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(Artikel * 2006) Henkel, Kurt
Wirtschaftsboom im Zeichen des Comandante Fidel Castro hat die Wirtschaftspolitik zur Chefsache erklärt - mit Erfolg
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 382 * Seite 28 - 30
Themen: Tourismus; Wirtschaftspolitik * Cuba; Lateinamerika * Schuldenkrise; Konjunkturdaten; Nahrungsmittelimporte aus USA * Dok-Nr: 169164
Standorte: DWL Erlangen; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; 3WF Hannover; IFAK Göttingen; AWH Hagen

Kuba
Wachstumsboom im Zeichen des Comandante
Fidel Castro hat die Wirtschaftspolitik zur Chefsache erkl?rt ? mit Erfolg

Mit 11,8 Prozent fiel das Wirtschaftswachstum in Kuba 2005 ?beraus ?ppig aus. Verantwortlich daf?r war nicht nur der Tourismusboom, sondern auch der Staatschef h?chstpers?nlich. Der trifft seit einigen Monaten wieder selbst die wirtschaftspolitischen Grundsatzentscheidungen.

Auff?llig jung ist das Personal an den Cupet-Tankstellen Havannas. Die altgedienten Tankwarte hat Kubas Staatspr?sident Fidel Castro Knall auf Fall durch StudentInnen und junge Parteimitglieder ersetzen lassen. Zu Recht, laut Regierungsangaben, denn seit die Jungrevolution?rInnen f?rs Volltanken verantwortlich sind, ist der Schwund merklich zur?ckgegangen. Auf 100.000 US-Dollar h?tten sich die t?glichen Verluste durch Diebstahl belaufen, bis zur H?lfte der Liefermenge sei in dunklen Kan?len versickert, so der Staatschef in einer Rede im Januar. Und auch im Hafen von Havanna weht ein neuer Wind ? milit?risch geht es dort jetzt zu, denn die Verluste hatten ein bedenkliches Ausma? erreicht und sich herumgesprochen. Zeit f?r die revolution?re F?hrung, die Rei?leine zu ziehen. Sanktionen haben laut Ger?chten auch die Angestellten der Apotheken und der B?ckereien zu f?rchten, wo immer wieder Medikamente, Mehl und andere Zutaten verschwinden. Entsprechend pappig schmecken auch die Br?tchen, schimpft Carmen Mu?oz. Die alte Frau ist wie viele andere Habaneros/as genervt von der schlechten Qualit?t. Doch das ist nichts wirklich Neues.
Neu aber ist, dass Kubas Staatschef wieder pers?nlich eingreift, um den Schwund zu unterbinden und der Korruption den Boden zu entziehen. Auch in die Wirtschaftspolitik zeigt sich Castro nach Jahren der Abstinenz wieder ?u?erst aktiv. ?ber eine Dekade lang hatte der 79-j?hrige Staatschef andere, vor allem Carlos Lage, den wirtschaftspolitischen Kurs bestimmen lassen, doch seit einem Jahr scheint die Wirtschafts- und Investitionspolitik wieder in seinem B?ro angesiedelt zu sein. Durchaus erfolgreich, wie Wirtschaftsminister Jos? Luis Rodr?guez in den letzten Wochen mehrfach pflichtschuldig betonte, als er die ?beraus guten Konjunkturdaten vorstellte. Um 11,8 Prozent ist die kubanische Wirtschaft den offiziellen Statistiken zufolge gewachsen ? ein in 47 Jahren kubanischer Revolution nie erreichter Rekordwert. ?hnlich gute Wirtschaftsdaten haben nur Wachstumsweltmeister China und der Erd?lstaat Venezuela vorzuweisen. Beides L?nder, zu denen Kuba exzellente Kontakte pflegt und die vom maximo l?der gern als ?Bruderstaaten? bezeichnet werden.

Br?derlicher Austausch ? br?derliche Hilfe

Diese tragen auch merklich zum Wachstumsboom auf der Antilleninsel bei. So arbeiten rund 20.000 kubanische ?rztInnen und PflegerInnen derzeit in den Armenvierteln von Caracas und versorgen die Bev?lkerung. Kein unentgeltlicher Freundschaftsdienst, sondern vertraglich fixiert, in Erd?l bezahlt und seit kurzem auch in der kubanischen Wirtschaftsbilanz als ?komplexe Dienstleistung? verbucht. Durch diese Umstellung in der Rechnungsf?hrung, die von den ?konomInnen der UN-Wirtschaftskommission f?r Lateinamerika und die Karibik (CEPAL) argw?hnisch be?ugt wird, schlagen die Investitionen im Gesundheits- und Bildungsbereich, aber auch die Hilfsprogramme Kubas im Ausland st?rker zu Buche. Um sagenhafte 48.5 Prozent stieg der Export von G?tern und Dienstleistungen im letzen Jahr an, was zu einem guten Teil dem Auslandseinsatz von PflegerInnen und ?rztInnen zu verdanken ist. Das ist ganz im Sinne des maximo l?der, der in der Vergangenheit immer mal wieder kritisiert hatte, dass diese Leistungen nur unzureichend in die Berechnung des Bruttoinlandprodukts (BIP) einfl?ssen. Das ist nun vorbei, und bei den ?rztInnen und PflegerInnen kommt die moralische Aufwertung genau so gut an wie der Lohnzuschlag, den der Staatspr?sident im November letzten Jahres verf?gte. Der Comandante hat etwas zu verteilen, denn chinesische Investitionen im Nickelsektor und venezolanische im Raffineriebereich haben Devisen in die chronisch leeren Kassen gebracht. Seitdem ist Kuba immer weniger auf Auslandsinvestitionen aus anderen L?ndern angewiesen, und die Zahl der Joint Venture-Unternehmen mit Kanada, Spanien und anderen L?ndern ist stark r?ckl?ufig. Vor allem kleinere Unternehmen haben den Laufpass von Havanna erhalten. Man konzentriere sich auf die gro?en, so hei?t es lapidar in Diplomatenkreisen, aus denen auch Klagen ?ber die zunehmende Zentralisierung zu h?ren sind. F?r den b?rtigen Chef kein Problem, denn er scheint sich eher in einer komfortablen Position zu sehen und verl?sst sich auf die neu gewonnenen wirtschaftlichen St?tzen ? die Bruderl?nder und die Dynamik des Tourismussektors.

