Volltext

(Artikel * 1997) Hildebrandt, Roger
Rodeo unter Strom Ländliche Energieversorgung im bolivianischen Hochland
in Blätter des iz3w Nr. 221 * Seite 12
Themen: Investitionen; Produktion; Ökonomie; Energie; Bolivien * Dok-Nr: 46755
Ländliche Entwicklung

Rodeo unter Strom
Ländliche Energieversorgung im bolivianischen Hochland



von Roger Hildebrandt


Elektrizität bedeutet Produktivitätssteigerung und Einkommensverbesserung, Fortschritt und Entwicklung, so jedenfalls lautet die Logik der Entwicklungshilfe. Erfahrungen aus Bolivien zeigen aber, daß die Wirklichkeit dem nicht gerecht wird.

Derzeit rechnet man mit einer Verdoppelung des Energiebedarfs der Länder der Dritten Welt in den nächsten dreißig Jahren. In der von der Weltbank herausgegebenen Zeitschrift ?Finanzierung und Entwicklung? (3/95), heißt es: »In Lateinamerika und den karibischen Ländern ist der Bedarf an Elektrizität groß und steigt schnell. Es wurde geschätzt, daß diese Länder von 1994 bis 2000 eine zusätzliche Stromkapazität von annähernd 70.000 MW benötigen, sowie tausende von Meilen an neuen Hochspannungs- und Verteilerleitungen oder eine jährliche Investition in den Elektrizitätssektor von 20 ? 25 Mrd. US $ bis Ende dieses Jahrzehnts.«
Angesichts dieser immensen Summen und der defizitären Finanzlage der angesprochenen Länder wundert es wenig, wenn die für die Elektrifizierung bereitstehenden Mittel zum größten Teil in die Städte fließen. Ländliche Stromversorgung ist nicht nur aufgrund der entfernten Lage der zu versorgenden Dörfer sehr teuer, sondern auch aufgrund der allgemein niedrigen Nachfrage in ländlichen Gebieten und des Einkommensgefälles gegenüber den städtischen Zentren in den meisten Fällen unrentabel.

Seit Beginn der achtziger Jahre bemühen sich staatliche, halbstaatliche und private Entwicklungsorganisationen, den bisher marginalisierten ländlichen Haushalten einen Zugang zu kommerziellen Energien, besonders der elektrischen Energie, zu verschaffen. Da eine dauerhafte Unterversorgung des ländlichen Raumes, elementare Infrastrukturdefizite, ein hohes Bevölkerungswachstum und unzureichende landwirtschaftliche Produktivität einen Großteil der ländlichen Bevölkerung von einem Entwicklungsprozeß auszuschließen drohen, versucht man auf diese Weise eine wirtschaftliche Entwicklung zu fördern, die zu einem großen Teil auf dem Selbsthilfepotential der Bevölkerung beruhen soll. Angesichts der Fördergelder, welche in diesen Bereich fließen, stellt sich die Frage, ob die Elektrifizierung ländlicher Gebiete tatsächlich zur Produktionssteigerung beiträgt und Einfluß auf die Landflucht besitzt.

