Volltext

(Artikel * 1997) Schirazi,Asghar
Mit Kopf um Kragen Iranische Intellektuelle in der Opposition
in Blätter des iz3w Nr. 220 * Seite 10-11
Themen: Zensur; Opposition; Geheimdienst; Kultur; Schriftsteller; Naher Osten; Iran; Hintergrundbericht * Dok-Nr: 63633
Iran


Mit Kopf um Kragen

Iranische Intellektuelle in der Opposition

von Asghar Schirazi


Über den Schriftsteller Faradsch Sarkuhi, der durch den iranischen Sicherheitsapparat verschleppt und mißhandelt wurde, haben die Medien ausführlich berichtet. Er ist aber kein Einzelfall. Viele, die sich den herrschenden Dogmen im Iran politisch oder auf kultureller Ebene widersetzen, stehen vor der Wahl, entweder ihre Haltung zu verbergen oder ins Exil zu gehen.

Faradsch Sarkuhi ist der Chefredakteur einer oppositionellen Kulturzeitschrift, die das Risiko eingeht, in einem von den islamistischen Kulturwächtern geschaffenen feindlichen Milieu zu erscheinen. Die Mitarbeiter einer solchen Zeitschrift setzen sich verschiedenartigen Angriffen von staatlicher Seite aus.
So handelt es sich im Fall Sarkuhis zum einen um den Versuch der herrschenden Geistlichen in der Islamischen Republik, ihn für einen außenpolitischen Zweck zu instrumentalisieren: Der iranische Staats- und Sicherheitsapparat, der im Mykonos-Prozeß bis in höchste Führungskreise unter Mordverdacht steht, meinte, mit der Entführung Sarkuhis seinerseits ein Druckmittel in die Hand zu bekommen. Um den Spionagevorwurf der Iranischen Republik gegen die Bundesregierung zu stützen, wurde Sarkuhi kurz vor dem zweiten Besuch bei seiner inzwischen in Deutschland lebenden Familie ein entsprechendes Geständnis abgepreßt. Zum anderen wird Sarkuhi exemplarisch als Repräsentant einer vorwiegend säkularen Gegenkultur bestraft, die die Sicherheits- und Kulturpolitiker des Islamischen Staats mit allen Mitteln zu unterdrücken versuchen.

Skepsis statt Imitation
Diese Gegenkultur ist in allen Bereichen des kulturellen Lebens aktiv. Religiös äußert sie sich durch modernisierende und reformierende Interpretationen des Islam, die mehr oder weniger entschieden dem Islamverständnis der herrschenden islamischen Rechtsgelehrten entgegenstehen. Ausgehend von modernen theologischen und erkenntnis-theoretischen Ideen und gestützt auf die These der Raum- und Zeitgebundenheit religiöser Weisungen, stellen sie die Heiligkeit und Autorität althergebrachter Interpretationen in Frage und fordern deren Revision anhand von Kriterien der modernen Wissenschaften und der Vernunft.1 Zur religiösen Gegenkultur zählen außerdem mystische und quietistische Strömungen, die sich gegen jede Politisierung der Religion wehren. In ihrer politischen Konsequenz bestreiten all diese von der herrschenden Lesart abweichenden Interpretationen des Islam den absoluten Machtanspruch der Rechtsgelehrten.
Auf dem Gebiet der Künste manifestiert sich die Gegenkultur durch ihre eigene Auffassung von Ästhetik, ihre widerspenstige Thematik, ihre Ausdrucksmethoden und nicht zuletzt durch ihre mehr oder weniger konsequente Weigerung, die Bedingungen hinzunehmen, die ihr die Wächter über die offizielle islamische Kultur auferlegen. Während die offizielle Kulturpolitik die Geschichte schiitischer Heiliger, die Glorifizierung der Rolle der Geistlichkeit im antiimperialistischen Kampf, die Verherrlichung der Kriegshelden und als »islamisch« propagierte Moral- und Sittenvorstellungen als Themen künstlerischen Schaffens anordnet, befassen sich die eigenständigen Künstler mit anderen Dingen. Die Themen ihrer Filme, Geschichten und Erzählungen sind Biographien, gesellschaftliche Mißstände, behördliche Verfehlungen, Liebe und andere Aspekte des individuellen und sozialen Lebens.2
Auf der Ebene der Wissenschaft leisten die Vertreter der Gegenkultur Widerstand gegen den Versuch, Wissenschaften und Universitäten zu islamisieren. Auffällig ist dieser Widerstand besonders in den geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen, d.h. dort, wo der Islamisierungsdruck am stärksten ist. Hier kann z.B. die Weigerung, die Offenbarung (wahi) als eine Hauptquelle wissenschaftlicher Wahrheitsfindung anzuerkennen, bereits als un- bzw. antiislamischer Akt geahndet werden.
Im Alltagsleben widersetzen sich viele durch abweichendes Verhalten den Moral- und Sittenvorschriften der frömmelnden Vertreter der göttlichen Souveränität. Dies geschieht ? nicht immer in politischer Absicht ? indem man etwa gegen das Alkoholverbot verstößt, die Verschleierungsvorschriften nicht vollständig einhält, »verwerfliche« Kleider trägt, sowie Pop und andere »fröhlich klingende« (mottarab) Musik hört. Kurz gesagt: Die Gegenkultur ist die Kultur des modernen Lebens ? oder jener Lebensformen, die für modern gehalten werden: Politisch tritt sie für Freiheit ein, sie widerspricht der Autorität der herrschenden Patriarchen, sie ersetzt die angeordnete Imitation durch Skepsis, sie symbolisiert die Sehnsucht der Menschen nach Offenheit, Ehrlichkeit und Freude und strebt in ihren demokratischen Richtungen nach Partizipation und Selbstbestimmung.3
Politisch darf sich die Gegenkultur nicht umsetzen. Politisch wirksam ist sie dennoch ? und zwar vor allem dadurch, daß die Herrschenden ihr diese Bedeutung beimessen. Sie erklären sie zum Ausdruck einer von feindlichen Kräften inszenierten »Kulturverschwörung« und apostrophieren sie mit militärischen Ausdrücken wie »Kulturinvasion« und »Kulturschlacht«. Dies spricht für die Furcht der Herrschenden vor der Gegenkultur, drückt sich aber auch in der Härte aus, mit der sie gegen ihre Träger und deren Produkte vorgehen. Dabei ist die Zensur, zumindest physisch betrachtet, noch das mildeste Mittel.

