F0lter
Organisierte Grausamkeit
Folter ? Die Geschichte eines Herrschaftsmittels
»Es bleibt unvorstellbar,
doch da es geschah, ist das Wort nicht mehr brauchbar« (Karl Kraus)
Wir wissen, daß es Folter gibt. Aber wir sagen: Es gibt sie »noch«. Ein hoffnungsvoller Wunsch, der an die zivilisatorische Kraft der modernen Geselschaften glaubt und deren Destruktivitätspotentiale unterschätzt. Folter war immer mit Herrschaft verknüpft und bleibt deshalb eine Möglichkeit jeder Gesellschaftsform, die auf Herrschaftsbeziehungen beruht ? so Jan Philipp Reemtsma, mit dem wir die Sozialgeschichte der Folter als Herrschaftsmittel nachzeichnen wollen.1
Folter ist uns das Fernste. Folter ist jedem Menschen das Fernste. Ein Phänomen des Mittelalters, hört man, Reste archaischer Elemente in unseren modernen Gesellschaften, die es zu überwinden gelte. Oder eben Ausdruck vergangener Barbarei. Folter ist geächtet ? kaum ein Staat, der die Antifolterkonvention nicht unterschrieben hätte.
Folter ist normal und gegenwärtig. Welcher Staat hat noch nicht zum Mittel der Folter gegriffen? Und wo die Drohung mit ihr begriffen wird, braucht Folter nicht wirklich exekutiert werden. Mit Gewalt ? die der Staat monopolisiert hat ? wird unsere Gesellschaft reguliert, und Folter ist nur die extremste Form der Gewalt. Welches Folterregime hat nicht genügend Willige zusammengebracht, die das grausige Handwerk durchgeführt hätten? Gehorsam, Glauben und der Wille zur Macht sind Erscheinungsformen menschlichen Zusammenlebens und gleichzeitig unverzichtbare Grundvoraussetzungen von Exekutoren der Folter.
Folter ist also das unvorstellbare Normale, das widerwärtigste ständig In-Kauf-Genommene, das Fernste, das hinter der nächsten Ecke lauert. »Wie kann jemand sowas tun«, fragen wir fassungslos, wenn wir Berichte über Folterungen hören oder lesen. Jan Philipp Reemtsma glaubt, daß eine solche Frage uns zwar ehre, sie aber im Grunde dumm sei: »Daß ?jemand sowas tun? kann, ist historisch nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Das soll nicht heißen, daß jeder zu jeder Zeit fähig wäre zu foltern, aber es soll heißen, daß in der Geschichte kaum jemals Regime, die ihre Herrschaft durch Folter sichern wollten, Personalsorgen gehabt hätten. Darüber hinaus muß man sich von der Vorstellung trennen, der Folterer sei ein Sadist. Wohl gibt es unter den Folterern Sadisten, aber diesen Typ braucht es nicht für die Etablierung eines Folterregimes. Wäre man auf ihn angewiesen, man käme in Schwierigkeiten. Für die Folter braucht es vor allem normale Menschen, solche wie Sie und mich. Außerdem ist Folter nichts, was aus den dunklen Bereichen vor aller Zivilisation stammt und plötzlich über uns hereinbricht. Die Folter ist ein Teil unserer Zivilisation ? kein notwendiger Bestandteil, steht zu hoffen, aber ein möglicher, und keiner, der zu ihr in prinzipiellem Widerspruch steht.«
Die Schwierigkeiten, sich dem Thema Folter anzunähern, werden dadurch verstärkt, daß es natürlich etwas frivol ist, Folter zum Gegenstand der Sozialwissenschaft zu machen. Der Menschheit zum Schaden auch noch die Analyse beizusteuern, der Gesellschaft, die diesen Terror produziert, auch noch das Fieberthermometer in den Hintern zu stecken ? wer fühlt sich dabei wohl? Aber das gilt für jeden Blick in die Abgründe der Menschheit.
