Volltext

(Artikel * 1997) Müller,Jochen
Land des Lächelns Über Visionen und Verwirklichungen utopischer Welten
in Blätter des iz3w Nr. 221 * Seite 16-18
Themen: Gesellschaft; Kommunismus; Utopie; Kapitalismus; Sozialismus; Themenblock * Dok-Nr: 63681
Utopien

Land des Lächelns
Über Visionen und Verwirklichungen utopischer Welten


Die Utopie steht am Horizont.
Ich nähere mich zwei Schritte
und sie entfernt sich zwei Schritte.
Ich nähere mich zehn weiter
und sie entfernt sich erneut um zehn Schritte.
Soviel ich auch gehe, ich werde sie nie erreichen.
Wofür ist sie also gut, die Utopie?

Fernando Berri


Seit sich der Mensch der Geschichtlichkeit und der Veränderbarkeit seines Seins bewußt ist, gibt es Utopien. Ihr Ursprung liegt wohl in dem Umstand, daß die Bedürfnisse der Menschen meist größer als die realen Möglichkeiten ihrer Befriedigung waren. Daraus erwächst die Stärke der über das schon erreichte gesellschaftliche Niveau hinausgreifenden Tendenzen zur Veränderung der Umwelt.
Das Hinausgreifen über die gegenwärtige zur Visionierung einer zukünftigen Welt ist das charakteristische Merkmal der Utopie. Die Reinform der Utopie ist die künstlerische Darstellung fiktiver Welten. Nur Romane, Filme, Bilder oder Lieder können nämlich ganz darauf verzichten, realistisch zu sein. Das gilt auch für das der Utopie ihren Namen gebende Werk von Thomas Morus (1478-1535), der in seinem Staatsroman »Vom besten Zustand des Staates und über die neue Insel Utopia« die erdachte andere Welt als »Utopia« definiert. Sein Kunstbegriff, zusammengesetzt aus den griechischen Worten »ou« (nicht) und »topos« (Ort), drückte aus, daß der von ihm skizzierte Idealstaat nicht existiert, ein Nirgendort ist.
Phantastische Elemente enthält auch die Vision von Charles Fourier, einem der bis heute bekanntesten und in der sozialistischen Tradition stehenden Utopisten. Er stellte sich Anfang des 19. Jahrhunderts neben einer vergleichsweise realistischen Arbeitswelt, in der nicht länger als zwei Stunden der gleichen Tätigkeit nachgegangen werden sollte, das Meer aus Limonade vor. Ebenso irreal ist der Wunschtraum eines anderen Charles ca. 100 Jahre später: In ?Moderne Zeiten? träumt Charlie Chaplin als verarmter Arbeitsloser von einem Leben mit Frau und Eigenheim mit Garten. In diesem Tagtraum symbolisiert eine vor dem Haus grasende Kuh, unter deren Euter er ? plaudernd im Türrahmen stehend ? nur nebenbei sein Glas zu halten braucht, damit es automatisch aus den Zitzen sprudelt, die Unmöglichkeit, daß der Vagabund jemals das Leben eines Bürgers führen und ein Haus mit Garten sein Eigen nennen wird. Solche Utopien haben keinen Anfang und kein Ende, keinen Raum und keine Zeit, durch die man schreiten muß, um ihnen nahe zu kommen.

