Volltext

(Artikel * 1997) Hoffmann, Monika
Duales System Die westliche Frauenbewegung und der Rest der Welt
in Blätter des iz3w Nr. 219 * Seite 20-21
Themen: Frauenbewegung; Theorie; Nordamerika; Geschlechterverhältnis; Europa; Feminismus; Frauen; Themenblock * Dok-Nr: 63408
Feminismus in den 90ern

Duales System

Die westliche Frauenbewegung

und der Rest der Welt

von Monika Hoffmann


Das Objekt feministischer Theorie ist mit Judith Butlers »Unbehagen der Geschlechter« in eine Identitätskrise gestürzt worden. Betrachtet man die Geschichte der westlichen Frauenbewegung, so erscheint diese allerdings als chronischer Zustand. Identität und Differenz sind immer wiederkehrende Schlüsselbegriffe, um die die Betrachtungsweisen der sozialen Kategorie ?Frau? kreisen.

Die feministische Bewegung der 60er und 70er Jahre in der BRD entstand auf der negativen Folie der weiblichen Rolle als Ehefrau, fürsorgender Reproduktionskraft und/oder sexualisiertem Objekt. Sie entwickelte die Perspektive einer Emanzipation von den Fesseln einer überkommenen Familienideologie, in der die geschlechtsspezifische Zuweisung zementiert war. Selbstbestimmung und Gleichberechtigung hießen die Schlüsselwörter der Frauen, ob es um »Mein Bauch gehört mir« oder sexuelle Verfügbarkeit, um Bildungschancen oder geschlechtliche Arbeitsteilung ging. Das »Private ist politisch« ? das Motto der frühen Bewegung entsprang dem Bedürfnis, die eigene Unterdrückungserfahrung und ihre Verknüpfung mit den ideologischen, materiellen und gesellschaftlichen Verhältnissen sichtbar zu machen. Die Feministinnen bezogen sich auf die Gemeinsamkeit als kollektiv diskriminiertes Subjekt und übertrugen den so hergestellten »Wir-Bezug«, der sich auf die patriarchalische Rollenzuweisung konzentrierte, auf Frauen nicht nur verschiedener sozialer Schichten, sondern auch (gleich welcher) anderer Länder. Die identitätsstiftende Vorstellung der universalen Unterdrückung durch ein globales Patriarchat hatte zwar einerseits eine befreiende Dynamik und Schlagkraft hervorgebracht, andererseits aber wurde daraus ein hegemonialer Geltungsanspruch abgeleitet.

Durch die Kritik ? zunächst von jüdischen Frauen und Migrantinnengruppen ? wurde in den 80er Jahren die Gewißheit dieser universalen Identität der Frauen im Kampf gegen das »älteste und weltweite« hierarchische Herrschaftssystem nachhaltig erschüttert. Endlich in Gang gesetzt, löste die Kontroverse um die Priorität des sexuellen Gewaltverhältnisses vor anderen Herrschaftsmechanismen eine ganze Welle von Differenzen und Differenzierungen aus. Die Antisemitismusdiskussion, die Rassismusdiskussion, der Lesben-Heterakonflikt... ? was anfangs noch mit dem Vorwurf der Spaltung zurückgewiesen wurde, war bald nicht mehr zu leugnen: Eine differenzierte Analyse war überfällig, die ? auf konkrete, ökonomische und soziale Aspekte bezogen ? historische, lokale und kulturelle Kontexte zugrundelegen sollte. Jede einzelne dieser Kontroversen um den dualistischen und globalen Ansatz in der westlichen Frauenbewegung zog ein ganzes Feld weiterführender Diskussionen nach sich und stellte bislang gültige Ansätzen in Frage. So in der Debatte um die Unterdrückungsverhältnisse ?race, class und gender?. Zunächst ging man davon aus, daß diese quasi ohne Wechselwirkung nebeneinander existierten; dann addierte man sie zur Vorstellung einer dreifach unterdrückten schwarzen Trikontfrau, die auf der untersten Stufe stehe. Während diese drei hierarchischen Kategorien um den kulturellen Aspekt ?Ethnie? ( in Abgrenzung zur Hautfarbe ) erweitert wurde, diskutierte man die Konkurrenz oder die wechselseitige Bedingtheit der Unterdrückungsverhältnisse. Die Kritik am Rassismus machte nicht bei der Frauenforschung und -theorie halt, sondern meinte auch ihre Repräsentantinnen: die weißen, westlichen, säkularisierten Mittelstandsfrauen, deren Ignoranz und Dominanz gegenüber Frauen anderer kultureller oder ethnischer Gruppen als rassistisch und diskriminierend entlarvt wurde.
Die weiße Frau war ins Kreuzfeuer der Kritik geraten ? vor allem aber in die Fallstricke ihres wohl festverankerten Schuldbewußtseins. Letzteres behinderte nicht nur die Überwindung des bisherigen Selbstverständnisses, in erster Linie Opfer der Unterdrükkungsverhältnisse zu sein, sondern trifft m.E. den Pudel ins Mark: Antirassismus geriet oftmals zu einer Frage des persönlichen korrekten Verhaltens, und die Ebene von Schuld (-zuweisungen) und Versagen führte eher zur bedingungslosen Selbstzensur als zur kritischen Auseinandersetzung mit dem komplexen Strukturelement Rassismus.1 In ähnlicher Weise verlief die Auseinandersetzung um die Mittäterschaft von Frauen im NS-Faschismus. Erstmals wurde hierbei der bis dato in der feministischen Theorie zugrundeliegende defizitäre Ansatz (d.h. Frau als nicht an der Macht teilhabende, idealisierte Unschuldsikone) infragegestellt. Doch letztlich wurde das dualistische Denkmuster nicht überwunden.

