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(Artikel * 1997) Delfin, Victor
Sein Leibgericht ist das Schweigen Victor Delfin über die Menschenrechtssituation in Peru
in Blätter des iz3w Nr. 222 * Seite 6
Themen: Gewalt; MRTA; Terrorismus; Todesschwadrone; Menschenrechtsverletzungen; Drogen; Militär; Korruption; Armut; Guerilla; Peru; Ökono * Dok-Nr: 47192
Peru


Sein Leibgericht ist das Schweigen

Victor Delfin über die Menschenrechtssituation in Peru

Der Maler und Bildhauer Victor Delfin gehört zu den renommiertesten Künstlern der Gegenwart in Peru. Geboren 1927 als Sohn eines Erdölarbeiters, erreichte er die Aufnahme in die Kunstakademie von Lima. Er war Direktor der regionalen Kunsthochschulen von Puno, am Titicacasee und in Ayacucho. Delfins Kunst fußt auf seiner Herkunft als Mestize, der bis heute diskriminierten Mischbevölkerung aus Ureinwohnern und Einwanderern. In seinen Arbeiten verbindet er indigene Kultur, traditionelles Kunsthandwerk und Moderne. Delfin lebte lange in New York, wo ihm in den siebziger Jahren der internationale Durchbruch gelang. In den achtziger Jahren kehrte er nach Lima zurück. Sein bekanntestes Werk ist der »Parque del amor« auf einer Klippe über dem Meer in Miraflores. Als Mitbegründer und Vorsitzender des »Movimiento Civico contra la Impunidad« (Bürgerbewegung gegen die Straffreiheit) ? einer Initiative gegen das Amnestiegesetz ? ist Delfin derzeit einer der prominentesten Streiter für die Menschenrechte in Peru.

Herr Delfin, warum engagieren Sie sich in der Menschenrechtsbewegung?
Wie kann man still sein und noch die Augen verschließen, wenn man aus dem Haus geht und nur Elend, Korruption und Gewalt sieht? Die Jahre des Terrors, durch und gegen den Staat, haben viele hartherzig gemacht. Jener Professor der Universität La Cantuta, der 1992 zusammen mit acht Studenten von den Militärs verschleppt und ermordet wurde, war mein Freund. Wachgerüttelt hat mich, daß Fujimori dem Verantwortlichen für dieses und weitere Massaker, dem Geheimdienstoffizier und Chef der berüchtigten Todesschwadron »La Colina«, Martin Rivas, per Amnestiegesetz die Freiheit und eine weiße Weste verschafft hat. Und Rivas tötet und foltert weiter... Auch die MRTA-Guerilleros wurden hingerichtet, ein weiteres sinnloses Massaker. 17 Tote, alles Menschen, die wir kannten, Menschen, die das Leben, nicht den Tod wollten.

Welche Hintergründe hatte die gewaltsame Beendigung der Botschaftsbesetzung?
Fujimori ist Populist. Sein Rückhalt steht und fällt mit der Erfüllung seines Versprechens, den »Terrorismus auszulöschen«. Seine ohnehin schon angekratzte Popularität war durch die monatelange Geiselnahme dramatisch gesunken. Fujimori konnte es nicht länger hinnehmen, sich von der MRTA vorführen zu lassen, und der Druck seitens des Militärs hinsichtlich eines »Erfolges«, der das Image aufpoliert, war groß. Das neue Mißtrauen der Menschen gegenüber der Regierung und den Sicherheitsorganen rührt daher, daß deren wichtigste Vertreter in Korruption, Drogenhandel und Menschenrechtsverbrechen verwickelt sind. So wurde kürzlich bekannt, daß Fujimoris engster Vertrauter, Geheimdienstchef Vladimiro Montesinos, tief in den Drogenschmuggel involviert ist. Im Dezember war der Ex-General Rodolfo Robles, der gegen Menschenrechtsverletzungen ermittelt, vom Geheimdienst auf offener Straße entführt und erst nach nationalen und internationalen Protesten freigelassen worden. Derselbe Geheimdienst verübte Bombenanschläge auf den Oppositionsabgeordneten Javier Diez Canseco und einen Fernsehsender in Puno. Der Staatsterrorismus ist der traumatisierendste Terrorismus in Peru.

