Volltext

(Artikel * 1997) N.N.
Die Gnade des frühen Todes. Zwei Göttinnen als Revolutionsersatz Evita und Madonna in New York.
in Blätter des iz3w Nr. 219 * Seite 40
Themen: Politik; Film; Kultur; USA; Argentinien * Dok-Nr: 46093
Film


Die Gnade des frühen Todes


Zwei Göttinnen als Revolutionsersatz ?

Evita und Madonna in New York

von Katia Davis

Es gibt Hoffnung für Revolutionäre. Nur wissen sie es vermutlich nicht. Denn welcher wahre Weltveränderer begibt sich schon freiwillig in einen von der Unterhaltungsindustrie produzierten Superfilm. Und dann auch noch mit Madonna in der Hauptrolle, die die unmoralische politische Karrieresucht der argentinischen Göttin Evita verkörpert. Schön ist sie. Die Revolution. Madonna auch. Und eine Vereinigung dieser beiden Wunder muß einfach siegreich sein. Da Revolutionen in der Erinnerung immer selig sind, konnte ich diesmal nicht abseits stehen. Straßenkampf wollte ich, soziale Veränderung, Hoffnung und Gesang. Ich bekam es. Im bequemen Kinosessel tauchte ich ein in die Ideale meiner Utopie. In sicherem Abstand. Von da ließ ich mich aufrütteln von Evita und ihren Argentiniern. Mit Madonna. Die ist die personifizierte Revolution. Herrlich und gefährlich.
Die Laufbahn der Heiligen begann sehr menschlich. 1919 geboren, wuchs Eva Duarte als uneheliches Kind in einem argentinischen Nest auf. Ihre Situation unterschied sich durch nichts von der der chancenlosen Masse der Vergessenen im Land. Doch mit fünfzehn begann sie mit ihrem Ausbruch. Als Liebesdienerin arbeitete sie sich hoch und kam durch einflußreiche Gönner zu Ruhm im Radio und auf der Leinwand. Mit fünfundzwanzig lernte sie Oberst Peron kennen. Die Heirat verhalf Peron zur Präsidentschaft, reiste doch die vom Volk bald liebevoll Evita Genannte quer durchs Land und warb für Demokratie und soziale Veränderungen. Sie war gut und überzeugend und rührte die Herzen der Ausgehungerten. Die glaubten ihr. Stammte Evita doch aus ihren Reihen. Tatsächlich setzte sie Reformen durch in dem rückständigen Land und unterstützte die Gewerkschaften. Sie spazierte in die Armenviertel, half den Vergessenen und ließ sich bewundern. Anstelle von Liebhabern sammelte sie jetzt Juwelen und Pelze. Die Korruption konnte Evita nicht beseitigen, und den Sozialismus wollte sie vermutlich nicht oder wußte nichts von seiner Existenz. Vielleicht war ein bißchen mehr Gerechtigkeit ihr Traum.
Die Träume der Untertanen blieben größtenteils unerfüllt und Unzufriedenheit machte sich breit. Auch wenn viele Frauen Evita und ihren hart erkämpften Platz an der Sonne bewunderten, ihr Glanz blieb für die Besitzlosen Illusion. Vielleicht war es Evitas Glück, an Krebs zu erkranken und mit dreiunddreißig zu sterben. Das Volk vergaß und vergab ihr ihre kleinen Sünden.
1979 erfolgte die Auferstehung der Evita. Andrew Lloyd Webber hatte ein Musical über sie geschrieben. Der Erfolg am Broadway war einmalig. Da mußte irgendwann der Film kommen. Aber mehr als zehn Jahre konnte man sich in Hollywood weder über das Drehbuch noch auf einen Regisseur einigen. Von der Besetzung der Hauptrolle ganz zu schweigen. Barbra Streisand, Meryl Streep oder Michelle Pfeiffer hätte man gern angeheuert. Doch irgendwie klappte gar nichts. Und Madonnas Interesse an der Rolle erzeugte nur ein hochmütiges Naserümpfen.
Ebenso wie die Vergangenheit der verblichenen Evita ist die Gegenwart der betörenden Madonna sehr umstritten. Mit einem Kreuz auf der weißen Brust wälzte sie sich in einem Musikvideo lüstern auf kirchlichem Boden vor einem gekreuzigten Mannsbild. Ihr Erfolg ist ihre Unabhängigkeit. Madonna ? die amerikanische Göttin. Es sind einige Gemeinsamkeiten, die die tote und die lebendige Dame haben. Von ganz unten haben sie sich nach hoch oben gekämpft und entschieden, daß Benehmen und Moral keine Glücksache sind, sondern allein dem eigenen eisernen Willen hörig. Als Alan Parker endlich den Job als Regisseur bekam, schrieb Madonna in einem langen Brief an ihn, daß sie die einzige sei, die Evita spielen könne. Und erschien schließlich selbst und sah nicht nur wie Evita aus ? sie war Evita.
