Volltext

(Artikel * 1997) Khaxas, Elizabeth
Jongleurinnen Auf der Suche nach feministischen Perspektiven in Namibia
in Blätter des iz3w Nr. 219 * Seite 30-31
Themen: Frauenbewegung; Südliches Afrika; Feminismus; Frauen; Namibia; Zeitschrift; Themenblock * Dok-Nr: 63412
Feminismus in den 90ern


Jongleurinnen

Auf der Suche nach feministischen

Perspektiven in Namibia

von Elizabeth Khaxas


Lehrerin, Lesbe, Mutter, Damara-Frau: die Persönlichkeit Elisabeth Khaxas, Mitarbeiterin der feministischen Zeitschrift »Sisters« in Namibia, setzt sich aus verschiedenen Lebenswirklichkeiten zusammen. So zeigen sich ihr täglich Grenzen von Identitätspolitik und essentialistischen Zuschreibungen. Auch beim Schreiben sucht sie nach neuen Wegen des Bewußtseins für sich selbst und andere.

Ich war fünfunddreißig, als mir im Rahmen eines Seminars zu Gender, in dem fast nichts über schwarze Frauen gesagt wurde, klar wurde, daß der Begriff Feminismus nicht automatisch die Erfahrungen der sogenannten »Dritte-Welt-Frauen« miteinbezieht. Ich erkannte, daß es viele Arten von Feminismen gibt, von denen die meisten die Interessen der weißen Mittelklassefrauen (nördliche Hemisphäre und Australien) als Ausgangspunkt haben. Ich fühlte mich betrogen und war wütend, denn während der letzten zehn Jahre hatte ich feministische Literatur so gelesen, als ob der Feminismus ganz selbstverständlich mein »Zuhause« sei ? ohne wahrzunehmen, daß viele verschiedene Zuhause geschaffen worden waren, die von bestimmten Frauen mit bestimmten Interessen und Erfahrungen bewohnt wurden.
Ich befand mich in einem Dilemma: Sollte ich meine Wurzeln in meiner Identität als schwarze Frau finden, in meiner sexuellen Orientierung als Lesbe oder in meiner Ethnizität als Damara-Frau? Mir wurde klar, daß keine Wahl aufrichtig ist: Wenn ich mich zum Beispiel auf der Basis meiner Hautfarbe identifizieren würde, würde ich auf Probleme stoßen, da nicht alle schwarzen Frauen die gleichen Erfahrungen und Interessen wie ich haben. Ich hatte eine andere Wahl, die darin bestand, mich jenseits von Identitätspolitik zu bewegen und nach einer gemeinsamen Basis zu suchen, von der aus wir uns politisch organisieren könnten.
Seit vielen Jahren arbeite ich in gemischten1 Kollektiven wie Women?s Solidarity und Sister Namibia, die sich mit Themen wie Gewalt auseinandersetzen. Keine von uns kann sich völlig jenseits dieser Politik der Identitäten bewegen, denn ich muß mich zum Beispiel mit geschlagenen und vergewaltigten Frauen identifizieren, um einen politischen Schritt gegen diese Gewalt tun zu können. Interessanterweise wurde die Frage, welche Art von Feminismus wir praktizierten, in diesen Kollektiven nie grundlegend aufgeworfen. Ich glaube, daß wir das deshalb nicht taten, weil wir unsere zerbrechliche Solidarität zwischen schwarzen und weißen Frauen in Anbetracht von Apartheid und Kolonialismus um jeden Preis schützen wollten. Die postkolonialen Zeiten sind eine Herausforderung an uns alle, indem wir unser »Frausein« (womanhood) problematisieren müssen und lernen anzuerkennen, daß es nicht den einzigen wahren Weg gibt, wie eine Frau und eine Feministin zu sein hat. In Sister Namibia schreiben wir immer noch so, als ob wir alle die gleichen Erfahrungen mit unserem Frausein machten, als ob alle Frauen die gleiche Form sexistischer Unterdrückung erfahren würden. Heterosexistische Politk ist hier die Norm, und obwohl es eine Phase gab, in der die Hälfte des Kollektives aus Lesben bestand, gab es sehr wenig Diskussionen zu Homosexualität in unserer Gruppe. Genauso wie weiße Feminismen »Dritte-Welt-Feminismen« kolonisieren, verneinen wir uns selbst als Lesben, wenn wir heterosexistische Politik als Norm betrachten.