Die Reihe der repressiven Maßnahmen reicht bis zur physischen Vernichtung. Der Schriftsteller S`aidi Sirjani starb im November 1994 in Folge der im Gefängnis erlittenen Mißhandlungen. Im Juli des vergangenen Jahres entgingen 21 Autoren nur durch Zufall dem Tod, den ihnen der inszenierte Unfall des Busses bringen sollte, in dem sie nach Armenien fuhren. Unterhalb dieser Ebene von Mord und Morddrohung stehen ständige Verfolgungen und Verhaftungen. Dazu kommt eine in den Medien geführte ununterbrochene Hetzkampagne gegen Künstler und Schriftsteller, in der ihnen Spionage und andere moralische und sittliche Vergehen angelastet werden. Infolgedessen kommen sie sich wie Freiwild vor ? den gefürchteten Attacken der Hezbollah-Schlägertrupps ausgesetzt.
Wie sollen sich aber die Träger der Gegenkultur angesichts der zunehmenden Repressionen verhalten, wenn sie sich den Schlägen der Hezbollah entziehen, sich nicht verhaften und foltern lassen, am Leben bleiben, ihr Brot verdienen und darüber hinaus denken, produzieren und genießen wollen? Auf diese Frage hat ein großer Teil mit Auswanderung geantwortet. Damit hat sich jedoch ihr Einfluß in der eigenen Gesellschaft auf ein Minimum reduziert ? ganz zu schweigen davon, daß sie sich mit diesem Schritt die Quelle verschließen, der ihre Ideen entsprungen sind.

Von den Daheimgebliebenen hat sich ein Teil in die Isolation begeben. Sich der Mystik und Innerlichkeit widmend konzentrieren sie sich auf ihr inneres Heil. Der aktive Teil rennt entweder mit dem Kopf gegen die Wand, indem er das Regime, dessen heilige Werte oder gar dessen politische Spitze in bissiger Sprache und offen anprangert, oder er versucht, die Löcher im System der Repression auszunutzen, um mit seinem Publikum in Kontakt bleiben zu können. Dafür muß er sich aber dem Durchmesser der Löcher entsprechend dünn machen. Dies geschieht durch Selbstzensur, die meist nicht ohne Einfluß auf das eigene Denken bleibt, und/oder durch vielfältige Formen des Manövrierens zwischen den Linien und Machtblöcken. Der sich selbst Zensierende paßt sich jedoch meistens unbewußt, der Denkweise des Regimes an, womit er seinen Freiraum zu erweitern hofft. Dieser Weg entpuppt sich nicht selten als eine Falle, in der man nicht nur seine Identität und seinen Ruf gefährdet, sondern gelegentlich auch seine Freiheit verlieren kann.

