Volltext

(Artikel * 1997) Drucker,Peter
In den Tropen gibt's koa Sünd Die Geschichte der Homosexualität in der Dritten Welt (Teil I)
in Blätter des iz3w Nr. 220 * Seite 35-37
Themen: Dokumentation; Sexualität; Kultur; Kolonialismus; Jugend; Traditionelle * Dok-Nr: 63672
Soziokultur

In den Tropen gibt?s koa Sünd

Die Geschichte der Homosexualität
in der Dritten Welt (Teil I)

von Peter Drucker


Homosexualität gibt es fast überall. Ein Blick auf ihre Geschichte im Süden zeigt, daß sie dort nicht immer diskriminiert und stigmatisiert wurde. Vor der Ankunft der Europäer existierte ein eigenes Verständnis von Homosexualität. Ihre Formen und ihre Einbindung in traditionellen Gesellschaften sowie die Veränderungen durch die Kolonialisierung beschreibt der erste Teil dieses Beitrags. Der zweite Teil in der kommenden Ausgabe konzentriert sich dann auf die Entwicklung im späten 20. Jahrhundert.

Gleichgeschlechtliche Sexualität paßt sich meist der sie umgebenden Gesellschaft und ihren Lebensformen an. In vielen traditionellen Gesellschaften legitimierte sie sich in den Termini der bestehenden Geschlechts- und Verwandtschaftssysteme.1 Die Familie war hier die wichtigste Produktionseinheit und die Arbeitsteilung beruhte weitgehend auf geschlechtsspezifischen Kriterien. In diesen in weiten Teilen durch komplexe Heiratsregeln und Clanstrukturen organisierten Gesellschaften fand die gleichgeschlechtliche Erotik häufig ihren Platz, indem sie selbst zu einer Art Verwandtschaftsbeziehung gemacht wurde. Homosexuelle übernahmen die sozialen Rollen und Charakteristika des jeweils anderen Geschlechts. Gemäß diesem Verständnis von Homosexualität wurden Männer als die ?Ehefrauen? anderer Männer oder als mehr oder weniger ehrenhafte Prostituierte betrachtet. Durch diesen Rollenwechsel wurde das homosexuelle Verhalten in die Gesellschaft und ihre Arbeitsteilung eingefügt. Vor der Kolonialisierung kannten viele traditionelle Gesellschaften Afrikas, Asiens und Amerikas diese Formen gleichgeschlechtlicher Lebens- und Liebesformen des geschlechtsrollentauschenden (im engl. Orig. ?transgenderal?) Typs.2
Geschlechtsrollentauschende Homosexuelle spielten oft besondere soziale Rollen. Als Heiler oder Träger von Wissen genossen Sie häufig großes Prestige. Ihre Sexualität war Bestandteil der traditionellen Religion. In den indigenen Kulturen Amerikas gab es beispielsweise homosexuelle Schamanen mit der Bezeichnung ?berdaches?. Rollentauschende Homosexuelle in Indonesien, die bis heute u.a. als ?Waria? bezeichnet werden, wurden mit androgynen Gottheiten assoziiert, bevor sich im 15. Jhd. der Islam in der Region ausbreitete. Noch heute sind Waria in den nicht-islamischen Regionen Borneos und Sulawesis Schamanen. Im Gegensatz zu westlichen Transvestiten »sind Waria den ganzen Tag lang Waria«. Auch auf den Philippinen gab es nach spanischen Berichten seit Beginn der Eroberung 1589 und mindestens bis 1738 Schamanen mit einem geschlechtsrollentauschenden Verhalten. Religiöse Bedeutung wurde dem Geschlechtsrollentausch auch in Teilen Afrikas zugesprochen. Die Shon des heutigen Zimbabwe assoziierten gleichgeschlechtliche Erotik traditionell mit Hexerei.

