Volltext

(Artikel * 1997) N.N.
Hand in Hand: Globalisierung und Regionalisierung von Wirtschaftsräumen.
in Blätter des iz3w Nr. 219 * Seite 14
Themen: Integration; Globalisierung; Handel; Markt; Ökonomie; International * Dok-Nr: 46092
Globalisierung

Hand in Hand

Globalisierung und Regionalisierung von Wirtschaftsräumen

von Kurt Hübner


Globalisierung und Regionalisierung kennzeichnen zwei weltwirtschaftliche Entwicklungen, die miteinander in Konkurrenz zu stehen scheinen. Während Globalisierung auf die Entgrenzung nationalstaatlicher Räume verweist, spricht Regionalisierung von einer neuen räumlichen Aufteilung der globalen Ökonomie. Beide Prozesse sind aber nicht als Gegensätze, sondern als komplementär zu interpretieren.

Die kapitalistische Globalisierung ist ein vielschichtiger Vorgang, der ökonomische wie kulturelle, politische wie ideologische Prozesse einschließt. Mit Globalisierung ist unter anderem gemeint, daß sich die nationalen Volkswirtschaften durch das schnelle Wachstum grenzüberschreitender Transaktionen in immer stärkerem Maße international verflechten. Dabei entstehen Abhängigkeits- und Dominanzverhältnisse, die die Spielräume von Volkswirtschaften wie von supranationalen Akteuren (Wirtschafts- und Handelsblöcke wie EU, APEC oder NAFTA sowie transnationale Konzerne) bestimmen. Globalisierung im letztgenannten Sinne wird gerne als Vorgang interpretiert, der dem Nationalstaat den Boden entzieht.
Auf der makroökonomischen Ebene stellt sich Globalisierung als schnelleres Wachstum weltmarktbezogener gegenüber nationalwirtschaftsbezogenen Indikatoren dar. Im Unterschied zu den herkömmlichen exportorientierten Wachstumstheorien, die auf die schnellere Zunahme von Exporten gegenüber Aggregaten wie dem Bruttosozialprodukt abheben und daraus positive Effekte für nationalstaatlich definierte Wachstumsprozesse ableiten, meint Globalisierung ein schnelleres Wachstum aller weltmarktbezogenen gegenüber inlandsbezogenen Aggregaten. Inwieweit sich daraus positive oder negative Wirkungen auf die nationalen Akkumulations- und Wachstumsprozesse ergeben, kann nicht a priori entschieden werden. Für die Gruppe der entwickelten kapitalistischen Ökonomien läßt sich eine solche Globalisierung seit den späten 60er Jahren konstatieren: Sowohl das zum Export bestimmte Warenkapital als auch das in Form von Direktinvestitionen auftretende produktive Kapital und das die Euro-Märkte konstituierende zinstragende Kapital sind in den letzten fünfundzwanzig Jahren schneller gewachsen als das jeweilige Bruttoinlandsprodukt dieser Ökonomien. Wertschöpfung genauso wie Wertrealisierung und Fiktivisierung des Kapitals haben sich in hohem Tempo von ehedem nationalstaatlich-territorialen Basen emanzipiert. Freilich gilt es zu berücksichtigen, daß die Globalisierungsdynamik der funktionellen Formen des Kapitals ? Warenkapital, zinstragendes Kapital und produktives Kapital ? unterschiedlich stark ausfällt, vor unterschiedlichen nationalen wie globalen Hintergründen verläuft, und daß vor allem die Arbeitsmärkte ihren jeweiligen nationalen Charakter beibehalten haben. Eine knappe Skizze muß an dieser Stelle genügen.

