Volltext

(Artikel * 1997) Breitinger,Eckhard
You ANC nothing yet Das Grahamstown Festival 1996
in Blätter des iz3w Nr. 220 * Seite 42-43
Themen: Bericht; Theater; südliches Afrika; Kunst; Kultur; Südafrika; Konflikt; Apartheid; Ethnischer * Dok-Nr: 63674
Theater


You ANC nothing yet

Das Grahamstown Festival 1996

von Eckhard Breitinger


Das Grahamstown Festival reflektiert nicht nur die Entwicklungen innerhalb des südafrikanischen Theaters, sondern auch die politischen Verhältnisse ? zumindest im Nebenprogramm. Dort wurde in mehreren Stücken die Arbeit der Wahrheitskommission in Szene gesetzt.

Einmal im Jahr, mitten im südafrikanischen Winter, verwandelt sich die kleine Universitätsstadt Grahamstown zur Kulturmetropole des südlichen Afrika. Das Grahamstown Festival ist nach dem Edinburgh Festival zum zweitgrößten Kunstereignis weltweit geworden. Über 12 Tage finden annähernd 1000 Veranstaltungen statt, deren Schwerpunkt bei den darstellenden Künsten, Tanz, Theater und Oper liegt.
Erstmals 1974 als Schaufenster der anglophonen Kultur abgehalten, repräsentiert das Festival heute die vielfältigen Kulturtraditionen der neuen »Regenbogennation«. In den Worten Nelson Mandelas ist das Festival »zu einem der wichtigsten Ereignisse im Leben der neuen Nation geworden«.
Während der Apartheidsjahre steuerte das Festival einen oft kritisierten Vermittlungskurs: Zwar bot es den politisch engagierten, auch radikalen KünstlerInnen eine Plattform, versuchte aber offene Konflikte mit dem Regime zu vermeiden. Das Festival galt immer als Barometer der Großwetterlage der Künste in Südafrika, und selbst während der Jahre des Kulturboykotts sind in Grahamstown die Theaterstücke aufgeführt worden, die als Festivalbeiträge in Edinburgh, Avignon oder New York das Bild von dem »anderen Südafrika« prägten. Auch William Kentridges »Woyzeck on the Highfield« und »Faustus in Africa« kamen in den 90er Jahren über Grahamstown nach Europa.
Seit dem Ende der Apartheid hat verständlicherweise eine Umorientierung der politischen Themen stattgefunden. 1996 standen zwei davon im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses: die Arbeit der Wahrheitskommission und die ethnischen Konflikte zwischen Zulus und Xhosas in Natal. Beide Themen berührt das offizielle Festivalprogramm eher am Rande. Im Hauptprogramm dominierten eindeutig ausländische Stücke der modernen Klassik, offenkundig in dem Bemühen, künstlerisch zur internationalen Theaterszene aufzuschließen. Dazu zählten Arthur Millers »Hexenjagd« (ohne Bezug zur Wahrheitskommission inszeniert) und August Wilsons »Die Klavierstunde«.

Neuer Schmuck an alten Köpfen
Lediglich der Satiriker Peter-Dirk Uys nahm mit seiner Ein-Mann-Show »Truth Omissions« (Wahrheits-Auslassungen) die Arbeit der Truth Commission kritisch unter die Lupe. Peter-Dirk Uys ist seit vielen Jahren der führende politische Kabarettist Südafrikas, der Liebling der liberalen Intellektuellen. Sein Markenzeichen ist seine Figur Evita Bezuidenhout, die er zu seinem satirischen Alter-Ego steigerte. In »Truth Omissions«, wie schon in der Show des Vorjahres »You ANC nothing yet« verkörpert Evita Bezuidenhout die Wendehalsmentalität der lauwarmen Scheinliberalen im neuen Südafrika. Charakteristisch für Mrs. Bezuidenhout ist ihre prächtige äußere Erscheinung und die Verwendung von liberalen Floskeln zum Kaschieren ihres anhaltenden Rassismus.
Mit der südafrikanischen Wende wandelte sich auch ihr Stil. Als Mrs. Bezuidenhout vor die Wahrheitskommission zitiert wird, ist sie prächtig geschmückt wie immer ? diesmal allerdings in den Farben des ANC. Ohrgehänge, Ringe, Armbänder, Halsketten sind noch immer aus fettem Gold. Jetzt aber dominiert das politisch korrekte Afro-Design. Auch ihr Verhältnis zu dem Hausmädchen gestaltet sich neu, und sie eignete sich auch einige Redensarten in Zulu an, um ihre Verbundenheit und politische Neuorientierung zu dokumentieren. Hinter all dem liberalen Gehabe wird jedoch die Unwandelbarkeit rassistischer Grundeinstellungen deutlich: ?Madam? bleibt ?Madam? und schwarze ?Maid? bleibt ?Maid?.
An dieser Grundwahrheit ändern auch die verbalen Verrenkungen vor der Wahrheitskommission nichts. Wenn man den Blick stramm nach vorne auf das neue Südafrika richtet wie Evita Bezuidenhout, was hilft da das Herumstochern in den »Mißverständnissen und Ungereimtheiten der Vergangenheit«. Pieter-Dirk Uys füllt mit seinen Vorstellungen mühelos den größten Saal des Settlers Monument und kann sich des Applaus des überwiegend weißen Publikums sicher sein.