Kein Ort Nirgends
Die »Reinform« der Utopie bleibt irreal und verzichtet (oder vermeidet sie) auf die Beschreibung eines Weges zu ihrer Verwirklichung. Dennoch ist Chaplins Vision des glücklichen Lebens ebensowenig aus der Luft gegriffen wie Thomas Morus? Inselstaat. Utopien spiegeln Wünsche wider, die meist einen sehr realen Bezug zu den Verhältnissen der Gegenwart aufweisen. An utopische Orte werden die in der Realität nicht erfüllten Bedürfnisse von Individuen und Gruppen verlagert.1 So drückt das von Morus verwendete Bild der unentdeckten Insel zwar einerseits die Ferne und die Unbekanntheit des Landes Utopia aus. Andererseits suggeriert das Inselbild zur Zeit der Entdeckungen jedoch die Möglichkeit, das Eiland in der Sonne aufzufinden. Thomas Morus hoffte wohl, durch die Beschreibung eines idealen frühkommunistischen Gemeinwesens, der Verwirklichung einer idealen Gesellschaft näher zu kommen.
Utopische Welten stellen sich aber nicht nur als Wunsch-, sondern auch als Schreckensbilder dar. Antiutopien oder Dystopien werden Visionen genannt, die kein Gegenbild schaffen wollen, sondern negative Empfindungen der Gegenwart in die Zukunft verlängern und auf die Spitze treiben. ?Brave New World? oder ?1984? sind klassische Beispiele für Weltbilder, in denen anonyme Mächte die Individualität der Menschen immer mehr reduzieren und letztere zu bloßen Hüllen werden, zu Empfängern von Propaganda und Trägern von Arbeitskraft. Dystopien der 70er, 80er und 90er Jahre wie ?Blade Runner?, ?Mad Max?, ?Terminator? oder auch Kevin Costners Flop ?Waterworld? (Filme haben offenbar die Rolle des Hauptbilderlieferanten übernommen) zeichnen eine völlig zerstörte, unwirtliche Umwelt, in der jeder für sich ums Überleben kämpft. Einzelkämpfer, die die Reste von Menschlichkeit verkörpern, treten gegen von Menschen selbst technisch erzeugte, nunmehr verselbständigte Cyborgs oder Replikanten an oder stehen inmitten einzelner Gangs, die sich anarchisch-archaisch im Kampf um knappe Ressourcen bekriegen.
Obwohl unendliche Weiten zwischen der Realität und dem Land des Lächelns oder des Schreckens zu liegen scheinen, entsteht also eine Nähe zur jeweiligen Gegenwart, wenn die Fiktion die Negation oder die Verlängerung des Bestehenden darstellt. Die Übergänge von phantastischen Utopien zur sogenannten »Realutopie« oder »konkreten Utopie« sind dementsprechend fließend. Die konkrete Utopie enthält aber keine Limonadenmeere und keine vollautomatischen Kühe. Sie ist auch keine Antiutopie, sondern beschreibt einen in der Gegenwart als wünschenswert erachteten theoretisch möglichen Zustand, so weit er auch von der Realität entfernt sein mag. In seinem Klassiker »Prinzip Hoffnung« nimmt Ernst Bloch auch banale Vorstellungen á la »eine Regierung ohne Kohl« oder »der SC Freiburg steigt doch nicht ab« in sein Utopien-Kaleidoskop auf.2 Realutopisch sind auch Teile einer der bekanntesten modernen Zukunftsvisionen. Der US-amerikanische Autor Ernest Callenbach beschreibt in »Ökotopia« (dt.1980) u.a. eine Stadt, in deren Vororten mit Pfeil und Bogen Hirsche gejagt werden und wünscht sich ein Fernsehprogramm, dessen Werbeblöcke nicht die Filme unterbrechen, sondern an deren Anfang und Ende gesendet werden.
Offensichtlich lassen sich die meisten Elemente von Utopien als Ausdruck nicht erfüllter Bedürfnisse lesen und ermöglichen Rückschlüsse auf die Verfassung, Probleme und Krisenerscheinungen der Lebensweise und Gesellschaftsordnung, der sie entstammen. So steht im Mittelpunkt zeitgenössischer Realutopien und Dystopien der Komplex Umwelt und Natur, der den klassischen Themenbereichen Arbeit und Organisation der Gesellschaft mittlerweile den Rang abgelaufen hat. Die Kernelemente gegenwärtiger Realutopien sind direkt aus dem Leben gegriffen: Im Gegensatz zur Anonymität der modernen Gesellschaft, ihrer Fabriken und ihrer Städte, stellen die meisten Realutopien kleinere Einheiten vor. In kleineren Städten und auf dem Land werden in Betrieben von 1.000 ? 2.000 Beschäftigten, in Kollektiven und Genossenschaften unter Anwendung sanfter (aber durchaus hochentwickelter) Technologie oft auf Selbstversorgungsbasis von gleichberechtigten (oder gleichen) Männern und Frauen Nahrungsmittel, Energie und Güter erzeugt. Produktion und Verwaltung sind dabei dezentral und hierarchiearm organisiert.3 Die Arbeit ist in ihrer Zeit begrenzt, nicht entfremdet, und es kommt ihr keine überragende Bedeutung zu. Der Konsens einer Gemeinschaft stellt die Basis für die Sicherheit und das Aufgehobensein des Individuums dar.