(1) Den spektakulärsten Globalisierungsprozeß seit den 70er Jahren Jahren haben die Geld-, Kapital- und Kreditmärkte erfahren. Herausgebildet hat sich ein hochintegrierter monetärer Weltmarkt mit neu entstandenen Normen, Prinzipien, Regeln und habituellen Verkehrsformen der Akteure sowie neuen Finanzwaren. Die Entstehung dieses monetären Weltmarktes hat vielfältige Gründe. Einer ist der Ende der 70er Jahre begonnene Siegeszug des neoliberalen Politikprojektes, zu dessen weltwirtschaftlicher Vision der Abbau bestehender nationaler Regulierungen zugunsten eines freien Marktsystems zählte. Grenzenüberschreitende Markttransaktionen größten Ausmaßes wurden auf diese Weise ebenso möglich wie die Entwicklung neuer Finanzmärkte. Ebenso bedeutsam war aber auch der Verlust an Kontrollkapazität nationaler Notenbanken, der aus der globalen Vernetzung und Integration privater Transaktionen resultierte. Allerdings sind keineswegs alle entwickelten kapitalistischen Ökonomien mit solch global wettbewerbsfähigen Bankenindustrien ausgestattet. Mehr als 85% aller Kontrakte werden über derivative Finanzinstrumente (Derivate = von den herkömmlichen Zahlungsmitteln abgeleitete Finanzierungsinstrumente wie z.B. Futures, Optionen oder Swaps) auf Finanzplätzen in den USA, der EU und in Japan abgeschlossen. Auch die traditionellen Geld-und Kapitalmärkte konzentrieren sich innerhalb dieser Triade.

(2) Im Raum der OECD-Ökonomien ist in den letzten zwei Jahrzehnten der reale Außenhandel im Jahresdurchschnitt rascher gestiegen als die reale Produktion. Das deutet auf eine weitere Öffnung und Vernetzung der nationalen Volkswirtschaften gegenüber der Weltwirtschaft hin. Berücksichtigt man, daß etwas mehr als zwei Drittel der gesamten Weltein- und ausfuhren auf den Raum der entwickelten kapitalistischen Ökonomien entfallen, dann darf nicht umstandslos von einer Globalisierung des Warenhandels gesprochen werden. Zwei Besonderheiten, die dieses generelle Bild etwas differenzierter gestalten, sind festzuhalten. Zum ersten ist zu konstatieren, daß der Intra-Branchenhandel, also der internationale Handel mit Waren gleichen Typs, seit Mitte der 70er Jahre stark zugenommen hat.
Zum zweiten ist der Handel innerhalb des OECD-Raums durch eine intensive Regionalisierung gekennzeichnet. Der Warenhandel der verarbeitenden Industrie z.B. erfolgte im Jahr 1991 zu mehr als 60% zwischen den entwickelten kapitalistischen Ländern. Der Intra-EU-Handel macht dabei etwa 26 % des gesamten globalen Handels aus, der Intra-Triaden-Handel 14,5% und der Handel der Triadenmitglieder mit anderen entwickelten Industrieländern weitere 20,5%. Die durch politische Projekte der Marktintegration vorangetriebene Triadisierung der Weltwirtschaft birgt die Möglichkeit der regionalen Einschränkung der globalen Konkurrenzbeziehungen: Blockgemeinsame Interessen können den Einsatz protektionistischer Maßnahmen gegenüber Konkurrenten opportun erscheinen lassen. Globalisierung und regionale Fragmentierung gehen hier Hand in Hand.

(3) Seit den 80er Jahren ist eine starke Zunahme der weltweiten ausländischen Direktinvestitionen zu verzeichnen. Diese übertreffen die jahresdurchschnittlichen Zuwachsraten der weltweiten Exporte sowie des Weltinlandsproduktes bei weitem. Während im Hinblick auf ausländische Direktinvestitionen bis Mitte der 90er Jahre nach wie vor von einer Triadisierung der globalen Produktion gesprochen werden kann, insoweit als ihr überwiegender Teil innerhalb der Länder der Triade getätigt wurden, haben sich Anfang der 90er Jahre die Ströme ausländischer Direktinvestitionen in ihrer geographischen Ausrichtung geändert: Zielregionen waren die dynamisch wachsenden Ökonomien im südlichen, östlichen und südöstlichen Asien sowie einzelne Länder Lateinamerikas und die Ökonomien der Karibik. Nahezu ausgesperrt von dieser Entwicklung blieb der afrikanische Kontinent. Die Globalisierung, wenn auch ausgehend von einer vergleichsweise niedrigen Basis, erfolgt hier in hohem Tempo und in ausgeprägter Selektivität, die Gewinner- und Verliererregionen erzeugt.

