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(Artikel * 2006)
Den Alltag in Kunst verwandeln Ein kubanischer Künstler in Mexiko-Stadt
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 382 * Seite 52 - 54
Themen: Kunst; Linke * Cuba; Lateinamerika; Mexico * Aktionskunst * Dok-Nr: 169173
Standorte: DWL Erlangen; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; 3WF Hannover; IFAK Göttingen; AWH Hagen

Kunst
Den Alltag in Kunst verwandeln
Ein kubanischer K?nstler in Mexiko-Stadt

Ariel Orozco hinterfragt mit seiner Aktionskunst die Selbstverst?ndlichkeit des Allt?glichen und verwischt bewusst die Grenzen zwischen den sozialen Klassen.

Was unterscheidet Kunst von Nichtkunst? Nach welchen Kriterien k?nnen wir entscheiden, ob wir einem Objekt Kunstcharakter zu- oder absprechen d?rfen? Wo h?rt der Alltag auf und beginnt die Kunst? Und wie l?sst sich der Alltag selbst in Kunst verwandeln? Diese Fragestellungen reflektiert der Aktionsk?nstler Ariel Orozco, geboren 1979 in Sancti Sp?ritus in Kuba, wenn er beispielsweise einen wei?en Stra?enk?ter in einen Fu?ball verwandelt, indem er ihn mit schwarzen Rhomben bemalt. ? Ein Kunstobjekt? mag man sich fragen, wenn man eine Fotografie des Hundes sp?ter in der Galerie betrachtet. Doch der Zweck ist nicht das Objekt an sich ? es geht dem K?nstler weder wie Duchamp mit seiner Klosch?ssel um eine Entheiligung des Kunstwerkes noch um die ?sthetisierung des Alltags, sondern um die Idee, die sich im Objekt materialisiert.
?Jedes Element, sei es banal oder transzendental, ist Teil des kollektiven Bewusstseins und kann als Bedeutungstr?ger fungieren?, erkl?rt Orozco. In diesem Sinne ist Perro Bal?n (?Hund-Ball?) ein Kommentar zur Grausamkeit gegen?ber den Stra?enhunden, die wie ein Fu?ball herumgekickt werden. Oder, auf eine gesellschaftliche Ebene ?bertragen, eine Solidarisierung mit den Marginalisierten der Gesellschaft, eine Reflektion ?ber die H?rte des ?berlebens auf der Stra?e.

Konfrontation mit dem Allt?glichen

Orozcos Aktionen sind Interventionen in den st?dtischen Alltag, in denen sich die PassantInnen in die ProtagonistInnen eines Kunstwerks verwandeln. Von subjektiven Erlebnissen ausgehend, sucht Orozco allt?gliche Situationen in einen sozialen und politischen Kontext zu stellen.
?Der st?dtische Raum ist f?r mich ein gro?es Laboratorium voller Problematiken jeder Kategorie. Es geht mir darum, allt?gliche Situationen aufzufinden und in sie einzugreifen, um sie mit neuer Bedeutung aufzuladen. Ich gebe nicht vor, die Verh?ltnisse ver?ndern zu wollen, wohl aber die Wahrnehmung der BetrachterInnen und ihr Bewusstsein in Bezug auf bestimmte Situationen. Mein Ziel ist es, eine Reflektion, eine Auseinandersetzung mit der Problematik in den K?pfen der Menschen anzuregen.?
Yo paso por la cuidad y la cuidad pasa por m? (?Ich gehe durch die Stadt und die Stadt durch mich?) ist der Titel einer Aktion auf den Stra?en von Mexiko-City, in der der K?nstler, in einen Marken-Anzug gekleidet, einen weniger gut gekleideten Passanten anspricht und ihn einl?dt, mit ihm die Kleidung zu tauschen. Es finden eine Reihe von Kleidungswechseln statt, wobei die Kleidung immer einfacher wird, bis der K?nstler am Ende der Aktion in den Lumpen eines Obdachlosen durch die Stra?en geht.
In diesem Akt verringert Orozco Schritt f?r Schritt seinen sozialen Status und konterkariert somit das Verhalten der Gesellschaft, die stets bestrebt ist, ihren Status zu ?berh?hen. Mit dem Kleidungswechsel kritisiert Orozco das oft oberfl?chliche und vorschnelle Urteil der Gesellschaft, die die Individuen nach reinen ?u?erlichkeiten in soziale Klassen einteilt und in der die Kleidung entscheidet, ob man respektiert oder geschm?ht wird.
Das Umherschweifen im (sub)urbanen Raum und die genaue Beobachtung des sozialen Verhaltens seiner BewohnerInnen bringt Orozco in inaltliche N?he zu den Situationisten, die vor einem halben Jahrhundert ein Kunstkonzept proklamierten, in dem das Leben selbst zum Kunstwerk werden sollte. Sie konstruierten Situationen, nahmen psycho-geographische Untersuchungen des st?dtischen Raums vor und trieben Verhaltensexperimente voran, mit dem Ziel, die Kunst in der allt?glichen Lebenswelt zu verankern.
Die Installation Aires de la Ciudad (?Stadtluft?) f?llt den Galerieraum mit bunten Luftballons. Begleitend dazu ist eine Serie von Fotografien ausgestellt, auf denen die Personen, die die Luftballons aufgeblasen haben, portr?tiert sind, ausschlie?lich Menschen, die auf der Stra?e Mexiko-Citys ihr ?berleben suchen. Die Luftballons enthalten den Atem der ?rmsten der Armen, der Marginalisierten der mexikanischen Gesellschaft und transportieren ihn in die Exklusivit?t des Galerieraums. Diese Installation vergeht in dem Ma?e, in dem die Luft aus den Ballons weicht und in die Stadt zur?ckkehrt. Der in den Ballons gespeicherte Atem entweicht in den Galerieraum, wo er sich mit dem des Kunstpublikums vermischt. F?r Orozco stellt das eine gewollte Provokation dar, auf diese Weise die feine Gesellschaft mit den Menschen zu konfrontieren, die sie im Alltag diskriminiert und sie zu zwingen, deren Atem einzuatmen.
Ariel Orozco erschien auf der Bildfl?che der internationalen Kunstszene, nachdem der mexikanische Galerist Gonzalo Mendez bei einem Kuba-Besuch die Arbeit Orozcos kennenlernte und diesen einlud, in Mexiko eine Ausstellung in der Galerie Myto zu realisieren. Seit einem halben Jahr lebt Orozco nun in Mexiko-City und erkundet den urbanen Raum auf der Suche nach Situationen, die den sozialen, ?konomischen und politischen Kontext dieser Megametropole symbolisieren.
?In meinem Werk versuche ich, soziale Fragen auf einem Niveau der Vereinfachung auszutragen, so dass sie leicht verst?ndlich werden. Indem ich die Probleme zu synthetisieren und in eine minimalistische Form zu bringen versuche, ist es mein Ziel, das Gro?e im Kleinen zum Ausdruck zu bringen. Mich interessiert, etablierte Strukturen aufzubrechen ? nicht nur die menschlichen Verhaltensweisen im Alltag, sondern die Kunst selbst ? und die Medien und R?ume zu vermischen, die die K?nstlerInnen benutzen, um ihre Produktion zu erh?hen oder zu banalisieren.?