Kein Kontakt zur Straße?
Neben der Kulturszene im engeren Sinne stehen die Teile der Gegenkultur, die mehr oder weniger organisiert politisch aktiv sind. Diese lauern entweder in kleinen Zirkeln auf die Gelegenheit, den Schritt in die Öffentlichkeit zu tun, wo sie hoffen die Klasse oder das Volk erreichen zu können; oder sie nutzen, ähnlich wie manche Literaten und Künstler, die vorhandenen Durchlässigkeiten aus, um in kleinen Gruppen unter dem Auge des Geheimdienstes und oft attackiert durch die Schlägertruppen der Hezbollah kleine Zusammenkünfte abhalten zu können. Irgendwelche Jahrestage nehmen sie zum Anlaß, um zusammen mit den Mutigeren unter ihren Anhängern in etwas größeren Versammlungen ihre Meinung kundzugeben.4 Parlamentswahlen oder die demnächst stattfindende Wahl des Staatspräsidenten ermöglichen in kleinem Rahmen solche Kundgebungen. Mit alledem erreichen sie die Öffentlichkeit natürlich nur in sehr beschränktem Maße.

Dem Problem, die Öffentlichkeit zu erreichen, sieht sich ? in geringerem Grade ? auch die interne Opposition, d.h. die sich teils als »links« und teils als »konstruktiv« bezeichnende Opposition innerhalb des Regimes gegenüber. Auch sie wird von den die Machtzentren dominierenden Konservativen in ihrer Tätigkeit massiv eingeschränkt. Damit stehen gegenwärtig alle Teile der Gegenkultur, aber auch die integrierte Opposition, vor dem gleichen Dilemma: Massenproteste, wie sie in den vergangenen Jahren ab und zu zum Ausbruch gekommen sind, oder Streiks der Arbeiter, wie die im Februar diesen Jahres in der Teheraner Raffinerie, bleiben von ihnen unbeeinflußt. Dennoch hoffen alle Oppositionellen, so gering ihre Freiräume auch sein mögen, auf eine Wende im Iran. Deren Wahrscheinlichkeit ist aber im Moment nicht abzuschätzen.

Anmerkungen:

1 Besonders hervorzuheben sind hier die Schriften des Theologen Mohammad Mojaherd Shabestari und des Philosophen Abdolkarim Sorush. Institutionell wird diese Strömung vor allem durch die Zeitschrift ?Kiyan? (dt. u.a.: Himmel, Kosmos, Dasein, Geist, König) repräsentiert.

2 In der deutschen und internationalen Filmszene sind z. B. Regisseure wie Makhmalbaf und Kiarostami bekannt geworden. Ihre Filme laufen in Programmkinos und im Fernsehen. Ein breiteres Publikum haben zuletzt einige Bücher iranischer Autoren gefunden. Dazu zählen etwa die auch in deutsch erschienenen Romane »Sinfonie der Toten« von Abbas Marufi und »Der leere Platz von Ssolusch« von Mahmud Doulatabadi.

3 Siehe ausführlich zur Gegenkultur im Iran: Asghar Schirazi, Gegenkultur als Ausdruck der Zivilgesellschaft in der Islamischen Republik Iran, in: F.Ibrahim/H.Wedel, Probleme der Zivilgesellschaft im Vorderen Orient, Opladen 1995.

4 So treffen sich z.B. anläßlich des Todestages des islamisch-liberalen Führers der ersten nachrevolutionären Regierung im Iran, Mehdi Bazargan, v.a. Mitglieder und Anhänger der von ihm zu Lebzeiten geführeten politischen Organisation ?Nehzat-e Azadi-ye Iran?. Dazu kommen zahlreiche liberale und radikale Säkularisten. Bazargan starb am 20.1.1995. In verschiedenen Städten des Landes nehmen Tausende an diesen Treffen teil. In der Regel werden sie von der Hezbollah tätlich angegegriffen.

Asghar Schirazi ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Asien-Afrika-Wissenschaften der Humboldt-Universität Berlin. Von ihm ist zum Thema zuletzt erschienen: The Constitution of Iran. Politics and the State in the Islamic Republic, London 1997.