Schöne neue Weltgesellschaft
Solche Visionen zu entwickeln und strategisch um die Macht zu ihrer Umsetzung zu kämpfen, ist das Merkmal der politischen Utopie. Das Erscheinungsbild politischer Utopien des 19. und 20. Jahrhunderts ist vielfältig und es gehört zu ihrem Charakter als auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtete Konzepte, daß sich meist keine Trenlinie zwischen politischer Utopie und politischer Ideologie ziehen läßt. Anarchismus, Kommunismus, Sozialismus, Friedens-, Solidaritäts- und Ökologiebewegungen, Nationalismus und Internationalismus, Islamismus oder Faschismus formulieren und propagieren tatsächliche oder vermeintliche Gegenentwürfe zu bestehenden gesellschaftlichen Lebens- und Ordnungsformen, die durch konkrete Schritte und Maßnahmen verwirklicht werden sollen. Die Herrschaft des Proletariats, eine gerechte Weltwirtschaftsordnung, Maos Kulturrevolution, Ghandis gewaltloser Widerstand, das Programm der Négritude, das Reich der Freiheit, der Vernunft oder der 1.000 Jahre, die Herrschaft Gottes auf Erden oder ein Leben im Einklang mit der Natur sind Projekte, die als politische Utopien Menschen bewegt und in ihren Bann gezogen haben.
Die beiden bedeutendsten politischen Utopien des 19. und 20. Jahrhunderts sind sicherlich der Sozialismus und die liberale Marktwirtschaft. In unterschiedlichen Traditionen der französischen Revolution stehend verheißen beide Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit. Als 200 Jahre nach dem Sturm auf die Bastille der real existierende Sozialismus zusammenbrach, wurde auf der anderen Seite gleich das Ende der politischen Utopie ausgerufen (Joachim Fest). Der sich totalitär gebärdende Sozialismus steht hier als Paradebeispiel für den Totalitarismus politischer Utopien schlechthin. Die übriggebliebene kapitalistische Marktwirtschaft gilt seitdem vielen als der Geschichte letzter Schluß. Die unsichtbare Hand des Marktes werde dafür sorgen, daß der ökonomische Eigennutz des Individuums dem Allgemeinwohl zugute käme und die Menschheit sich Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit annähere.
Daß diese Vorstellung nun selbst Ideologie und politische Utopie ist, liegt auf der Hand. Angesichts Millionen Hungertoter, weltweiter Armut, einer größeren Verteilungsungerechtigkeit denn je, zunehmender kriegerischer Verteilungskämpfe sowie nachhaltiger Umweltzerstörung mutet die Rede von Marktgerechtigkeit und Allgemeinwohl absurd an. Der Terror- und Totalitarismus-Vorwurf fällt auf die Apologeten des Kapitalismus selbst zurück, deren Schlußfolgerung nicht weniger, sondern noch mehr Marktfreiheit lautet. Der selbst auf der Utopie von Gerechtigkeit durch Marktfreiheit basierende Neoliberalismus versteht sich als radikal antiutopisch und realpolitisch (siehe Kasten nächste Seite).
Diese Heuchelei des realexistierenden politischen Utopismus verdeutlicht auch eine der gegenwärtig meistgenanntesten Zukunftsvisionen: die Globalisierung der Telekommunikation als eine der wichtigsten Voraussetzungen der wirtschaftlichen und politischen Globalisierung.4 Die Vorstellung vom »Global Village«, in dem per Internet jede mit jedem frei kommunizieren und an einer durch die grenzenlose Massenkommunikation enstehenden Weltdiskursgesellschaft partizipieren kann, fasziniert. In einer Welt von Weltbürgern (Goethe) würde eine Verständigung über eine universale Weltethik (Küng) erfolgen, die den Grundkonsens für das »Global Governance« in der »Einen Welt« abgeben könnte.
Zu einem Dorf wird die Welt aber nur für ein paar Transnationale Konzerne und eine politische und ökonomische Weltelite aus Nord und Süd. Gegenwärtig haben etwa 50% der Menschheit noch nie eine Telefonnummer gewählt, und während in ganz China gut 1.000 Rechner mit dem Internet verbunden sind, sind es in den USA bereits 4.000.000. Anstatt, die Partizipationschancen zu erhöhen und für mehr Gerechtigkeit zu sorgen, vertieft die Globalisierung der Telekommunikation die Kluft zwischen Nord und Süd. Freien und gleichen Zugang zur Weltgesellschaft erhält am Ende nur der Bürger, der mitreden und -konsumieren kann. Der Rest wird abgekoppelt, marginalisiert und (im Namen universeller Menschenrechte) de facto entrechtet. Die historische Universalisierung der auf Profiterwirtschaftung gerichteten »instrumentellen Vernunft« (Horkheimer) wird in Form einer »elektronischen Kolonisation« (Nuscheler) fortgesetzt, nachdem bereits die erste »zivilisatorische Mission« den Kolonisierten mit brutaler Gewalt die eigenen Leitbilder aufgezwungen hatte. Die utopische Verheißung weltweiter Gerechtigkeit dient der Fortsetzung und Intensivierung bestehender Gewaltverhältnisse.5

