Volltext

(Artikel * 1997) Marais,Hein
Taschenspielertricks Ein Kommentar über die Arbeit der Wahrheitskommission
in Blätter des iz3w Nr. 220 * Seite 23-24
Themen: Strafrecht; Amnestie; südliches Afrika; Zivilrecht; Südafrika; Folter; Apartheid; Themenblock * Dok-Nr: 63666
F0lter


Taschenspielertricks

Ein Kommentar über die Arbeit der Wahrheitskommission

von Hein Marais

Arbeitet die »Kommission für Wahrheit und Versöhnung« erfolgreich? Ihr Ziel ist Heilung, soziale Katharsis ? aber ihre Ursprünge liegen in den Verhandlungen um den politischen Übergang. Die Kommission entstand als ein Kompromiß zwischen der Forderung nach Gerechtigkeit (vorgebracht von der demokratischen Bewegung) und dem Wunsch nach einer allgemeinen Amnestie (seitens der Nationalen Partei und ihrer Alliierten und Funktionäre). Dieser Kompromiß ? geschmiedet während einer Periode großer politischer Instabilität ? war verständlich, wenn nicht unvermeidlich. Er sollte die Bedrohung einer Konterrevolution abwenden, indem er widerstreitende politische und soziale Kräfte in eine Übereinkunft einband, die zu Stabilität und einem neuen nationalen Konsens führen sollte.
Die Wahrheits- und Versöhnungskommission spiegelt also die Struktur der politischen Lösung wider, die Südafrikas Übergangsprozeß zugrundeliegt. Die Sprache, die ihre Rolle beschreibt, entstammt dem psychosozialen Bereich: Es geht um die »Heilung der Nation«. Den Opfern wird die Möglichkeit gegeben, die erlittenen Menschenrechtsverletzungen öffentlich zu machen; die Täter werden ermutigt, ihre Taten zu gestehen, um Straffreiheit zu erhalten. Der Preis des Unternehmens ist beträchtlich: Die volle Aufdeckung von Verbrechen befreit den Täter von straf- oder zivilrechtlicher Verfolgung.
Die Kommission ist demnach eine eminent politische Schöpfung, einer der Grundpfeiler des nation building-Projektes, das der ANC verfolgt. Ihre Funktion liegt darin, die Dynamik des Konsenses oder der Versöhnung, die in der politischen Sphäre gepflegt wird, in den sozialen Raum auszudehnen. Der Name der Kommission (»Wahrheit und Versöhnung«) drückt die Hoffnung aus, daß das Aussprechen der Wahrheit helfen kann, die widersprüchlichen Erfahrungen, Erinnerungen und Wahrnehmungen, die unsere Gesellschaft aufwühlen, miteinander zu versöhnen. Auf diesem Projekt lastet die Hoffnung, daß das Offenlegen der Wahrheit zum Fundament werden kann für Versöhnung und schließlich für die Einheit der Nation.
Theoretisch erscheint das vernünftig. Aber die Wahrheitskommission arbeitet vor dem Hintergrund extremer sozialer und wirtschaftlicher Ungleichheit in der südafrikanischen Gesellschaft. Hier liegt die Achillesferse des Versöhnungsprozesses, wie er durch die Wahrheitskommission repräsentiert wird. Der Versuch, die gesellschaftlichen Gruppen einander näherzubringen, wird unterminiert durch das umfassende Scheitern bei der Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen. Ein Opfer, das vor der Kommission aussagt, kann Erleichterung empfinden, ja sogar Katharsis ? wer jedoch das Hearing verläßt, kehrt zurück in eine Welt, die nach wie vor durch extreme Ungleichheit gekennzeichnet ist, eine Welt, in der Privilegien und Lebenschancen fest in der Hand der Weißen und einer dünnen, aber wachsenden Schicht von Schwarzen sind.
