Literatur
Wer das letzte Wort hat
Ein Gespräch mit Nagib Machfus
Wie kein anderer Autor hat Nagib Machfus die arabische Literatur mit Werken wie »Die Midaqgasse« oder »Die Kinder unseres Viertels« international bekannt gemacht. 1988 erhielt er den Literaturnobelpreis. Muna al Shurbagi und Christoph Burgmer sprachen mit ihm über sein Werk, über Literatur und Zensur und über den Islamismus in Ägypten.
Es gibt drei Themen, denen man in Ihren Werken immer wieder begegnet: die ägyptische Gesellschaft, die wissenschaftliche Erkenntnismöglichkeit und die religiösen Traditionen. Sie haben diese Themen in den verschiedenen Phasen Ihres künstlerischen Schaffens unterschiedlich gewichtet. In Ihren Romanen aus den 40er und 50er Jahren standen die soziale Gerechtigkeit und die ägyptische Nation im Vordergrund. In den 60er und Anfang der 70er Jahre galt Ihr Interesse stärker den Fragen des Staates, der Freiheit des Bürgers und der Meinungsfreiheit.
Diese Themen sind immer noch aktuell. Aber der Schwerpunkt meiner Arbeit verschiebt sich. In meinem letzten Buch »Echos einer Autobiographie« gibt es natürlich sozialkritische Elemente und die wichtige Auseinandersetzung mit dem Begriff der Freiheit. Daneben gibt es aber auch zahlreiche Bezüge zum Sufismus, den ich als einen Versuch verstehe, das Leben als Ganzes zu erkennen.
Welche Rolle hat der Autor Ihrer Ansicht nach heute in der Gesellschaft?
Immer ist der Autor oder der Künstler Kind seiner Zeit. Dadurch hat er zu allen Zeiten die gleichen Aufgaben: Er spiegelt die Realität. Heute gibt es jedoch neue Medien, die dem Autor Konkurrenz machen ? wie das Radio, das Fernsehen und das Kino. Ich sehe aber darin kein Problem, denn ich habe es sehr begrüßt, daß viele meiner Romane verfilmt wurden. Immer noch sind mindestens die Hälfte der Ägypter Analphabeten, die meine Geschichten nie hätten lesen können. Durch die Verfilmungen kennen sie sie jedoch besser als die Intellektuellen.
Wie sehen Sie die Beziehung zwischen der Verankerung einer Geschichte in einer bestimmten Kultur und der Universalität von Literatur?
Jede Art von Kunst auf der Welt ist immer lokal, denn den Hintergrund liefert eine bestimmte Region mit ihren Menschen in einer besonderen historischen Situation. Wenn die Kunst jedoch einen bestimmten Grad an Tiefe und umfassendere Aussagen erreicht, so kann sie überall und in jeder Umgebung verstanden werden. Der Roman »Die Midaqgasse« zum Beispiel wurde von Mexikanern in Mexiko verfilmt. Zwar ist die Midaqgasse eine echte ägyptische Gasse, die sich in ihrer äußeren Erscheinung, der Kleidung der Menschen und der Art zu sprechen stark unterscheidet von Straßen in anderen Ländern. Aber dahinter stehen menschliche Beziehungen, die es überall gibt und die geprägt sind von Liebe, Rache, Eifersucht, Freude und Traurigkeit.
In Ihren Werken ist die Konfrontation zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und islamisch-religiöser Tradition konstituierendes Element. Dies wird ganz deutlich in dem in den fünfziger Jahren erschienenen Roman »Kinder unseres Viertels«. Die Hauptfigur Arafa steht für die wissenschaftliche Erkenntnis, sein Name ist abgeleitet von dem arabischen Wort für Wissen. Die zweite Hauptfigur Gabalawi dagegen steht für die religiösen Werte.
In dem Roman hat Arafa das letzte Wort. Er muß sich jedoch auf die Werte des Gabalawi stützen. Daher gelangt Gabalawi am Schluß zu der Überzeugung, daß er nach seinem Tod noch einmal wiederauferstehen muß. Das bedeutet, daß die Wissenschaft zwar das letzte Wort hat. Sie muß jedoch von den höheren unumstößlichen Werten der Menschlichkeit getragen werden. Die Menschheit besitzt mehr als eine Fähigkeit zur Erkenntnis: Da ist zum einen die Vernunft, die wir in allen materiellen Beziehungen und in der Gesetzgebung benutzen. Aber nur mit der inneren Eingebung können wir den essentiellen Sinn der Existenz erkennen, Vernunft und innere Eingebung in Übereinklang bringen.
