Folter
Organisation des Vergessens
Die Konstruktion des kollektiven Gedächtnisses in Argentinien
von Emilio Crenzel
Bei den Gouverneurswahlen im Juli letzten Jahres in der Provinz Tucuman in Argentinien ging der Ex-General Bussi als Sieger hervor. Während der Diktatur war er bis 1977 Gouverneur von Tucuman. Auf sein Konto geht das Schicksal von Hunderten von Entführten und Verschwundenen. Eine Tatsache, die es unbegreiflich macht, wie Bussi bei freien Wahlen den mehrheitlichen Willen der WählerInnen für sich einnehmen konnte.
Die Mehrheit der Bevölkerung hat die Verbrechen Bussis während der Diktatur nicht vergessen. Das ergab eine Untersuchung in der Provinz zwei Wochen vor den Wahlen. Mehr als zwei Drittel seiner WählerInnen berücksichtigten bei ihrer Entscheidung die Handlungen während seiner damaligen Amtszeit, und 40% seiner WählerInnen gaben an, von der direkten Beteiligung Bussis am Verschwindenlassen von Personen gewußt zu haben. Im folgenden Artikel wird davon ausgegangen, daß die Wahl Bussis mit der Art und Weise zu tun hat, wie in Tucuman das kollektive Gedächtnis konstruiert und manipuliert wurde und wird.
Soziale Erinnerung, kollektives Gedächtnis wird hier verstanden als ein Prozeß, der nicht allein individuell, sondern immer durch die soziale Interaktion mit anderen bestimmt wird. Die Macht- und Herrschaftsverhältnisse einer Gesellschaft und die damit verbundene Ideologieproduktion bestimmen mit, woran erinnert wird und woran nicht. Aus dieser Perspektive heraus ist die Konstruktion des kollektiven Gedächtnisses mit sozialen Prozessen und Herrschaftsideologien vekoppelt.1 Soziales Erinnern und Vergessen sind deshalb sozialgeschichtliche Produkte. Unter dieser Voraussetzung können die Probleme des Erinnerns und Vergessens nicht mehr strikt auf den individuellen Bereich beschränkt und der Erinnerungsproduktion ein »privater« Charakter verliehen werden, sondern sie sind abhängig von politischen Prozessen und sozialen Auseinandersetzungen. Außerdem kann die Gedächtnisproduktion nicht über den bloßen abstrakten Aufruf funktionieren, sich an die Vergangenheit zu erinnern. Denn diese Vorstellung leugnet den Umstand, daß Menschen, wenn sie Erinnerungen an Ereignisse wachrufen, diese immer mit ihren eigenen Erfahrungsmustern in Übereinstimmung bringen.2
Die Auslöschung der Subversion
Die Gedächtniskonstruktionen in Tucuman speisen sich aus einem komplexen Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Zunächst ist zu bemerken, daß sich in Argentinien nie eine demokratische Tradition aufbauen konnte. Der Wahl des ersten Präsidenten durch das Volk im Jahre 1916 folgten stetig lange Perioden der Militärdiktatur ? 1930 bis 1946, 1955 bis 1958, 1961 bis 1963, 1966 bis 1973 und schließlich die vom 24. März 1976 bis zum 10. Dezember 1983. Dadurch konnten sich die autoritären Kräfte in Teilen der argentinischen Gesellschaft immer wieder produzieren und reproduzieren. Im Unterschied zu den vorherigen autoritären Prozessen markierte der Putsch von 1976 überdies einen Bruch in der politischen Machtausübung, strebte er doch die komplette Auslöschung der politischen und sozialen Strukturen an, die der bestehenden Ordnung kämpferisch gegenüberstanden. Die Provinz Tucuman hatte bis zu diesem Staatsstreich harte und zugespitzte soziale und politische Kämpfe erlebt, wie z.B. den der Zuckerarbeiter gegen die Schließung von elf Betrieben oder die Massenproteste auf den Straßen. Arbeiterbewegung, Studentenbewegung und die katholische Kirche brachten jeweils radikalisierte Fraktionen hervor. Es gab eine Stadt- und eine Landguerilla, eine kritische Kultur überzog die ganze Provinz.
Mit dem Staatsstreich von 1976 wurden diese Strukturen zerstört. Das Herrschaftsinstrument dazu war das Verschwindenlassen von Personen. Insgesamt wird die Zahl der Verschwundenen in Argentinien während des Militärregimes 1976 bis 1983 von den Menschenrechtsorganisationen auf Dreißigtausend geschätzt. Diese Politik der Auslöschung ist ungleich folgenschwerer als andere Formen autoritärer Politik: »Es ist nicht nur die Institutionalisierung des antizipierten Todes, sondern auch die Organisation des Vergessens (...) die Konzentrationslager machten den eigenen Tod anonym (...) sie beraubten ihn seiner Bedeutung. (...) ein solcher Tod ist nichts anderes als die Bestätigung der Tatsache, daß dieses Individuum niemals existiert hat«.3 Die letzte Diktatur in Argentinien löschte einen ganzen historischen Zyklus aus dem Leben des Landes aus. Durch den Putsch fand eine gewaltsame soziale Umstrukturierung statt, die die Substanz der gesamten sozialen Ordnung, ihre ökonomische Struktur, den politisch-kulturellen Bereich und das gesellschaftliche Wertesystem angriff.