Globale Exklusion und Inklusion
Globalisierung ist in dem hier entwickelten Verständnis ein Prozeß ökonomischer Exklusion und Inklusion. Exklusion liegt insofern vor, als eine große Zahl nationaler Verwertungsräume von der skizzierten Entwicklung ausgeschlossen werden. Inklusion liegt insoweit vor, als die Globalisierungsprozesse eine Durchkapitalisierung regional begrenzter Verwertungsräume bewirken und dort alle Akteure und Reproduktionsdimensionen einem markt- und geldwirtschaftlich begründeten constraint (Begrenzung) unterworfen werden.
Zwei Formen der politischen Organisation und Regulation begleiten diese Prozesse. Zum einen dominiert innerhalb der regionalen Blöcke die strukturale Macht einzelner Nationen. Zum anderen dominieren zwischen den Blöcken und in ihrem Verhältnis zu den nicht-blockorientierten nationalen Verwertungsräumen institutionelle Netzwerke wie die WTO mit ihren regulativen Wirkungen. Diese institutionellen Strukturen sind dabei an keinen Nationalstaat oder gar an einen Weltstaat gebunden, sondern sind als ein supranationales Netzwerk von Normen, Prinzipien und Regeln zu verstehen, das die Reproduktion und Akkumulation der globalen Ökonomie sichert.
Die weltwirtschaftliche Konstellation der 80er und 90er Jahre ist charakterisiert durch das Zusammentreffen eines relativ hohen Offenheitsgrades mit dem Fehlen eines hegemonialen Akteurs. Während die Phase der 50er bis zu den frühen 70er Jahren in ökonomisch-politischer Hinsicht durch die Existenz eines hegemonialen Akteurs (der USA) und eines mittleren Offenheitsgrades gekennzeichnet werden kann, hat seitdem der Grad der Offenheit der globalen Ökonomie zugenommen und spiegelbildlich dazu die Dominanz hegemonialer Praktiken abgenommen. Die USA haben in einem seit den späten 60er Jahren laufenden langwierigen Prozeß des catching up (Aufholens) westeuropäischer Ökonomien sowie Japans ihre hegemoniale Rolle abgeben müssen. Dabei hat sich, wie bereits angedeutet, eine oligopolistische Struktur der Weltwirtschaft mit wenigstens drei regionalen Hegemonen (USA, Japan, EU) herausgebildet. Die Institutionen der pax americana haben sich relativ schnell auf die neuen Anforderungen eingestellt und entsprechende Anpassungsschritte vorgenommen. Dies gilt etwa für den Internationalen Währungsfonds (IWF), der sich ? gezwungenermaßen ? von der Funktion der Wechselkursstabilisierung verabschiedet und der Funktion der Kreditsicherung zugewendet hat. Deutlich wird dies auch bei der Transformation des GATT zur WTO, die interne Veränderungen mit solchen der regulativen Reichweite dieser supranationalen Institution verband. So wurde die Zuständigkeit der WTO für Handelsregularien auf dem Dienstleistungssektor (Stichwort: geistiges Eigentum) ausgeweitet.

Regionale Signale
Die Oligopolisierung der globalen Ökonomie ist überlagert von einer Entwicklung, die den regional-hegemonialen Akteuren zugleich Handlungsoptionen eröffnet und versperrt. Beispielsweise haben sich mit dem schnellen Voranschreiten des Integrationsgrades der globalen Geld- und Kreditmärkte die Ausmaße der Sensitivität entwickelter Volkswirtschaften erhöht und die Übertragungskanäle zwischen nationalem und globalem Raum wurden zu Hochgeschwindigkeitsstrecken. So reichen heute schon leiseste Signale aus, um Ereignisketten auszulösen, die potentiell selbst leistungsstarke Ökonomien und weltwirtschaftlich-regionale Räume unter Druck setzen können. Solches widerfuhr im vorletzten Winter der mexikanischen Wirtschaft. Sogar das europäische Währungssystem erlebte 1992 einmal eine solche Explosion, als eine Währungsveränderung zwischen der D-Mark und der Lira einen enormen Vertrauensverlust in die Stabilität des europäischen Projekts auslöste.
Weltwirtschaftliche Regionalisierungstendenzen haben den bemerkenswerten makroökonomischen Effekt, daß solche Ablaufketten eingegegrenzt und kontrolliert werden können. Dies hängt damit zusammen, daß die Sensitivitäten nationaler Räume innerhalb weltwirtschaftlich-regionaler Räume stärker ausgeprägt sind. Für den europäischen Verwertungsraum etwa sind ökonomische Datenänderungen innerhalb dieses Raumes sehr viel relevanter als mögliche Veränderungen des Yen-Wechselkurses oder irgendwelcher Zinssätze im asiatisch-pazifischen Verwertungsraum.
Innerhalb der regionalisierten Räume der Weltwirtschaft können die hegemonialen Akteure wie die USA, die BRD oder Japan also Netzwerke aufbauen, die ihre Wettbewerbsfähigkeit in der Triadenkonkurrenz verbessern helfen. Ein Ausdruck dafür sind die hohen Konzentrationsgrade blockinterner produktiver Verflechtungen via Direktinvestitionen oder des blockinternen Handels mit Waren und Dienstleistungen. Dabei stellen die regionalisierten Räume der globalen Ökonomie allerdings keine geschlossenen Systeme dar: Alle diese Räume weisen vielfache Penetrationen auf, sei es durch Ex- und Importbeziehungen, sei es durch Gläubiger-Schuldner-Verhältnisse oder sei es durch die blockübergreifenden Vernetzungen des produktiven Kapitals.
In der Weltwirtschaft lassen sich gegenwärtig Formen der politisch- und Formen der marktgetriebenen Integration beobachten. Das mit dem Binnenmarktprogramm eingeleitete und im Maastricht-Vertrag erweiterte Konzept der Europäischen Union zielt auf die Intensivierung der ökonomischen wie politischen Integration des europäischen Raumes und läßt sich gemäß dieser simplen Typologie als politisch-induzierte Integration fassen. Die Einführung einer einheitlichen Währung soll sowohl die mit dem Intra-Block-Handel und den Intra-Block-Direktinvestitionen heute noch verbundenen Währungskosten beseitigen und damit die europäischen Unternehmen in der globalen Ökonomie wettbewerbsfähiger machen, als auch die mit den nationalen Währungen verbundenen Wechselkursrisiken gegenüber den anderen Weltreservewährungen und die Transaktionskosten insgesamt verringern. Die politische Praxis zeigt, daß ? auch aus der Sicht der Verfechter des Projektes ? ein Integrationsraum konstituiert werden soll, um sich in der Triadenkonkurrenz behaupten zu können.