Geliebte Jugendliche
Rollentauschende Homosexualität wurde nach der Staatenbildung in einigen Regionen unterdrückt. Die Inkas verboten sie, nachdem sie das Küstenvolk der Chimu unterworfen hatten, das auf alten Töpfereien geschlechtliche Beziehungen zwischen Männern dokumentiert. Ähnliche Belege für Homosexualität gibt es auch aus anderen Regionen Mexikos. Im alten Mexiko nahm die Intoleranz gegenüber sexueller Unangepaßtheit wahrscheinlich mit dem Aufstieg des Aztekenreichs zu, dessen Kultur den Militarismus und rigide Geschlechtsrollen betonte. Dies ist vielleicht eine Folge ihrer Bemühungen, soziale Beziehungen, die auf Verwandtschaft und der Dorfgemeinschaft beruhten, durch Strukturen zu ersetzen, die sich stärker auf Klassenstrukturen und den Staat gründeten. Besonders in Sklavenhaltergesellschaften, in denen die unterste Klasse von Gemeinschaft und Verwandtschaft abgeschnitten wurde, entwickelte sich häufig eine Sexualität unter Männern, die auf unterschiedlichem Alter oder unterschiedlicher Klassenzugehörigkeit beruhte. Da bei übernahmen diejenigen Männer die ?weibliche? Rolle, die sozial unterlegen oder zumindest jünger waren. Diese Form der gleichgeschlechtlichen Erotik kam im Mayareich, in den Mittelmeerländern mit griechischer oder lateinischer Kultur, in den Reichen Ostasiens und der persisch/arabisch-islamischen Welt häufig vor.
Obwohl z. B. der Koran Sexualität unter Männern ausdrücklich verurteilt, ist Homoerotik in der arabischen Liebesdichtung des Mittelalters weit verbreitet und taucht z.B. in Klassikern wie ?Tausend und eine Nacht? auf. Der größte Teil der vormodernen arabischen Dichtung ist deutlich homosexuell geprägt. Ein Wissenschaftler faßt dies so zusammen: »Da gibt es die Liebe, die Männer für ihre Ehefrauen empfinden, die gut, aber nicht leidenschaftlich ist, und es gibt die Liebe der Männer füreinander, die nicht gut, aber leidenschaftlich ist.«3 Wo mittelalterliche arabische Quellen Sexualität unter Männern erwähnen, geschieht das in einem fest definierten Schema ? war der Geliebte nicht ein Jugendlicher wie z.B. ein junger Höfling oder ein Student einer Koranschule, dann war er fast immer ein Sklave.
Diese Art der Homoerotik breitete sich mit der arabisch/persisch-islamischen Kultur anscheinend auf den indischen Subkontinent aus, wo sie von klassischen Urdu- und Sufi-Dichtern gefeiert wurde. Sexuelle Liebe zu Knaben wurde am Hof des afghanischen Herrschers Huseyn Mirza im 15. Jhd. ebenso praktiziert wie im 19. Jhd. in Bukhara in Usbekistan. Allein in Ostafrika führte der höhere soziale Status der Frauen dazu, daß dieses klassen- und altersbezogene Schema der gleichgeschlechtlichen Liebe zwischen Männern auch auf Lesben angewandt wurde.
In Süd- und Südostasien führte die Ablösung von den auf Verwandtschaft und Clan beruhenden Gesellschaftsordnungen durch die Klassengesellschaften und die sich durchsetzenden Großreligionen (Islam, Hinduismus und Buddhismus) zu Mischformen homosexueller Lebensweisen. Auf jeden Fall machten es diese Entwicklungen erforderlich, homosexuelle Lebensformen in eine kompliziertere Arbeitsteilung und gesellschaftliche Hierarchien einzugliedern.
Ein Beispiel dafür sind die Hijra Indiens, die traditionell als Hermaphroditen (Menschen mit angeborenen männlichen und weiblichen Geschlechtsorganen) betrachtet wurden, obwohl die meisten von ihnen kastriert wurden oder einem Kastrationsdruck ausgesetzt waren. Hijras kleideten sich immer wie Frauen, lebten in Gruppen unter der Führung eines Hijra-Gurus und standen unter dem Schutz der Göttin Bahuchara Mata. Im Wirtschaftsleben treten sie bis heute als bezahlte Musiker und Schauspieler bei Hochzeiten, als Haarwäscher und als Prostituierte auf.
In Indonesien entwickelten sich sowohl die verwandschafts- wie auch die klassenbezogenen Formen indigener Homosexualität. Am weitesten verbreitet ist die geschlechtsrollentauschende Homosexualität der Waria. Gleichzeitig zeigt sich der islamische Einfluß in den Beziehungen zwischen Erwachsenen und heranwachsenen Männern in West-Sumatra. Beziehungen zwischen älteren und jüngeren Studenten in muslimischen Internaten in Zentral- und Ost-Java lassen sich schon im 18 Jhd. nachweisen. Das vorkoloniale Indien und Indonesien geben so Beispiele für komplexe Kombinationen homosexueller Kulturen. Hier existierte eine ältere auf Verwandtschafts- und Clanbeziehungen basierende rollentauschende Sexualität gleichzeitig mit einer nach Altersgruppen definierten Sexualität.

