Volltext

(Artikel * 1997) Bellanger,Silke
Vom "Bauch des Monsters" nach "Anderswo" Donna Haraways wissenschaftliche und fiktionale Reisen
in Blätter des iz3w Nr. 221 * Seite 24
Themen: Utopie; Literatur; Medizin; Wissenschaft; Kapitalismus; Technologie; Militär; Feminismus; Frauen; Themenblock Rezension * Dok-Nr: 63683
Utopien

Vom »Bauch des Monsters« nach »Anderswo«
Donna Haraways wissenschaftliche und fiktionale Reisen

von Silke Bellanger

Die Geschichten der Naturwissenschaftshistorikerin und Feministin Donna Haraway spielen in Monsterbäuchen und in einer fremden, andersartigen Zeit: dem letzten Jahrzehnt des zweiten christlichen Jahrtausends. Die enge Verknüpfung von Wissenschaft, Militär, Informationstechnologien und Kapitalismus bringt in diesem Zeitraum irritierende Waren und hybride Wesen hervor. Die OncoMouse?, eine mit krebserzeugenden Genen manipulierte Maus, die in den medizinischen, biotechnologischen Labors der Forschung und Industrie ihre natürliche Nische hat, ist eines dieser Wesen, das in monströser Weise die Grenzen zwischen Maschine und organischem Lebewesen überschreitet. Sie ist weder ein autonomes, einheitliches Subjekt noch besitzt sie ihren Körper. Ihr künstlich konstruierter Körper dient der Erforschung und Heilung des menschlichen Krebsleidens.
Die verschwommenen Grenzen lassen mächtige binäre Ordnungskategorien ? Natur/Kultur, Mensch/Tier, Mensch/Maschine, Frau/Mann, Ursprung/Heilsgeschichte ? ihre Überzeugungskraft verlieren. Im Zeitraum »Chronotop Ende des 2. Jahrtausends« sind Natur, Subjekte und Körper fragwürdige Größen geworden.
Angesichts dieser Situation möchte Donna Haraway jedoch nicht in Panik und Paranoia geraten. Sie bemüht sich vielmehr, im Bauch des Monsters hoffnungsvolle feministische, sozialistische und ökologische Geschichten zu schreiben. Sie möchte von den verwirrenden Wesen lernen und sie als WegbegleiterInnen für die Reise nach »Anderswo« gewinnen.
In ihrem »Manifest für Cyborgs« von 1985 ernannte sie Cyborgs zu möglichen oppositionellen Figuren in dieser Technowelt. Cyborgs als organisch-maschinelle Mischwesen der Forschung, Industrie und des Science-Fiction stehen in ihren Augen für »unsere« Lebensweise und Subjektposition in der gegenwärtigen Welt. In Anlehnung an die politischen Theorien der »Women of colour« und in der Tradition feministischer Subjektkritik sieht Donna Haraway in der Herkunft und Vielfalt der Cyborgs eine Chance. Sie versucht die Figur entgegen ihrer militärischen und maskulinen Herkunft zu denken, zu schreiben und zu lesen. Nicht hochgerüstete, militarisierte und selbstidentische Cyborgwesen wie Terminatoren und Robocops, sondern Wesen wie die OncoMouse? können und müssen uns Geschichten von Verletzung und Unterdrückung erzählen. Cyborgs als un/an/geeignete Andere stören die abendländischen Erfolgsgeschichten von Fortschritt und Aufklärung.
Indem Donna Haraway fordert, Cyborg-Subjekt-Positionen einzunehmen, kritisiert sie zum einen die Geschichte der abendländischen Wissenschaft und des entsprechenden männlichen, einheitlichen Subjekts. Zum anderen bemüht sie sich um eine oppositionelle Politik, die nicht vor den machtvollen Technologien erschreckt und in Ablehnung verharrt. Sie hält weder einen Ausstieg aus den Verflechtungen dieses Zeitraumes, noch eine Rückkehr zu natürlichen Zuständen und unversehrten Landschaften, Körpern und Identitäten für möglich. Entsprechend sieht sie in politischen Diskursen und Praktiken, die auf essentialistische Vorstellungen von Natur rekurrieren, keine Ansätze, um im Bauch des Monsters zu überleben.