Das Umfeld als Thema

Orozcos Werk impliziert ? wie auch schon bei den Situationisten ? eine Thematisierung der Ausstellungsbedingungen selbst. Seine erste Ausstellung Ejercicio de peso (?Schwere Leere?) pr?sentierte der Absolvent der Kunsthochschule von Havanna dementsprechend nicht in einem Museum oder einer Galerie, sondern im Krankenhaus von Havanna in der psychatrischen Abteilung, bewusst auf die Diskrepanz zwischen den beiden anwesenden Gruppen des Publikums bauend: das Kunstpublikum, das gekommen war einer Ausstellung beizuwohnen und das der psychisch Kranken, die in dieser Anstalt interniert waren. Orozcos Anliegen bestand darin, einen Kontaktpunkt zwischen den beiden sonst getrennten Sph?ren zu schaffen und das Publikum einer ungewohnten Erfahrung auszusetzen, in der sich die Grenzen zwischen Kunst und Alltag verwischen und eine Reflektion ?ber die Definition von Kunst und Nicht-Kunst stattfindet.
Das ausgestellte Kunstwerk ? die fotografische Dokumentation einer Aktion oder die aufgeblasenen Luftballons ? funktioniert f?r Orozco nicht als ?sthetisches Kunstobjekt im White Cube. Das bedeutet, dass das Objekt erst durch seine Ausstellung im ?wei?en Raum? zu einem Kunstwerk transformiert wird. Statt dessen dient es Orozco als Verweis auf eine pers?nliche Erfahrung, die au?erhalb des Galerieraums gemacht wurde. Die Vorgeschichte, die zu dem Objekt f?hrte, das Nicht-Anwesende, ist das eigentliche Kunstwerk. Die Aktion Desapareciendo el museo (?das Museum zum Verschwinden bringen?) ist Orozcos spielerisch-kritischer Kommentar zur Trennung der Sph?ren von Kunst und Alltag. In dieser Fotoserie konkurrieren zwei Elemente, das Museum der Sch?nen K?nste in Havanna sowie ein angeknabbertes Sandwich in der Hand des K?nstlers, um die visuelle Vorherrschaft im Bild, wobei das Sandwich zunehmend an Bildpr?senz gewinnt und das Museum schliesslich g?nzlich verschwindet.
Die neuesten Arbeiten Ariel Orozcos werden auf der diesj?hrigen internationalen Messe f?r zeitgen?ssische Kunst (MACO) zu sehen sein, die vom 26.-30. April 2006 in Mexiko-City stattfindet. Aktionskunst ist eine oftmals sehr exklusive, auf ein elit?res Publikum ausgerichtete Str?mung. Orozcos Beitrag zu derselben besteht darin, sie durch die Einfachheit seiner Ideen, die dennoch auf komplexen Konzepten aufgebaut sind, einem breiten Publikum ge?ffnet zu haben.

Text: Madlen Schering
Ausgabe: Nummer 382 - April 2006