In den europäischen Medien wurde Fujimori teilweise gefeiert, seine politische Position sei durch den Militärschlag gestärkt worden...
Oberflächlich betrachtet mag dies so erscheinen, und die ersten Umfragen in Peru signalisierten auch einen Wiederanstieg von Fujimoris Popularität. Doch durch den Staatsterrorismus, seinen Zynismus, seinen Despotismus schwächt er seine Stellung, denn er ignoriert die Ursachen der Gewalt, die strukturbedingt und tief verwurzelt sind. Fujimori hat das Land in eine tiefe moralische Krise geführt. Zudem hat er beide Ziele, die ihm bei der Bevölkerung die größte Zustimmung verschafften ? den »Terrorismus« auszuschalten und Peru zu einem wirtschaftlichen »Tigerstaat« zu machen ? allenfalls teilweise erreicht: Sendero Luminoso und MRTA existieren nach wie vor und die ökonomische Entwicklung nutzte bisher nur dem Ausland. Die Mehrheit der Peruaner wurde wirtschaftlich und politisch entmündigt. Die Opposition wächst jetzt.
Was sind die Ursachen der Gewalt in Peru?
Die Gewalt ist zu einem Teil des täglichen Lebens geworden. Ihre Wurzeln sind: Unwissenheit und Ignoranz, überall gibt es Analphabetismus, wegen Geldmangels haben viele Kinder keine Möglichkeit zur Schule zu gehen. Die Verelendung der Kinder, die zu unverschämten Löhnen arbeiten müssen, während ihre Eltern arbeitslos sind. Der Rassismus der »weißen« Minderheit gegen die Mehrheit der »cholos«. Demokratie ist nicht mehr als ein leeres Wort in Peru.

Welche Positionen haben die Menschenrechtsorganisationen heute innerhalb der peruanischen Gesellschaft?
Organisationen wie CONADEH und APRODEH arbeiten zum Teil schon seit über zwanzig Jahren und haben sehr gute internationale Kontakte. In Peru selbst jedoch ist die Menschenrechtsbewegung starker Repression ausgesetzt, unser Rückhalt bei den Menschen Perus ist noch gering, wächst aber Tag für Tag. Erst gestern (6. Juni, Anm.d.Red.) haben tausende von Studenten, Arbeitern, Bürgern gegen die Absetzung von drei Verfassungsrichtern protestiert. Eine solche Demonstration hat es in Lima seit Jahren nicht gegeben.

Was können die Menschenrechtsorganisationen und die Opposition nun tun?
Wir haben eine »Wahrheitskommission« geschaffen, die ermitteln soll, wieweit die Regierung in Verbrechen und Korruption verwickelt ist. Wir wollen errreichen, daß die »Richter ohne Gesicht« verschwinden, die offensichtlich Unschuldige verurteilen. Wir wollen erreichen, daß die Verfassung respektiert wird und daß die Fujimoristas ihre Kongreßmehrheit nicht für Gesetze gegen die Demokratie mißbrauchen. Der Bürgerkrieg muß zu einem wirklichen Ende finden, das Land braucht Frieden und Demokratie für eine stabile Entwicklung. Wie in Mittelamerika müssen die bewaffneten Gruppen in das zivile und politische Leben integriert werden. Das Amnestiegesetz für den Staatsterrorismus muß aufgehoben werden. Die Straffreiheit hat sich als giftiger Schmetterling entpuppt, der plötzlich das entsetzliche Antlitz der absoluten Macht zeigt. Die Gewohnheiten dieses Tieres sind nur allzu gut bekannt: Es nährt sich von der Angst, der Passivität und Gleichgültigkeit. Sein Leibgericht aber ist das Schweigen.

Interview vom 3. Mai/7. Juni 1997, Übersetzung und Bearbeitung: Christian Harkensee