Kuba
Caf? G
Der vielversprechende Versuch eines Kultur-Caf?s in Havanna und sein vorprogrammiertes Scheitern
In Kubas Hauptstadt ist Kultur erw?nscht und wird gef?rdert, solange sie in der richtigen Form stattfindet. Ein Anfang Februar er?ffnetes Literatur-Caf? traf so sehr den Nerv des Publikums, dass der Andrang unkontrollierbar wurde ? und die zahlreichen erstaunlich-sch?nen Details genauso schnell wieder verschwanden, wie sie aufgetaucht waren.
Warum verdient ein Literatur-Caf? in Havanna Aufmerksamkeit? Es wirft mikrokosmisch ein Licht auf einige von Kubas inneren Belangen. Ein unorthodoxes Licht zumal, das jenseits von au?enpolitischen Diskursen eine Momentaufnahme allt?glicher Frustrationen und einer unstillbaren Gier nach Neuem liefert.
An der zentralen 23. Stra?e Ecke G, die das nach US-amerikanischem Vorbild quadratisch angelegte Viertel Vedado durchzieht, hat ein neues Caf? er?ffnet. Das Caf? G, oder auch G Caf?. Auf dieser Kreuzung trafen sich traditionell die Rocker Havannas, auch roqueros oder frikis genannt. Rocker sind in Havanna junge Leute, die von Heavy Metall ?ber Nirvana bis Marylin Manson so ziemlich alles h?ren, was nicht ,latino? ist, und sich schw?rzer kleiden als der Durchschnittskubaner. In Scharen belagerten sie den begr?nten Mittelstreifen der Stra?e G. Ihre n?chtlichen Treffs strahlten immer ein provokatives Ambiente aus: Jugend, die ?ffentlich gegen das Versammlungsverbot verst??t, und das auch noch laut und freakig.
Dies wurde dann Ende vergangenen Jahres von staatlicher Seite unterbunden. Soviel subversive Energie auf repr?sentativen Stra?enkreuzungen wird auf Dauer nicht geduldet. Alle frikis haben nun Aufenthaltsverbot und ein kleiner Reigen blauer Polizisten fischt jeden, der ein bisschen zu unordentlich aussieht, und sich wohlm?glich setzen will, aus dem Passantenverkehr heraus. Scharfe Kontrollen aufmuckender Gegenkulturen sind im kubanischen Alltag nichts Neues.
An eben diesem Ort er?ffneten nun, p?nktlich zur Internationalen Buchmesse Anfang Februar dieses Jahres, die Vereinigung Junger Kommunisten (UJC) und das Kulturministerium ein literarisches Jugendcaf?. Ihr Konzept zur kontrollierten Freizeitgestaltung geht auf. Der neue Ort einer cultura culta, sana y ?til ? ganz nach dem Leitspruch Fidels zu kultiviert n?tzlicher Unterhaltung ? wird st?rmisch angenommen.
Zu sch?n, um dauerhaft zu sein
Pl?tzlich gab es ein Caf?, in dem man sich Zeitschriften und B?cher aus einer kleinen Caf?-Bibliothek leihen, B?cher in Nationalw?hrung kaufen konnte, und wo noch dazu Musik gespielt wurde. Jeden Tag kamen neue erstaunliche Details hinzu. Die W?nde sind mit grotesken Kohlezeichnungen ? la Fabelo bemalt, mit mageren Don Quijotes und hybriden Jeanne d?Arcs. Die Bar ziert ein farbintensives Fresko expressionistischer Teufel und Engel beim Kaffeetrinken. Kurz, ein eklektisches Innendesign, das ob der kargen Inneneinrichtung s?mtlicher staatlicher Restaurants und gastronomischer Einrichtungen ein Fest f?rs Auge ist.
