Volltext

(Artikel * 1997) Marty, Frank
Neue Strategien für Don Quichotte Die Bildung transnationaler Wirtschaftsräume in Südostasien
in Blätter des iz3w Nr. 219 * Seite 17-18
Themen: Analyse; Globalisierung; Regionalisierung; Standort; Südostasien; Malaysia; Singapur * Dok-Nr: 63407
Globalisierung

Neue Strategien für


Don Quichotte


Die Bildung transnationaler

Wirtschaftsräume in Südostasien

von Frank Marty


Seit dem Ende der siebziger Jahre verlagern Unternehmen aus dem Norden und zusehends auch aus industriell fortgeschrittenen Entwicklungsländern ihre Aktivitäten immer mehr über die eigenen Landesgrenzen hinaus. Es entstehen grenzüberschreitende Produktionsnetze ? nicht zuletzt infolge eines globalisierten Standortwettbewerbs, der erfinderisch macht, wie das Singapur-Johor-Riau-Wachstumsdreieck zeigt.

Die Vielfalt möglicher Standorte für ein und dieselben Produktionen hat einen Wettbewerb zwischen Wirtschaftsstandorten in Gang gesetzt, mit dem sich nicht zuletzt die erfolgsverwöhnten ?alten? Industrieländer schwertun. Hier und anderswo stellen sich Politiker die Frage, was zu tun ist, um dem eigenen Wirtschaftsstandort zu ermöglichen, im internationalen Wettbewerb, um Direktinvestitionen erfolgreich mitzuspielen.
Im Stadtstaat Singapur hatte man sich bereits Mitte der achtziger Jahre unter dem Eindruck einer schweren Rezession über diese Frage Gedanken gemacht. Eine Antwort hierauf fand man in einem Konzept internationaler Zusammenarbeit, das auf die Schaffung grenzüberschreitender Wirtschaftsräume setzt. 1989 regte Singapur die Bildung eines Wachstumsdreiecks (?Growth Triangle?) an, eines staatenübergreifenden Wirtschaftsraums, der neben Singapur den im Norden angrenzenden malaysischen Bundesstaat Johor und einige südlich von Singapur gelegene Inseln im indonesischen Riau-Archipel umfassen sollte. Das Prinzip dieses Wachstumsdreiecks basierte auf der Komplementarität der wirtschaftlichen Strukturen der drei Gebiete und den Synergien, die man durch deren Zusammenschluß realisieren wollte. Gemeinsam sollten die Regierungen der drei beteiligten Staaten die Rahmenbedingungen für die Bildung einer integrierten, exportorientierten Produktionszone schaffen, die sich durch eine nahezu umfassende Ausstattung mit Produktionsfaktoren auszeichnete. Singapur, arm an Boden und Arbeitskräften, dafür aber reich an Kapital und Know-How und eine internationale Drehscheibe im Güter-, Dienstleistungs- und Finanzverkehr mit einem global vernetzten Telekommunikationssystem, konnte das Dienstleistungszentrum im Wirtschaftsraum bilden.
Der Standort Singapur bot transnationalen Unternehmungen optimale Bedingungen für den Aufbau regionaler Hauptquartiere zur Steuerung von Produktionsnetzen im ostasiatischen Raum sowie zur Bedienung regionaler und internationaler Märkte. Über produktionsvor- und nachgelagerte Aufgaben hinaus (Forschung und Entwicklung, Marketing, Accounting) ermöglichte Singapur zudem die Ausführung kostengünstiger Produktionen im Bereich der Hochtechnologie. Johor, wo Boden und Arbeitskräfte günstiger waren (und sind) als in Singapur, konnte Unternehmungen als Standort für industrielle Wertschöpfungsaktivitäten im mittleren Technologiebereich dienen. Auf den indonesischen Riau-Inseln schließlich waren die Produktionsfaktoren Boden und Arbeit noch günstiger, weshalb sich der indonesische Teil des Wachstumsdreiecks als Standort für eher niedrigtechnologische Produktionen mit einem hohen Bedarf an günstigen Arbeitskräften anbot.