Natur und Körper wurden in den Geschichten des Kolonialismus, Rassismus, Sexismus und einer vielgestaltigen Klassenherrschaft diskursiv als das »Andere«, als Ressource, als Matrix, als Werkzeug und als Mutter, Amme oder Sklavin hergestellt. Mit Natur wurden Herrschaftsverhältnisse legitimiert und die Reproduktion des westeuropäischen Menschen/Mannes abgesichert. Im gegenwärtigen Zeitraum des ausgehenden zweiten Jahrtausends scheinen die globalen Strategien alles zu denaturieren und zu einer gefügigen Materie strategischer Entscheidungen und beweglicher Produktions- und Reproduktionsprozesse zu machen. Wenn heute in polizeilich überwachten Naturparks der ungestörte Genuß unberührter Natur garantiert wird und gleichzeitig die Menschen, die diese Gebiete bewohnen, ausgeschlossen werden, wird, so Donna Haraway, die Logik der Reproduktion und Herrschaft des abendländischen, männlichen Subjektes fortgeschrieben.
Angesichts dessen spricht Donna Haraway von Natur als reinem Artefaktizismus, als Faktum und Fiktion zugleich. Natur ist ebenso wie die Subjekt-Position und die Körper von Cyborgs gemacht. Sie wurde in »weltverändernden technowissenschaftlichen Praktiken durch bestimmte kollektive AkteurInnen zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten hergestellt.« Aber zugleich bleibt Natur auch in Donna Haraways Verständnis eines der Dinge, nach denen wir uns sehnen, sie aber nie erreichen können.
Mit Bezug auf utopische Romane, dystopische Entwürfe der Gegenwart und Science-Fiction-Geschichten versucht Donna Haraway eine Vision »be-lebbarer Welten« zu entwerfen. Ihre »Monströsen Versprechen« legen eine mögliche Reise nach »Anderswo« nahe. In der gleichnamigen Aufsatzsammlung von 1995 benennt sie ihr wissenschaftliches und politisches Anliegen, eine Theorie zu bieten, die auf dem Weg dorthin Orientierungshilfe leistet. Ihr »Anderswo« ist kein Paradies und kein Naturschutzpark. Es ist ein »szientifisch-fiktionaler, spekulativ-faktischer Science-Fiction-Ort«. Eine reine, unschuldige Natur wird die Reisende weder auf dem Weg dahin, noch in »Anderswo« finden.
Donna Haraway hofft jedoch, Natur, artefaktisch verstanden, zu wiederbelebten, allgemeinen Plätzen machen zu können, die »allen offenstehen, die unwiderruflich lokal, weltlich, be-geistert (...) sind.« Die Wendung weg von abendländischen Erfolgsgeschichten und hin zu der Natur als Artefakt verlangt veränderte Schreib-, Lese- und Visualisierungspraktiken. Donna Haraway glaubt nicht daran, die bestehende Monsterwelt und ihre Geschichten verlassen zu können, aber sie hat die Hoffnung, daß verschobene Perspektiven andere verantwortliche Erzählungen und Bilder von der Erde ermöglichen, sie letztlich zu einem bewohnbaren »Anderswo« machen können. Sie möchte die verschiedenen menschlichen, nicht-menschlichen und maschinellen AkteurInnen, zu denen gerade Wesen wie die OncoMouse? gehören, nicht nur sichtbar werden lassen, sondern zu GesprächspartnerInnen über den Gemeinplatz Natur machen. Diese Konversation wird nicht einfach sein. Die Menschen werden lernen müssen, monströse Unterhaltungen jenseits von Grenzüberschreitungen führen zu können.
Donna Haraway versteht ihre Reisevorstellungen und Konversationshoffnungen dementsprechend nicht als ferne Utopien oder apokalyptische Dystopien, sondern als Visionen über eine fiktional-faktische Gegenwart.

Literatur von Donna Haraway:

Monströse Versprechen. Coyote-Geschichten zu Feminismus und Technowissenschaft, Argument Verlag Hamburg 1995

Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen, Campus 1995

Anspruchsloser Zeuge@ Zweites Jahrtausend. FrauMann© trifft OncoMouse?, in: Elvira Scheich (Hrsg.), Vermittelte Weiblichkeit. Feministische Wissenschafts- und Gesellschaftstheorie, Hamburg 1996