Dennoch können die Militärdiktatur oder auch andere autoritäre Prozesse nicht nur als Perioden der Zerstörung sozialer Beziehungen, des sozialen Netzes, der Erinnerung eingeordnet werden. Macht definiert sich nicht nur über ihre ausschließenden, unterdrückenden, ausweisenden, zensierenden, abstrahierenden, verschleiernden und verbergenden Effekte, sondern ist immer auch ein produktiver Akt und bringt Wirklichkeit, soziale Beziehungen, Rituale etc. hervor.4 Während also die politischen und kulturellen Träger der Demokratie in Tucuman weitgehend ausgelöscht wurden und damit auch die Träger der Erinnerung an deren oppositionelle Handlungen, konnte sich die Herrschaft der Diktatur sogar festigen. Diese Prozesse vollzogen sich auf mehreren Ebenen.
Zum einen wurden seit dem Beginn der Demokratie 1983 einige verurteilt, die während der Diktatur Menschenrechte verletzt hatten. Aber außerhalb einer juristischen Ebene und eines abstrakten wissenschaftlichen Diskurses entstand keine Form der Wissensproduktion, die innerhalb gesellschaftlicher Auseinandersetzungen den Massenmord gedanklich mit einbezogen hätte. Später ging die Erinnerungsmanipulation soweit, daß denen, die Menschenrechte verletzt hatten, fortlaufend Entschuldigungen und Rechtfertigungen zugestanden wurden. Das verwundert nicht angesichts der Tatsache, daß sich die Vergebungsrituale in den eigenen Kreisen der institutionalisierten Machtinstanzen des Rechtstaats und seiner Exekutive entwickelten. Die Berufung auf die sogenannte Gehorsamspflicht in den Jahren 1987-88 wurde vom Parlament bestätigt, die Begnadigungen 1989-90 gingen von der Exekutivmacht aus. Und immer wurde dabei der Druck der Streitkräfte sichtbar vermittelt, um diese Gesetze und Präsidentialbefugnisse auch durchzusetzen.
Orte der Erinnerung
Zum anderen bestimmten die Kräfte der Diktatur das kollektive Gedächtnis dadurch mit, daß sie »Orte der Erinnerung«5 schufen, die mit bestimmten politischen Inhalten aufgeladen wurden. Diese Orte entfalten bis heute ihre Wirkkraft. Beim Polizeidepartement San Miguel in Tucaman gibt es beispielsweise ein sogenanntes »Museum der Subversion«, in dem in Formolflaschen menschliche Überreste von ermordeten, angeblich Subversiven ausgestellt werden. Dieses Museum wird immer wieder von Schülern der Primar- und Sekundarstufe aus San Miguel in Tucuman besucht. Während der Militärdiktatur prangte quer über das Stadttor der Provinzhauptstadt die Inschrift: »Tucuman, Wiege der Unabhängigkeit, Grab der Subversion«. Oder es wurden Dörfer gegründet, die nach offiziellen Gefallenen im antisubversiven Kampf benannt wurden wie »Oberst Berdina«, »Sergente Moya« und »Soldat Maldonado«. Und seit der Militärdiktatur werden bei der Militärparade am 9. Juli, dem Unabhängigkeitstag, »die Helden des antisubversiven Kampfes in Tucuman« geehrt. Zum Auftakt seiner derzeitigen Amtszeit ordnete Bussi die Zerstörung des »Friedensdenkmals« am Eingang des Regierungsgebäudes an, das die Provinzregierung 1991 installiert hatte.
Der Erfolg Bussis, in Argentinien als »Bussismus« bezeichnet, läßt sich also nicht als ein Problem des fehlenden sozialen Erinnerns bezüglich der jüngsten Vergangenheit der Provinz oder des Landes deuten. Im Gegenteil. Es fand eine Erinnerungskonstruktion statt, die über den Bezug auf die grundlegenden Werte des Staatsstreiches von 1976 und der nachfolgenden Diktatur verlief. Der damalige staatliche Terror manifestiert sich heute als die Verinnerlichung des Schweigens seit dem Terror, im Vergessen und selektiven Erinnern nach Maßgabe der Sieger sowie in der Produktion neuer Identifikationen auf politischer und kultureller Ebene. Diese Mechanismen sind für die Betroffenen nicht erkennbar, dennoch machen sie sich diese zu eigen und nehmen sie als notwendig und natürlich wahr.
Offen bleibt, ob die Erinnerungskonstruktionen, die zur Wahl Bussis 1995 geführt haben, nicht doch vielleicht erschüttert werden angesichts der Tatsache, daß die aktuelle Regierung des Ex-Generals unter sozialen und politischen Bedingungen zu arbeiten hat, die sich doch erheblich von denen der Militärdiktatur unterscheiden. Abzuwarten ist auch, inwieweit es die demokratischen Kräfte schaffen, ein Feld der Konfrontation zu eröffnen, das ein kollektives Gedächtnis in Abgrenzung zu dem derzeit dominierenden konstruiert.
Anmerkungen:
1 vgl. Maurice Halbwachs, Das kollektive Gedächtnis, Frankfurt 1980
2 vgl. Jean Piaget y Rolando Garcia, Psicogenesis e historia de la ciencia, Ediciones Siglo XXI, Mexico 1984
3 vgl. Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, München 1986
4 vgl. Michel Foucault, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt 1976
5 Pierre Nora, Les lieux de la memoire, Gallimard, Paris, 1984-1987
Emilio Crenzel ist Soziologe und arbeitet an der Universität von Buenos Aires.
Übersetzung: Birgit Huber |