Das Opfer ist Objekt
Wenn sich Frauen als homogene Gruppe aufgrund defizitärer Merkmale definieren, dann ist ihnen die Machtlosigkeit und der Opfer- und Objektstatus immanent. Folglich wird dann auch nicht nach entmachtenden Gelegenheiten gesucht, sondern nur nach weiteren Fällen machtloser Frauen, um die gruppenkonstituierende These zu verifizieren. »Obwohl es wahr ist, daß das Potential männlicher Gewalt gegen Frauen ihre soziale Stellung bis zu einem gewissen Grad umschreibt und erklärt, macht die Definition von Frauen als archetypische Opfer Frauen zu ?Objekten, die sich selbst verteidigen?, und Männer zu ?Subjekten, die Gewalt ausüben?, und teilt jede Gesellschaft in machtlose (sprich: Frauen) und machtvolle (sprich: Männer) Gruppen von Menschen.«2 In ihrem oben zitierten Aufsatz thematisiert Chandra Talpade Mohanty die Funktionalisierung der Frauen aus der ?Dritten Welt? als Untersuchungsobjekt in feministischen Diskursen. Sie konstatiert den ethnozentristischen Blick der westlichen Frau als monolithische Festschreibung der Vorherrschaft des westlichen Feminismus. Die Projektion einer vereinheitlichten »Dritte-Welt-Frau« ? verschleiert, kinderreich und traditionell ? diene der Selbstdarstellung der westlichen Frau als säkularisiert, befreit und selbstbestimmt.
Was Mohanty für das Verhältnis der westlichen Frauenbewegung zur »Dritten Welt« diskursanalytisch darlegte, beschrieben u.a. Annita Kalpaka und Nora Räthzel für das paternalistische Verhältnis der BRD-Feministinnen zu Migrantinnen. Auch sie sehen Geschlecht und Ethnizität konstruiert durch kulturelle Zuschreibung. Ein Beispiel hierfür ist die Typisierung mit den als weiblich assoziierten Prädikaten »emotionaler, weniger analytisch, naturnaher usw.« zur ethnisch/kulturellen Abgrenzung »ausländischer Mann« gegenüber »deutschem Mann«. Mit diesem Ansatz wurde die kulturalistische Strömung genauso demontiert wie der Dualismus der westlichen weißen Frauenbewegung, die nicht weiß ohne schwarz, Frau ohne Mann, Macht ohne Ohnmacht denken kann.

Tanz der Geschlechter
Jenseits der praxisorientierten Positionierung feministischer Politik der 80er Jahre spielt sich die Rezeption Judith Butlers »Das Unbehagen der Geschlechter« (USA 1991) in diesem Jahrzehnt fast ausschließlich in akademischen Zirkeln ab. Im Zentrum ihrer Analyse steht die These der diskursiven Konstruiertheit des Geschlechterdualismus, sowohl bezüglich der Geschlechtsidentität gender, des biologisch-anatomischen Geschlechts sex und des geschlechtlichen Begehrens desire. Das, was bislang als politisches Subjekt galt und in den Anfangszeiten des Feminismus als revolutionierende Identität propagiert wurde, wird hier als Konstrukt demaskiert und zur Disposition gestellt.
Die Vorstellung, daß die Geschlechterzuweisungen geschaffen und manifest werden, ist nicht neu.3 Neu ist aber Butlers Annahme, daß das binäre System auch bezüglich des Körpergeschlechts konstruiert ist und die Zweigeschlechtlichkeit nicht durch Sozialisation, sondern als kulturelle Definition geschaffen wird. Das bedeutet nicht, daß die materielle, anatomische »Männlichkeit« oder »Weiblichkeit« nicht existent seien. Es heißt vielmehr, daß diese nicht essentiell, also von der Natur determiniert sind, sondern als polarisierte Paradigmen diskursiv geschaffen und definiert werden.
Die drei Kategorien ?sex, gender und desire? müssen, entsprechend des heterosexuellen Imperativs, so in Einklang gebracht werden, daß sie der normierten Realität gerecht werden. Sind diese die Realität konstituierenden Elemente aber ihrerseits gesellschaftlich erschaffen und nicht naturgegeben, so können sie auch verändert und dekonstruiert werden. »Tanz der Geschlechter«, die subversive, parodierende Inszenierung der Geschlechterrollen und -normen, ist Butlers Handlungsvorschlag: Queerness4 setzt da an, wo immer aufs Neue versucht wird, sich der gesellschaftlichen Geschlechternorm anzunähern. Diese Versuche werden karikiert, indem die Verfehlung des Ideals als performance auf die Spitze getrieben wird.

