalusische Grenzpatrouillen kümmert das wenig.
Doch nicht alle werden lokalisiert. Lara schätzt die Zahl derer, die »es schaffen« auf nochmal 3.500. Die Tageszeitung ?El Pais? ging am 18. August 1996 davon aus, daß 30 von 100 Booten entdeckt werden; die Besatzung der übrigen 70 also treibt nun ohne Papiere durch Europa. So wie die ?Subsaharauis? aus Ceuta und Melilla, deren Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis zwischenzeitlich abgelaufen ist. Dokumente gibt es grundsätzlich nur für ein Jahr. Ein Jahr, das ist ein »buscate la vida«, ein »such dir das Leben« ? so nennt man es in Spanien, jemandem eine kleine Hilfestellung zu geben, um dann davon ausgehen zu können, von ihm oder ihr nie mehr behelligt zu werden.
David und Gefährten haben dies alles noch vor sich. Noch warten sie auf ihre Chance, sich »das Leben zu suchen«. Ein Zurück gibt es für sie ohnehin nicht; Marokko läßt sie nicht durch.

An meinem letzten Tag treffe ich ihn wie immer auf der Straße; unermüdlich bewacht er einen Parkplatz. Heute morgen hatte er bereits Glück: Ein alter Mann ließ sich seine Einkäufe bis in die Wohnung tragen, das waren 500 Pesetas. Die anderen stehen wie immer vor dem Einkaufszentrum am Schiffsbahnhof. Im Bahnhof schlagen junge Marokkaner ihre Zeit tot. Auch sie hoffen auf Kontakte nach Europa, auf Gespräche mit abreisenden Touristen. Die Abfahrt des Transportschiffes verzögert sich beträchtlich, die Guardia Civil arbeitet auf Hochtouren: Jeder Zentimeter wird abgesucht nach Zigaretten, Haschisch oder Menschen.