Volltext

(Artikel * 1997) Burchardt,Hans-Jürgen
Insel blockiert, Exil saniert Die US-Kubapolitik als verlängerte Innenpolitik
in Blätter des iz3w Nr. 221 * Seite 7
Themen: Gesetz; Analyse; Exil; Boykott; Außenhandel; Innenpolitik; Außenpolitik; USA; Handelspolitik; Karibik; Kuba * Dok-Nr: 63676
Ein Traum aus Haut und Knochen
Politische Utopien in Lateinamerika

von Ulf Baumgärtner


Revolutionäre politische Utopien und das Ringen um alternative Entwicklungskonzepte haben nach dem Zweiten Weltkrieg in Lateinamerika eine große Rolle gespielt. Die Befreiung aus der Abhängigkeit vom Weltmarkt und von herrschenden Eliten stand dabei im Vordergrund. Ein Streifzug durch die jüngere Geschichte Lateinamerikas und das Beispiel El Salvadors zeigen jedoch, daß seit jeher die Idee des Wachstums dominierte und nunmehr der Neoliberalismus alle anderen Utopien in seinen Schatten stellt.

Ich glaubte damals ? wie heute noch ? in jenen Menschen dämmere ein neuer Mensch herauf. Der spanische Traum aber ? nicht weil er nur spanisch, sondern weil er universal und konkret, das heißt ein Traum »aus Haut und Knochen und erschrockenen Augen« war ? verdunkelte sich schnell und verschwand. Und die Gesichter, die ich sah, wurden wieder, was sie waren, bevor jene begeisternde Sicherheit (im Leben oder im Tod?) sich ihrer bemächtigt hatte: Gesichter von armen, einfachen Leuten. Doch die Erinnerung an sie verläßt mich nicht. Wer die Hoffnung einmal gesehen hat, vergißt sie nicht mehr. (Octavio Paz über die spanische Revolution)

Wenn Klaus Zwickel beim x-ten Versuch, ein »Bündnis für Arbeit« feilzubieten, die 32-Stunden-Woche vorschlägt, macht sich niemand die Mühe, so einen Vorschlag als utopisch wegzuwischen. Schließlich wissen alle, daß er nicht auf Befreiung von Lohnknechtschaft, sondern auf »Standortsicherung« zielt. Gerade die gegenwärtige Diskussion um die Zukunft der Arbeit lädt aber dazu ein, in die Vergangenheit der Utopien zu blicken. Denn die Vorstellung, Arbeit sei ein unvermeidliches Mittel für einen höheren Zweck, nämlich die Verwirklichung der menschlichen Natur in vernünftigem Genuß und geistiger Entfaltung, und die Arbeitszeit sei deshalb so weit wie möglich zu verkürzen, ist fester Bestandteil von Utopien. Thomas Morus, ein Zeitgenosse jenes Amerigo Vespucci, dessen Vorname zur Bezeichnung der Kolonien in der Neuen Welt wurde und der die Kunde brachte von fernem Leben ohne Privateigentum, veröffentlichte 1516 seine Ideen von einem gesellschaftlichen Idealzustand in einem »Land, das nirgends ist«, in Utopia. Dort gibt es kein Privateigentum und die tägliche Arbeitszeit beträgt sechs Stunden. In »Ökotopia«, einem in Vergessenheit geratenen Bestseller der hiesigen Alternativbewegung (1978 auf Deutsch erschienen), werden nur 20 Stunden in der Woche gearbeitet. Zwischendrin konnte sich der utopische Sozialist Charles Fourier Anfang des 19. Jahrhunderts eine sinnvollere gesellschaftliche Arbeitsteilung und für die menschlichen Bedürfnisse attraktivere Arbeitsformen als jene der Fron- und Lohnarbeit vorstellen.

