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(Artikel * 1998) Krebs, Geri
Film - Die Realität als Spektakel Das Festival des Neuen Lateinamerikanischen Films und ein Interview mit Daniel Díaz-Torres
in Blätter des iz3w Nr. 227 * Seite 43
Themen: Film; Kultur; Argentinien; Cuba; Lateinamerika International * Dok-Nr: 48969
Film

Die Realität als Spektakel
19. Internationales Festival des Neuen Lateinamerikanischen Films in Havanna


von Geri Krebs

Das kubanische Kino ist wieder da. Beim 19. Internationalen Filmfestival des Neuen Lateinamerikanischen Films im Dezember in Havanna präsentierte es sich gleich mit drei neuen Spielfilmen. Geri Krebs war dort und sprach mit dem kubanischen Regisseur Daniel Díaz-Torres.

Für Kuba ist es das wichtigste Kulturereignis des Jahres, für Lateinamerika bleibt es das wichtigste Filmfestival des Kontinents. Mit 520 Filmtiteln im Festivalkatalog brach das 19. Filmfestival in Havanna einen neuen Rekord. Allein fünfzig neue lateinamerikanische Spielfilme standen im Wettbewerb. Selbst der Filmkritiker der kubanischen Parteizeitung »Granma« gestand am zweitletzten Festivaltag erschöpft: »Man fragt mich nach meinen Favoriten im Wettbewerb? ? Ich habe noch nicht einmal die Hälfte gesehen«. Beim Publikum war das Interesse größer denn je. Man geht in Havanna wieder aus, die Jahre der (wirtschaftlichen) Depression der ersten Hälfte des Jahrzehnts gehören oberflächlich betrachtet der Vergangenheit an. Die Welt des Konsums ist munter auf dem Vormarsch, was sich während des Festivals in einer aggressiven Präsenz der Sponsorfirmen niederschlug. Vor jedem Film mußte man den gleichen dreiminütigen Werbefilm über sich ergehen lassen, eine endlose Aneinanderreihung schreiender Werbespots für die Firmen, die das Festival finanzieren.
Der Wettbewerb neuer lateinamerikanischer Spielfilme zeichnete sich dieses Jahr durch die quantitativ und qualitativ starke Präsenz des argentinischen Kinos aus. Den großen Preis des Festivals gewann dann auch der Argentinier Adolfo Aristaraín (bei uns bekannt durch »Un lugar en el mundo« und »La ley de la frontera«) mit dem Vater-Sohn-Beziehungsdrama »Martín (Hache)«. Mit besonderer Neugier erwartete man aber das kubanische Kino, das letztes Jahr ? erstmals in der Geschichte des Festivals ? aus wirtschaftlichen Gründen praktisch aus dem Wettbewerb verschwunden war, diesmal dafür gleich mit drei neuen, langen Spielfilmen aufwartete. Einer dieser Filme wurde dabei zum rekordbrechenden Publikumsfavoriten, mit teilweise wüsten Szenen vor den Kinos, die einem derartigen Ansturm schlicht nicht gewachsen waren. »Zafiros, locura azul« heißt das Werk, das so viel Aufregung verursachte, ein Musikfilm über vier Jahre im Leben des Vokalquartetts »Los Zafiros«, das in den sechziger und siebziger Jahren als kubanische Ausgabe der »Platters« in Kuba, aber auch international Furore machte. Regisseur von »Zafiros« ist Manuel Herrera, der zur älteren kubanischen Cinéastengeneration gehört, produziert wurde der Film in Miami vom Sohn des einzigen noch lebenden Mitbegründers der Original-«Zafiros«, was dem Film eine gewisse politische Brisanz verleiht.
Ebenfalls eine Koproduktion ist der zweite kubanische Publikumsliebling, die Komödie »Amor vertical«, vom jungen Regisseur Arturo Sotto in Zusammenarbeit mit der französischen Gesellschaft Pandora-Film realisiert. »Amor vertical« wurde bereits mit großem Erfolg auf den Festivals von Biarritz, Thessaloniki und Toronto präsentiert und dürfte auch bei uns in die Kinos kommen.
»Ich möchte Ihnen hier einen Regisseur präsentieren, der einst einen Film gemacht hat, der jetzt, wenn sein filmisches Werk gewürdigt wird, in der Presse nicht erwähnt wird. Der Film heißt »Alicia en el pueblo de Maravillas«, und ich finde es wichtig, Daniel Díaz-Torres dafür zu danken, daß er »Alicia« seinerzeit realisiert hat.« Mit diesen Worten stellte Reynaldo Gonzalez, Direktor des kubanischen Filmarchivs und Mitglied der Festivalleitung, Daniel Díaz-Torres bei einer öffentlichen Konferenz am »Tag des kubanischen Films« vor und erntete dafür tosenden Applaus. Daniel Díaz-Torres hatte für das Festival in letzter Minute seinen neuesten Film, den satirischen Krimi »Kleines Tropikana« fertiggestellt. Die Politfarce »Alicia en el pueblo de Maravillas« war sein vorletzter Film gewesen und hatte 1991 einen Skandal ausgelöst, weil er nach vier Tagen Spieldauer in Havanna aus den Kinos entfernt wurde und seither behördlich verboten blieb. In den letzten Jahren konnte er in Kuba vereinzelt in mehr oder weniger geschlossenen Vorstellungen gezeigt werden. Daniel Díaz-Torres knüpft mit dem zweistündigen »Kleines Tropikana« stilistisch an »Alicia« an, ohne indes dessen ätzende Schärfe zu erreichen.
Die Hauptrollen in »Kleines Tropikana« spielen der Deutsche Peter Lohmeyer und der aus »Fresa y chocolate« bekannte Vladimir Cruz. Es ist ein äußerst komplexer Film, der bisweilen die Aufnahmefähigkeit des Publikums arg strapaziert, andererseits aber durch einen ungeheuren Reichtum an skurrilen Ideen und Assoziationen zu faszinieren vermag. Aufhänger der Geschichte ist der Tod eines deutschen Touristen, der nach Havanna kommt, um nach seiner kubanischen Mutter zu suchen. Parallel dazu gibt es die Geschichte seines kubanischen Halbbruders, eines Polizisten, der mit der Aufklärung des Todes beschäftigt ist. Den Film auf eine Formel gebracht sucht der Polizist nach seiner Zukunft, der Deutsche nach seiner Vergangenheit.

