Befreiungsbewegungen
In Waffen und Wellen
Geschichte des Guerillakampfes in Lateinamerika (Teil 1)
von Albert Sterr
Eine ?demokratische? Revolution wollen die Zapatisten in Mexiko herbeiführen. Dies kennzeichnet eine neue Phase in der Geschichte lateinamerikanischer Guerilla-Bewegungen. Während die ersten Kuba-inspirierten Gruppen eine radikale und kontinentale Revolution anstrebten, blieb die zweite Welle eher national orientiert.
Widersprüche und Ungleichzeitigkeiten kennzeichnen die politische Entwicklung der Guerillabewegungen Lateinamerikas. Anders als in den sechziger Jahren war in den achtziger und neunziger Jahren kein kontinentaler Trend zur politisch motivierten Gewaltanwendung auszumachen. Der bewaffnete Kampf ist aber auch kein politisches Auslaufmodell. Trotz Waffenniederlegungen, Friedensverträgen und der Aussichtslosigkeit, auf der Grundlage von bewaffneten Erhebungen kurz- und mittelfristig die Staatsmacht zu übernehmen, ist heute keineswegs eine allgemeineTendenz festzustellen, Guerillaaktionen völlig und endgültig ad acta zu legen. Anderslautende Thesen, die nach dem Fall der Berliner Mauer und der Wahlniederlage der Sandinisten Anfang der neunziger Jahre zum common sense gehörten, wobei sie je nach politischem Standort Wunschvorstellungen oder Schreckensvisionen waren, widerlegte die Realität. Die Aktionsformen, Vorgehensweisen, Zielsetzungen und Bezugspunkte der Guerillagruppen haben sich jedoch ausdifferenziert und zum Teil deutlich gewandelt. Es gilt, die mit dem Zusammenbruch des Realsozialismus und dem Ende der Blockkonfrontationen geänderten ideologischen und machtpolitischen Rahmenbedingungen zu reflektieren. Diese neuen Faktoren sowie die sozialen und gesellschaftlichen Konsequenzen, die aus den Folgen jahre- und jahrzehntelanger Bürgerkriege sowie dem weltweiten Siegeszug neoliberaler Wirtschaftspolitik erwachsen, haben die Voraussetzungen für alle Ansätze emanzipatorischer Politik grundlegend verändert. Die verschiedenen reformerischen und revolutionären Bewegungen reagierten auf die neuen Herausforderungen sehr unterschiedlich. Vergleichend wollen wir Auf- und Abschwung der Guerillagruppen der letzten Jahrzehnte darstellen. Schließlich stellt sich die Frage, ob der von ihnen, beziehungsweise den Zapatisten eingeschlagene Weg Möglichkeiten eröffnet, notwendige Umwälzungen voranzutreiben.
Die erste Welle:
Kuba, Che und Charisma
Die Guerilla, spanisch: der »kleine Krieg«, hat in Lateinamerika eine lange Tradition. Schon gegen die spanischen Kolonialherren und im Widerstand gegen Militär und Großgrundbesitz, welche die unabhängigen Republiken seit dem 19. Jahrhundert beherrschten, griffen die militärisch Unterlegenen auf die Strategie irregulärer Kriegsführung zurück, um gegen die zahlen- und waffenmäßig überlegenen Armeen des Gegners vorzugehen. Mit dem Sieg der kubanischen Revolution am 1. Januar 1959 gewann diese Strategie an neuer Aktualität. Denn Kuba bewies, daß eine soziale Revolution auch im Hinterhof der USA durchführbar und zu verteidigen war. Diese Tatsache wurde auf dem ganzen Subkontinent als historische Zäsur gewertet. Sie war der Ausgangs- und Bezugspunkt für eine erste Welle von Guerillabewegungen, die 1961/62 einsetzte und mit der Niederlage der argentinischen PRT/ERP sowie der Montoneros 1976/77 verebbte.