Wo ist der neue Mensch geblieben?
Derlei konkrete Utopien sucht man vergeblich in den Worten und Werken der nationalen Befreiungsbewegungen und politisch-militärischen Organisationen der »zweiten Welle der lateinamerikanischen Revolution« (Paco Ignacio Taibo II) nach dem Zweiten Weltkrieg. (Als erste Welle gilt dabei die Zeit der Erringung der politischen Unabhängigkeit von Spanien Anfang des 19. Jahrhunderts.) Wohl aber erinnern wir uns aus jener Zeit an die Rede vom neuen Menschen. Che Guevara hat ihn in »Mensch und Sozialismus auf Cuba« (1965) beschrieben und dabei unterstrichen, daß er sich nur entwickeln könne, wenn die alte Ordnung an den Wurzeln ausgerottet wird. Die Vorstellung, daß es für diese Veränderung der ökonomischen Basis und den Wandel des Bewußtseins einer Avantgarde bedarf, ist uns allerdings ebenso fremd geworden wie das Leitbild des Revolutionärs (die Revolutionärin kommt bei ihm nicht vor), der großherzig ist, durchtränkt von der »Liebe zu den Völkern« und der »vollkommenen Hingabe an die revolutionäre Sache« und sich nicht von den Sorgen seiner Familie, seiner Frau und seiner Kinder »heimsuchen läßt«.
Weniger fremd (aber nicht gerade aktuell) ist die Diskussion darüber, wie dem revolutionären Schwung, der in bestimmten Situationen um sich greift, im täglichen Leben Dauer verliehen werden könnte. Guevaras Warnung vor der Versuchung, materielle Interessen als Hebel für diesen Zweck zu benutzen, weil damit die Gefahr heraufbeschworen werde, daß die unsichtbare Hand des Marktes die Entwicklung des Bewußtseins unterminiert, ist als Warnung vor dem Konsumismus aktuell und klingt zugleich wie eine Vorahnung der späteren Entwicklung Cubas. Statt der materiellen Hebel schlägt Che Guevara »Instrumente grundsätzlich ideeller Natur« vor und setzt auf Erziehung, damit sich neue Werte im Bewußtsein entwickeln und neue Haltungen entstehen, die schließlich zur Gewohnheit werden. Bekanntlich ist es soweit nicht gekommen, obwohl es auf Cuba wie später auch in Nicaragua Alphabetisierungskampagnen und große Anstrengungen zur Bewußtseinsentwicklung gegeben hat.
Jenseits dieser historischen Betrachtung stellt sich allerdings die allgemeinere Frage, ob der moralische Appell je die materiellen Anreize wird ersetzen können; ob der Appell »Die Gesellschaft muß eine riesige Schule werden« nicht auf die Errichtung einer Erziehungsdiktatur hinausläuft. In dieser Beziehung steht Che Guevara dem Staatsmann und kirchlichen Würdenträger Thomas Morus näher als dem Handelsreisenden Charles Fourier. In Morus? »Utopia« gibt es eine Bildungselite, deren Angehörige von den Priestern vorgeschlagen und in einem geheimen Verfahren ausgewählt werden ? gerade so wie die »revolutionären Institutionen« auf Cuba jene auslesen sollen, »die als Vorhut zu marschieren das Zeug haben«. Fourier dagegen wollte den Menschen nicht umerziehen, sondern die Gesellschaft und die Umwelt der menschlichen Natur anpassen, die z.B. ein Bedürfnis nach Abwechslung hat, weshalb es sinnvoll ist, die Arbeit so zu organisieren, daß niemand länger als zwei Stunden mit derselben Tätigkeit beschäftigt ist.
Diese allgemeine Frage hängt mit der konkreten Geschichte Lateinamerikas in den letzten 50 Jahren insofern zusammen, als der Imperialismus keinem der Anstürme innerhalb der zweiten Welle der lateinamerikanischen Revolution ? weder der kubanischen Revolution, noch dem chilenischen Weg zum Sozialismus, auch nicht der sandinistischen Revolution, um nur die markantesten zu nennen ? Zeit und Raum gelassen hat, über eine gesellschaftliche Organisation zu debattieren, geschweige denn, eine zu erproben, in der die Herrschaft von Menschen über Menschen nicht immer wieder neu entsteht.

Im Morgengrauen
des Neoliberalismus
Als 1973 General Pinochet den chilenischen Weg zum Sozialismus blutig beendete, war Cuba durch die US-Blockade bereits von der »Patria Grande« und ihren Emanzipationsbewegungen isoliert, der Aufbau des Sozialismus zu einem aussichtslosen Aufbau des »Sozialismus in einem Lande« gezwungen worden. 1973 war auch ein Markstein für den Niedergang des Wirtschaftsmodelles der importsubstituierenden Industrialisierung. Dieses war das »alternative« Entwicklungsmodell der Peripherie, das den Nachkriegsboom in den westlichen Industrieländern begleitete und ebenfalls hohe Wachstumsraten zeitigte. Politisch ging es dabei um mehr Unabhängigkeit auf dem kapitalistischen Weltmarkt. Begründet wurde das Konzept in der Dependencia-Theorie, die in den 60er Jahren von der UN-Wirtschaftskommission (CEPAL) bis zu den sozialen Bewegungen fast allgegenwärtig war.
Im gleichen Jahr begann freilich auch die allgemeine Krise in den Industrienationen. Das Ende des Nachkriegsbooms mit seinen hohen Wachstumsraten und vergleichsweise großzügigen Sozialpolitiken war erreicht. Die neoliberalen Vordenker kamen nun vom Mont Pélérin herunter (1947 hatten eiserne Gegner des europäischen Wohlfahrtsstaates und des US-amerikanischen New Deal wie Friedrich Hayek, Milton Friedman, Karl Popper und Walter Euken in der Schweiz die Mont-Pélérin-Gesellschaft gegründet), diagnostizierten zuviel Macht der ArbeiterInnenbewegung sowie zuviel Sozialstaat und empfahlen Geldwertstabilität, die Herstellung einer »natürlichen« Arbeitslosenquote und Steuerreformen zugunsten der Unternehmer, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. 1979, im Jahr der sandinistischen Revolution, griff Margaret Thatcher diese Anregungen auf und etablierte ein Wirtschaftsmodell, das von Reagan bis Kohl, Berlusconi und Aznár und von Pinochet über Salinas und Menem bis Fujimori überzeugte Adepten gefunden hat.
Wie in Cuba war damit auch auf dem lateinamerikanischen Festland die Gegenbewegung schneller und massiver. Wirtschaftlich scheiterte die importsubstituierende Industrialisierung an der Abhängigkeit, aus der sie Lateinamerika führen wollte: Die Exporte, seit kolonialen Zeiten überwiegend Rohstoffe, hinkten bald den industriellen Importen hinterher, so daß sich zuerst Zahlungsbilanzdefizite und später Schuldenberge aufhäuften. Politisch sorgten die Militärdiktaturen für ein Ende der Befreiungsbewegungen, die als umso gefährlicher galten, als sie nicht nur nationale Befreiung und günstigere Positionen auf dem Weltmarkt anstrebten, sondern in der Auseinandersetzung mit den nationalen Oligarchien auch auf soziale Befreiung zielten. Ideologisch wurden nunmehr Importsubstitution und Agrarreform als untauglich, die Dependenz-Theorien als bloße Weltanschauung und das Streben nach mehr wirtschaftlicher Unabhängigkeit als spielverderbende Abkoppelung denunziert ? all das, um die Abhängigkeit und ein Entwicklungsmodell zu restaurieren, das heute unter Vermeidung des häßlichen Wortes »Abhängigkeit« als selektive Weltmarktintegration bezeichnet wird.
Die sozialen Bewegungen, die im Windschatten häufig populistischer nationaler Politiken der Importsubstitution aufkeimten und gegen die Bollwerke der alten Oligarchien und ihrer bewaffneten Arme anrannten, wurden überrollt. Ähnlich wie der cubanischen Revolution die Luft genommen wurde, in der soziale Revolutionen und Utopien nur gedeihen können, bekamen sie keine Chance für die Revolutionierung des Alltags. Historische Borniertheiten in den eigenen Reihen wie Kazikentum (in der Tradition der indigenen Hochkulturen stehende, streng vertikale Organisation mit dominanten Führerfiguren an der Spitze) und Machismus blieben weitestgehend unangetastet. Es ist deshalb kein Zufall, wenn die Basisdemokratisierung, der Feminismus oder die Umweltbewegung erst spät in Lateinamerika Fuß faßten.

