Volltext

(Artikel * 2007) Papacek, Thilo F.
Kosmonautenträume hinterm Zuckervorhang Im Dokumentarfilm "El telón de azúcar" sucht Camila Guzmán die Spuren ihrer Jugend auf Kuba
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 392 * Seite 32 - 34
Themen: Film; Sozialismus * Cuba * Berlinale 2007; geplatzte Träume; sozialistische Illusionen * Dok-Nr: 181470
Standorte: DWL Erlangen; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; 3WF Hannover; IFAK Göttingen; AWH Hagen

Film
Kosmonautentr?ume hinterm Zuckervorhang
Wie jedes Jahr rezensieren die Lateinamerika Nachrichten die lateinamerikanischen Beitr?ge zur Berlinale vorab.

Im Dokumentarfilm El tel?n de az?car sucht Camila Guzm?n die Spuren ihrer Jugend auf Kuba

Die drei M?nner Mitte drei?ig treffen sich seit Jahren zum ersten Mal wieder. Hinter ihnen steht ein altes Haus. Die alten Freunde begr??en sich ?berschw?nglich und begutachten, wie die Zeit an ihren Kumpanen gefressen hat. ?Tja, wir sind wohl alle etwas heruntergekommen. Wie das Haus hier. Zerst?rt von der Erinnerung?, sagt der eine.
In dem Haus in Havanna haben die drei ? und die Frau hinter der Kamera ? vor langer Zeit viel Zeit miteinander verbracht. Es war ein Jugendzentrum, wo die drei M?nner gemeinsam in einer Band auftraten. ?Damals lebten wir wie die alten Griechen: Wir a?en und kleideten uns einfach, aber hatten gro?e Ideen?, erz?hlt ein anderer.
Camila Guzm?n Urz?a, die Frau hinter der Kamera, erz?hlt von dieser Zeit, Ende der 80er Jahre. Damals sei sie zum ersten Mal in Konflikt mit der Regierung, mit dem System geraten. Als junge Studentin wollte sie keine ?obligatorische freiwillige Arbeit? in der Fabrik leisten, sich nicht mehr f?r den Sozialismus ausbeuten lassen. ?Letztlich bin ich nicht noch mehr in Konflikt mit dem System geraten, weil ich fortgegangen bin.?
Camila ging nach Madrid. Und die meisten ihrer fr?heren KlassenkameradInnen und Freundinnen verlie?en ebenfalls die Insel.
Die Filmemacherin Camila Guzm?n sucht in dem Dokumentarfilm El tel?n de az?car (Der Zuckervorhang) die Orte ihrer Kindheit und Jugend auf. Und sie ?berpr?ft ihre Erinnerungen an eine gl?ckliche Kindheit, an ein sozialistisches Paradies. Doch mit dem Ende des Kalten Krieges hat sich auf Kuba alles ver?ndert, wie Camila feststellt. Die regelm??igen Einnahmen Kubas aus den Zuckerexporten an den Ostblock garantierten dem Staat wirtschaftliche Sicherheit. Doch mit dem Fall des Eisernen Vorhangs fiel auch dieser tel?n de az?car, der Zuckervorhang, und gab den Blick frei auf die komplette Abh?ngigkeit Kubas von der Sowjetunion. ?Ich nahm nach Madrid die Erinnerung an ein gl?ckliches Idyll mit, das vielleicht nie existierte?, sagt die Stimme aus dem Off.
Mit langen Einstellungen zieht Camila Guzm?n die ZuschauerInnen langsam in ihren Film hinein. Sie l?dt zum Nachdenken dar?ber ein, was bei der kubanischen Revolution so falsch gelaufen sei. Und erkl?rt, wieso sie sich dennoch den Idealen der Revolution verbunden f?hlt, warum sie die Zeit ihrer Kindheit und Jugend f?r die gl?cklichste ihres Lebens h?lt.