Enttäuschte KP-Mitglieder und Teile der Studentenschaft hatten die Alternative zur gradualistischen und reformistischen Strategie der tonangebenden linken und kommunistischen Parteien begierig aufgegriffen, die sie seit Jahrzehnten dazu verurteilt hatte, den Kapitalismus trotz aller Kritik als historisch notwendiges Herrschaftsverhältnis zu akzeptieren. Die kubanische Führung, die vor allem in den sechziger Jahren aktiv versuchte, die Revolution zu exportieren, um auf diese Weise die US-Vorherrschaft über Lateinamerika zu schwächen und ihre eigene politische Isolierung auf dem Subkontinent aufzuheben, stieß vielerorts auf offene Ohren. Wesentlich wichtiger als geheimdienstliche Operationen und praktische Hilfestellungen wie militärische Ausbildung und Waffenlieferungen, denen Jorge Castañeda in seinem Buch »La utopía desarmada«1 besondere Beachtung schenkt, dürfte jedoch der ideologische Einfluß gewesen sein. Hier ist insbesondere das Charisma Che Guevaras sowie seine breit rezipierte Schrift »Guerillakrieg ? eine Methode« zu nennen, die vielen Gruppen des Subkontinents bis in die 70er Jahre hinein als eine Art Leitfaden diente.
Als Ergebnis ideologischer und politisch-praktischer Einflüsse entstanden im Laufe der sechziger Jahre unter anderem in Bolivien, Guatemala, Kolumbien, Peru und Venezuela kleine Guerillagruppen, die sich aus Studenten und Angehörigen der städtischen Mittelschichten rekrutierten. Damit bildete sich in der Linken eine neue, prokubanische Linie heraus, deren Konzeptionen und Aktionsformen wesentlich radikaler angelegt waren als diejenigen der orthodoxen KP. Gemäß den Ratschlägen Guevaras bauten die prokubanischen Gruppen in entlegenen und wenig besiedelten Gebieten mit geringer Präsenz von staatlichen Organen kleine Brennpunkte, »Guerillafoci«, auf. Der Demonstrationseffekt ihrer Aktionen würde, so hofften sie, die armen Campesinos ähnlich wie in Kuba auf ihre Seite ziehen und einen Steppenbrand entfachen. Die Landbewohner, die zuweilen bis zu 70% der Gesamtbevölkerung eines Landes ausmachten und unter zum Teil halbfeudalen Ausbeutungsbedingungen lebten, galten als »gewaltige potentielle revolutionäre Kraft«. Sie seien, weil sie ihr Terrain kennen, von der Armee nicht zu besiegen. Es ging also darum, »die Unterstützung des Volkes« zu gewinnen. Genau dies gelang den focistischen Landguerillagruppen der ersten Welle jedoch nicht. Warum?
Die prokubanischen Guerillagruppen der sechziger Jahre grenzten sich von den »Pseudorevolutionären« der prosowjetischen kommunistischen Parteien hart ab. Deren legalistischer Kurs ist vor dem Hintergrund ihrer Etappentheorie zu sehen, welche zunächst die Entwicklung kapitalistischer Produktionsweisen und damit verbunden die Entstehung einer städtischen Arbeiterklasse als primäre Aufgabe ansah. Die Lateinamerika-Politik der Sowjetunion, die nach der kubanischen Raketenkrise 1961 akzeptierte, daß der Subkontinent eine Einflußsphäre der USA blieb, verneinte ebenfalls, daß die Tagesaufgabe der kommunistischen Parteien der Kampf um den Sozialismus sei. Demgegenüber schrieben sich die Guerillagruppen ähnlich wie in Kuba den Kampf um die Macht im Staat und den radikalen Umsturz der Gesellschaftsordnung auf die Fahnen. Anknüpfend an Lenin gingen sie dabei von der These aus, daß eine Gesellschaftsordnung jenseits der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen nur auf dem Wege einer Revolution möglich sei. Da die Unterdrücker und Ausbeuter diese mit militärischer Gewalt niederzuhalten versuchen, seien die Revolutionäre ihrerseits ebenfalls gezwungen, Gewalt anzuwenden. Der Umschlag des Klassenkampfes in den Bürgerkrieg sei unvermeidlich, wenn das gesteckte Ziel erreicht werden solle. Die Aufgabe der revolutionären Führung liege darin, sich dieser Tatsache bewußt zu sein und die günstigsten Umstände ausfindig zu machen, um den bewaffneten Kampf zu führen.