Das Jahrzehnt der Revolution
Im »Programm der Demokratischen Revolutionären Regierung« zum Beispiel, das die vereinigten salvadorianischen Massenorganisationen 1980 beschlossen, finden wir Themen wie Frauen oder Umwelt mit keinem Wort und die »demokratischen Rechte und Freiheiten« in einem eher bürgerrechtlichen als basisdemokratischen Sinne nur kurz erwähnt. Konkretere emanzipatorische Zukunftsvisionen kommen in diesem Programm nicht vor, wohl aber ? übrigens ähnlich wie in der neozapatistischen Rhetorik (vgl. dazu iz3w Nr. 219) ? allgemeine Formulierungen wie Freiheit und soziale Gerechtigkeit.
Kern des Programmes war ein Katalog von unmittelbaren Sofortmaßnahmen sowie von Struktur- und Sozialreformen. Die unmittelbaren Eingriffe zielten auf politische und institutionelle Veränderungen wie die Auflösung der Sicherheitskräfte, ein Volksheer und eine neue Verfassung, sowie erste Schritte zu einer unabhängigeren Außenpolitik. Die Strukturreformen ließen sich der Importsubstitution und dem staatskapitalistischen Modell gleichermaßen zuordnen. Mit einer tiefgreifenden Agrarreform sollte die Macht der alten Oligarchie gebrochen, sollten die Produktionsmittel dieses Bereiches in Staats- und kollektive Betriebe überführt und das Wachstum angekurbelt werden. Die Schlüsselbereiche der Wirtschaft ? Banken, Außenhandel, Energieproduktion und -versorgung ? sollten verstaatlicht, Monopolunternehmen enteignet und ein System der nationalen Wirtschaftsplanung eingerichtet werden. Aus den Einnahmen und direkten Steuern sollten die Sozialreformen finanziert werden. Dabei wurden Lohn- und Preiskontrollen und Verbesserungen in der Sozialversicherung, im Bildungs- und Gesundheitswesen sowie im Wohnungsbau angepeilt. Den »kleinen und mittleren Unternehmern« wurde versichert, daß sie unter dem geplanten Umbau nicht leiden, sondern gefördert würden.
Dem Programm liegen die traditionellen, damals als sozialistisch gehandelten Vorstellungen zu Grunde, daß der Staat die Schlüsselinstrumente des Wachstums übernimmt und dessen Erfolge in die sozialen Bereiche kanalisiert. Es ist ein Programm der beschleunigten Industrialisierung, die fast automatisch zum »Wohlergehen des Volkes« und zum »fortschreitenden sozialen Fortschritt« führen sollte ? was Lenin unter dem Schlagwort »Elektrifizierung« und Che Guevara unter »Entwicklung der Technik« faßte. Der zweite Pfeiler beim Aufbau des Sozialismus ? bei Lenin waren es die Sowjets, bei Che ging es um die Schaffung des neuen Menschen ? fehlt. Aus den in mythische Höhen erhobenen »Massen« wurden unter der Hand Objekte staatlicher Sozialpolitik.
Daß materieller Fortschritt und Wirtschaftswachstum keine nach oben offene Spirale sind, hatte zu Beginn der hoffnungsvollen 80er Jahre in Mittelamerika noch keinen Eingang in die revolutionäre Programmatik gefunden. Der Glaube an die Allmacht des Wachstums, der den Nachkriegserfahrungen in den westlichen Industrieländern und in Lateinamerika entsprochen hatte, war noch ungebrochen. Nach dem Scheitern der Importsubstitution wurden nicht die Prämissen der allesamt auf der Wachstumsidee beruhenden Modelle überprüft, sondern im Gegenteil bald der neoliberale Weg eingeschlagen. Heute erleben wir eine ähnliche Situation: Nachdem der Siegeszug des Neoliberalismus zu einem »jobless growth« geführt hat, bleiben erneut die Prinzipien von Wachstum, Warenwirtschaft und des Privateigentums an den Produktionsmitteln tabu. Vielmehr erklären die Rexrodts und Fujimoris, es gäbe eben immer noch zu wenig Markt.
Wie sich die Marktutopie durchsetzt zeigt auch der Fortgang der salvadorianischen Revolution nach 1980. Unter großen Opfern konnten zwei der geplanten Sofortmaßnahmen, nämlich die Beendigung der Repression und die Auflösung der Sicherheitskräfte, halbwegs umgesetzt werden. Aus dem Anspruch auf eine neue Verfassung sind jedoch nur einige Verfassungsänderungen geworden und in den Friedensverträgen von 1992 hat die FMLN (unter Protest) unterschrieben, daß die Strukturanpassungspolitik nicht zur Disposition steht. In jüngeren Programmen tauchen Frauen und Umwelt auf ? als Erweiterung traditioneller linker Kataloge, fast beliebig ergänzbar durch SeniorInnen und Kinder. Einige soziale Forderungen wie die Senkung von Mehrwertsteuer, Mieten, Strom-, Wasser- und Telefontarifen, die Schaffung von Arbeitsplätzen, die Streichung von Schulden sowie die Forderung nach sozialen Investitionen sind in der letzten Wahlplattform der FMLN, erstellt zu den Parlaments- und Kommunalwahlen im März diesen Jahres, weiterhin enthalten. Der Vorschlag aber, mittels einer radikalen Agrarreform, der Verstaatlichung der wirtschaftlichen Schlüsselbereiche und durch Enteignungen die Finanzierung dieser Maßnahmen zu gewährleisten, ist verschwunden.