Auch das öffentliche Desinteresse trägt nicht zum Gelingen des Versöhnungsprozesses bei. Die Anhörungen der Kommission lösen keineswegs Debatten aus. Schwarze wie weiße Südafrikaner diskutieren eher die Erfolge der Fußballnationalmannschaft oder den jüngsten Politskandal, als sich über Aussagen vor der Wahrheitskommission zu unterhalten. Ein öffentlicher Prozeß der Selbstkritik und der Offenlegung der eigenen Verfehlungen, der die Südafrikaner dazu bringen könnte, ihre Wahrnehmung der jeweils anderen Gruppe zu ändern, und der so den Grundstein für eine wirkliche Versöhnung legen würde, findet so gut wie nicht statt.
Für den Moment vollziehen sich die Auswirkungen der Kommissionsarbeit mehr auf der individuellen denn auf der sozialen Ebene. Die Aussagen der Opfer wirken für die einzelne Person kathartisch, befreien ihre bis dahin in ihrem Innern eingeschlossenen schmerzvollen Erinnerungen. Aber dies geschieht im Großen und Ganzen, ohne entsprechende Reaktionen bei Weißen hervorzurufen, die Zuflucht in dem tröstlichen Klischee suchen, daß »Apartheid ein Unrecht war«, ohne ihre eigene Rolle und ihr Interesse an diesem System zu hinterfragen.
Durch diesen Taschenspielertrick bleiben die ins Auge springenden Gräben zwischen Erinnerung, Erfahrung und moralischer Orientierung verschiedener Gruppen bestehen. Einige hofften, daß die Aussagen vor der Wahrheitskommission besonders Weiße dazu bringen könnten, ihre moralische (und damit letztendlich auch politische) Sensibilität zu hinterfragen. Diese Annahme stützt sich auf eine falsche Prämisse: Die Weißen hätten nicht gewußt, welche Verbrechen begangen wurden, um ihre Privilegien zu sichern. Sie wußten Bescheid. Zehntausende arbeiteten in Polizei und Justiz. Hunderttausende dienten in der Armee. Die weißen Südafrikaner können sich nicht mit Unwissenheit herausreden. Die moralischen Positionen, die sie einnahmen und einnehmen, um diese Gewalt dulden oder verteidigen zu können ? Rechtfertigungen, um ihre Privilegien aufrechterhalten zu können ?, müssen angegriffen werden.
Hier scheitert die Wahrheits- und Versöhnungskommission. Mit dem Ziel der Versöhnung vor Augen gewährt sie den Weißen die Möglichkeit, die Vergangenheit neu zu erfinden. Verschlimmert wird dies noch durch das durchsichtige Bemühen der Kommission um »Ausgewogenheit« bei der Anhörung der Opfer: Zeugenaussagen schwarzer Opfer der Sicherheitskräfte werden die Aussagen weißer Opfer der Befreiungsbewegung gegenübergestellt. Der Effekt ist einmal, daß wir alle beanspruchen können, Opfer zu sein. Weiter wird dadurch impliziert, trotz der gegenteiligen Beteuerungen prominenter Kommissionsmitglieder, daß zwischen den Verteidigern der Apartheid und ihren Gegnern eine gewisse moralische und politische Gleichsetzung erlaubt sei, da beide Gewalt angewendet hätten. Ein solcher religiös-pazifistischer Subtext ? Gewalt ist schlecht ? läßt das Apartheidssystem und seine Verteidiger vom Haken.
Bedeutet das, daß der Wahrheits- und Versöhnungsprozeß ebensogut aufgegeben werden könnte? Nein. Die persönliche Erleichterung, die er den Opfern gewährt, soll nicht geringgeschätzt werden. Wertvoll sind darüber hinaus auch die Aussagen einiger weißer Opfer von Guerilla-Angriffen, die den Mut fanden, die Berechtigung des Kampfes anzuerkennen, der ihnen Schmerz zugefügt hat. Schließlich kann der gesamte Prozeß ein genaueres Bild der Apartheidsverbrechen ergeben.
Die Frage jedoch, ob die Wahrheits- und Versöhnungskommission ihr Ziel als das zentrale Instrument der Versöhnung erfüllt, muß bisher bedauerlicherweise mit Nein beantwortet werden.


Hein Marais arbeitet als Journalist in Johannisburg. Wir danken afrika süd für die freundliche Genehmigung zum Nachdruck.