Drei Staaten, eine Triangel
Durch die Koordinierung der investitionsentscheidenden Rahmenbedingungen in den drei Wirtschaftsstandorten und deren physische Vernetzung, sollten Unternehmen, die sich gegenseitig ergänzenden Stärken der drei Standorte gesamthaft nutzen können, was ohne entsprechende kooperative Maßnahmen von seiten der Politik nur erschwert möglich war. Denn die drei Standorte lagen, obschon aneinandergrenzend, eben auch in drei verschiedenen Staaten. Insbesondere war es bis zur Lancierung des Wachstumsdreiecks zwischen Singapur und den Riau-Inseln zu keinen nennenswerten Investitionen gekommen infolge fehlender Verkehrsverbindungen, mangelnder Infrastrukturen in Indonesien sowie wegen des von Investoren als wenig attraktiv angesehenen indonesischen Investitionsgesetzes. Zusätzlich hegten diese grundsätzliche Zweifel an der längerfristigen Verläßlichkeit Indonesiens als einem Investitionspartner. Kooperative Maßnahmen einschließlich formeller Abkommen zwischen Singapur und Indonesien konnten allen Punkten begegnen.
Mit diesem Konzept hatte die Regierung Singapurs eine Strategie erarbeitet, den hohen Ansprüchen international tätiger Unternehmungen an Qualität und Attraktivität eines Wirtschaftsstandorts zu begegnen. Dabei lag die Erhaltung und weitere Anziehung ausländischen Kapitals nicht nur, wie oft kritisiert, im Interesse der hochgradig von transnationalen Unternehmungen abhängigen Wirtschaft des Stadtstaats, sondern war ebenso sehr ein Anliegen der indonesischen und malaysischen Regierung. Alle drei Staaten kämpften Mitte der achtziger Jahre mit schweren binnenwirtschaftlichen Strukturproblemen, die sie zu lösen hofften, mit wirtschaftlichen Liberalisierungsprogrammen und verstärkter weltwirtschaftlicher Verflechtung, was mangels international konkurrenzfähiger Unternehmen am besten über ausländische Direktinvestitionen geschehen konnte.
Die Wachstumsdreiecksstrategie entstand infolge handfester Bedürfnisse transnationaler Unternehmungen. Nach der Rezession von 1985 suchte die singapurische Regierung die enge Zusammenarbeit mit dem internationalen Kapital im Stadtstaat, wobei sie in institutionalisierten Kontakten feststellen konnte, wo die konkreten Bedürfnisse ausländischer Unternehmen lagen. Einerseits bemühten sich große transnationale Unternehmen immer stärker um den Aufbau dezentralisierter, regionaler Organisationsstrukturen mit regionalen Hauptquartieren im Mittelpunkt. Andererseits forcierten sie arbeitsteilige Produktionsprozesse auf der Basis komparativer und kompetitiver Stärken unterschiedlicher Standorte mit dem Ziel, Produktionsnetze zu optimieren, und zwar sowohl hinsichtlich jedes einzelnen Standorts als auch der Standorte im Verbund.

Wes? Brot ich eß, des? Lied ich sing
Das Growth Triangle erhielt die prinzipielle Zustimmung der Regierungen Indonesiens und Malaysias, und die Resultate werden positiv beurteilt. Ebenso sind aber auch Probleme aufgetaucht, die mitunter mit dem Charakter der indonesischen Standorte als isolierten Exportverarbeitungszonen zusammenhängen; darüber hinaus gestaltete sich auch die grundsätzliche Zusammenarbeit zwischen den drei Regierungen im Wachstumsdreieck nicht einfach, wobei sich zeigte, daß die Bildung eines transnationalen Wirtschaftsraumes vorrangig politische und erst in zweiter Linie wirtschaftliche Probleme aufwirft.
Dennoch hat das Konzept transnationaler Wirtschaftsräume in Südostasien Schule gemacht, und weitere Wachstumsdreiecke und transnationale Wirtschaftsräume sind vereinbart worden und im Entstehen begriffen. Im Raum Südthailand, Nordmalaysia mit Penang und Nordsumatra entsteht das Northern-Growth Triangle und im Gebiet der Sulu-See liegt das East-Asean-Growth-Area (mit denen wir uns in der nächsten iz3w beschäftigen werden, d. Red.), das das philippinische Mindanao, Ostmalaysia, Brunei sowie Kalimantan und Nordsulawesi in Indonesien umfaßt und als Wachstumsmotor für die allesamt eher peripheren Gebiete betrachtet wird. Das Greater Mekong Basin Sub-Regional Project, das auch als ?Golden Quadrangle? bekannt ist, umschließt Gebiete im Norden Thailands, im Osten Myanmars und in Westlaos sowie die chinesische Provinz Yunnan (um Südvietnam erweitert heißt es ?Hexagon?).