Kolonisierte Homosexualität
Die Kolonialisierung vollzog sich als 600jähriger Prozeß, der auch im Bereich der Homosexualität in Form eines Wechselspiels mit der Entwicklung neuer homosexueller Lebensformen in Europa und Nordamerika einherging. So beeinflußte er die indigenen Formen der Sexualität in unterschiedlichen Stadien. Dabei wurde jedoch die importierte Form nie genau übernommen, sondern es entstanden Kombinationen.
In Europa hatte bereits seit dem 14. Jhd. eine Art Kommerzialisierung sexueller Beziehungen stattgefunden. Die Ausbreitung der Warenproduktion und des Warentausches entzog der bis dahin im wesentlichen auf feudalen Herrschaftsbeziehungen basierenden Sexualität und dem Familienleben die Grundlage und integrierte sie mehr und mehr in das bürgerliche Leben. Als offensichtlichste Erscheinung der Kommerzialisierung breitete sich Prostitution aus und es entstanden heimliche Gemeinschaften von homosexuellen Männern, in denen sie ihre sexuellen Beziehungen analog zu den gesellschaftlichen Hierarchien gestalteten, zunächst zur feudalen, später zur kapitalistischen Gesellschaft. Sie nahmen die Geschlechtsrollen von Frauen an und hatten Sex mit ?wirklichen Männern?, die ihrer Gemeinschaft mehr oder weniger fern standen. Das war das vorherrschende Schema der homosexuellen Erotik unter den Europäern, die seit dem 15 Jhd. den größten Teil Amerikas, Afrikas und Asiens eroberten.4
Die kommerzialisierte Form der Homosexualität wurde hauptsächlich von Spaniern und Portugiesen nach Lateinamerika gebracht. Sie beruhte zwar auch auf dem traditionellen Tausch von Geschlechtsrollen, war jedoch weitgehend städtisch, unabhängig von Clanbeziehungen und wurde mit Prostituion und Geld assoziiert. Außerdem stand sie im Gegensatz zur herrschenden Religion, statt in diese integriert zu sein. Diese Art von Sexualität hat in Lateinamerika tiefe Wurzeln geschlagen. Dies gilt vor allem in den Regionen, wo die europäische Besiedlung am intensivsten war wie in Argentinien, Chile und Uruguay, während die Sexualität in Mittelamerika und in den Anden weniger stark verändert wurde.
Im größten Teil der Gebiete, die von Europäern in Amerika, Asien und Afrika erobert wurden und besonders in den Regionen eines intensiven Siedlerkolonialismus wurde die Durchsetzung der Herrschaft von der Durchsetzung der europäischen Sexualmoral begleitet. Verbote von sexuellen Praktiken und Lebensformen waren Teil des Prozesses, die kolonialisierten Gesellschaften in den Dienst der Eroberer zu stellen, ebenso wie die Auflösung von Verwandtschaftsstrukturen der Durchsetzung von Zwangs-/Lohnarbeit diente. Die sexuellen Sitten der eroberten Völker wurden mit der Begründung unterdrückt, sie seien brutal, primitiv, unchristlich oder unmoralisch. Die Existenz einer gleichgeschlechtlichen Erotik unter den indigenen Völkern Amerikas wurde von den Spaniern gar als Vorwand benutzt, sie zu erobern, zu enteignen und zu missionieren. Die gleiche Begründung wurde in Nordamerika während der Eroberung des Westens durch die USA 1880 ? 1910 angewandt.
Vorkoloniale homosexuelle Lebensformen wurden jedoch nicht völlig ausgelöscht. Selbst in Amerika, wo sich offiziell fast überall das Christentum durchsetzte, zeigten sich einzelne Anteile der Kultur der beherrschten Völker als erstaunlich überlebensfähig. In Amerika versklavte Afrikaner bewahrten sich trotz ihrer Unterdrückung Elemente ihrer Herkunftskultur. So wird angenommen, daß die Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlicher Erotik im heutigen Haiti eine Folge des Voodoo-Glaubens ist. Schwule Haitianer, die von der katholischen Kirche verurteilt werden, retten sich in die relative Freiheit der Voodoo-Feiern und der jährlichen Karnevalsumzüge. Paradoxerweise brachten die Europäer, die die Formen homosexuellen Verhaltens in den amerikanischen Bevölkerungsgruppen unterdrückten, andere auf ihren eigenen Sklavenschiffen mit.
Auch in der arabisch-islamischen Welt zeigen sich noch heute Elemente der traditionellen mittelalterlichen Form von Homosexualität. Die Erotik zwischen Männern »beflügelt nach wie vor die Phantasie des Maghreb«. Männliche Volkssänger in Ägypten und anderen arabischen Ländern benutzten noch in den 50er und 60er Jahren das Wort »Geliebter« in der maskulinen Form auch, wenn die Lieder sich offensichtlich auf Frauen bezogen. Ähnliche Schemata scheinen in Pakistan überlebt zu haben, wo Prostitution von Männern in Städten wie Karachi weit verbreitet ist und polizeilich weniger unterdrückt wird als außerehelicher Sex zwischen Männern und Frauen.
Homosexualität wurde von den Eroberern jedoch nicht nur unterdrückt, sondern auch erzwungen. Die sexuelle Gewalt richtete sich zwar überwiegend gegen Frauen, aber auch gegen Männer. Homosexuelle Praktiken, obwohl sie den Religionen und der offiziellen Politik der Eroberer widersprachen, nahmen dabei teilweise brutale Formen an. Sexuelle Gewalt war besonders in amerikanischen und afrikanischen Ländern verbreitet, wo europäische Sklavenhalter und Eroberer eine fast unbegrenzte Macht besaßen. Unter den Portugiesen und Holländern in Brasilien z. B. galt ? zumindest für Weiße ? die Devise: In den Tropen gibt es keine Sünde.
Die Abschaffung der Sklaverei und die Überwindung des formellen Kolonialismus beendete die offenen Formen der sexuellen Gewalt. Stattdessen entwickelten sich neue Formen sexueller Unterdrückung in der Dritten Welt. Es entstanden Zentren auch des spezifisch homosexuellen Sextourismus. Die Stigmatisierung der Prostitution innerhalb einer Gesellschaft variiert jedoch je nach Art der vorkolonialen Sexualität. In Thailand z.B. führte Sextourismus dazu, daß Kathoeys (traditionell Hermaphroditen und andere Männer, die traditionell weibliche Rollen übernahmen) mit Prostitution und Korruption assoziiert werden. Im Maghreb gilt dagegen als vorherschende Meinung, daß die arabischen Sexualpartner ausländischer Männer entweder die dominierende Rolle spielen oder einfach eine jugendliche Entwicklungsphase ausleben. Daher ist ihre Diskriminierung gering.