Geri Krebs: »Kleines Tropikana« wurde von der Kritik sehr positiv aufgenommen, von der internationalen Jury erhielt er den Spezialpreis. Hat dich das erstaunt?
Daniel Díaz-Torres: Ich habe den Film weder für die Kritiker noch mit Blick auf einen kommerziellen Erfolg, sondern mit vielen Zweifeln gemacht. Und die Fähigkeit, zu zweifeln scheint mir keine schlechte Voraussetzung für das Gelingen eines Filmes zu sein, denn damit sind die Kapazitäten für Kritik und Selbstkritik größer. Klar, »Kleines Tropikana« ist ein Film, der von der Anlage her ziemlich komplex ist.
Er ist aber auch weit weniger populär als die beiden andern neuen kubanischen Spielfilme.
Was »Zafiros« betrifft, stimmt das sicher, denn der scheint ja nun wirklich rekordverdächtig zu sein. Aber Popularität sehe ich relativ, wichtiger ist mir ein möglichst hohes Maß an Kommunikation mit dem Publikum. Und auch »Kleines Tropikana« hat sein Publikum gefunden, wenn auch sicher weit weniger als »Zafiros«.

Obwohl ich »Kleines Tropikana« nun schon zweimal gesehen habe, verstehe ich ihn immer noch nicht ganz. Der Film enthält so viele unterschiedliche Elemente, man wird während zweier Stunden mit den verrücktesten Bildern und Gegensätzen förmlich bombardiert. Ist dieses Übermaß an Gegensätzen und Widersprüchen eine Metapher für die aktuelle Situation Kubas?
Nein, für mich hat das mit der kubanischen Art zu tun. Zuerst einmal mit der Fähigkeit, Geschichten zu erzählen, zu erfinden und zu fabulieren in einer barocken Art. Dieses Talent, die Realität mit der eigenen Imagination zu überlagern und zu ergänzen, ist eine sehr kubanische Eigenschaft, die tief in unserer Tradition verwurzelt ist, am stärksten in ländlichen Gebieten. »Kleines Tropikana« ist zuallererst einmal eine Hommage an all das.
Mir ist klar, daß diese kubanische Eigenheit schwer für jemanden zu verstehen ist, der aus einer ganz anderen Kultur kommt. Andererseits spiele ich aber gerade damit im Film, indem der Deutsche mit diesem Phänomen konfrontiert wird.

Warum wird im Film so viel erzählt und so wenig gezeigt?
Wer so fragt, hat den Film effektiv nicht verstanden, denn dieses Spannungsfeld zwischen Erzählung und gezeigten Bildern ist ja gerade ein Hauptelement des Films. Außerdem muß man sich immer der Ironie bewußt sein, mit der das Ganze erzählt wird. Wer den ganzen Film ernst nimmt, hat eh keine Chance, ihn zu verstehen. Ich möchte aber der Kritik am häufigen Gebrauch der Stimme im Off in »Kleines Tropikana« noch etwas anderes entgegenhalten: »Kleines Tropikana« ist ja eigentlich ein Krimi, der u.a. auch mit Elementen des »Film Noir« spielt. In letzter Zeit habe ich viele Drehbücher von Filmen dieses Genres gelesen und dabei festgestellt, daß es dort oft seitenweise Erzählungen und Stimmen im Off gibt. Das ist einfach ein Stilmittel, das einem gefallen kann oder auch nicht.