Die Herausgabe des Romans »Die Kinder unseres Viertels« wurde zur damaligen Zeit von der ägyptischen Regierung verboten. Als er vor zwei Jahren doch veröffentlicht wurde, verkauften sich innerhalb weniger Stunden 45.000 Exemplare. Trotzdem sprachen Sie sich gegen die Veröffentlichung aus.
1960 gab es eine Vereinbarung zwischen mir und der ägyptischen Regierung, daß der Roman in Ägypten nicht als Buch erscheint. Damit sollte die Entscheidung der Azhar-Universität respektiert werden, die ein Verbot des Buches gefordert hatte. Die Regierung hatte aber keine Einwände gegen die Veröffentlichung im Ausland. Diejenigen, die das Buch jetzt herausgegeben haben, hielten sich nicht an diese Vereinbarung. Aus diesem Grund war ich dagegen.
Warum wird das Verbot jetzt, über 30 Jahre später, nicht aufgehoben?
Dieser Vorschlag wurde dem Zensurkomitee noch nicht unterbreitet. Der derzeitige Scheikh al-Azhar vertritt zwar viele liberale Ansichten. Aber ich möchte nicht der Anlaß für ein Problem zwischen ihm und den islamistischen Gruppen sein. Außerdem ist der Roman außerhalb Ägyptens in Arabisch erschienen und wurde trotz des Verbotes in Ägypten öfter verkauft als im Ausland.
Sie selbst arbeiteten eine Zeit lang in der Zensurbehörde. Wie stehen Sie selbst zur Zensur?
Das ist nicht so einfach. Man setzt keinen Zensor ein und läßt ihn dann nach eigenem Gutdünken gewähren. Der Zensor ist an das Zensurgesetz gebunden. Ein Zensor, dessen Herz für die Kunst und die Freiheit schlägt, wird bestrebt sein, der Kunst wenn irgend möglich nicht zu schaden. Ein Zensor dagegen, der nichts für die Kunst empfindet, wird das Gesetz durch buchstabengetreue Auslegung zur Einschränkung der Kunst benutzen. Als ich Zensor war, gehörte ich zu denen, die die Freiheit der Kunst schützen wollten. Ich konnte das Gesetz jedoch nicht ignorieren, da ich schließlich angestellt war, um es anzuwenden. Danach durfte ein Film zum Beispiel nicht im Widerspruch zur staatlichen Politik stehen. Darüber hinaus mußte der Respekt vor den Religionen gewahrt bleiben. Außerdem durften die allgemeinen gesellschaftlichen Werte und Moralvorstellungen nicht verletzt werden.
Wie beurteilen Sie heute die Zensur?
Heute gibt es in der politischen Auslegung durch den Zensor sogar mehr Freiheit. Zu meiner Zeit genügte es zum Beispiel, daß in einem Film ein israelischer Schauspieler auftrat, und der Film wurde verboten. Dagegen gibt es heute Probleme in bezug auf die Auslegung der Religion. Die allgemeinen Wert- und Moralvorstellungen sind im Vergleich zur damaligen Zeit restriktiver.
Die Islamisten konnten ihren Einfluß auf die ägyptische Gesellschaft ausdehnen. Sind Sie beunruhigt?
Es sind nur Gruppen, die extremistische Gedanken vertreten. Die gab es in unserer Gesellschaft schon immer. Schon als Kind las ich über sie in den Zeitschriften. Damals waren die Extremisten jedoch schwach. Ihre Gedanken wurden nicht ernst genommen, man machte sich über sie lustig. Die Kriege, der Konflikt mit Israel, die Verschlechterung der ökonomischen Situation sowie der Anstieg der Korruption bieten heute jedoch einen Nährboden für die Extremisten, die ihre Anhänger vor allem unter den Jugendlichen finden. Bis jetzt wird die Gewalt vor allem durch die Sicherheitskräfte bekämpft. Dies forderte viele Opfer. Dadurch ist es zwar gelungen, den Terrorismus auf ein begrenztes Gebiet im Süden Ägyptens zu beschränken, aber die extremistischen Gedanken sind nach wie vor verbreitet. Um sie wirksam bekämpfen zu können, müssen das Fernsehen, die Schule und die Familie sich beteiligen. Zusätzlich müssen wir das Rad des Fortschritts schneller drehen, sowohl in der Wirtschaft als auch bei der Bekämpfung von Arbeitslosigkeit und Korruption. Nur so wird Ägypten den Engpaß des Flaschenhalses überwinden können, in dem das Land steckt und an der neuen Welt teilhaben können, von der alle sprechen. |