Auch ein solch ambivalente Gefühle und Unverständnis auslösendes Phänomen wie Folter läßt sich soziologisch beschreiben und fassen ? ob eine solche Betrachtungsweise ausreicht, um »zu begreifen«, ist eine andere Frage. Die Folter, so können wir definieren, »ist die totale Herrschaft des Menschen über den Menschen«, der Versuch also, den Menschen ohne Rest an Leib und Seele zu unterwerfen, der größte Schrecken, den der Mensch für den Menschen bereithält. Oder, um mit Elias Canetti zu sprechen, die Umwandlung des Menschen in Exkremente als finale Funktion der Herrschaft.
Die Folter wird institutionalisiert
Folter ist eingebettet in Herrschaft, sie ist ein Mittel zur Sicherung der Herrschaft von Menschen über Menschen. Dies läßt sich erkennen, wenn man die Geschichte der Folter zurückverfolgt bis ins klassische Griechenland und in die römische Republik. Hier war das Objekt der Folter immer nur der Sklave, nie der Freie. Folter diente dazu, die Grenzziehung zwischen Beherrschten und Herrschenden zu festigen: »Der Sklave ist ein Objekt, dem man die Haut abziehen darf, die Glieder ausrenken und über Feuer rösten ? der Freie ist jemand, bei dem man das nicht darf.«
Daß Folter mehr mit Ordnung als mit emotionalen, destruktiven Gewaltausbrüchen zu tun hat, sieht man im Zeitalter der Inquisition, die eine Hochzeit der Folter war. Hier wurde Folter wieder gesetzlich kodifiziert und institutionalisiert, nachdem die Kirche sie noch im siebten Jahrhundert verboten hatte. »Im dreizehnten Jahrhundert wird die Folter offiziell wieder eingeführt ? von der christlichen Kirche. In der Zwischenzeit gab es die Folter ? wohlgemerkt: als Institution ? nicht. Ich rede von der Institution, nicht von dem, was Raub- und Kreuzzüge und Plünderungen begleitet hat, nicht von gewissermaßen »eruptiven« Gewaltexzessen, zu denen immer nicht nur das Totschlagen, sondern auch das Totquälen von Menschen gehört hat. Ich rede auch nicht von sadistischen Individuen, die, wo sie die Macht haben, ihren Sadismus auch in ihrer Funktion als Machthaber ausleben. Die Unterscheidung, die ich damit treffe, ist diese: Individuelle sadistische Akte kommen vor, wo es sadistische Individuen gibt, die die Macht haben, ihren Vorlieben gemäß zu handeln. Die institutionalisierte Folter sucht sich ihre Exekutoren. Mit ihr werden von Machthabern spezielle Funktionsträger, zuweilen reguläre Berufe geschaffen.«
Auch die Inquisition kannte faktisch eine Klassengrenze: In der Regel war der Hochadel ausgeschlossen sowie der Klerus, je nach Bevölkerungszusammensetzung auch der wohlbeleumdete Bürger, die Vorsteher der Zünfte und der niedere Adel. Prinzipiell war aber die Inquisition eine totalitäre Einrichtung, die jeden bedrohte. Sie kannte das Gedankenverbrechen, den Schuldspruch des Inquisitors nach Gutdünken und sie wollte das Schuldeingeständnis des Opfers, ohne das Bekehrung nicht möglich war.
Die Ausbreitung der Folter durch die Kirche zwischen dem dreizehnten und dem achtzehnten Jahrhundert verwandelte Europa in ein Schlachthaus. Der verborgenen Folter folgte die öffentliche Hinrichtung und oft danach eine weitere Schändung der Leiche. Selbst in Untersuchungsverfahren, in denen der oder die Beschuldigte später freigesprochen wird wie in der Hälfte aller Hexenprozesse, wurde hemmungslos gefoltert. So zeigte sich in der mittelalterlichen wie in der neuzeitlichen Folter, daß ihre Anwendung ein Klassenphänomen ist. »Nur der Angehörige der Unterklassen ist unmittelbar auch bei geringen Delikten von Folter und besonders qualvollen Hinrichtungsarten bedroht. Je weiter ?oben? einer in der sozialen Hierarchie steht, desto genauer bestimmt ist die Ausnahme, die man von der Regel macht, daß er der Folter nicht unterworfen wird. Immer aber ist das Majestätsverbrechen die Ausnahme, und ? dem Anspruche nach ? setzt der Herrschaftsanspruch der Kirche sich über die Regel der Klassengrenzen hinweg. Ihr Verdachtsanspruch mit allen Konsequenzen ist universal.«
Mit der Schwächung der politischen Macht der Kirche in der Neuzeit schien sich zunächst das Ende der Folter abzuzeichnen. »Die Propaganda für die »Abschaffung der Folter« wird als eine intellektuelle und moralische Leistung der Aufklärung angesehen, ihre Durchsetzung als eine der bürgerlichen Revolution, speziell der von 1789. Das ist eine Legende, wenn auch eine bezeichnende. Gegen die Folter dürften Menschen gesprochen haben, seit es sie gibt, und die Empörung über sie kann sich mit ihrer Fortexistenz sehr gut vertragen.«
Man war der Grausamkeiten müde und der Rechtfertigungen. Vor allem aber setzte sich ein neues Selbstbild durch. Die barbarischen Schauspiele der öffentlichen Folter und Hinrichtungen erregten nun Abscheu. Die Schriften der Aufklärer sollten daher nicht als Ursache für die Abschaffung der Folter, sondern als Ausdruck einer allgemeinen Stimmung gegen Grausamkeiten verstanden werden.