Im Geist der Wahrheitskommission
Die Truth and Reconciliation Commission hatte unter dem Vorsitz von Bischof Desmond Tutu zum 1. Januar 1996 ihre Arbeit aufgenommen. Ziel der Anhörungen vor der Wahrheitskommission ist es, die während der Apartheidsära begangenen Verbrechen aufzuklären. Politisch motivierte Täter sollen amnestiert werden und den Opfern soll wenigstens soweit Genugtuung verschafft werden, daß Tat und Täterschaft öffentlich bekannt gemacht werden (s. S. 23-26). Zum Zeitpunkt des Grahamstown Festivals waren die Zeitungen voll von Berichten der Anhörungen vor der Wahrheitskommission.
Doch boten die sechs Monate Aktivität der Kommission nicht unbedingt ein ausreichendes Fundament und genug Zeit für die Kunstschaffenden, um auf diese neue politische Entwicklung fundiert und adäquat zu reagieren. Lediglich im Alternativ-Programm lieferte die Truth Commission den Stoff für mehrere Stücke. Die Studententanztruppe der University of Natal/Durban hat mit dem von Etienne Essery konzipierten und choreographierten »Truth, History and the Twilight Zone« versucht, Vergangenheitsbewältigung mit den Mitteln des Bewegungstheaters anzugehen.
Bezeichnenderweise ist das Stück, das die Problematik der Wahrheitsfindung und Verarbeitung am direktesten aufgreift, keine originale südafrikanische Produktion. Das Windybrow Theatre aus Johannesburg inzenierte das Stück »Death and the Maiden« des chilenischen Dramatikers Ariel Dorfman. Im südafrikanischen Kontext wird dieses Stück zu einer Darstellung der gängigen Annahmen und Befürchtungen sowie der Vorbehalte gegenüber der Warheitskommission.
Die drei Bühnenfiguren Paula, John und der Arzt repräsentieren die drei Grundpositionen zur Truth Commission und dramatisieren sie als Konflikt zwischen Personen ? nicht zwischen Konzeptionen. Auf diese Weise wird der Drang der Opfer nach persönlicher Vergeltung und die Furcht der Täter vor der Enttarnung und einer unkontrollierbaren Lynchjustiz thematisiert. Paula, die weiße liberale Anglo-Südafrikanerin, die wegen ihres Engagements gegen die Apartheid selbst zum Opfer wurde, steht dem rassistischen burischen Intellektuellen gegenüber. Ihr Ehemann, der schwarze Jurist John hat dagegen die Aufgabe, sein neues Südafrika auf eine zukunftsträchtige Basis der Rechtstaatlichkeit und der Versöhnung zu stellen. Das Stück erhält dadurch eine besondere Note, daß das Opfer-Täter Verhältnis nicht nach dem üblichen Strickmuster Schwarz/ Weiß angelegt ist.
In einem abendlichen Besucher glaubt Paula jenen Mann zu erkennen, der vor 15 Jahren während ihrer Haft für ihre mehrfache Vergewaltigung verantwortlich war. Zunächst scheint sie sich mit einem Eingeständnis seiner Schuld zu begnügen, was dem Geist der Versöhnung der Wahrheitskommission entsprechen würde. Da sich der afrikaanse Arzt jedoch weigert zu gestehen, inszeniert Paula eine Gerichtsverhandlung gegen ihren vermeintlichen Peiniger mit den Mitteln des Psychoterrors ? Scheinhinrichtung, Erpressung, Folterung ?, die sie selbst erlebt hat. Gegen das Gesetz und gegen den Geist der Truth Commission sucht sie, sich durch persönliche Rache Gerechtigkeit zu verschaffen.
Dabei spielt John als Mitglied der Truth Commission und Hauptvertreter des neuen Südafrika eine ziemlich erbärmliche Rolle. Schließlich ist es der Burenarzt, den man als den gewissenlosen und verdrängungssüchtigen Apartheidsschergen verdächtigte, der das Stück auf einen versöhnlicheren Weg zurückbringt. Kaum hat Paula die Pistole von seiner Schläfe genommen, appelliert er an sie und John: »Euch ist schreckliches Unrecht geschehen. Jetzt wollt ihr euch durch neues Unrecht Genugtuung verschaffen. So werden wir den Teufelskreis der rassistischen Gewalt nie durchbrechen.« Die Problematik von Gerechtigkeit für die Opfer und Bestrafung für die Täter, von Versöhnung und Vergebung bleibt letztlich ungelöst.
Die Parallelen zur heutigen Krise in Durban / Natal werden in dem Stück »Cry the Beloved Country« des Victory Suquba Theatres verdeutlicht. Die Heirat eines Zulu-Mannes mit einer Xhosa-Frau kann den ethnischen Rivalitäten zwischen Xhosa und Zulu und den politischen zwischen Inkhata und dem ANC nicht standhalten. Im Hintergrund schürt ein burischer Polizeioffizier den Konflikt und bemerkt sarkastisch:»Die sind doch zu blöd, sich selbst zu regieren. Ich werde noch über Jahre das Heft in der Hand behalten.« Auch die Versöhnung der Familien über den Gräbern von ihren zwei Kindern kann die anfängliche Einschätzung nicht entkräften: »Wir haben zwar unsere Freiheit gewonnen, aber wir befinden uns immer noch im Krieg.«

