Feminismus in den 90ern
Rezension
Unbeschreiblich weiblich?
Kategorie: Geschlecht
von Christine Parsdorfer
Die erste große Begeisterung über die dekonstruktivistische Wende im Femininismus ist gerade abgeflaut. Die Versuche, die Ergebnisse für die politische Praxis oder aber für die empirische Forschung nutzbar zu machen, gestalten sich schwierig. Zwar ist in der feministischen Theoriebildung als Konsequenz kaum mehr von einer unhintergehbaren weiblichen Identität die Rede, vor deren Hintergrund politische Konzepte und Analysen entwickelt werden. Auch die Entgegensetzung von Natur und Kultur, wie sie in der sex und gender Debatte noch vertreten wurde, ist inzwischen in weiten Kreisen harsch kritisiert worden. Uneinigkeit besteht jedoch weiterhin in der Frage, inwieweit die Kategorie Geschlecht als Bezugspunkt für die gesellschaftliche Analyse taugt.
In diese Diskussion reiht sich auch der jüngst erschienene Sammelband ?Kategorie: Geschlecht? ein, der sich darüber hinaus auch noch zum Ziel gesetzt hat, die dekonstruktivistischen Theorien für die empirische Forschung nutzbar zu machen.
Die Autorinnen sind sich weitgehend darin einig, daß es unmöglich ist, gänzlich von der Kategorie Geschlecht Abschied zu nehmen, solange die Geschlechtszugehörigkeit über den Aufstieg in der gesellschaftlichen Hierarchie entscheidet. Leider erschöpft sich der gemeinsame Nenner der hier versammelten Beiträge aber in diesem Allgemeinplatz. Welcher analytische Stellenwert der Kategorie Geschlecht zuzusprechen ist, und welche Konsequenzen aus der Kritik der bisher gängigen Identitätspolitik zu ziehen sind, wird widersprüchlich gesehen. Ob dies der persönlichen Vorliebe der Autorinnen oder aber den disparaten Untersuchungsfeldern (sie reichen von Frauen in der Landwirtschaft, bis zu Gewalterfahrungen von Jungen und Mädchen) geschuldet ist, bleibt weitgehend im Dunkeln.
So kommt Brigitte Hasenjürgen auf der Grundlage ihrer Untersuchung über Sozialwissenschaftlerinnen an der Hochschule zu dem Schluß, daß bei diesen weniger das Geschlechterverhältnis über Einstellung zur wissenschaftlichen Arbeit und über den Aufstieg in der Unihierarchie entscheidet, als vielmehr ihre soziale Herkunft und das von zu Hause mitgebrachte ?kulturelle Kapital? (Bourdieu). Der ?Klasseninstinkt? sorge dafür, daß Akademikerinnen aus der Oberschicht ihre Energie dort investieren, wo sie für das akademische Vorankommen relevant ist: in Vorträge und Veröffentlichungen, während sich die ?Unterklassenakademikerinnen? mit Lehrveranstaltungen bescheiden, die wenig öffentlichkeitswirksam sind. Letztlich haben so Männer und Frauen aus der Oberschicht mehr miteinander gemein als Frauen aus der Arbeiterklasse mit ihren bourgeoisen Kommilitoninnen.
Ganz anders argumentiert Susanne Keil in ihrem Beitrag. In Anlehnung an den Mailänder Affidamento-Ansatz, der auf den bestehenden Unterschieden zwischen Männern und Frauen aufbaut, hebt sie die Bedeutung von Frauen hervor, die sich in ihrem Werdegang wechselseitig unterstützen. Ziel sollte ihrer Meinung nach die Entwicklung neuer »kultureller Praxen« sein, die die bisherige Kategorie ?Frau? neu füllen können.
Diesem Konglomerat von empirischen Analysen folgen drei Artikel, die sich theoretisch mit den dekonstruktivistischen Theorien auseinandersetzen. Daß dies ? trotz beständig wachsender Bücherflut ? notwendig ist, beweist Birgit Wartenpfuhl, die auf die »Begriffsver(w)irrungen« hinweist, die im Anschluß an die Butler-Diskussion über Begriffe wie Dekonstruktion und Konstruktion herrschen. So firmieren in der aktuellen Debatte verschiedene Ansätze wie beispielsweise die Ethnomethodologie, die danach fragt, wie Geschlecht täglich neu hergestellt wird, unter dem Markenzeichen der Dekonstruktion, obwohl sie eher der konstruktivistischen Theorierichtung zuzuordnen sind. In ihrem fundierten, an Derrida anschließenden Beitrag, kommt Wartenpfuhl ähnlich wie auch Encarnación Gutierrez Rodríguez zu dem Schluß, daß die dekonstruktivistische Perspektive keineswegs zu einem Verlust von Begriffen gesellschaftlicher Machtverhältnisse oder auch der Analysekategorien Mann ? Frau kommen muß, wie ihr immer wieder vorgehalten wird, sondern einen wichtigen Beitrag zur Selbsthinterfragung feministischer Theorie leisten kann.
Neben der Auseinandersetzung mit dem (De)Konstruktivismus ist die Verwobenheit von »Rasse«, »Klasse« und »Geschlecht« zentrales Thema der Theoriebeiträge. Auch hier zeigen sich die unterschiedlichen Ausgangspunkte der Autorinnen. Während Birgit Wartenpfuhl diese verschiedenen Identitäten so verknüpft sieht, daß sie auch analytisch nicht zu trennen sind, sucht Paula Irene Villa im Anschluß an Bourdieu und die feministische Ethnomethodologie die Vermittlung der verschiedenen Identitäten durch die »Leiblichkeit«. Diese bestimmt sie als »materielle Verkörperung gesellschaftlicher Strukturen und Prozesse«. Über Geschmacksfragen und unterschiedliche Vorlieben stellen sich sowohl soziale als auch geschlechtliche »Körper« her, die dann quasi automatisch ihren »natürlichen« Platz in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung einnehmen. Es gelingt Villa jedoch nicht, diese doppelte Vergesellschaftung analytisch zu fassen, vielmehr stehen auch am Ende der Darstellung Geschlechts- und Klassenidentität weitgehend isoliert nebeneinander.
Daß die theoretische und praktische Weiterentwicklung der Butler-Diskussion sich schwierig gestaltet, zeigt gerade dieser Sammelband. Auf der empirischen Ebene bewegen sich die Beiträge eher auf dem Niveau einer ?Geschlechterkunde? querbeet durch alle gesellschaftlichen Bereiche. Die Theoriebeiträge sind etwas für diejenigen, die schon in die Tiefen der dekonstruktivistischen Theorien vorgedrungen sind. Inwiefern dieses Spezialistinnentum Eingang in Empirie oder sogar die politische feministische Praxis finden kann, steht in den Sternen. In diesem Sinne macht Rodriguez auf die Grenzen auch eines kritisch gefaßten Dekonstruktivismus aufmerksam. Dieser kann zwar die herrschaftliche duale Logik aufspüren, auflösen kann er sie jedoch nicht. Oder frei nach Marx: die Philosophen haben die Welt verschieden konstruiert und dekonstruiert, es kommt darauf an, sie zu verändern.
Ute Luise Fischer, Marita Kampshoff, Susanne Keil, Mathilde Schmitt: Kategorie: Geschlecht, Leske + Budrich, Opladen 1996, 39,- DM .
Christine Parsdorfer ist Mitarbeiterin
des iz3w. |