Activos und Pasivos
Die Ausbreitung des Sexgeschäfts ist wohl der augenscheinlichste Indikator für die Verschiebung von der traditionellen zur kommerzialisierten Homosexualität durch den europäischen Einfluß. In Süd- und Südostasien ist ein Großteil der Prostitution, einschließlich der homosexuellen auf den inländischen Markt ausgerichtet, nicht auf den Sextourismus. Nach Schätzungen beträgt die Zahl junger oder ?nicht volljähriger? Prostituierter, weiblich und männlich, in Thailand 800.000, in Indien 400.000 und auf den Philippinen 20.000 ? davon sind mehr als die Hälfte Jungen.
Mit der Urbanisierung und der Auflösung traditioneller Familienstrukturen sind in der Dritten Welt Formen einer rollentauschenden Homosexualität entstanden, die in Europa bereits durch neue Formen ersetzt worden sind. Zu ihnen zählt neben der allgemeinen Kommerzialisierung von Sexualität und Homosexualität auch die Entstehung von abgeschotteten, geheimen Gemeinschaften Homosexueller, wie sie auch in Europa existiert hatten. Die rasche Verstädterung Lateinamerikas am Ende des 19. Jh. förderte das Wachstum von Gemeinschaften geschlechtsrollentauschender Homosexueller. Sie entstanden hier, in Buenos Aires schon vor dem ersten Weltkrieg, nicht viel später als in den USA ? mit all den Charakteristika des traditionellen Rollentauschschemas: Kleidernormen, Slang und Festen. Seitdem hat die krisenhafte Situation Lateinamerikas zum Überleben dieser polarisierenden Geschlechtssysteme beigetragen. In Brasilien gibt es immer noch »eine sehr leichte sexuelle Kontaktaufnahme zwischen Männern, solange der eine von ihnen sexuell aktiv und der andere sexuell passiv ist«. Die volkstümlichen Ausdrücke im spanischen sind ?activo? und ?pasivo?. In Mexiko betrachten sich Schwule teilweise so sehr als ?feminin?, daß für sie nur Männer attraktiv sind, die gleichzeitig sexuelle Beziehungen zu Frauen unterhalten. Eine neuere Studie unter Schwulen in Ecuador ergab, daß dort 96% den Sex mit heterosexuellen Männern vorzogen.
Da die Frauen sich später von traditionellen Abhängigkeiten freimachten und in das Arbeitsleben eintraten, sind bei ihnen die Unterschiede zwischen den traditionellen und den neueren Formen der Homosexualität besonders deutlich. Lesbische Milieus in der Dritten Welt zeigen oft Schemata, die auch in Nordamerika in den 50er Jahren noch stark verbreitet waren: Eine übernimmt die Rolle des Mannes und die andere die Rolle der Frau. In Mexiko feiern lesbische ?Machas? und ?Colonels? formelle Hochzeiten mit ?Femmes?, die oft Kinder aus früheren heterosexuellen Ehen versorgen. Eine ähnliche lesbische Kultur existiert im Untergrund des südafrikanischen Township Soweto.
Diese ungleiche Entwicklung in Nord und Süd ist nicht erstaunlich angesichts der Tatsache, daß alle Faktoren, die in den Industriestaaten zum Aufkommen einer neuen reziproken, geschlechtsrollenungebundenen schwul-lesbischen Homosexualität und Identität führten (Industrialisierung, Emanzipation, die Verbindung von Sexualität und Liebe, ein Wohlfahrtsstaat, der viele Familienfunktionen übernimmt), sich in der Dritten Welt später und weniger universell ausbreiteten.