Freundlich, professionell
Erstaunlich war auch die freundliche, professionelle Bedienung, die schnell Bestellungen aufnahm und tats?chlich alles brachte, was auf der Karte stand. Normalerweise muss das Angebot in Kuba wegen der allgemeinen Mangelsituation erfragt werden oder steht auf Einschiebeschildchen auf einer Tafel. Es gab also eine Karte, auf der Kaffeevariationen und Cocktails standen. Die niedrigen Einheitspreise waren selbst im Vergleich zu anderen staatlichen Bars preiswert. So kostete ein Kaffee zwei Pesos und ein Mojito f?nf Pesos f?nfzig (25 kubanische Pesos sind circa ein Euro).
Ebenso verwunderlich waren die liberalen ?ffnungszeiten. Anfangs ?ffnete das Caf? G bis drei Uhr fr?h mit Alkoholausschank bis Mitternacht. F?r jemanden aus Havanna, und erst recht aus anderen peripheren Orten Kubas, sind das paradiesische Zust?nde.
Alternative Subkulturen, die Abwechslung bedeuten k?nnten, sind in Havanna ein hei?es Pflaster. Alles was abweicht von der institutionell vorgeschriebenen Kulturnorm gilt als Systemunterwanderung. Es gibt kein ?berangebot, nicht mal eine Auswahl an Orten der freien Entfaltung. Wenn man sich nicht bei jemandem zu Hause treffen kann oder an den Strand f?hrt, trifft man sich eben auf der Stra?e oder nach der Vorstellung vor dem Kulturkino Chaplin, am Malec?n oder auf Konzerten. Man zieht zusammen durch die Stra?en, auf der Suche nach inexistenten Orten, an denen man sich niederlassen k?nnte. Der winzige Kaffee wird zwischen zwei Worten hinuntergekippt, er ist mehr ein Energieschub, als ein Ruhepol. Sobald sich irgendwo eine Oase libert?rer Andersartigkeit auftut, an der man mit seinen Freunden teilhaben kann, versammelt sich die gesamte farandula, die alternative Szene, an diesem Ort und baut sich die eigene Monotoniefalle ? die der immer selben Gesichter und Inhalte. Schnell verpufft die anf?ngliche Hoffnung auf Ver?nderung.
Das kubanische Bildungssystem hat seine Kinder mit kulturellen Tugenden ausgestattet, die es selbst freiheitliches und kultiviertes Denken nennt. Viele dieser j?venes cultos y libres haben nun wiederum das Bed?rfnis, ihre revolution?ren Werte mit dem eigenen Kopf umzusetzen ? gegen ein System, das f?r sie l?ngst zum verkrusteten Establishment geworden ist. Wohin mit kreativem Austausch, kritischem Denken und befl?gelnden Kontakten au?erhalb der einengenden Institutionen?
Das Caf? G lud f?rmlich dazu ein, ein Ort zu sein, an dem endlich eigene Unterhaltung stattfinden k?nnte, ein Epizentrum in der aufzehrenden Metropole. Leider ist es auch wieder nur eine Sternschnuppe gewesen.
Kultivierte Erholung zur Einheitskassette
Der schleichende Verfall setzte unerbittlich ein. So wie zu Beginn die Qualit?t jeden Tag ein Treppchen mehr erklomm, stiegen pl?tzlich Einbu?en und Qualit?tseinbr?che. Die ?ffnungszeiten verk?rzten sich t?glich, das Angebot nahm rapide ab und der Service verschlechterte sich innerhalb weniger Tage.
In den ersten Tagen der Er?ffnungseuphorie war es im Caf? G noch m?glich, zwischen den Art-Dec?-Kaffeest?hlen zu tanzen. Die netten Leute der Buchabteilung legten dazu die unterschiedlichste Musik auf, die gerade gew?nscht wurde. Nur ein paar Tage sp?ter war die Musikanlage verschwunden, und die entt?uschte Caf?-Bibliothekarin gab zu, Anweisungen aus dem Ministerium zu haben, keine beliebige Musik mehr zu spielen. Die Musik kam jetzt von der Einheitskassette aus der Bar, und ein Erg?nzungstext zur Speisekarte gab Auskunft ?ber den wohlgesteuerten Musikgeschmack dieses Literatur-Caf?s. Ein Ort der kultivierten Erholung, an dem man Bolero, Feeling, Jazz und Trova h?ren k?nnen sollte. Von Reagget?n, Salsa oder Hip Hop war ganz klar nicht die Rede; ihre Ausgrenzung geh?rte offensichtlich zum Programm. Angesichts dieses eurozentristisch anmutenden Aufrufs zur Hochkultur, der vor allem harmlose Sitzmusik unters Volk bringen will, ist die Seifenblase von alternativer Popul?rkultur mal wieder geplatzt.