Nachdem die Folter, was ihre öffentlichen Darstellung anbelangt, bereits im 17. Jahrhundert zurückgegangen war, wurde sie Mitte des 18. Jahrhundert gesetzmäßig in den meisten europäischen Staaten abgeschafft. Dieser Prozeß zog sich bis ins 19. Jahrhundert hinein. Faktisch ist die Folter allerdings nie abgeschafft worden. Vor allem in den Kolonien diente sie als permanenter Terror zur Unterwerfung der teilweise versklavten Bevölkerung. Auch im »Herzen Europas« wurden Mitte des 19. Jahrhunderts noch Daumenschrauben angelegt ? so geschehen im Schweizer Kanton Zug. Reemtsma schildert einen weiteren Fall: »Im berüchtigten spanischen Gefängnis Montjuich wird um die Jahrhundertwende erbarmungslos gefoltert. In jenem berüchtigten Gefängnis, das mehr als 200 Meter über dem Meer vor der Stadt Barcelona aufragt, wurden die Gefangenen mit glühendem Eisen gemartert, durch Peitschenhiebe dazu gezwungen dreißig, vierzig, fünfzig Stunden hintereinander im Kreis zu laufen und anderen Torturen unterworfen, die im Lande der Inquisition heimisch waren. Montjuich ist gleichsam der symbolische Ort der Fortexistenz der Folter nach ihrer Abschaffung. In Montjuich existieren noch die Instrumente der ?mittelalterlichen? Folter, und Montjuich ist schon beinahe ein ?modernes? Konzentrationslager mit den dafür typischen Methoden der Menschenquälerei.«
Jahrhundert der Destruktivität
Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der staatlichen Makroverbrechen. Zivilisationsbrüche wie die beiden Weltkriege, der Stalinismus und der Nationalsozialismus diskreditierten die Idee und den Glauben an Fortschritt und Zivilisierung des menschlichen Zusammenlebens. Die Folter verschwand nicht in der Moderne, sondern sie modernisierte sich.
Im Ersten Weltkrieg wurden sogenannte Kriegsneurotiker mit psychatrischen Methoden, die an Grausamkeit nichts zu fürchten übrig lassen, wieder »frontverwendungsfähig« gemacht. Auch hier war Folter ein Mittel von Macht und Herrschaft. Unterwerfung und Bestrafung dienten dem Zweck, den nicht funktionierenden Soldaten wieder ins Befehlsgefüge einzugliedern. »Aphonikern wurden Spreizsonden in den Kehlkopf eingeführt, damit sie wieder sprechen lernten ? im Schrei der Todesangst. Soldaten, die zwanghaft erbrachen, wurden gezwungen, das Erbrochene wieder zu verzehren. Sinus- und später faradische Ströme wurden durch den Körper gejagt, was zum Vernichtungsschmerz im Bereich der Nervenbahnen führte. Im Anschluß an diese und andere ?Kuren? mußten die so ?Behandelten? oft zwangsexerzieren bis zum psychischen Zusammenbruch.« So Karl-Heinz Roth über die »Modernisierung der Folter in den beiden Weltkriegen«.