Namibia ist angeblich noch nicht bereit für eine Politik zu Sexualität. Doch Namibia wird niemals für etwas bereit sein, das nicht generell als »richtig« betrachtet wird. Unsere feministischen Projekte sollten durch Ambivalenzen, »Zweideutigkeiten« und Vielfältigkeit geprägt sein. So können unsere Unterschiede dabei helfen, uns verschiedenen Formen von Herrschaft zu widersetzen und Veränderungen zu erreichen. Niemand behauptet, das sei einfach. Es ist auch nicht leicht für mich, mit den gegensätzlichen Interessen und Konflikten in mir selbst zu jonglieren: als schwarze namibische Damara-Lehrerin, als Mutter, freiwillige Mitarbeiterin oder als Lesbe, deren Psyche beschädigt wurde durch die Kolonisierung und die andauernden Freiheitskämpfe. Meine These lautet also, daß es keinen essentiellen oder wahren Weg gibt, eine Frau zu sein, auch wenn das von den Medien und unseren Communities so konstruiert wird.
Viele von uns werden durch das Bild des glatthaarigen, schlanken weißen Körpers unterdrückt. Der Wunsch nach diesem Bild und seine Attraktivität zeigen sich in unserem geglätteten Haar, in unserer Haut, die durch Aufheller zerstört wird und in Anorexie und Bulimie, die immer häufiger auftreten. Es ist wichtig zu wissen, daß es so etwas wie die »essentielle Frau oder den essentiellen Mann« nicht gibt, und daß die Begriffe Frau und Mann Konstrukte sind, die geschaffen wurden und die deshalb auch verändert und neubesetzt werden können. In Zeiten des Friedens zum Beispiel werden Frauen als Hüterinnen und Pflegerinnen betrachtet, doch während des Befreiungskampfes waren sie auch Kämpferinnen. Als feministische Lehrerin betrachte ich meine Arbeit als Möglichkeit, neue Wege des Sehens, des Seins und des Gesehenwerdens zu schaffen. Dazu anzuregen, viele Arten von Frausein zu entwickeln sowie neue und nicht sexistische Arten von Mannsein zu fördern, ist auch ein Ziel unserer Zeitschrift Sister. Als Feministin kann ich beispielsweise nicht einfach über Schönheit oder Mode schreiben, ohne auf die physischen und ökonomischen Zwänge zu blicken, die diese auf Frauen ausüben, und muß dabei fragen, in wessen Interesse die Ökonomie der Schönheit steht.
Gegen den Strom zu schreiben und zu lesen bedeutet, alles Gelernte und was wir sind zu dekonstruieren (unmake) und zu rekonstruieren (remake). Dies ist ein langsamer und schwieriger Prozeß. Wir müssen die Tatsache akzeptieren, daß Sister als einzige feministische Zeitschrift in Namibia nicht notwendigerweise populär in unserem patriarchalen Land sein wird. Die Frage nach der Autorinnenschaft und nach unseren Leserinnen ist ebenfalls von großer Bedeutung. Schreiben wir für uns selbst oder für die Leute »da draußen«? Falls wir für die Öffentlichkeit an anderen Orten schreiben, richten wir uns dann an eine homogene Gruppe von Menschen, ohne deren Gechlecht, Ethnizität, sexuelle Orientierung und Hautfarbe zu berücksichtigen? Selbst wenn wir für andere schreiben, so findet der Akt des Schreibens dennoch nicht außerhalb von uns selbst statt, und so betrachte ich Schreiben als einen subjektiven Akt. Diejenigen von uns, die glauben, sie kennen den wahren Weg, Dinge zu tun, müssen sich darüber klar werden, daß wir im Namen der Befreiung andere gleichzeitig unterdrücken können. Wichtig ist, welchen Interessen meine Texte dienen. Fordern sie unterdrückende Traditionen und das Patriarchat heraus? Schaffe ich durch mein Schreiben neue Wege des Bewußtseins für mich selbst und für andere? Ich begreife Schreiben als einen symbolischen Prozeß, in dem ich mich selbst als »die Andere« darstelle. Es ist ein konstruktiver Prozeß, durch den ich dazu beitrage, die neue Welt zu erschaffen, zu der wir alle ? schwarz, weiß, heterosexuell, homosexuell ? gehören.

Der Text ist entnommen aus »Sister Namibia«, Herbst 1996. Übersetzung Iris Erbach.


Anmerkungen:

1 »gemischt« meint hier nicht Männer und Frauen, sondern Frauen verschiedener Hautfarbe, sexueller Orientierung etc. (Anmerkung. d. Übersetzerin)


Elizabeth Khaxas ist Lehrerin in Katutura und in der namibischen Frauenbewegung aktiv. Sie ist Mitarbeiterin von Women?s Solidarity und des Sister-Kollektives, das die einzige feministische Zeitschrift in Namibia, Sister Namibia, herausbringt.