Das, was auf dem Weg in die langsame Versenkung noch fehlte, war die Einf?hrung einer Karte f?r die so genannten yumas, die Ausl?nder. Diese enth?lt f?r dasselbe Angebot an Speisen und Getr?nken nun Preise in konvertiblen Pesos (dem ?quivalent zum Dollar) statt in Nationalw?hrung, um auch hier noch den gr??tm?glichen Profit aus dem Touristenverkehr zu schlagen. Ein Kaffee kostet f?r die ausl?ndischen Freunde eines kubanischen Studenten nun das 25fache. Einladen kann er sie nun erst recht nicht mehr, und wieder ist die Spaltung der Gesellschaft vorprogrammiert. Das raubt nat?rlich den Charme. Und l?sst vielleicht auch das Caf? G zu einem dieser morbiden Orte werden, an dem bald mehr ausl?ndische Konsumenten anzutreffen sind als KubanerInnen.
Unkontrollierbarer Erfolg
Dass die Kulturplaner des Ministeriums mit dem Caf? G einen Nerv getroffen hatten, zeigte sich auch daran, dass bald die St?hle nicht mehr reichten, Tische ger?ckt wurden, Menschentrauben um Kaffeetrinkergruppen herumscharwenzelten und die Mojito-Bestellungen ins B?rsenhafte stiegen. Der Erfolg des Caf?s nahm unkontrollierbare Formen an. Die kulturelle Ordnungsbeh?rde sah sich also zum Eingreifen veranlasst. Um den Andrang kalkulierbar zu machen, wurde ein rotes Seil am Eingang angebracht. Zutritt versperrt! Bitte warten, Sie werden platziert. Schlangestehen. Warten. Es bilden sich lange Reihen.
Warum erscheint das Aufbl?hen solcher Orte so aussichtslos? Warum sind sie von Anfang an zum Scheitern verurteilt, ihr Untergang in der Mittelm??igkeit bereits besiegelt? Ein junger Student der Psychologischen Fakult?t aus Havanna nennt sie ?bienestares ejemplarizantes y generalmente conyunturales?? konjunkturelle Vorzeigeobjekte des allgemeinen Wohlstands. Mit ganzen zwei weiteren Einrichtungen, die diesem Profil in der Stadt noch entsprechen, dem Caf? Habana und dem Cinecitt?, bleiben es versprengte Versuche der alltagsfrustrierten Bev?lkerung, einen z?gerlich dekadenten Ausgleich zu schaffen.
Durchschaubare Intendiertheit
Vielleicht liegt es an der zu leicht durchschaubaren Intendiertheit des Caf? Gs, dass es auf Dauer seinen Reiz verliert. Vielleicht greifen auch deshalb die steten Mechanismen des geistig wie materiellen Herunterwirtschaftens um sich, weil es in ihm kein eigentliches Anliegen zur F?rderung einer w?rdevollen Caf?kultur f?r Jugendliche gibt.
Der Kontrollaspekt des Caf? Gs verliert an der gleichen Stelle schon wieder seine Bedeutung. Auf der Kreuzung 23 y G treffen sich neuerdings die Skater. Zwar ein St?ckchen die Stra?e G herauf, aber sie sind mit ihren Boards und Parcours noch aggressiver als die Rocker. Die Polizisten am vorderen Stra?enteil gucken selbstverst?ndlich nicht nach hinten. In ihrem Dienstbereich sind Skater keine zu z?hmende Kategorie. Noch nicht.
Text: Johanna Abel
Ausgabe: Nummer 382 - April 2006 |