Utopien am »Ende der Geschichte«
Die sozialen und ökologischen Resultate der globalisierten Wachstumswirtschaft lassen aber den Ruf nach noch mehr Markt in höchstem Maße unvernünftig, ja absurd erscheinen. Stattdessen sind Vorschläge jenseits von Wachstumsideologie und Staatsdirigismus gefragt. Überlegungen, wie sie Franz Hinkelammert, der 1970 in Chile eine »Dialektik der ungleichen Entwicklung« verfaßte und sich heute von Costa Rica aus an der lateinamerikanischen Diskussion beteiligt, in jüngerer Zeit anstellt, sind Beispiele für diesen Weg. Statt weiter zu liberalisieren, schlägt er z.B. vor, traditionelle Produktionsformen und einfache Warenproduktionen zu schützen; oder entgegen dem Trend nicht immer größeren Kuchen hinterherzulaufen, sondern den vorhandenen Kuchen erst einmal ordentlich zu verteilen, weil überhöhte Einkommen und Vermögen anlagesüchtiges Kapital erzeugen. Öffentliche Sozialversicherungssysteme sollten nicht privatisiert, sondern umgekehrt die privaten Pensionskassen, deren schiere Kapitalmassen auf der Suche nach profitablen Anlagefeldern alles niederstampfen, in Renten- und Krankenkassen verwandelt werden.
Das hört sich heute so utopisch an, wie etwa Forderungen nach einer Zwanzig-Stunden-Woche oder einer Arbeitsteilung, bei der niemand länger als zwei Stunden derselben Tätigkeit nachgehen muß. Utopien haben freilich schon immer anscheinend verkehrte Welten beschrieben und Revolutionen versucht, das Untere nach oben zu kehren.

Als Herbert Marcuse 1967 mit Berliner StudentInnen über Utopien diskutierte vertrat er die Meinung, daß das Ende der Utopien gekommen sei, weil die Utopien heute verwirklichbar sind. Diese Situation, meinte er, könne auch als »Ende der Geschichte« begriffen werden ? und zwar in dem Sinne, »daß die neuen Möglichkeiten einer menschlichen Gesellschaft und ihrer Umwelt (...) nicht mehr als Fortsetzung der alten (...) vorgestellt werden können, (sondern) einen Bruch mit dem geschichtlichen Kontinuum voraussetzen, jene qualitative Differenz zwischen einer freien und den noch unfreien Gesellschaften heute, die nach Marx in der Tat alle bisherige Geschichte zur Vorgeschichte der Menschheit macht.« 25 Jahre später hat Fukuyama mit seinem Buch »Das Ende der Geschichte« größere Aufmerksamkeit erregt. Sein »Ende der Geschichte« behauptet freilich das glatte Gegenteil, nämlich daß auf dem totalen Markt, unter der Alleinherrschaft des Kapitals, die Vorgeschichte zur Ewigkeit geworden ist. Diese 25 Jahre markieren eine Zeit der Niederlagen für globale Befreiungsprojekte ? auch der Niederlage der »zweiten Welle der lateinamerikanischen Revolution«. An diese Zeit schließt sich aber, gerade weil es kein Ende der Geschichte geben kann, die Aufforderung an, nun nicht den Kopf in jenen Sand zu stecken, in dem die zweite Welle sich gerade verlaufen hat.