Die politischen Widersprüche kamen besonders im Streit um die »Gewaltfrage« zum Ausbruch. Dieser Richtungsstreit hatte zur Folge, daß die Guerilla-Gruppen der ersten Welle, deren Mitglieder überwiegend aus der städtischen Mittelschicht und insbesondere aus der radikalisierten Studentenschaft kamen, in den von den kommunistischen Parteien beeinflußten Gewerkschafts- und Landarbeiterorganisationen kaum Rückhalt und Unterstützung fanden. Die Kombination aus Verabsolutierung der Gewalt bei gleichzeitig mangelnder militärischer Erfahrung, geringer Kenntnis des ruralen Terrains, fehlender sozialer Verankerung, Geringschätzung legaler sozialer Organisationen und sektiererischer Ablehnung von Bündnissen hatte fatale Folgen. Die in aller Regel nur wenige Dutzend bis wenige hundert Mann starken Guerillagruppen hatten den Angriffen des Militärs nur wenig entgegenzusetzen. Noch dazu, wo die lateinamerikanischen Streitkräfte nach dem Sieg der kubanischen Revolution von US-Militärberatern auf den »Kampf mit dem inneren Feind« vorbereitet und großzügig mit Polizei- und Militärhilfe ausgestattet wurden. Während die »Doktrin der nationalen Sicherheit« die Aufstandsbekämpfung zur entscheidenden Aufgabe der Armeen des ganzen Subkontinents erklärte und eine länderübergreifende Verfolgung der Revolutionäre ermöglichte, blieb der kontinentale Anspruch der guevaristischen Guerillas auf der Ebene der Deklarationen stecken. Ende der sechziger Jahre waren die Landguerillagruppen ausgelöscht oder zumindest handlungsunfähig und ihr emblematisches Vorbild tot.
Gorillas contra Guerillas
Nach der Niederlage der foquistischen Landguerillas tauchten Ende der sechziger Jahre in Argentinien, Brasilien, Chile und Uruguay Stadtguerilla-Gruppen auf. Sie entwickelten das gescheiterte Focus-Konzept weiter, indem sie die Vorstellung hinter sich ließen, eine »entschlossene Avantgarde« allein könne den Verlauf der Klassenkämpfe entscheidend beeinflussen und maßen der legalen Arbeit sowie Bündnisbemühungen einen deutlich höheren Stellenwert bei. Dennoch verlief zwischen ihnen und den kommunistischen Parteien weiterhin ein tiefer Graben. Die Guerillagruppen bauten eigene Massenbewegungen auf und führten parallel dazu bewaffnete ?Robin-Hood?-Aktionen durch. Diese brachten ihnen unter der städtischen Jugend Sympathien ein. Die Verteilung von geraubten Lebensmitteln, die Entführung bekannter Industrieller und Militärs oder die Veröffentlichung geheimer Informationen, die bei Überfällen erbeutet wurden, erneuerten in Lateinamerika und Europa das von Che Guevara geprägte romantische Bild der Guerilla.
Den Militärs boten die bewaffneten Aktionen, die nicht mehr als Nadelstiche waren, den willkommenen Anlaß, sich mit Rückenstärkung der USA an die Macht zu putschen. Sie schienen am ehesten Gewähr dafür zu bieten, daß die revolutionäre Welle, die in Südostosien und Afrika das US-Militär und dessen örtliche Verbündete in große Schwierigkeiten brachte, nicht auch noch nach Lateinamerika überschwappte. Mit diesem Blankoscheck ausgestattet brachen die Gorilladiktaturen im Namen der »Sicherung von Recht und Ordnung« eine bis dahin ungekannte Welle des Terrors und der Verfolgung vom Zaun. Die Stadtguerillagruppen waren weder logistisch noch von der Zahl ihrer Mitstreiter her in der Lage, sich in den urbanen Zentren gemäß der guevaristischen Konzeption in Volksbefreiungsarmeen weiterzuentwickeln, um auf diese Weise den Repressionsapparaten Paroli bieten zu können. Die Repression richtete sich keineswegs ausschließlich gegen die bewaffneten Gruppen und ihr Umfeld, sondern auch und gerade gegen die legalen und unbewaffneten städtischen Bewegungen. Die Verfolgung war unabhängig davon, ob diese den Guerillagruppen nahestanden oder nicht. Die revolutionäre Bewegung Südamerikas wurde so ihres menschlichen Fundaments beraubt. Im imperialistischen Hinterhof der USA konnte die Ruhe wiederhergestellt und die drohende Gefahr eines gleichzeitigen US-Einflußverlustes an verschiedenen Fronten gestoppt werden. Neben diesen außenpolitischen Implikationen hatte die Niederlage der südamerikanischen Linken aber auch gravierende innenpolitische Konsequenzen. In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre gab es keine organisierte Kraft mehr, die sich der einsetzenden wirtschaftlichen Strukturanpassungspolitik der Militärjuntas mit Aussicht auf Erfolg hätte entgegenstellen können. Mitte der siebziger Jahre war die erste Welle von Guerillagruppen, die sich alle mehr oder weniger stark auf die kubanische Erfahrung bezogen hatten, endgültig gescheitert. Wenngleich ihnen Freund und Feind aufgrund der potentiellen internationalen Auswirkungen möglicher Erfolge eine wesentlich bedeutendere Rolle zumaßen, so wirkten sie doch selbst in ihren besten Zeiten lediglich als lokale Störfaktoren. Die politische Ordnung ihrer Länder konnten sie zu keinem Zeitpunkt ernsthaft in Gefahr bringen, von der Gefährdung der US-Hegemonie in Lateinamerika ganz zu schweigen.