Die Maskierung der Folter als psychatrische Therapie setzte sich in der Sowjetunion (und wie wir hören darüber hinaus) fort. Unter Stalin wurde eine weitere Nuance zur Zerstörung wirklicher, angenommener und potentieller Opposition entwickelt: die Schauprozesse, die mit dem Geständnis der (Vor-)Verurteilten die vollständige Unterwerfung unter den Staat demonstrierten. So wie Folter in dem Staat, der den Sozialismus propagierte, ein gängiges Herrschaftsmittel war, so sehr blieb das Wort ?Folter? ein Tabu.
Der Nationalsozialismus schließlich war eine Herrschaft des Terrors. »Terrorherrschaft« ? das heißt nicht so sehr die schlichte Ersetzung der legitimen Gewalt durch die illegitime, sondern daß die Gewalt selber zum staatlichen ausnahmslosen Organisationsprinzip wird. Terror fungierte hier als organisierte und organisierende Gewalt, er wurde gleichzeitig zum zentralen Mittel der Legitimationsbeschaffung und der Herrschaftsdurchsetzung (auch wenn für den Großteil der deutschen Bevölkerung eine Identität von Herrschern und Beherrschten angenommen werden muß). »Sicherlich assoziiert man für die Herrschaft des nationalsozialistischen Deutschlands über große Teile Europas nicht den Begriff ?Folter?, sondern den des ?Lagers?. Natürlich ist es richtig, daß die nationalsozialistische Vernichtungspolitik ein anderer Vorgang ist als die staatsterroristische Unterwerfungspolitik, die auch andere Regime kennzeichnet. Doch auch die Vernichtungslager sind Stätten permanenter Unterwerfung von Menschen gewesen, ebenso wie die nicht in erster Linie der Vernichtung, sondern dem Terror dienenden ?klassischen? Konzentrationslager. Die Existenz der Gefangenen in den Lagern war von permanenter Folterdrohung bestimmt und durch die Anwendung eines der ältesten und wirksamsten Mittel zur Unterwerfung von Menschen: dem Hunger.«
Zivilisatorische Tugenden
politischen Terrors
Algerien, Vietnam, Griechenland, Brasilien, Chile, Guatemala, Iran unter dem Schah und unter Khomeini, viele der sogenannten Ostblockländer, Argentinien, Türkei, China, Südafrika ? die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Kaum ein Staat, der nach 1945 nicht in die sich universalisierende Folter verstrickt ist. Wir leben in einer Welt, in der die Folter einerseits tabuisiert ist, nämlich eigentlich »abgeschafft«, andererseits an unzähligen Orten als angewandtes Herrschaftsmittel fortbesteht. Die Folter ist ein fester Bestandteil unserer Zivilisation: »Die Folter ist nicht das Archaische, das über uns hereinbricht. Wenn wir über Folter sprechen, meinen wir nicht die Greuel, die überall dort geschehen können, wo zivilisatorische Ordnungen zerfallen, wo Menschen aus Grausamkeitslust, aus Angst, aus der Hoffnung, dem anderen zuvorzukommen, warum auch immer übereinander herfallen. Wenn wir über Folter sprechen, so sprechen wir über Maßnahmen politischen Terrors, der Gebrauch macht von zivilisatorischen Tugenden, die wir uns im Laufe der Jahrhunderte angeeignet haben: Gehorsam, Pünktlichkeit, Umsicht. Menschliche Grausamkeit finden wir in zweierlei Form: als vorzivilisatorischen Exzeß, als ?heiße? Grausamkeit. Und wir finden sie als Erscheinungsform der Zivilisation selbst, als ?kalte? Grausamkeit. Die ?heiße? Grausamkeit dient keinem Zweck außer ihrer selbst; die ?kalte? wird eingesetzt, um vorgegebene Zwecke zu verfolgen ? und erfolgreich.« Terror als Instrument der Herrschaft ist deshalb erfolgreich, weil er, wie zum Beispiel in Argentinien und Chile geschehen, nicht nur den Staatsfeind ausschaltet, sondern auch nach seiner Abschaffung für die Herstellung eines allgemeinen Klimas der Angst dienlich ist. Eines Klimas, dem selbst die nachfolgenden demokratischen Regierungen ihre Stabilität verdanken.