Und willst du
nicht mein Bruder sein...
Es stellt sich die Frage, ob nicht die Kritiker der Utopien mit ihrem Totalitarismusvorwurf richtig liegen. Zum einen liegt nämlich in dem Umstand, daß die Bedürfnisse der Menschen meist größer sind, als die realen Möglichkeiten ihrer Befriedigung, nicht nur die Stärke der Tendenzen zur Veränderung der Umwelt begründet, sondern auch die Notwendigkeit zur Verdrängung der Bedürfnisse, wenn sie aufgrund der gesellschaftlichen Bedingungen nicht befriedigt werden können. Das so zunächst in eine Utopie Verdrängte kann im Moment deren möglicher Verwirklichung in repressiver Form wiederkehren und »der Gott der Unterdrückten wird ein Herrscher, der Gott der Schwachen wird ein Mächtiger sein« (Feuerbach).
Zum anderen ist die mit einem konkreten Ordnungsziel und mit konkreten Schritten zu dessen Verwirklichung antretende politische Utopie immer auf die Masse, die Gemeinschaft genannt wird, angewiesen. Diese Gemeinschaft ? und wie gesehen kommt keine Utopie ohne die Gemeinschaft aus ? kann die Nation, die Klasse, die Kommune, das Kollektiv, die Familie oder die Weltgemeinschaft sein. In jedem Fall konstituiert sie sich mittels eines Konsens über gemeinsame Werte, Normen und Grenzen. Das Individuum als Teil der Gemeinschaft identifiziert sich mit dem Konsens. Dieser Akt der Identifikation, ob er nun freiwillig oder unter Zwang erfolgt, ist immer gewaltförmig, weil er Abweichung ausschließt und ausschaltet (siehe dazu M. Dahlmann in diesem Heft).
Tatsächlich ist noch jede politische Utopie in der Geschichte, erst einmal mit der Macht ausgestattet, »flächendeckend« umgesetzt zu werden, in Barbarei umgeschlagen. Trotz bester ursprünglicher emanzipatorischer Absichten mündeten etwa das Christentum, der reale Sozialismus, diverse Revolutionen, nationale Befreiungsbewegungen verschiedener Couleur und nicht zuletzt die Aufklärung in Terror und Vernichtung. Immer wenn Glocken geschlagen wurden für eine neue Weltanschauung, brachte das Ziel, das Absolute zu verwirklichen, stets absolute Mittel mit sich. Dann wurde erschlagen, wer sich dem Gleichschritt nicht unterordnen wollte.
So ist der Verlust der großen politischen Utopie im herkömmlichen Sinne, d.h. als konkretes Projekt einer Klasse, einer Partei, einer Ethnie, einer Nation oder einer Religion mit dem Ziel der Macht nicht weiter bedauerlich.
Wofür ist sie also gut, die Utopie? Dafür dient sie, um zu gehen, schließt der eingangs zitierte Fernando Berri seine Definition der Utopie. Das Ziel der Bewegung aber ist vage und offen. Utopia ist nur eine Ahnung, ein Land, das man nicht betreten kann. Utopia ist ein Nirgendort, nicht mehr als eine Orientierungshilfe, ohne die aber keine Bewegung möglich ist. Und diese Bewegung kann nur mit einer Negation beginnen ? der Negation des Bestehenden.

Anmerkungen:

1 Das gilt auch für religiöse Paradiesvorstellungen. In den jeweiligen Paradiesen ist das Klima angenehm, wobei die Betonung nördlicher Visionen eher auf der Sonne liegt, während die Paradiesvorstellungen etwa des Islam die angenehme Kühle sprudelnden Wassers phantasieren. Gearbeitet wird im Paradies ebensowenig wie gestritten und der Hunger läßt sich in den ewigen Jagdgründen allein am Überfluß der Natur stillen.

