Volltext

(Artikel * 1997) Schröder,Peter
Das Psychotrauma
in Blätter des iz3w Nr. 220 * Seite 30
Themen: Medizin; Folter; Themenblock * Dok-Nr: 63670
F0lter

Das Psychotrauma
von Peter Schröder

Ein Trauma im psychologischen Sinne ist ein Ereignis, bei dem ein oder mehrere Menschen in ihrer körperlichen und/oder seelischen Integrität massiv gefährdet werden. Dieses Ereignis kann einen selbst oder andere, dem Gefolterten nahestehende Menschen betreffen. Die dabei erlebte Hilflosigkeit und das Ausgeliefertsein überschreiten die geltende kulturelle Norm. Oder einfacher: »too much to cope«, man wird damit nicht mehr fertig. Folter ist eine der vielen Formen einer Extrem-Traumatisierung.
Jeder Mensch erlebt im Trauma maximalen Streß auf körperlicher und psychischer Ebene. Diese zunächst sinnvolle Streßreaktion bereitet mit maximaler Adrenalin- und Cortison-Ausschüttung auf Flucht oder Kampf vor. Wenn die Flucht dann nicht mehr möglich ist, z.B. nach einer Verhaftung, reagieren viele Menschen mit sinnvollem Abschalten. Zunächst funktioniert man emotionslos, »dissoziiert« weiter. Empfindungen körperlicher oder seelischer Art werden gar nicht mehr oder nur am Rande wahrgenommen. Das Phänomen verstärkt sich noch zu einem inaktiven Nichtwahrnehmen, »blunting« (»es geht mir gut, es gibt keine Gefahr«). Folteropfer erzählen hier auch häufig: »Sie können meinen Körper ruhig quälen oder mich auch töten, meine Ideen werden sie damit nicht kriegen«. Dies ist eine effektive Überlebensstrategie in einer aussichtslosen Lage.
Eine Vielfalt unangenehmer Gefühle bedrängen die Folterüberlebenden oft jahrzehntelang. Einige der wichtigsten Gefühle: Furcht, diffuse Angst, anhaltender Kontrollverlust, Nervosität, Wut, Trauer, Hilflosigkeit, Schamgefühl, Mißtrauen, Schuldgefühle...
Wenn Traumatisierte, zum Beispiel Flüchtlinge, in einer relativen Sicherheit sind, kommen sie dennoch nicht zur Ruhe. Die ursprünglich sinnvolle Reaktion hält an, wird sinnlos und behindert für oft lange Zeit. Dieser Zustand wird von Psychiatern dann als PTSD, »Post Traumatic Stress Disorder«, definiert, als posttraumatische Belastungsstörung, die leicht chronisch wird. Dazu gehören die folgenden Symptomgruppen: zunächst wiederkehrende Erinnerungen, die als unerträgliche Alpträume nachts wie tags den Traumatisierten quälen, sowie »flashbacks«, plötzliche Erinnerungen an das Trauma, die größte Angst auslösen. Dazu zählt weiter das Vermeidungsverhalten, die sogenannten dissoziativen Zustände. Eine Haltung des Nichtwahrhabenwollens, Depression und Isolation sind die Folge. Viele Menschen sind dabei weder froh noch traurig. Oft stellt sich auch eine Übererregung ein. Diese zeigt sich in Herzrasen (Adrenalin, Cortison), in hohem Blutdruck und auch in sonst ungewohnter Aggressivität. Außerdem besteht oft eine quälende Schlaflosigkeit, unter anderem aus Angst vor Alpträumen. Unter psychosomatische Beschwerden fallen vor allem Kopfschmerzen, Magenschmerzen, diffuse Schmerzzustände, Hochdruck, Herzinfarkte (!) und ähnliches.
Alles dies ? das gilt es festzuhalten ? sind normale Reaktionen eines normalen Menschen auf ein schwer vorstellbares Erlebnis!
Erstaunlicherweise überstehen viele Trauma-Überlebende auch schwerste Ereignisse ohne ernsthafte Probleme. Die meisten Menschen überwinden selbst ein großes Trauma aus eigener Kraft. Das »Coping«, das »Damitfertigwerden«, funktioniert bei vielen, aber nicht bei allen. Eine bald nach dem Ereignis einsetzende Intervention (nicht unbedingt Therapie!) hilft allen Betroffenen zusätzlich und verhindert ein lang anhaltendes Leiden.


Peter Schröder ist niedergelassener Arzt für Allgemeinmedizin in Freiburg. Seit Jahren behandelt er auch extrem traumatisierte Flüchtlinge aus verschiedenen Ländern. Ausführliche Informationen über Hilfsmöglichkeiten für Traumatisierte sind beim iz3w zu erhalten.