Ulf Baumgärtner ist Agraringenieur und Mitarbeiter von ILA.
Ein Traum aus Haut und Knochen
Politische Utopien in Lateinamerika

von Ulf Baumgärtner


Revolutionäre politische Utopien und das Ringen um alternative Entwicklungskonzepte haben nach dem Zweiten Weltkrieg in Lateinamerika eine große Rolle gespielt. Die Befreiung aus der Abhängigkeit vom Weltmarkt und von herrschenden Eliten stand dabei im Vordergrund. Ein Streifzug durch die jüngere Geschichte Lateinamerikas und das Beispiel El Salvadors zeigen jedoch, daß seit jeher die Idee des Wachstums dominierte und nunmehr der Neoliberalismus alle anderen Utopien in seinen Schatten stellt.

Ich glaubte damals ? wie heute noch ? in jenen Menschen dämmere ein neuer Mensch herauf. Der spanische Traum aber ? nicht weil er nur spanisch, sondern weil er universal und konkret, das heißt ein Traum »aus Haut und Knochen und erschrockenen Augen« war ? verdunkelte sich schnell und verschwand. Und die Gesichter, die ich sah, wurden wieder, was sie waren, bevor jene begeisternde Sicherheit (im Leben oder im Tod?) sich ihrer bemächtigt hatte: Gesichter von armen, einfachen Leuten. Doch die Erinnerung an sie verläßt mich nicht. Wer die Hoffnung einmal gesehen hat, vergißt sie nicht mehr. (Octavio Paz über die spanische Revolution)

Wenn Klaus Zwickel beim x-ten Versuch, ein »Bündnis für Arbeit« feilzubieten, die 32-Stunden-Woche vorschlägt, macht sich niemand die Mühe, so einen Vorschlag als utopisch wegzuwischen. Schließlich wissen alle, daß er nicht auf Befreiung von Lohnknechtschaft, sondern auf »Standortsicherung« zielt. Gerade die gegenwärtige Diskussion um die Zukunft der Arbeit lädt aber dazu ein, in die Vergangenheit der Utopien zu blicken. Denn die Vorstellung, Arbeit sei ein unvermeidliches Mittel für einen höheren Zweck, nämlich die Verwirklichung der menschlichen Natur in vernünftigem Genuß und geistiger Entfaltung, und die Arbeitszeit sei deshalb so weit wie möglich zu verkürzen, ist fester Bestandteil von Utopien. Thomas Morus, ein Zeitgenosse jenes Amerigo Vespucci, dessen Vorname zur Bezeichnung der Kolonien in der Neuen Welt wurde und der die Kunde brachte von fernem Leben ohne Privateigentum, veröffentlichte 1516 seine Ideen von einem gesellschaftlichen Idealzustand in einem »Land, das nirgends ist«, in Utopia. Dort gibt es kein Privateigentum und die tägliche Arbeitszeit beträgt sechs Stunden. In »Ökotopia«, einem in Vergessenheit geratenen Bestseller der hiesigen Alternativbewegung (1978 auf Deutsch erschienen), werden nur 20 Stunden in der Woche gearbeitet. Zwischendrin konnte sich der utopische Sozialist Charles Fourier Anfang des 19. Jahrhunderts eine sinnvollere gesellschaftliche Arbeitsteilung und für die menschlichen Bedürfnisse attraktivere Arbeitsformen als jene der Fron- und Lohnarbeit vorstellen.

