Volltext

(Artikel * 2007) Wieland, Katharina
Der Tod ist eine alte Hure Amir Valles Roman "Die Haut und die Nakten"
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 392 * Seite 53 - 53
Themen: Literatur; Sexualität * Cuba * erotische Literatur * Dok-Nr: 181480
Standorte: DWL Erlangen; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; 3WF Hannover; IFAK Göttingen; AWH Hagen

Literatur
Der Tod ist eine alte Hure
Amir Valles Roman Die Haut und die Nackten

Im Zentrum der Erz?hlung steht ein von Jesuiten ?bersetztes Mayamanuskript aus dem 15. Jahrhundert, eine erotische Erz?hlung verfasst von einer Art ?Amazonenorden? im pr?kolumbianischen Mexiko. Es stellt eine fremde Zivilisation vor, irgendwo versteckt im Urwald des heutigen Guatemala. Die zentrale These des Dokuments, wie es die Schriftstellerin Ana?s Nin gegen?ber Julio Cort?zar im Paris der 1950er Jahre formuliert: ?Nur das Sexuelle macht uns ?berlegen, erh?ht uns, erhebt den K?rper auf die Ebene g?ttlicher Unsterblichkeit?. Die emanzipatorische Schrift beschreibt okkultistische Handlungen, die schlie?lich die katholische Kirche zur Zerst?rung des Ordens und nat?rlich auch des Dokuments als solches veranlassen. Das Manuskript jedoch wird in einem verlassenen Kloster in den Bergen des spanischen Ja?n von Jesuiten versteckt. Mitte des 20. Jahrhunderts gelangt es schlie?lich in den Besitz des US-amerikanischen Autors Henry Miller. Dessen Geliebte und finanzielle Unterst?tzerin wiederum ist die kubanisch-franz?sische Schriftstellerin Ana?s Nin.
Wer glaubt, dass hiermit alle bekannten Figuren der Literatur und Schaupl?tze des erotischen Romans ersch?pft seien, irrt. Neben den genannten AutorInnen tritt noch der kubanische Schriftsteller Jos? Lezama Lima auf den Plan, im Kuba der 1960er Jahre. Und was hat nun das Manuskript des Amazonenordens mit Amir Valles Roman, dessen Handlung doch auch zu einem Gro?teil im Havanna und Paris der 1990er Jahre spielt, zu tun? Dies wird sp?testens klar, wenn zum ersten Mal die ?Amazonen Gottes? auftreten, Prostituierte in beiden St?dten, deren ?Bibel? das alte Mayamanuskript ist.
Die Geschichte, die abwechselnd von Julio Cort?zar und einer kubanischen Hure der heutigen Zeit, erz?hlt wird, birgt aber noch mehr erotisch-respektlose Details. Es geht nicht nur um sexuelles Verhalten, Rausch und Erregung; vielmehr zeigt der Autor die sexuelle Promiskuit?t, ein Fluch f?r alle Beteiligten. Er lastet vor allem auf den weiblichen und m?nnlichen Prostituierten in Kuba, deren Probleme offiziell totgeschwiegen werden und die der Autor in jahrelangen Recherchen dokumentiert hat (siehe Interview mit Amir Valle LN 389).
F?r diese ?Geschichte, die nicht verloren gehen sollte?, wie Valle seinen Erz?hler Cort?zar im ersten Kapitel sinnieren l?sst, erhielt der 1967 in Santiago de Cuba geborene Schriftsteller im Jahr 2002 den kubanischen Preis f?r erotische Literatur La Llama Doble. Nach einem Verbot seiner B?cher auf Kuba und Repressalien seitens des Kultusministeriums kam Amir Valle schlie?lich im M?rz 2006 nach Deutschland und erh?lt hier zur Zeit das ?Writers in Exile??Stipendium des P.E.N.-Zentrums.

Amir Valle: Die Haut und die Nackten. Aus dem Spanischen von Susanna Mende. Edition K?ln, 2006, 208 Seiten, 16,90 Euro.

Text: Katharina Wieland
Ausgabe: Nummer 392 - Februar 2007