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(Artikel * 2006) Commer, Oliver; Valle, Amir
Mit Krimis gegen die Angst schreiben Interview mit dem Schriftsteller Amir Valle über das schwierige Leben auf Kuba und seine Kritik am Regime
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 389 * Seite 52 - 54
Themen: Alltag; Literatur; Opposition; Sozialismus * Cuba * la ley de resolver * Dok-Nr: 181550
Standorte: DWL Erlangen; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; 3WF Hannover; IFAK Göttingen; AWH Hagen

Literatur
Mit Krimis gegen die Angst schreiben
Interview mit dem Schriftssteller Amir Valle ?ber das schwierige Leben auf Kuba und seine Kritik am Regime

Bevor der kubanische Schriftsteller Amir Valle ins Visier der Staatssch?tzer geriet, war er der literarische Hoffnungstr?ger der Insel und ein Liebling der Kulturszene. Valle, der f?r seine Erz?hlungen, Essays, H?rspiele und Fernsehdokumentationen zahlreiche Auszeichnungen in Kuba und im Ausland erhalten hat, ist mit seinen Beschreibungen der realen Lebenssituation vieler KubanerInnen offensichtlich zu weit gegangen. In mittlerweile vier Kriminalromanen beschreibt er unverbl?mt die raue urbane Wirklichkeit im Paradies des tropischen Sozialismus.

Herr Valle, Grundlage Ihrer Romane sind reale Erlebnisse, aber auch Untersuchungen und Befragungen. Wo findet man in den Romanen Tatsachen, und wo verwenden Sie Fiktion?

Meine Serie von Kriminalromanen hat eine Vorgeschichte. Ich bin von Haus aus Journalist und untersuchte neun Jahre lang das Ph?nomen der Prostitution in Kuba. Resultat dieser Recherche war das Buch ?Habana Babilonia oder Prostitution in Kuba?. Darauf baut die Serie auf. Alle Motive basieren auf realen Ereignissen, von denen in Zeitungsartikeln berichtet wurde oder die ich in Polizeiakten fand. Ich benutze diese Themen als eine Art Reflexion ?ber die kubanische Realit?t. Der Kriminalroman verbindet den Leser mit dieser Reflexion, f?hrt ihn bei der Suche nach weiteren Informationen. Ich verteile die wahren Begebenheiten ?berall in den B?chern, gebe ihnen so Leben. Fiktional sind nur die literarischen Figuren, die ich geschaffen habe. Aber einige von ihnen stammen direkt aus dem wirklichen Leben und sind f?r ihre literarische Verwendung ver?ndert worden.

Eine Besonderheit Ihrer Krimis ist, dass sie in den verfallenen Vierteln von Havanna spielen. Ihre Prosa ist teilweise sehr n?chtern, teilweise sehr pr?zise und sehr vulg?r. Sexualit?t ist ein zentrales Thema, das ausf?hrlich beschrieben wird. Was verbindet Sie mit diesem Umfeld?

Seit ich denken kann, lebe ich in Kuba in sogenannten barrios, in einer Gegend, die man in anderen Teilen der Welt als marginale Viertel bezeichnet. W?hrend es andernorts vielleicht m?glich ist, marginale Viertel von anderen zu unterscheiden, haben sich in Kuba diese Grenzen aufgehoben. Mein Motiv ist ganz einfach das Leben dort, wo ich selbst lebe. Ganz einfach. Ich m?chte, dass der Leser meiner B?cher erf?hrt, dass es ein Kuba gibt, das verheimlicht werden soll. Ein Kuba, das viel reichhaltiger als dasjenige ist, das die Regierung pr?sentiert. Es ist viel sch?ner als das Kuba der Touristenposter. Das ist das Kuba des barrio. Das Kuba der Menschen, die kubanisch denken und kubanisch sprechen. Das Leben in diesen barrios erzeugt in dir eine Identifikation. Wenn Du dich selbst als Schriftsteller ernst nimmst, dann musst du ?ber die barrios schreiben, ?ber die Sinnlichkeit der Frauen. Und du wirst von der Marginalisierung erz?hlen, davon, dass es an allem mangelt. Dort lernst du den Menschen in allen seinen Facetten kennen. Weil ich genau dort lebe, wo es Prostitution, Drogen und den Schwarzmarkt gibt, schreibe ich dar?ber. Ich m?chte von den 16-j?hrigen Jungs erz?hlen, die als Kinder zusammen mit meinem Sohn im Park gespielt haben und die jetzt auf der Stra?e Drogen verkaufen oder sich als pingueros, als m?nnliche Prostituierte anbieten. Weil ich das alles t?glich sehe.

Was bedeutet es, unter diesen Umst?nden Schriftsteller in Kuba zu sein?