Hauptsache schön
Höhepunkt des Hauptprogramms war »The Good Person of Sharkeville«, eine südafrikanische Adaptation des Brechtschen Klassikers »Der gute Mensch von Sezuan« durch Janet Suzman und Gcina Mhlope, die allerdings die hochgesteckten Erwartungen nicht vollständig erfüllen konnten. Denn sie blieben unentschieden, ob sie das breite Bedeutungsspektrum des Parabelstücks erhalten oder eher eine spezifisch südafrikanische Gesellschaftsstudie liefern sollten.
Insgesamt spiegelte das Festival die zunehmende Ästhetisierung des südafrikanischen Theaters wider, die häufig auch als seine Entpolitisierung getadelt wird. Ein unverkennbares Zeichen für diese Tendenz ist der Boom des Tanztheaters. Gruppierungen wie PACT (Performing Arts Council of the Transvaal), früher fest in Burenhand, bestachen mit künstlerisch und artistisch raffinierten Produktionen. Dieses »physical theatre« versucht mit einer Mischung aus klassisch-modernen Tanzformen und Akrobatik, Musik und Dialog, sich zwischen den etablierten Formen von Ballett und Sprechtheater anzusiedeln. Schon das Township-Theater der 80er Jahre hatte in seinen Agit-Prop Stücken Pantomime, Gesang und Tanz zu einer dynamischen, handlungsfördernden Präsentationsform entwickelt. Andrew Buckland griff dies in den Stücken »The Human Race« und »The Untold Story« auf.
Haupt- und Alternativ-Programm zeichneten sich durch Experimentierfreude, die Erpobung neuer Darstellungsformen und die Suche nach einer neuen Ästhetik aus. Unübersehbar ist jedoch, daß sich das Publikum im neuen Südafrika noch lange nicht von alten Verhaltensmustern gelöst hat. Die Veranstaltungen im Hauptprogramm werden nach wie vor von einem überwiegend weißen Publikum frequentiert. Ronnie Govenders Stück »1949« das von Indern in Durban handelt, hat ein fast ausschließlich indisches Publikum angezogen, die Aufführungen schwarzer Theater- und Tanzgruppen im Alternativ-Programm hatten ein beinahe rein schwarzes Publikum. »The Good Person of Sharkeville« wie auch »The Piano Lesson« (Die Klavierstunde) wurden zwar von einem rein schwarzen Ensemble gespielt, unter schwarzen KünstlerInnen herrscht dennoch Unzufriedenheit, da sie im Hauptprogramm unterrepräsentiert und im Alternativ-Programm marginalisiert sind. Gerade von Seiten der schwarzen KünstlerInnen wird das Festival als wichtiger Beitrag zur kulturellen Genesung gesehen. Ihre Hoffnungen richten sich insbesondere auf eine Verbesserung der künstlerischen Qualität durch neue Möglichkeiten: »Um den Standard unserer Aufführungen zu verbessern, müssen wir enger zusammenarbeiten.«


Eckhard Breitinger lehrt am Institut für Afrikastudien an der Universität Bayreuth.