Die zweite Welle:
Netze werden geknüpft...
Kuba, das sich nach einer tiefen Wirtschaftskrise seit Beginn der siebziger Jahre enger an die UdSSR und Osteuropa angelehnt hatte, nahm vom Revolutionsexport auf den Subkontinent Abstand und baute mit verschiedenen Staaten diplomatische Beziehungen auf. In Südamerika integrierten sich fast alle geschlagenen Guerillagruppen in die legale Opposition. Indessen bereiteten Überlebende der ersten Welle in Mittelamerika, Kolumbien und Mexiko die Gründung neuer Guerillabewegungen vor. Nach jahrelangen selbstkritischen Diskussionen, in denen die Niederlagen verarbeitet wurden, folgte in den siebziger Jahren eine Phase der Reorganisation und geheimen Vorarbeit zum Aufbau neuer Guerillakerne.
Das Einsetzen der zweiten Guerilla-Welle überschneidet sich zeitlich mit dem Ausklingen der ersten Welle. Ihr Beginn kann mit den Jahren 1972/74 datiert werden, als sich in Guatemala, El Salvador und Kolumbien Organisationen neuen Typs formierten. Der Scheitelpunkt der zweiten Welle war der Sturz Somozas am 19. Juli 1979. Die zweite gelungene Revolution nach Kuba eröffnete eine neue historische Etappe in Zentralamerika, die bis 1981/82 von einem stürmischen Aufschwung revolutionärer Bewegungen gekennzeichnet war. Der blutige und langwierige Kampf zwischen den Befreiungsbewegungen der zweiten Welle und ihren Kontrahenten prägte die achtziger Jahre. Während die Hauptkräfte der zweiten Welle, die zentralamerikanischen Bewegungen, nach dem Abschluß von Friedensverträgen sich bis Ende 1996 alle legalisierten, halten in den Andenländern Peru und Kolumbien die bewaffneten Konflikte an. Da sich dort zwar die Umstände, aber nicht die politischen Konzeptionen und auch nicht das Aktionsrepertoire der Aufständischen grundlegend geändert haben, können wir noch nicht davon sprechen, daß die zweite Welle bereits ausgelaufen sei.
Im Vergleich zur ersten Welle weisen die Organisationen, die der zweiten Welle ihren Stempel aufgedrückt haben, eine Reihe neuer Kennzeichen auf. Die Irrtümer und Schwächen der Focus-Theorie und der Etappenkonzeption der KP wurden kritisch ausgewertet. Militärische Operationen wurden einer politischen Gesamtkonzeption des Kampfes untergeordnet, wobei der Vermittlung der Aktionen außerhalb des eigenen Lagers viel Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Bündnispolitik und taktische Flexibilität gewannen bei allen Gruppen einen zentralen Stellenwert: Kontakte oder Allianzen mit den Kommunistischen Parteien sowie Teilen der Sozialdemokratie und christlichen Gruppen verbreiterten die Basis und verringerten die gesellschaftliche Isolation der Aufständischen. Desweiteren wurden legale Massenbewegungen und halblegale Instanzen zusätzlich zum klandestinen bewaffneten Apparat aufgebaut. Diese unterschiedlichen Ebenen liefen in der Führung der politisch-militärischen Organisationen zusammen, wobei die einzelnen Gruppen ihre politische und organisatorische Autonomie beibehielten. So entstanden sozial heterogene, hierarchisch strukturierte Befreiungsfronten mit kollektiver Führung, in denen unterschiedliche politische Traditionen und Tendenzen repräsentiert sind. Eine breit angelegte Anti-Interventions-, Menschenrechts- und Friedenspolitik sollte dem Agieren des Militärs Schranken setzen. Unterstützt wurden sie ebenfalls durch internationale Solidaritätsbewegungen in den Metropolen und ein dichtes Netz diplomatischer Beziehungen, das in mühsamer Kleinarbeit geknüpft wurde. Die These von der »kontinentalen Revolution« wurde von der Orientierung auf eine »nationale Befreiung« abgelöst. Schließlich wurde auf qualitativ schlechtere Rahmenbedingungen mit einer qualitativ neuen Politik, der Aufnahme von Friedensverhandlungen, reagiert, was das drohende Totlaufen der politisch-militärischen Organisationen verhinderte.