Aber die Argentinier murrten. Von dem losen amerikanischen Star wollten sie sich ihre Heilige nicht verhunzen lassen. Demonstrationen fanden statt, Protestbriefe gingen an den Präsidenten, der Madonna um eine Pressekonferenz bat. Diese rief das Volk zur Ruhe auf und appellierte an seine Vernunft. Man solle doch erst mal abwarten, ihr vertrauen und den Film dann ansehen. Argentinien ließ sich umgarnen und blies die Revolte ab. Und als Parker der Präsidentenpalast als Drehort verweigert wurde, war es Madonna, die die Initiative ergriff. Nach einer Audienz beim argentinischen Präsidenten hatte sie nach zehn Minuten die Erlaubnis in der Tasche. Fast wie Evita.
Hollywood fachte gekonnt das Feuer der Erwartung in den USA an. Nach der Superpremiere eine Woche vor Weihnachten waren die Kritiker der Westküste voll des Lobes. 7000 jubelnde Fans harrten vor dem Filmtheater aus, um einen Blick auf ihr Idol werfen zu können. Blieb die Premiere den Berühmtheiten vorbehalten, erschien für das gemeine Volk Madonnda in »Vogue« und unzähligen anderen amerikanischen Zeitschriften. Und zum Weihnachtsfest gab?s schließlich den Film. Allerdings nur in ausgewählten Städten und Kinos. In New York ist das Happening in einem einzigen Filmpalast zu genießen. Falls man Karten bekommt. Der Sturm auf diese ist überwältigend. Obgleich die New Yorker Kritiker abgeraten hatten. Die reagieren nämlich immer anders als die anderen. Sie blicken auf das restliche Amerika als ein Babel der Dummheit herab. Gott sei dank spreche Madonna nicht, schüttelten sie sich in Abscheu. Dennoch stehen Tausende täglich Schlange. Der Beginn des Films wird mit Beifall begrüßt. Mittendrin immer wieder Szenenapplaus, Tränen und zum Schluß langer Beifall.
Auch ich würde mich in diesen kalten Zeiten ein zweites Mal nach einer Karte drängeln, um mich von der schönen Illusion mitreißen zu lassen. Madonna spielt sich die Seele aus dem Leib. Und sie singt. Das läßt die New Yorker Zuschauer in Beifallsstürme ausbrechen. »Evita« ist das verfilmte Musical, aber es entwickelt ein Eigenleben. Vielleicht sind die revolutionären Massenszenen und der fast Eisensteinsche Kamerastil sentimental ? na und? Der Popstar Madonna ist verschwunden. Evita lebt. Das Publikum reagiert fasziniert auf die Bilder von Armut, Unterdrückung und Aufstand. Auf der Leinwand sagt Peron beim ersten Treffen zur Schauspielerin Eva: »Wenn du spielst, führst du uns weg vom Dreck der realen Welt.« Das tut auch der Film. Weder fand in jener Zeit eine wirkliche Revolution statt, noch wird eine von Regisseur Parker vorgegaukelt. Der von Antonio Banderas dargestellte Che bemerkt trocken zu Evitas Hilfsprogramm: »Die Armen sammeln bei den Armen für die Armen.« Evitas Reformen gefährdeten nicht die Herrschenden. Sie beruhigten aber die Unterdrückten. Erkennen sich mittellose Amerikaner und Hispanics in diesem Film wieder? Mag einer sagen, was er will über Kitsch und Realitätsvernebelung in dem Werk ? zu den wirklich Chancenlosen und im Dreck Sitzenden in diesem Land springt wohl ein Funke über. Genau wie damals. Ein Hungriger braucht nicht viel zum Sattwerden. Einem Hoffnungslosen reicht auch ein kleines Feuer für die seelische Wärme. Eine argentinische Anwältin erklärte: »Evita kam aus der Gosse und versuchte, mit Hilfe ihres Äußeren ihre Position zu etablieren. Aber es war auch ein trotziges Auftrumpfen. Und die riesige Zahl der brutal unterdrückten Frauen hat das verstanden und sogar Hoffnung und Kraft daraus geschöpft. Das ist heute nicht anders. Die wollen nicht nur Marx zum Essen kriegen, sondern auch Glamour. Einfach schön sein können. Träumen dürfen. Ist das nicht wichtig?«

»Ich fülle nur eine Lücke aus.« Sagt Madonna im Film. Als Evita. Der Beweis ist damit erbracht: Pop und Politik sind nicht zu trennen. Und ich hörte bereits Stimmen aus dem New Yorker Publikum, die sich Madonna als Gattin des gerade wiedergewählten amerikanischen Präsidenten wünschen.


Katia Davis lebt als freie Journalistin in New York.