2 Als diese Zeilen geschrieben wurden, war theoretisch noch beides möglich.

3 Utopien aus dem Süden lassen dagegen eher ein ungebrocheneres Verhältnis zu Fortschritt, Industrie und Technologie erkennen. Desweiteren sind sie meist geprägt durch das Ziel der Abschüttelung äußerer und innerer Abhängigkeit. Ergebnis feministischer Utopien, insbesondere seit den 70er Jahren, sind viele der gegenwärtig in Realutopien zum Standard zählenden Elemente von Wissenschafts- und Technik- und Herrschaftskritik, von dezentralistischen, auf Gleichberechtigung und ein harmonisches Verhältnis mit der Umwelt bedachter Entwürfe. (Siehe dazu im Überblick: Rolf Schwendter, Utopie ? Überlegungen zu einem zeitlosen Begriff, Edition ID-Archiv, 1994. Das
3 Buch, dem viele der hier nur skizzierten Darstellungen entnommen sind, ist ausgesprochen informativ und enthält eine Liste ausgewählter Literatur. Außerdem zum Thema: Karin Wilhelm (Hg.), Utopie heute? Ende eines menschheitsgeschichtlichen Topos?, Passagen Verlag 1993; Richard Saage (Hg.), Hat die politische Utopie eine Zukunft?, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1992; Helmut Thielen, Subversion und Gemeinschaft, Befreiung in der Zeitenwende, Edition Nautilus 1993.)

4 Die folgenden Passagen basieren auf den Beiträgen von Franz Nuscheler und Jürgen Neyer zur Globalisierung der Telekommunikation in: epd 14/1996.

5 Daß auch Franz Nuscheler nach seiner Analyse nichts einfällt, außer, die universelle Ungerechtigkeit des Marktes durch Global Governance zu begrenzen, die den Erhalt der Kulturenvielfalt gegen eine »Allerweltskultur« à la McDonalds und Benetton gewährleisten soll, zeugt von der Schwierigkeit, anders als in Kategorien von Markt und/oder technokratischer Verwaltung der »Einen Welt« zu denken.
von Jochen Müller, Mitarbeiter des iz3w

Antiutopische Utopie

Der totale Markt mit seiner Vorstellung des Marktautomatismus ist utopisch im Sinne einer societas perfecta und einer vollkommenen Institution. Es handelt sich aber um eine Utopie, die nicht als solche wahrgenommen wird, sondern die mit der Wirklichkeit gleichgesetzt wird. Wenn der Neoliberale seine Utopien verkündet, hält er sich für einen Realisten. Folglich konfrontiert er diesen Realismus mit allen Utopien und kommt zum Ergebnis: Alle Vorstellungen von Freiheit und Solidarität, die den Markt in Frage stellen, sind offensichtlich Utopien. Also stellt sich die Ideolgie des totalen Marktes als antiutopisch dar. In Wirklichkeit ist sie antiutopisch nur im Hinblick auf die Utopien oder utopischen Horizonte, die eine konkrete Freiheit und Solidarität ins Blickfeld rücken. In diesem Sinne ist die Ideologie des totalen Marktes insbesondere im Hinblick auf sozialistische Utopien antiutopisch.(...) Aus ihrem fanatischen Antiutopismus leitet diese Ideologie die Verheißung einer neuen Welt ab. Die grundlegende These lautet: Wer die Utopie zerstört verwirklicht sie.(...) Es handelt sich um eine aggressive antiutopische Utopie, deren Verwirklichung als die Vernichtung aller Utopisten der Welt dargestellt wird.(...) Damit sich die Menschheit selbst finde, muß man den Kampf sicherstellen und die Solidarität zerstören.(...) Der Kampf ist das Prinzip des gesellschaftlichen Lebens.(...) Das Ergebnis ist eine völlige Sakralisierung der Produktionsverhältnisse. Das erklärt die große Ähnlichkeit zwischen Stalinismus und Neoliberalismus. Beide sakralisieren ihre jeweiligen Produktionsverhältnisse auf analoge Weise.

Passage aus: Franz Hinkelammert, Cultura de la esperanza y sociedad sin exclusión; erscheint bei den Verlagen Exodus und Matthias-Grünewald im Frühjahr 1998, Übers. Bruno Kern