»Alicia » wurde in der Präsentation von »Kleines Tropikana« vom Moderator erwähnt, auch in einer Diskussionsrunde im TV wurde davon gesprochen. Die Bürokratie hat seinerzeit versucht, »Alicia« zum Verschwinden zu bringen, jetzt ist er wieder da. Wie erklärst du dir das?
Verschwinden lassen kann man keinen Film, der produziert und auch gezeigt wurde, wie das bei »Alicia« der Fall war. Der Film besitzt auch international einen Grad an Publizität, so daß er immer präsent blieb. Je mehr gewisse Leute ihn verschwinden lassen wollten, umso bekannter wurde er. Leider entbrannte um »Alicia« herum ein politischer Wirbel, was bewirkte, daß der Film nur noch als politisches Ereignis betrachtet wurde. Und das hat mich eigentlich nie interessiert, denn ich begreife Filme in erster Linie als ästhetische, nicht als politische Handlungen. Deshalb finde ich auch »Alicia« keinesfalls besser als »Kleines Tropikana«, nur weil »Alicia« unbeabsichtigt auf ein kompliziertes politisches Terrain geriet und »Kleines Tropikana« dagegen allseits gelobt wurde.

War es nach »Alicia« nicht schwer, weiterhin Filme zu machen?
Nein, überhaupt nicht, weder mit »Quiéreme y verás« noch mit »Kleines Tropikana«. Schwierigkeiten gab es nur in finanzieller Hinsicht, und die haben alle anderen kubanischen Filmemacher auch. Natürlich war damals die Athmospäre unangenehm, und das Mühsamste waren die Kritiken, die von Leuten kamen, die gar keine Kritiker sind. Immer wieder mußte ich erklären, daß ich »Alicia« als jemand gemacht habe, der stets mit der kubanischen Revolution solidarisch war und ist. Und daß Radio Martí in Miami damals versuchte, den Film für seine schmutzigen Zwecke zu instrumentalisieren, fand ich eine totale Infamie. Aus der Distanz von sieben Jahren kann man heute sagen, daß der Film in eine Zeit politisch-historischer Gegebenheiten fiel, die für Kuba sehr schwierig war: 1991 begann sich die Sowjet-Union aufzulösen und Kuba sah sich plötzlich mit einer Situation völliger Isolierung konfrontiert, gleichzeitig verschärften die USA die Blockade. Das alles führte dazu, daß die kubanische Führung eine Überempfindlichkeit gegenüber jeglicher Kritik entwickelte. Man wollte nicht sehen, daß »Alicia« eine Satire ist, und daß jede Satire eben davon lebt, daß sie übertreibt.
Das ganze hat mich schon mitgenommen, aber es gab niemals etwas, das als Urteil gegen mich als Künstler hätte benutzt werden können. Ich wollte nach »Alicia« weiter Filme machen wie ich es für gut hielt, und das waren dann eben »Quiéreme y verás« und »Kleines Tropikana«. Ich habe darin auch keine Abstriche bezüglich meiner favorisierten Ausdrucksformen wie Liebe zur Ironie und zu überladenen, barocken Erzählformen, gemacht, außerdem sind es Filme, die in der Gegenwart spielen, und das werde ich auch weiterhin so machen.

Am wichtigsten scheint dir dabei diese, wie du es nennst, barocke Erzählform zu sein, gibt es da Einflüsse anderer Regisseure?
Einer meiner Lieblingsfilme ist »Brasil« von Terry Gilliam, dann liebe ich Komödien von Robert Altman über alles, und Monty Pythons Filme gefallen mir sehr gut. Generell schätze ich Filme, in denen sich Satire mit Ironie vermischt, und die in Richtung von Schelmenromanen gehen. Klar, manchen Leuten gefällt das nicht, sie sagen, das ist zu viel Nonsense, das ist zu überladen, da gibt es zu viele Geschmacklosigkeiten. Aber mir gefällt es, die Realität als Spektakel aufzuziehen. µ

Daniel Díaz-Torres

Der 1948 in Havanna geborene Daniel Díaz-Torres nimmt die Arbeit im staatlichen kubanischen Filminstitut ICAIC 1968 auf, zuerst als Filmkritiker, ab 1975 mit ersten Kurzfilmen. Parallel dazu arbeitet er an den »Noticieros«, den Filmwochenschauen des ICAIC, mit. Diese wurden Mitte der siebziger Jahre von Santiago Alvarez, dem »Vater« des revolutionären Dokumentarfilms gegründet. Neben Díaz-Torres werden in dieser »Kaderschmiede« der mittleren Cinéastengeneration Regisseure wie Rolando Díaz, Lázaro Buria oder Fernando Pérez ausgebildet. Bis Ende der achziger Jahre realisiert Diaz-Torres weit über hundert »Noticieros« zu Themen des kubanischen Alltags.

1984 realisiert Díaz-Torres seinen ersten langen Spielfilm »Jibaro«
1986 »Otra mujer« (Eine andere Frau)
1990 »Alicia en el pueblo de Maravillas« (Alicia im Dorf der Wunder)
1994 »Quiéreme y verás« (Liebe mich, und du wirst schon sehen)
1997 »Kleines Tropikana«

Seit »Alicia en el pueblo de Maravillas«, der an zahlreichen Filmfestivals ausgezeichnet wurde, gilt Daniel Díaz-Torres als einer der bedeutendsten kubanischen Cinéasten der Gegenwart.