Alles gleich anders

Eine alte Frau bl?ttert in einem Fotoalbum. Hinter ihr steht ein Spiegel. In diesem ist die Reflexion einer jungen Frau ? Camila ? zu sehen, die barf??ig auf einer Couch sitzt und mit einer Kamera diese Szene filmt. Die alte Frau ist ihre Mutter. Sie erz?hlt, wie sie 1973 wegen des Pinochet-Putsches aus Chile fliehen mussten. ?Ich blieb immer auf Kuba, weil ich hier aufgenommen wurde. Uns fehlte es an nichts?, erz?hlt sie. Und Camila, die damals zwei Jahre alt war, wuchs wie eine ganz normale Kubanerin auf. Sie erlebte ihre Kindheit w?hrend der so genannten ? goldenen Jahre? des Landes. Die Orte ihrer Kindheit besucht sie nun, mit der Kamera ?ber der Schulter.
Ein altes Foto ist zu sehen, die vergilbte Aufnahme eines Schulgeb?udes. Kleine Kinder in rot-wei?en Uniformen posieren davor. Das Foto wird weggezogen und gibt den Blick frei auf dasselbe Geb?ude heute, aufgenommen aus derselben Perspektive. Es sieht wie auf dem Foto aus, nur sichtbar um einige Jahrzehnte gealtert. Grundsch?lerInnen in den gleichen Uniformen gehen in die Unterrichtsr?ume.
?Es kommt mir vor, als ob ich auf einer Zeitreise w?re?, sagt Camila. Die Kinder lernen immer noch das gleiche in der Schule. Die milit?rische Ausbildung geh?rt weiterhin zum Schulalltag. Der Arbeitseinsatz auf den Feldern ist f?r die Sch?lerInnen der h?heren Klassen noch immer eine willkommene Unterbrechung des Alltags, wie die heutigen Jugendlichen versichern. Nur die Schulspeisung ist schlechter geworden. Und die Hoffnung auf eine Zukunft auf Kuba ist bei den Kindern nicht mehr zu finden. Wer kann, versucht irgendwie an Dollar zu kommen, wie die verschiedenen KubanerInnen erz?hlen, die Camila interviewt. Die ?spezielle Periode? in den 90er Jahren, die schleichende Dollarisierung, haben den Glauben in die Zukunft des Sozialismus zerst?rt.

Entt?uschte neue Menschen

?Damals, in der Grundschule, wurde uns beigebracht, dass wir die Generation seien, die die Zukunft aufbaut. Wir sollten die neuen Menschen werden, von denen Che Guevara tr?umte. Und wir tr?umten davon, einmal ?rzte, Ingenieure oder Kosmonauten zu werden?, sagt die Stimme aus dem Off.
?Warum soll ich als gut ausgebildeter Ingenieur hier auf Kuba in irgendeinem B?ro herum sitzen, in dem noch nicht einmal eine Schreibmaschine steht? Und dann auch noch zu wenig bezahlt bekommen, dass es f?r das Leben reicht??, fragt ein alter Schulfreund Camilas in die Kamera. Mittlerweile wohnt er in Toronto, verdient gutes Geld und unterst?tzt seine Eltern auf der Insel.
?Geld spielte damals keine Rolle. Es gab keine Religion. Jeder hatte Arbeit, ein Dach ?ber dem Kopf und sein Auskommen?, blickt Camila nostalgisch auf die ?goldenen Jahre? Kubas zur?ck. Dennoch thematisiert der Film auch die Repression, die forcierte Selbstkritik (?wie katholische Selbstgei?elung?, meint einer der Interviewten), die Disziplinierung auf den h?heren Schulen. ?Ich sch?tzte auf Kuba immer die Menschlichkeit. Doch das System verlangte von dir, andere zu denunzieren. Das kann keine Ideologie rechtfertigen?, erz?hlt ein Schulfreund, der bei der Band Habana Abierta spielt, die nun schon seit Jahrzehnten Madrid lebt.
Camila filmt einen kurzen Ausschnitt aus einem Konzert von Habana Abierta, dem ersten in Havanna seit zwanzig Jahren: ?Fr?her sahen die Sachen viel leichter aus. Wir waren Pioniere des Kommunismus mit Kosmonautentr?umen. Ich bin nicht wirklich weggegangen, ich habe mich nur etwas entfernt. Und aus der Ferne sehen die Dinge oft h?bscher aus?, singt der Frontmann.
Sehr pers?nlich ist dieser Blick auf Kuba, aber doch differenziert. Er erz?hlt von den Tr?umen von einer gerechten Gesellschaft, von der Illusion, in einem sozialistisches Paradies zu leben. Und vom Scheitern dieser Illusion, und dem Exodus einer ganzen Generation. Weder anklagend noch unkritisch, ist mit El tel?n de azucar ein gro?artiger Film gelungen, ein Portrait von Camilas Generation. ?Ich will mit dem Film nicht sagen, dass der Sozialismus unm?glich ist. Aber das kubanische Modell kann kein Vorbild sein?, sagte Camila Guzm?n auf dem Filmfestival von San Sebasti?n dazu. Ihre Tr?ume von Weltraumfahrten f?r den Sozialismus wurden entt?uscht, doch am Ideal einer besseren Gesellschaft halten sie dennoch fest. ?Wir sind eben die Generation der Zukunft. Das glaube ich auch jetzt noch?, sagt ein alter Freund von Camila ironisch.

Der Film ist auf der Berlinale vom 8. bis 18. Februar im Programm des Forums des Jungen Films zu sehen.

Text: Thilo F. Papacek
Ausgabe: Nummer 392 - Februar 2007