Wo ist der neue Mensch geblieben?
Derlei konkrete Utopien sucht man vergeblich in den Worten und Werken der nationalen Befreiungsbewegungen und politisch-militärischen Organisationen der »zweiten Welle der lateinamerikanischen Revolution« (Paco Ignacio Taibo II) nach dem Zweiten Weltkrieg. (Als erste Welle gilt dabei die Zeit der Erringung der politischen Unabhängigkeit von Spanien Anfang des 19. Jahrhunderts.) Wohl aber erinnern wir uns aus jener Zeit an die Rede vom neuen Menschen. Che Guevara hat ihn in »Mensch und Sozialismus auf Cuba« (1965) beschrieben und dabei unterstrichen, daß er sich nur entwickeln könne, wenn die alte Ordnung an den Wurzeln ausgerottet wird. Die Vorstellung, daß es für diese Veränderung der ökonomischen Basis und den Wandel des Bewußtseins einer Avantgarde bedarf, ist uns allerdings ebenso fremd geworden wie das Leitbild des Revolutionärs (die Revolutionärin kommt bei ihm nicht vor), der großherzig ist, durchtränkt von der »Liebe zu den Völkern« und der »vollkommenen Hingabe an die revolutionäre Sache« und sich nicht von den Sorgen seiner Familie, seiner Frau und seiner Kinder »heimsuchen läßt«.
Weniger fremd (aber nicht gerade aktuell) ist die Diskussion darüber, wie dem revolutionären Schwung, der in bestimmten Situationen um sich greift, im täglichen Leben Dauer verliehen werden könnte. Guevaras Warnung vor der Versuchung, materielle Interessen als Hebel für diesen Zweck zu benutzen, weil damit die Gefahr heraufbeschworen werde, daß die unsichtbare Hand des Marktes die Entwicklung des Bewußtseins unterminiert, ist als Warnung vor dem Konsumismus aktuell und klingt zugleich wie eine Vorahnung der späteren Entwicklung Cubas. Statt der materiellen Hebel schlägt Che Guevara »Instrumente grundsätzlich ideeller Natur« vor und setzt auf Erziehung, damit sich neue Werte im Bewußtsein entwickeln und neue Haltungen entstehen, die schließlich zur Gewohnheit werden. Bekanntlich ist es soweit nicht gekommen, obwohl es auf Cuba wie später auch in Nicaragua Alphabetisierungskampagnen und große Anstrengungen zur Bewußtseinsentwicklung gegeben hat.
Jenseits dieser historischen Betrachtung stellt sich allerdings die allgemeinere Frage, ob der moralische Appell je die materiellen Anreize wird ersetzen können; ob der Appell »Die Gesellschaft muß eine riesige Schule werden« nicht auf die Errichtung einer Erziehungsdiktatur hinausläuft. In dieser Beziehung steht Che Guevara dem Staatsmann und kirchlichen Würdenträger Thomas Morus näher als dem Handelsreisenden Charles Fourier. In Morus? »Utopia« gibt es eine Bildungselite, deren Angehörige von den Priestern vorgeschlagen und in einem geheimen Verfahren ausgewählt werden ? gerade so wie die »revolutionären Institutionen« auf Cuba jene auslesen sollen, »die als Vorhut zu marschieren das Zeug haben«. Fourier dagegen wollte den Menschen nicht umerziehen, sondern die Gesellschaft und die Umwelt der menschlichen Natur anpassen, die z.B. ein Bedürfnis nach Abwechslung hat, weshalb es sinnvoll ist, die Arbeit so zu organisieren, daß niemand länger als zwei Stunden mit derselben Tätigkeit beschäftigt ist.
Diese allgemeine Frage hängt mit der konkreten Geschichte Lateinamerikas in den letzten 50 Jahren insofern zusammen, als der Imperialismus keinem der Anstürme innerhalb der zweiten Welle der lateinamerikanischen Revolution ? weder der kubanischen Revolution, noch dem chilenischen Weg zum Sozialismus, auch nicht der sandinistischen Revolution, um nur die markantesten zu nennen ? Zeit und Raum gelassen hat, über eine gesellschaftliche Organisation zu debattieren, geschweige denn, eine zu erproben, in der die Herrschaft von Menschen über Menschen nicht immer wieder neu entsteht.

Im Morgengrauen
des Neoliberalismus
Als 1973 General Pinochet den chilenischen Weg zum Sozialismus blutig beendete, war Cuba durch die US-Blockade bereits von der »Patria Grande« und ihren Emanzipationsbewegungen isoliert, der Aufbau des Sozialismus zu einem aussichtslosen Aufbau des »Sozialismus in einem Lande« gezwungen worden. 1973 war auch ein Markstein für den Niedergang des Wirtschaftsmodelles der importsubstituierenden Industrialisierung. Dieses war das »alternative« Entwicklungsmodell der Peripherie, das den Nachkriegsboom in den westlichen Industrieländern begleitete und ebenfalls hohe Wachstumsraten zeitigte. Politisch ging es dabei um mehr Unabhängigkeit auf dem kapitalistischen Weltmarkt. Begründet wurde das Konzept in der Dependencia-Theorie, die in den 60er Jahren von der UN-Wirtschaftskommission (CEPAL) bis zu den sozialen Bewegungen fast allgegenwärtig war.
Im gleichen Jahr begann freilich auch die allgemeine Krise in den Industrienationen. Das Ende des Nachkriegsbooms mit seinen hohen Wachstumsraten und vergleichsweise großzügigen Sozialpolitiken war erreicht. Die neoliberalen Vordenker kamen nun vom Mont Pélérin herunter (1947 hatten eiserne Gegner des europäischen Wohlfahrtsstaates und des US-amerikanischen New Deal wie Friedrich Hayek, Milton Friedman, Karl Popper und Walter Euken in der Schweiz die Mont-Pélérin-Gesellschaft gegründet), diagnostizierten zuviel Macht der ArbeiterInnenbewegung sowie zuviel Sozialstaat und empfahlen Geldwertstabilität, die Herstellung einer »natürlichen« Arbeitslosenquote und Steuerreformen zugunsten der Unternehmer, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. 1979, im Jahr der sandinistischen Revolution, griff Margaret Thatcher diese Anregungen auf und etablierte ein Wirtschaftsmodell, das von Reagan bis Kohl, Berlusconi und Aznár und von Pinochet über Salinas und Menem bis Fujimori überzeugte Adepten gefunden hat.
Wie in Cuba war damit auch auf dem lateinamerikanischen Festland die Gegenbewegung schneller und massiver. Wirtschaftlich scheiterte die importsubstituierende Industrialisierung an der Abhängigkeit, aus der sie Lateinamerika führen wollte: Die Exporte, seit kolonialen Zeiten überwiegend Rohstoffe, hinkten bald den industriellen Importen hinterher, so daß sich zuerst Zahlungsbilanzdefizite und später Schuldenberge aufhäuften. Politisch sorgten die Militärdiktaturen für ein Ende der Befreiungsbewegungen, die als umso gefährlicher galten, als sie nicht nur nationale Befreiung und günstigere Positionen auf dem Weltmarkt anstrebten, sondern in der Auseinandersetzung mit den nationalen Oligarchien auch auf soziale Befreiung zielten. Ideologisch wurden nunmehr Importsubstitution und Agrarreform als untauglich, die Dependenz-Theorien als bloße Weltanschauung und das Streben nach mehr wirtschaftlicher Unabhängigkeit als spielverderbende Abkoppelung denunziert ? all das, um die Abhängigkeit und ein Entwicklungsmodell zu restaurieren, das heute unter Vermeidung des häßlichen Wortes »Abhängigkeit« als selektive Weltmarktintegration bezeichnet wird.
Die sozialen Bewegungen, die im Windschatten häufig populistischer nationaler Politiken der Importsubstitution aufkeimten und gegen die Bollwerke der alten Oligarchien und ihrer bewaffneten Arme anrannten, wurden überrollt. Ähnlich wie der cubanischen Revolution die Luft genommen wurde, in der soziale Revolutionen und Utopien nur gedeihen können, bekamen sie keine Chance für die Revolutionierung des Alltags. Historische Borniertheiten in den eigenen Reihen wie Kazikentum (in der Tradition der indigenen Hochkulturen stehende, streng vertikale Organisation mit dominanten Führerfiguren an der Spitze) und Machismus blieben weitestgehend unangetastet. Es ist deshalb kein Zufall, wenn die Basisdemokratisierung, der Feminismus oder die Umweltbewegung erst spät in Lateinamerika Fuß faßten.

