Volltext

(Artikel * 1998) N.N.
Kriegsgewinnler im Rausch Die UN-Parolen auf dem Durchhaltegipfel zum "war on drugs"
in Blätter des iz3w Nr. 231 * Seite 5
Themen: Repression; Mafia; Drogen; Krieg; Imperialismus; International * Dok-Nr: 51063
Kriegsgewinnler im Rausch
Die UN-Parolen auf dem Durchhaltegipfel zum ?war on drugs?

von Thomas Cernay

Anfang Juni schlug wieder einmal die Stunde der Ritter von der traurigen Gestalt. Trotz der niederschmetternden Nachrichten vom verlorenen Krieg verkündeten die Redner auf dem Sondergipfel der Vereinten Nationen in New York unbeirrt das amerikanische Credo der totalen Prohibition. Bill Clinton, der nach eigener Aussage früher mal an Joints gezogen, nicht aber inhaliert hat (medizinisch nur ein oraler und kein pulmonaler Kontakt), mimte den Wiedergänger von George-Hau-Drauf Bush und ?war on drugs?- Erfinder Reagan. Generalsekretär Kofi Annan, zu 150% auf US-Linie, sah vor lauter Drogen schon die Zukunft getötet und zeigte sich schockiert über den Mahnbrief prominenter Kritiker. Nicht, weil diese ihn an die abertausend unschuldigen Opfer des Drogenkrieges erinnerten, sondern weil sie die Prohibition in Frage stellten. Überflüssig zu sagen, daß auch K. Kinkel mit einem wenig berauschenden Beitrag als deutscher Außenstürmer nicht von der Vorlage seiner amerikanischen Freunde abwich. Der Freidemokraten drogenpolitische Sprecherin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die zuhause für Heroin auf Rezept kämpft, hat ihn vergeblich davor gewarnt, »rhetorisch die Schaffung drogenfreier Gesellschaften zu propagieren«. Den Vogel abgeschossen hat ohne Zweifel der französische Weinkenner Schack Schirak. Der trug einen Forschungsbericht namhafter Pharmakologen in der Tasche (und ließ ihn dort), die für das französische Gesundheitsministerium weltweit Risiken und Folgeschäden von Drogen ausgewertet und ? selbst schuld, wen das noch wundert ? eine gleich große Gefährlichkeit für Alkohol, Opium und Koka festgestellt hatten. Sprüheinsätze fundamentalistischer Drogenkrieger mit Herbizidregen über den Weinbergen der Champagne wären irgendwie die logische Konsequenz. Um also vom Thema abzulenken, griff er wieder einmal die Niederlande wegen vernünftiger Drogenpolitik an und schwadronierte über die pädagogische Nützlichkeit von Verboten. Nur nicht einknicken war die Devise.
Fest steht aber nur, daß die ruhmlose Rabulistik mit der Realität der Rauschmittel wenig zu tun hat. Denn nüchtern betrachtet ist die Verbotspolitik in jeder Hinsicht gescheitert. Nicht nur, weil sich die Zahl der Konsumenten seit Beginn des ?war on drugs? verzehnfacht hat, sondern vor allem dank der Tatsache, daß die Prohibition ? und somit letztlich der Preis ? die ökonomische Voraussetzung für die Erfolgsstory des globalen Drogenhandels ist. Man hat aus der Geschichte von Al Capone nicht gelernt, man hat sie in großem Stil wiederholt. Und wenn jetzt auf der UN-Sondersitzung der alte Schwur schon wieder geschworen, die »drogenfreie Welt« diesmal bis 2008 versprochen wird, dann ist die Ahnungslosigkeit der Prohibitionsfetischisten nicht mehr nur unverzeihlich, sondern gemeingefährlich geworden. Die Vollversammlung beweist, daß sie nicht einmal die ökonomischen Folgen ihrer sogenannten Drogenpolitik erkennen kann und sorgt so vor allem dafür, daß die Menschheit weiterhin unter den Folgen der militärischen, polizeilichen und juristischen Repression leiden muß. Für die Mafia, so das »Ergebnis« des Gipfels, bleibt die Prohibition weiterhin Garant ihres Monopols. Ein Monopol, das die Drogenwirtschaft wahrscheinlich schon zur Nummer 1 des Welthandels gemacht hat. Nach wie vor bleibt unklar, wie der Transport und die finanziellen Transaktionen im speziellen Fall der Drogen ernsthaft verhindert werden könnten, wenn die allgemeinen Bedingungen von Deregulierung und Globalisierung geprägt werden. Die UNO selbst schätzt die Menge der beschlagnahmten Drogen auf 5 ? 10% des Angebotes. Unrentabel würde das Geschäft, wenn mehr als die Hälfte abgeschöpft wird. Denkt man diesen Ansatz ein wenig weiter, wozu die Vollversammlung offensichtlich nicht in der Lage ist, dann wird klar, daß das dazu nötige Repressionsszenario auf keinen Fall mit einer demokratischen Gesellschaft vereinbar ist. Wie jeder weiß, sind die Gefängnisse Orte regen Handels. Für eine erfolgreiche Prohibition müßte die allgemeine Kontrolle die der Haftanstalten also weit in den Schatten stellen. Gute Gründe, den ?war on drugs? dennoch fortzuführen, kann es nur auf Seiten der Kriegsgewinnler geben. Die UN-Organe haben sich mit ihrem Glauben an die Prohibition nur zu nützlichen Idioten für die Mafia, eine erpresserische US-Außenpolitik sowie andere vom Drogengeld abhängige und mehr als weniger kriminelle Wirtschaftszweige gemacht.


Thomas Cernay ist Mitarbeiter der iz3w.