In der hiesigen Debatte um Butlers Dekonstruktivismus entzündet sich die Kritik vor allem an Queerness als Handlungsvorschlag: Der Showcharakter der Geschlechterperformance ähnele einer Bühnentravestie ohne politische Tragweite, die überdies nur in einer Metropolenszenerie denkbar sei. Aufgebrochen, die Idee von Subjekt und Identität aus den Angeln zu heben, setze das subversive Spiel letztlich doch wieder ein willentlich handelndes Subjekt voraus. Sie bleibe damit in den Fängen einer Identität mittels sexueller Selbstdefinition, auch wenn diese beliebig sei und immer wieder variiert werde.
Ein anderer Eckpfeiler der Kritik ist der Mythos der Macht, dem Butler aufliege, wenn sie ungeniert propagiert, das subversive Spiel »im Rahmen der bestehenden Macht« neu zu überdenken: »Aber dies ist bei Butler ? und darin adaptiert sie Foucault ? nicht kritisch gemeint, sondern ganz und gar positiv. Die Macht und ihre Diskurspraktiken infrage zu stellen, ist für sie ein sinnloses und sogar undenkbares Unterfangen.«5 Trotzdem: De-konstruktivismus in Bausch und Bogen zum hedonistisch-pluralistischen Zeitgeist zu erklären, reduziert die ganze Theorie auf ein Teilelement. (Die Perspektive, die die Queertheory bietet, hält zugegebenermaßen kaum einer weitgehenden Überprüfung stand, doch sollte auch nicht vergessen werden, daß der Kontext in den USA ein anderer ist.) Die Diskursanalyse hat sich aber zur Hauptaufgabe gemacht, die Ordnungsklassifikationen und -kategorien als herrschaftssichernde Konstruktionen zu demontieren ? und das hat nun herzlich wenig mit Spielerei und Beliebigkeit zu tun, sondern stellt die Handlungsmöglichkeit, die Veränderbarkeit in den Vordergrund. Die Auflösung der Strukturkategorie Geschlecht steht der biologistischen Annahme einer essentiellen Geschlechterpolarität entgegen und geht somit von einem Konzept prinzipieller Gleichheit aus.

Die alte politische Frauenbewegung hat das Geschlechterverhältnis zum Tanzen gebracht. Der Dekonstruktivismus brachte die Geschlechter selbst zum Tanzen. Ob der Feminismus im Zeitalter der Postmoderne an sein Ende gelangt ist, wird aber nicht allein in den akademischen Elfenbeintürmen der Metropole entschieden ? das dürfen Postfeministinnen aus der »schwarzen« Kritik an ihrer Vorgängerbewegung lernen.


Anmerkungen:

1 Vgl. hierzu I. Lenz, Wechselnde Blicke, Frauenforschung in internationaler Perspektive, Opladen, 1996, S. 208 ff

2 Chandra Talpade Mohanty, Aus westlicher Sicht: feministische Theorie und koloniale Diskurse, Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis, 1988, S. 153

3 Diese These hat bereits Simone de Beauvoire 1949 in ihrem Buch »Das andere Geschlecht« vertreten. Sie ging allerdings von der Zuweisung durch Sozialisation aus. Auch das wird aber doch immer wieder aufs neue gern bezweifelt: Wie sonst wäre zu erklären, daß junge Eltern bei ihren männlichen Sprößlingen ein »Auto-Gen« vermuten, durch welches Lastwagen und anderes fahrbare eine erhöhte Attraktivität im Vergleich zu Barbiepuppen besitzt.

4 Queer: urspr. am. Schimpfwort für Lesben und Schwule; sonderbar, seltsam, verquer

5 Jutta Willutzki, Das Kochbuch des postmodernen Gourmets, Bahamas Nr. 20, 1996, S. 55




Monika Hoffmann ist Mitarbeiterin des
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