Das Jahrzehnt der Revolution
Im »Programm der Demokratischen Revolutionären Regierung« zum Beispiel, das die vereinigten salvadorianischen Massenorganisationen 1980 beschlossen, finden wir Themen wie Frauen oder Umwelt mit keinem Wort und die »demokratischen Rechte und Freiheiten« in einem eher bürgerrechtlichen als basisdemokratischen Sinne nur kurz erwähnt. Konkretere emanzipatorische Zukunftsvisionen kommen in diesem Programm nicht vor, wohl aber ? übrigens ähnlich wie in der neozapatistischen Rhetorik (vgl. dazu iz3w Nr. 219) ? allgemeine Formulierungen wie Freiheit und soziale Gerechtigkeit.
Kern des Programmes war ein Katalog von unmittelbaren Sofortmaßnahmen sowie von Struktur- und Sozialreformen. Die unmittelbaren Eingriffe zielten auf politische und institutionelle Veränderungen wie die Auflösung der Sicherheitskräfte, ein Volksheer und eine neue Verfassung, sowie erste Schritte zu einer unabhängigeren Außenpolitik. Die Strukturreformen ließen sich der Importsubstitution und dem staatskapitalistischen Modell gleichermaßen zuordnen. Mit einer tiefgreifenden Agrarreform sollte die Macht der alten Oligarchie gebrochen, sollten die Produktionsmittel dieses Bereiches in Staats- und kollektive Betriebe überführt und das Wachstum angekurbelt werden. Die Schlüsselbereiche der Wirtschaft ? Banken, Außenhandel, Energieproduktion und -versorgung ? sollten verstaatlicht, Monopolunternehmen enteignet und ein System der nationalen Wirtschaftsplanung eingerichtet werden. Aus den Einnahmen und direkten Steuern sollten die Sozialreformen finanziert werden. Dabei wurden Lohn- und Preiskontrollen und Verbesserungen in der Sozialversicherung, im Bildungs- und Gesundheitswesen sowie im Wohnungsbau angepeilt. Den »kleinen und mittleren Unternehmern« wurde versichert, daß sie unter dem geplanten Umbau nicht leiden, sondern gefördert würden.
Dem Programm liegen die traditionellen, damals als sozialistisch gehandelten Vorstellungen zu Grunde, daß der Staat die Schlüsselinstrumente des Wachstums übernimmt und dessen Erfolge in die sozialen Bereiche kanalisiert. Es ist ein Programm der beschleunigten Industrialisierung, die fast automatisch zum »Wohlergehen des Volkes« und zum »fortschreitenden sozialen Fortschritt« führen sollte ? was Lenin unter dem Schlagwort »Elektrifizierung« und Che Guevara unter »Entwicklung der Technik« faßte. Der zweite Pfeiler beim Aufbau des Sozialismus ? bei Lenin waren es die Sowjets, bei Che ging es um die Schaffung des neuen Menschen ? fehlt. Aus den in mythische Höhen erhobenen »Massen« wurden unter der Hand Objekte staatlicher Sozialpolitik.
Daß materieller Fortschritt und Wirtschaftswachstum keine nach oben offene Spirale sind, hatte zu Beginn der hoffnungsvollen 80er Jahre in Mittelamerika noch keinen Eingang in die revolutionäre Programmatik gefunden. Der Glaube an die Allmacht des Wachstums, der den Nachkriegserfahrungen in den westlichen Industrieländern und in Lateinamerika entsprochen hatte, war noch ungebrochen. Nach dem Scheitern der Importsubstitution wurden nicht die Prämissen der allesamt auf der Wachstumsidee beruhenden Modelle überprüft, sondern im Gegenteil bald der neoliberale Weg eingeschlagen. Heute erleben wir eine ähnliche Situation: Nachdem der Siegeszug des Neoliberalismus zu einem »jobless growth« geführt hat, bleiben erneut die Prinzipien von Wachstum, Warenwirtschaft und des Privateigentums an den Produktionsmitteln tabu. Vielmehr erklären die Rexrodts und Fujimoris, es gäbe eben immer noch zu wenig Markt.
Wie sich die Marktutopie durchsetzt zeigt auch der Fortgang der salvadorianischen Revolution nach 1980. Unter großen Opfern konnten zwei der geplanten Sofortmaßnahmen, nämlich die Beendigung der Repression und die Auflösung der Sicherheitskräfte, halbwegs umgesetzt werden. Aus dem Anspruch auf eine neue Verfassung sind jedoch nur einige Verfassungsänderungen geworden und in den Friedensverträgen von 1992 hat die FMLN (unter Protest) unterschrieben, daß die Strukturanpassungspolitik nicht zur Disposition steht. In jüngeren Programmen tauchen Frauen und Umwelt auf ? als Erweiterung traditioneller linker Kataloge, fast beliebig ergänzbar durch SeniorInnen und Kinder. Einige soziale Forderungen wie die Senkung von Mehrwertsteuer, Mieten, Strom-, Wasser- und Telefontarifen, die Schaffung von Arbeitsplätzen, die Streichung von Schulden sowie die Forderung nach sozialen Investitionen sind in der letzten Wahlplattform der FMLN, erstellt zu den Parlaments- und Kommunalwahlen im März diesen Jahres, weiterhin enthalten. Der Vorschlag aber, mittels einer radikalen Agrarreform, der Verstaatlichung der wirtschaftlichen Schlüsselbereiche und durch Enteignungen die Finanzierung dieser Maßnahmen zu gewährleisten, ist verschwunden.