Heute ein K?nstler in Kuba zu sein bedeutet vor allem, eine ganz bestimmte Einstellung zu vertreten, einen Kompromiss einzugehen und abh?ngig von bestimmten politischen, ?konomischen und sozialen Gegebenheiten zu sein. In anderen L?ndern ist es vielleicht m?glich, trotzdem am Rande der Gesellschaft eine Nische zu finden. In Kuba ist das nicht m?glich. Entweder man verh?lt sich entsprechend der vorgegebenen sozialen und k?nstlerischen Vorgaben ? oder man versucht seine Unabh?ngigkeit zu bewahren, so wie ich. Diese Unabh?ngigkeit hat aber Folgen. Man erh?lt keinerlei Unterst?tzung von den etablierten Institutionen, man wird verschwiegen und ignoriert. Um die Frage ganz einfach zu beantworten: Heute ein K?nstler in Kuba zu sein, bedeutet eine ?bereinkunft abzuschlie?en. Entweder mit Dir selbst, als Person, als K?nstler, als unabh?ngiges menschliches Wesen oder mit einer Gesellschaftsform, die sich leider immer weiter in Richtung Totalitarismus bewegt.

Wie l?sst sich das heutige kulturelle Panorama in Kuba beschreiben?

Es gibt auf Kuba eine der beeindruckendsten kulturellen und k?nstlerischen Bewegungen Lateinamerikas. Wenn Kritiker ?ber Kunst, Musik, Kino oder die grunds?tzliche kulturelle Entwicklung des Kontinents sprechen, nennen sie immer Argentinien, Mexiko, Kolumbien und Kuba. Das sind die vier wichtigsten L?nder. Im Falle Kubas h?ngt das eindeutig mit der Revolution zusammen. Kulturelle Einrichtungen wurden er?ffnet und Kultur durch Bildung in die Bev?lkerung getragen. Ganz eindeutig f?rderte das auch die K?nstler. Aber wenn Du an diesem etablierten Umfeld teilhaben willst, wenn Du es f?r Dich nutzen willst, damit Du ver?ffentlichen oder auch im Ausland Bekanntheit erlangen kannst, dann geht das nur, wenn Du dich dem politischen Diktat unterordnest. Und das hat eine Parzellierung der kubanischen Kultur hervorgerufen. Leider sind wir nur sehr wenige, die sich f?r ein unabh?ngiges Leben entschieden haben, ohne sich in irgendeiner Form politisch festzulegen. Und das k?nnen wir auch nur, weil wir von au?erhalb Unterst?tzung erfahren.

Und die Menschen aus den barrios, die in Ihren B?chern eine so wichtige Rolle spielen ? auf welche Weise spielt Politik f?r diese Menschen eine Rolle?

Die Kubaner sind ein sehr gebildetes Volk. Es macht mich sehr stolz, das zu sagen. In den letzten Jahren haben die Lebensbedingungen in Kuba den Leuten aber etwas aufgezwungen, was wir in Kuba la ley de resolver nennen, die Regeln des absoluten ?berlebens. Es gibt nirgendwo etwas, man muss sich alles auf dem Schwarzmarkt besorgen, Medikamente zum Beispiel. Oder Arbeit: Du musst Dir welche erfinden, um Essen kaufen zu k?nnen. Die zugeteilten monatlichen Rationen reichen gerade einmal f?r f?nf oder sechs Tage. Deshalb musst Du Dich ausschlie?lich um Dein ?berleben k?mmern. Und aus diesem Grund kann der Kubaner sich nicht um Politik k?mmern. Au?erdem erlaubt der Staat dem Kubaner nicht, politisch aktiv zu sein. Man muss immer wieder sagen, dass die Gesellschaft Kubas denjenigen gleicht, die im ehemaligen Ostblock vorherrschend waren. Es gibt nur eine Partei, und an der Spitze von Partei und Regierung stehen immer nur dieselben Personen, die keinen Raum f?r einen offenen politischen Dialog lassen.

Obwohl viele Kubaner eine sehr realistische Einsch?tzung ihrer Lebenssituation haben, scheint noch nicht der Moment gekommen zu sein, dass sich eine breite soziale Bewegung formiert, um diese Verh?ltnisse zu ver?ndern.

Es geschieht bereits, allerdings sehr langsam. Man muss verstehen, dass das politische System Kubas auf der Basis von Angst funktioniert. Es gibt eine sehr ausgepr?gte Struktur der Angst. Um sich in diesem Land als soziales Wesen politisch zu engagieren, muss man erst die Angst ?berwinden. Und das kostet sehr viel Anstrengung. Es gab beispielsweise das Projekt Varela, bei dem eine Verfassungsreform f?r mehr Meinungsfreiheit und mehr politische Rechte durchgesetzt werden sollte. Laut aktueller kubanischer Verfassung ist eine Reform bei der ?bergabe von 10.000 Unterschriften m?glich. Insgesamt wurden mehr als 20.000 Unterschriften gesammelt, ohne dass es eine ?nderung gab. Es gibt zwar eine soziale Bewegung, die sich Schritt f?r Schritt vergr??ert. Der Staat aber gibt sich demgegen?ber absolut zugekn?pft und verweigert sogar Rechte, die in der Verfassung verankert sind.

Wie w?rdest Du das heutige Kuba in einem einzigen Satz beschreiben?

Es ist ein gleichzeitig furchtbar sch?nes und furchtbar trauriges Kuba.

Von Amir Valles Kriminalromanen sind bisher auf deutsch erschienen:

Die T?ren der Nacht
Edition K?ln, 2005,
203 Seiten, 14,90 Euro

Wenn Christo Dich entkleidet
Edition K?ln, 2006, 149 SEiten, 14,90 Euro

Weitere Informationen: www.amirvalle.com

Text: Oliver Commer
Ausgabe: Nummer 389 - November 2006