Seit der Kolonialisierung entstanden hier also Formen der Homosexualität, die traditionelle und europäische Elemente des Rollentauschs miteinander verbinden. Die allgemeine Kommerzialisierung, d.h. die Einbettung von Sexualität und Lebensformen in die Bedingungen der kapitalistischen Warengesellschaft, ist das Hauptmerkmal dieser Entwicklung. Vor diesem Hintergrund beginnt nun auch im Süden die Entwicklung einer spezifischen, nicht auf Rollentausch basierenden lesbisch-schwulen Identität mit ihren eigenen Ausprägungen und Schwierigkeiten. Dies beschreibt der zweite Teil des Beitrags im nächsten Heft.


Anmerkungen:

1 Angesichts der ungeheuren Vielfalt sexuellen Verhaltens einschließlich gleichgeschlechtlicher Beziehungsformen ist es nicht möglich, tatsächlich einen Überblick zu vermitteln. Es geht im folgenden also um allgemeine Bemerkungen und Beispiele, die für die historische Entwicklung von Sexualität und Rollenverhalten in Nord und Süd charakteristisch sind. Zu beachten ist auch, daß es sich bei den, anhand regionaler Beispiele grob skizzierten Linien, keineswegs um zeitlich parallel verlaufende Entwicklungen handeln muß.

2 Sehr unterschiedlich waren die Auswirkungen des Rollentauschs hinsichtlich des gesellschaftlichen Status. (Oft wurden Homosexuelle aber auch als drittes oder viertes Geschlecht definiert.) Männer als »Ehefrauen« anderer Männer oder Frauen als Liebhaberinnen und Bedienstete anderer Frauen konnten (und können) sich durch den Tausch materielle Vorteile verschaffen, ohne daß dabei die durch Geschlechtsrollen geprägte Hierarchie innerhalb der Beziehung in Frage stand. Andernorts hat der Rollentausch vom Mann zur »Frau« eindeutig degradierenden Charakter, während der von der Frau zum »Mann« als nicht akzeptable Flucht aus ihrem Status bewertet wird. Lesbische Beziehungen können daher gesellschaftlich als Form weiblichen Widerstands begriffen und entsprechend unterdrückt werden.

3 Auf Literaturangaben wird im folgenden verzichtet (s.u.).

4 Erst im Gefolge der Entwicklung der bügerlichen Gesellschaft im 17. und 18. Jhd. wurden Vorstellungen von Liebe, Verlangen und freier Wahl zur Basis der Ehe und des Sexuallebens. Später wurde sogar ? wenn auch zunächst meist im Verborgenen ? das Geschlecht des Sexualpartners wählbar und zum Kriterium der Selbstfindung. Die materiellen Voraussetzungen dieser Veränderung waren die schnelle Urbanisierung, die die Gruppe der in Städten lebenden Schwulen vergrößerte und die Bindungen der Großfamilie abschwächte, und die Tatsache, daß Arbeitsplätze und angemessene Löhne verfügbar wurden.

Der Text erschien zuerst in: New Left Review, Nr. 218, London 1996 unter dem Titel ?In the Tropics There is no sin: Sexuality and Gay-Lesbian Movements in the Third World?. Er wurde von der Redaktion gekürzt und überarbeitet. Der vollständige Text mit umfangreichen Literaturangaben ist auf Anfrage gegen Porto beim iz3w erhältlich. Übersetzung CN.