Utopien am »Ende der Geschichte«
Die sozialen und ökologischen Resultate der globalisierten Wachstumswirtschaft lassen aber den Ruf nach noch mehr Markt in höchstem Maße unvernünftig, ja absurd erscheinen. Stattdessen sind Vorschläge jenseits von Wachstumsideologie und Staatsdirigismus gefragt. Überlegungen, wie sie Franz Hinkelammert, der 1970 in Chile eine »Dialektik der ungleichen Entwicklung« verfaßte und sich heute von Costa Rica aus an der lateinamerikanischen Diskussion beteiligt, in jüngerer Zeit anstellt, sind Beispiele für diesen Weg. Statt weiter zu liberalisieren, schlägt er z.B. vor, traditionelle Produktionsformen und einfache Warenproduktionen zu schützen; oder entgegen dem Trend nicht immer größeren Kuchen hinterherzulaufen, sondern den vorhandenen Kuchen erst einmal ordentlich zu verteilen, weil überhöhte Einkommen und Vermögen anlagesüchtiges Kapital erzeugen. Öffentliche Sozialversicherungssysteme sollten nicht privatisiert, sondern umgekehrt die privaten Pensionskassen, deren schiere Kapitalmassen auf der Suche nach profitablen Anlagefeldern alles niederstampfen, in Renten- und Krankenkassen verwandelt werden.
Das hört sich heute so utopisch an, wie etwa Forderungen nach einer Zwanzig-Stunden-Woche oder einer Arbeitsteilung, bei der niemand länger als zwei Stunden derselben Tätigkeit nachgehen muß. Utopien haben freilich schon immer anscheinend verkehrte Welten beschrieben und Revolutionen versucht, das Untere nach oben zu kehren.

Als Herbert Marcuse 1967 mit Berliner StudentInnen über Utopien diskutierte vertrat er die Meinung, daß das Ende der Utopien gekommen sei, weil die Utopien heute verwirklichbar sind. Diese Situation, meinte er, könne auch als »Ende der Geschichte« begriffen werden ? und zwar in dem Sinne, »daß die neuen Möglichkeiten einer menschlichen Gesellschaft und ihrer Umwelt (...) nicht mehr als Fortsetzung der alten (...) vorgestellt werden können, (sondern) einen Bruch mit dem geschichtlichen Kontinuum voraussetzen, jene qualitative Differenz zwischen einer freien und den noch unfreien Gesellschaften heute, die nach Marx in der Tat alle bisherige Geschichte zur Vorgeschichte der Menschheit macht.« 25 Jahre später hat Fukuyama mit seinem Buch »Das Ende der Geschichte« größere Aufmerksamkeit erregt. Sein »Ende der Geschichte« behauptet freilich das glatte Gegenteil, nämlich daß auf dem totalen Markt, unter der Alleinherrschaft des Kapitals, die Vorgeschichte zur Ewigkeit geworden ist. Diese 25 Jahre markieren eine Zeit der Niederlagen für globale Befreiungsprojekte ? auch der Niederlage der »zweiten Welle der lateinamerikanischen Revolution«. An diese Zeit schließt sich aber, gerade weil es kein Ende der Geschichte geben kann, die Aufforderung an, nun nicht den Kopf in jenen Sand zu stecken, in dem die zweite Welle sich gerade verlaufen hat.


Ulf Baumgärtner ist Agraringenieur und Mitarbeiter von ILA.