Und noch etwas erschüttert unseren Glauben, die Folter sei ein Restbestand vorzivilisatorischer Barbarei, das Böse, das durch vernünftige Ideen wie Demokratie und Sozialismus zu bändigen sei: »Kommunisten haben gefoltert wie Antikommunisten, Faschisten haben gefoltert und Antifaschisten, Antidemokraten haben gefoltert und Demokraten. Gefoltert wird der Fernste und der Nächste. Voraussetzung der Folter ist, daß bestimmte politische oder weltanschauliche Ziele zu obersten Werten werden, denen sich alles andere unterzuordnen hat. Dort, wo der Kampf für bestimmte Ziele, und sei es der für Wahrheit, zum Kreuzzug wird, folgt die Folter nach.«
Jedes Regime mit totalitärem Anspruch und jedes politische, religiöse, weltanschauliche Ziel, dem angeblich alles andere untergeordnet werden muß; jeder Staat, der eine antagonistische Gesellschaft zusammenhalten will; jede Gemeinschaft, die homogen sein will und damit Feinde und Fremde produziert; und jede Herrschaft, deren einziger Zweck die Selbsterhaltung ist, droht mit der schlimmsten Form der Gewalt ? der Folter.
Diese schlimmste Form der Gewalt ist dokumentiert im Bericht der argentinischen Untersuchungskommission über Entführung, Folter und Mord: »Es beginnt mit Schlägen und mit Tritten, geht dann fort mit Prügel durch Knüppel, Bretter, Eisenketten und Hammer, mit denen man Füße und Hände zerschlägt; das Untertauchen in Schmutzwasser ? oder es ist einfach die Plastiktüte über dem Kopf, die kurz vor dem Ersticken abgezogen wird oder nicht; oder die Augenbinde, die so fest angezogen wird, daß die Augäpfel in den Schädel gepreßt werden, oder sie ist verschmutzt und es fressen sich Würmer in die Bindehaut; ausgedrückte Zigaretten auf allen Teilen des Körpers oder Versengen mit glühenden Nägeln; oder die Elektroschocks besonders an und in den Genitalien, im After, an den Brustwarzen, unter den Achseln, an Augen, Ohren, Zahnfleisch, Zunge (da krampfen sich Zungenmuskel und Schlund, daß nicht einmal mehr ein Schrei möglich ist); man zwingt Gefangene kleine Elektroden zu schlucken, und Speiseröhre und Magen werden von innen verbrannt; oder der Körper wird einfach auf einen Metallrost gelegt, der unter Strom gesetzt wird und dann mit Wasser übergossen, und war der Leib bereits zerschunden, ist es Salzwasser. Vergewaltigung; lebendig Begrabenwerden; Scheinexekutionen; kochendes Wasser; Zerquetschen der Hoden; Abreißen der Haut von den Fußsohlen; tagelanger Durst, und der Mund wird mit Pfeffer gefüllt; an den Händen aufhängen, bis die Schultergelenke auskugeln, und die Füße berühren den Boden, und der ist naß und steht unter Strom. Oder sie stecken eine Katze unters Hemd, und die wird unter Strom gesetzt, daß sie den Mitgefolterten zerfleischt. Oder sie tun irgend etwas davon dem eigenen Kind an, und man muß zusehen. Oder sie lassen einen sitzen, nur sitzen, wie es einem ging, der mit vielen zwischen kurzen Schlafpausen einfach nur dasaß, Kapuze überm Kopf, ohne sich bewegen zu dürfen, saß, ohne sprechen zu dürfen, ein wenig Nahrung einmal am Tag, und saß ? er saß ein halbes Jahr, und dann fiel einem der Mörder auf, daß man ihn bloß vergessen hatte.«
Was ist zu tun? Nichts, was nicht jede/r wüßte. Es gilt zu verhindern, daß Folter und Grausamkeit Mittel zu irgendeinem Zweck ? welchem auch immer ? sein dürfen.
die redaktion
Anmerkung:
1 Die folgenden kursiv gedruckten Passagen stammen aus Jan Philipp Reemstma: Folter. Zur Analyse eines Herrschaftsmittels, in: Zeitschrift für kritische Theorie, 1/1995, S. 95-113. |