... und neue
Verhaltensmuster gestrickt
In diesem Zusammenhang veränderte der militärische Aspekt seine Bedeutung: er mutierte im Laufe der 80er Jahre vom strategischen Mittel, das ursprünglich mit dem Ziel der revolutionären Machteroberung eingesetzt wurde (allein im Falle der Sandinisten mit Erfolg), zum taktischen Instrument, das dazu dienen soll, im gegebenen politischen System Freiräume zu öffnen. Während »Guerilla« und »bewaffneter Kampf« unter dem Einfluß der Focus-Theorie bis dahin als Synonyme für »Revolution« galten, kam es in den achtziger Jahren zu einer Entkoppelung der Begriffe. Neben Guerillabewegungen klassischen Typs, die für die Eroberung der Staatsmacht kämpfen, bildete sich ein »bewaffneter Reformismus« heraus, der nicht mehr für den Umsturz der Gesellschaftsverhältnisse eintrat, sondern für deren Demokratisierung. Die ausschließliche Zuordnung einer Gruppe zum »bewaffneten Reformismus« dürfte eher eine sozialwissenschaftliche Abstraktion als die Beschreibung ihres realen Charakters sein. An diesem Punkt ist insbesondere Jorge Castañeda (S.387 ff) zu widersprechen, dessen Denkgebäude darauf fußt, reformerische und revolutionäre Impulse als dichotomisch und sich gegenseitig ausschließend zu begreifen. Einzelfallanalysen zeigen, daß Guerillabewegungen zwischen dem begrenzten Ziel, Spielräume zu erobern, und dem Versuch, die Staatsmacht zu übernehmen, hin- und herschwanken können. Auf welche Seite das Pendel schließlich ausschlägt, hängt weniger mit Programmen oder ideologischen Positionen zusammen, sondern eher mit praktischen Erfolgen bzw. Mißerfolgen.
Anders als ihre Vorgänger konnten sich die großen Bewegungen der zweiten Welle in der ländlichen Bevölkerung verankern und so die entscheidende Voraussetzung für ihr Wachstum und ihre Erfolge schaffen. Nicht mehr Studenten, sondern Campesinos, unter ihnen viele Frauen, bildeten das Gros der Guerilla. In Guatemala und Peru kam es zur massiven Integration von Angehörigen indianischer Ethnien. Ergänzend zu den Landguerilla-Einheiten konnten einige Bewegungen auch Stadtguerilla-Kommandos unterhalten. Da sich in El Salvador und Guatemala auch die Kommunistische Partei am Dachverband der Aufständischen beteiligte, fanden die Guerillagruppen auch Anknüpfungspunkte zu den städtischen Gewerkschaften. Die Bewegungen der zweiten Welle verfügten auf Grund ihrer vielfältigen Basisarbeit über eine ungleich stärkere aktive und passive Unterstützung in der Bevölkerung als die Focus-Guerillas. (Fortsetzung folgt: Teil 2 analysiert den Aufstand der EZLN als Beginn einer dritten Welle)
Anmerkung:
1 Jorge C. Castañeda, La Utopia Desarmada. Intrigas, dilemas y promesas de la izquierda en América Latina, Mexico D.F. 1993, 567 S.
Albert Sterr ist Herausgeber des im Oktober erscheinenden Sammelbandes Die Linke in Lateinamerika: Analysen, Berichte, Dokumente. Neuer ISP Verlag und Rotpunktverlag, Zürich, ca. 260S., ca. 36,- DM. Der Artikel ist als stark gekürzter Vorabdruck diesem Band entnommen. |