126 WTO-Mitglieder und
76 Zollunionen
Obwohl das jüngste Treffen der Asia-Pacific-Economic-Cooperation (APEC) die Weichen in Richtung einer Freihandelszone in der südasiatischen Region zu stellen versuchte, sind die politisch-induzierten Integrationsschritte in diesem Verwertungsraum der globalen Ökonomie weit weniger fortgeschritten als etwa in Europa oder in auch in der NAFTA. Dominant ist hier ein Prozeß der marktgetriebenen Integration unter der Federführung japanischer Unternehmen. Seit 1988 fließen zwischen einem Drittel und der Hälfte aller jährlichen japanischen outward-Direktinvestitionen in die Region. Durch die strategisch plazierten Direktinvestitionen im Bereich der verarbeitenden Industrie sowie der Dienstleistungen entsteht ein technikzentrierter Yen-Block, der durch dichte Direktinvestitionsbeziehungen zwischen japanischen Mutter- und südoastasiatischen Tochtergesellschaften und durch eine ausgeklügelte blockinterne Arbeitsteilung gekennzeichnet ist. Besonders die Autoindustrie, und hier vor allem Toyota, ist dabei Vorreiterin gewesen.
Globalisierung und Regionalisierung sind nur auf den ersten Blick widersprüchliche Entwicklungen. So hat sich etwa in der stürmischen Phase ökonomischer Globalisierungsvorgänge seit den frühen 80er Jahren die Zahl der GATT bzw. WTO-Mitglieder von 85 auf 125 Länder erhöht. Trotzdem haben sich entgegen den vehementen Liberalisierungsbemühungen von GATT/WTO und ihrem Eintreten für einen möglichst unregulierten Handel mit Waren und Dienstleistungen seit 1948 insgesamt 76 Freihandelszonen und Zollunionen gebildet, davon mehr als die Hälfte in den 90er Jahren. Dies deutet darauf hin, daß gerade, wenn die institutionellen weltwirtschaftlichen Regelungen auf weitreichende Liberalisierung umgestellt werden, die nationalstaatlichen Räume ihrerseits politische Grenzziehungen favorisieren, die zwar über die nationalen Räume hinausreichen, aber dennoch Chancen bieten, sich binnenökonomische wie binnenpolitische Vorteile zu verschaffen.


Kurt Hübner lehrt an der Fachhochschule für Wirtschaft in Berlin. Er schrieb in der iz3w 218 (Dez. 96) über die Entkoppelung von realer und monetärer Akkumulation und veröffentlichte mit Andreas Bley: »Lohnstücknebenkosten und internationale Wettbewerbsfähigkeit« (Marburg 1996).