Die konkreten Ziele, die Staaten mit der Bildung dieser Wirtschaftsräume verfolgen, sind jeweils unterschiedlich und hängen von den vorhandenen wirtschaftlichen Potentialen und entwicklungspolitischen Bedürfnissen ab. Das Prinzip aber ist überall ähnlich: Staaten schließen durch kooperative und koordinierte Gestaltung der politisch-administrativen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen aneinandergrenzende Wirtschaften mit unterschiedlichen komparativen und kompetitiven Vorteilen zusammen, um dem inländischen und internationalen Privatsektor zu ermöglichen, auf leichtere Weise Nutzen aus diesen Potentialen komplementärer Wirtschaftsstrukturen zu ziehen, und ihm damit Anreize zur Intensivierung seiner Aktivitäten zu geben, mit dem Ziel, letztlich die wirtschaftliche Dynamik in den an diesen Wirtschaftsräumen teilhabenden Gebieten zu fördern. Die tatsächliche Entwicklung dieser Wirtschaftsräume ist damit im wesentlichen marktgeleitet, den Staaten kommt die (mitunter sehr weit begriffene) Aufgabe von Katalysatoren zu. Solche Wirtschaftsräume sind außenorientiert und nicht-protektionistisch, sie bilden keine neuen Wirtschaftsblöcke, sondern sind geographische Räume verdichteter wirtschaftlicher Austauschbeziehungen, Räume, die nicht auf dem politischen Kriterium der Staatlichkeit beruhen, sondern einzig auf dem Vorhandensein komplementärer Produktionsfaktoren.

Kapital ist nicht footloose
Die Ausbildung von Wachstumsdreiecken und anderen transnationalen Wirtschaftsräumen kann unter verschiedensten Aspekten betrachtet werden. Einer davon ist die Feststellung, daß Staaten der ?Globalisierung? von Produktionsstrukturen nicht hilflos ausgeliefert sind, sondern in positiver Weise auf die tatsächlich großen und mitunter problematischen Herausforderungen einwirken können, die ein in vielen Produktionsbereichen nicht mehr an bestimmte Standorte gebundenes Kapital an sie stellt. Daß transnationale Unternehmen ?footloose? sind, ist dennoch eine Hypothese; dagegen spricht, daß auch weltweit agierende Unternehmen Standorte brauchen, und zwar nicht irgendwelche, sondern solche, die unternehmerischen Strategien möglichst optimal entsprechen. Kostenkriterien sind hier das eine; wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen, die den Bedürfnissen transnationaler Unternehmungen entgegenkommen, ein anderes. Dies heißt nicht, daß soziale Standarts ausgeblendet werden, wenn es gilt, Direktinvestitionen anzuziehen und Arbeitsplätze zu sichern. Gerade diejenigen Entwicklungs- und Schwellenländer, die heute von der Internationalisierung von Produktionen profitieren, sich aber im Taumel des schnellen Geldes nicht darum bemühen, tragfähige, aber freilich kostspielige Sozialnetze für morgen aufzubauen, gerade diese Staaten laufen Gefahr, ihre mit fortschreitender Entwicklung ohnehin von Erosion bedrohte Standortattraktivität einzubüßen, sollten sich die sozialen Konflikte entladen, die sich heute schon hier und da abzeichnen. Standorte ? ob Staaten oder kleinere Einheiten ? die der Wirtschaft gute Rahmenbedingungen und ein attraktives Umfeld bieten, können mit Recht auch etwas fordern. Die Strategie der Bildung transnationaler Wirtschafträume ist ein solcher kooperativer Versuch zur Erhöhung der Standortattraktivität und zur Förderung wirtschaftlicher Entwicklung über die Anziehung von Kapital und Know-How sowie die Schaffung von Arbeitsplätzen, und zwar nicht zuletzt in Gebieten, die nicht zu den wirtschaftlichen Zentren gehören.


Frank Marty ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der ETH Zürich. Er veröffentlichte im vergangenen Jahr »Das Singapur-Johor-Riau-Wachstumsdreieck« ? eine Studie zur Strategie des transnationalen Wirtschaftsraums (zu beziehen über das Institut für Asienkunde, Hamburg).