Licht ins Dorf
Früher war Rodeo eines von vielen kleinen Dörfern im bolivianischen Hochland. Der Arbeitstag war hart und lang. Die Früchte der täglichen Arbeit reichten gerade einmal aus, den Eigenbedarf zu decken. Kartoffeln und Bohnen zum Frühstück, Mittag- und Abendessen. Eine Verlagerung der Produktion auf andere Produkte ist in dieser Region nicht möglich. In einer Höhe von 3.600 Metern geben die klimatischen Bedingungen nicht viel Spielraum, die Böden nicht viel Fruchtbarkeit. Kein Wunder, daß viele Söhne des Dorfes nach Argentinien zogen, um das schmale Einkommen der Familie aufzubessern.
Von einem Zugang zur Stromversorgung erhoffen sich viele Bauern, eine zusätzliche Einnahmequelle zu erschließen, indem sie z.B. die Möglichkeit erhalten, eine Werkstatt zu betreiben. Außerdem ermöglicht Strom die Beleuchtung des Hauses, den Betrieb eines Radios oder Fernsehers. Schenkt man den Untersuchungen der Entwicklungsexperten Glauben, so geben die Bewohner eines durchschnittlichen Dorfes in Bolivien einen beträchtlichen Teil ihres Einkommens für sogenannte sekundäre Energieträger aus (das heißt vor allem für Batterien, Kerosin, Flüssiggas und Kerzen).
Dieselbe Qualität und Leistung ist langfristig kostengünstiger durch die Nutzung von Elektrizität zu erzielen. Die Bauern könnten auf eine elektrische Energieversorgung umsteigen. Ein zusätzlicher Faktor wäre eine effizientere Nutzung der Zeit, was sich positiv auf die Produktion auswirken würde. Denn wenn der Strom aus der Steckdose kommt, müssen die Bauern ihre Sekundärenergieträger nicht mehr weit ab des eigenen Dorfes auf einem kleinen Markt erstehen, sondern können das Geld und die Zeit, welche für den Transport investiert wurden, sparen. Das ersparte Geld und die ersparte Zeit werden dann, so die weitere Annahme, in produktiver Weise verwandt. Einkommenschaffende Wirkungen nennt man das auch. Desweiteren würde sich ohne die vielen Batterieabfälle eine positivere Umweltbilanz ergeben und die Gesundheitssituation der Menschen würde verbessert. Es könnten Kommunikationsgeräte betrieben werden, die Menschen hätten Teil am Informationsfluß. Die hauswirtschaftliche Arbeit würde durch den Einsatz elektrischer Geräte erleichtert und auf diese Weise auch die Situation der Frauen verbessert, und, und, und? Der Fortschritt erreicht den entlegensten Winkel des bolivianischen Hochlandes. Alles mit ein bißchen Strom.
Wirklich? Strom gibt es mittlerweile seit 5 Jahren in Rodeo, und doch gibt es keine Werkstatt, keine Kommunikationsstation, keine Einkommenssteigerung und von der Erleichterung der Hauswirtschaft ist kaum etwas zu sehen. Auch die positiven Umwelteffekte lassen sich nur schwer nachweisen. Batterieradios werden nach wie vor betrieben, um auf dem Feld, im Bus, auf dem Markt und anderswo Radio zu hören. Woran aber ist die Maßnahme gescheitert? Was steht dem Wunsch nach einer eigenen Werkstatt entgegen, die ja mit dem Einsatz von Strom eine tragende Säule einkommenschaffender Auswirkungen sein soll?

Es mangelt vor allem an Kapital. Woher soll es bei dem geschätzten Jahreseinkommen einer Familie von ca. 280 US $ auch kommen? Selbst wenn sich über Jahre hinweg eine geringe Kostenersparnis gegenüber der alten Energieversorgung einstellt, reicht diese bei weitem nicht aus, um das nötige Geld für eine Maschine aufzubringen. Kredite liegen für die mittellosen Bauern immer noch in beinahe unerreichbarer Ferne, denn die Agrokapitalgesellschaften verzichten nicht auf eine Sicherheit, verlangen eigene Papiere.
Desweiteren mangelt es aber auch an der Nachfrage. Der Einzugsbereich ist gering, die Kaufkraft geht gegen Null und der Preisdruck aus den großen Städten ist hoch. Das wissen auch die Bauern. Wohl deshalb wagt es keiner, das Risiko eines eigenen Betriebes aufsichzunehmen, selbst wenn genügend Kapital zur Verfügung steht. Es zeigt sich vielmehr, daß in den seltenen Fällen, in denen genügend Betriebskapital vorhanden ist, die Werkstätten in den benachbarten Städten errichtet werden. So wird in der Landwirtschaft noch immer kein Strom eingesetzt. Bei der Produktverarbeitung und Veredelung oder Lagerung scheint der Einsatz von Elektrizität aufgrund der geringen Produktion und Nachfrage wenig rentabel. Die anvisierten Steigerungen der Produktivität im gewerblichen und landwirtschaftlichen Sektor blieben aus.
Aber da wäre ja noch die schlichte Verbesserung der Lebensbedingungen. Es lebt sich besser mit der Möglichkeit, Strom zu nutzen, mit den neuen Glühbirnen, dem Radiogerät ohne Batterien, der Beleuchtung der kleinen Verkaufsstände, an denen man Cocablätter und Maisbier verkauft. Allerdings müssen die Bauern mehr Geld für die Kilowattstunde bezahlen als die Menschen in der Stadt. Vor allem müssen sie regelmäßig zahlen. Konnten die Bauern vor der Elektrifizierung die Ausgaben für den Energiebedarf an ihr Einkommen anpassen, so fällt die Möglichkeit der flexiblen Budgetplanung heute weg. Jeden Monat müssen sie ihre Rechnungen begleichen. Wer nicht zahlen kann, wird vom Fortschritt wieder ausgeschlossen. Die Verbesserung der Lebensbedingungen beschränkt sich daher auf einige wenige, die sich den Anschluß leisten können. Fraglich bleibt, inwieweit das Ziel einer Bekämpfung der Massenarmut erreicht werden kann, wenn die Ärmsten von vornherein ausgeschlossen werden. So ist Rodeo auch heute noch ein Dorf unter vielen im bolivianischen Hochland, und der Arbeitstag bleibt weiterhin lang und hart. Die Wünsche nach einer eigenen Werkstatt haben sich nicht erfüllt, die Radios laufen häufig wieder mit Batterien, denn nicht wenige Familien mußten nach Zahlungsschwierigkeiten auf ihren Stromanschluß verzichten. Die Minifundien werden sich aufgrund des Realteilungserbrechts weiter verkleinern, die Söhne und Töchter weiterhin in die großen Städte abwandern.

»Abwechslungsreiche
Freizeitgestaltung«
Es zeigt sich, daß die Elektrifizierung ländlicher Haushalte in Bolivien keine wesentliche Auswirkung auf die Produktion hatte und damit auch nicht zu den erhofften Einkommenssteigerungen führen konnte. Es kam trotz der Bereitstellung von Strom nicht zu dem erwarteten Anstieg von Kleinst- und Kleinbetrieben, vielmehr stellte sich heraus, daß auch nach der Elektrifizierung weiterhin die überwiegende Mehrheit der Haushalte ihr gesamtes Einkommen aus der Landwirtschaft bezieht. Die vermehrte Nutzung von Strom im gewerblichen und auch im privaten Sektor scheitert an dem fehlenden Zugang zu Kapital und der mangelnden Produktnachfrage.

Dennoch besteht ein ernstzunehmendes Bedürfnis nach Stromversorgung. Zur Produktivitätssteigerung in der Region müs-sen jedoch andere Maßnahmen entweder gleichzeitig oder sogar vor der Elektrifizierung in Angriff genommen werden. Der Ausbau von Agrarkrediten und vor allem Erleichterungen beim Zugang zu diesen Krediten sowie die Instruktion der Bevölkerung über Möglichkeiten zur Verwendung der Energie im Rahmen kleinhandwerklicher Produktion scheinen hier erforderlich. Darüber hinaus stellen eine erweiterte politische Partizipation sowie die Dezentralisierung der bestehenden Verwaltung, welche bis heute die ländlichen Regionen vernachlässigt, weitere wichtige Voraussetzungen dar. Zudem müssen die Erträge aus der Landwirtschaft langfristig erweitert und stabilisiert werden.
Elektrizität ist nur eine von vielen Voraussetzungen wirtschaftlicher Aktivität, und sie hat sich in keinem Fall als der einzige und entscheidende Faktor zum Anschub von Entwicklung herausgestellt.
Doch sollte dies kein Grund sein, die Zielsetzung von Entwicklung durch Energieversorgung ganz aufzugeben. »Entwicklung« darf sich aber nicht darin erschöpfen, lediglich denen Verbesserungen zu bescheren, die es sich leisten können. Deren »Gefühl abwechslungsreicher Freizeitgestaltung durch Radio und Fernsehempfang« (GTZ: Basiselektrifizierung ländlicher Haushalte, Arbeitspapier der Abt.415 der GTZ, Eschborn 1993) sollte nicht einziges Ergebnis ländlicher Elektrifizierung bleiben.


Roger Hildebrandt ist Geograph und arbeitet am Institut für Stadtforschung und Strukturpolitik in Berlin.