Mit zw?lf Loks in die Zukunft

Diese Lokomotive der kubanischen Wirtschaft wuchs im letzten Jahr um satte zw?lf Prozent. Rund 2,3 Millionen Touristen kamen nach Kuba und bescherten der Insel?konomie Einnahmen von bis zu 3,5 Milliarden US-Dollar. Auf Wachstum gepolt ist seit Beginn der neunziger Jahre auch der Nickelsektor, der um sieben Prozent zulegte. Und die F?rderung von Erd?l und Erdgas aus den wenig ertragreichen kubanischen Fundst?tten konnte um knapp neun Prozent gesteigert werden. F?r die Energieversorgung in Kuba ist dieser Zuwachs ausgesprochen wichtig, denn die nationale Stromproduktion wird nahezu ausschlie?lich aus den eigenen fossilen Vorkommen gedeckt. Gleichwohl war die Energieversorgung im vergangenen Jahr lange nicht ?berall gew?hrleistet. Veraltete Kraftwerke, Missmanagement, aber auch Sch?den durch die Hurrikans waren daf?r verantwortlich, dass Fidel Castro eine ?Revolution im Energiesektor? des Landes ausrief.
F?r etliche hundert Millionen US-Dollar hat die Regierung in Havanna Turbinen und Generatoren in Fernost und Europa geordert. Auf der umfangreichen kubanischen Einkaufsliste finden sich zudem Schnellkocht?pfe, Reiskocher, Ventilatoren, Kaffeemaschinen und elektrische Herdplatten ? quasi die Grundausstattung f?r den typisch kubanischen Haushalt. Der soll energieeffizienter funktionieren, und allein ?ber diese Einsparungen von einer Milliarde US-Dollar im Jahr hofft der kubanische Staatschef, die beachtlichen Investitionen innerhalb k?rzester Zeit wieder einzuspielen. Eine sehr optimistische Einsch?tzung, die nicht bei allen Lieferanten geteilt wird. So sah sich Kubas Regierungschef bei der feierlichen ?bergabe von zw?lf Lokomotiven durch chinesische Unternehmen Mitte Januar des Jahres veranlasst, den Firmenvertretern die p?nktliche Bezahlung der Ware zuzusichern. Nichts Neues in der j?ngeren kubanischen Geschichte, die gespickt ist mit finanziellen Engp?ssen, Zahlungsausf?llen und kurzfristig aufgenommen Krediten. Auf mindestens zw?lf Milliarden US-Dollar belaufen sich die kubanischen Schulden im Ausland, und seit Jahrzehnten hat die Insel keinen Zugang zu normalen Gesch?ftskrediten. Kuba gilt als Risikoschuldner und muss Zinss?tze von 15 Prozent und mehr f?r kurzfristige Kredite berappen. Die Kreditaufnahme k?nnte auch notwendig werden, um die sozialistischen Br?der aus dem Reich der Mitte zu bezahlen, denn trotz des beachtlichen Wachstums hat die kubanische Wirtschaft in einigen Sektoren enorme Schlagseite. Die Landwirtschaft ist dabei seit Jahren das gr??te Sorgenkind. Verantwortlich daf?r ist nicht allein die D?rre, die den Osten der Insel in den vergangenen beiden Jahren fest im Griff hatte und f?r Sch?den und Mehrausgaben in H?he von 1,2 Milliarden US-Dollar sorgte, sondern auch ihre niedrige Produktivit?t. Parallel dazu steigen die Nahrungsmittelimporte aus den USA. 540 Millionen US-Dollar waren es 2005. Im Jahre 2006, so der kubanische Chefeink?ufer Pedro Alvarez, wird abermals mehr in den USA geordert werden. Grundnahrungsmittel wie Getreide, Reis, Mais und H?hnchen ordert Alvarez seit 2001 en Gros, weil die kubanischen Betriebe nicht in ausreichender Menge produzieren k?nnen.

Lebensmittel statt Zucker

Das Dilemma ist altbekannt und der Niedergang der Zuckerwirtschaft das vielleicht beste Beispiel. Auf knapp 1,5 Millionen Tonnen ist der Zuckerertrag abgesunken, und an eine Wiederbelebung des Sektors verschwendet in Kuba kaum jemand einen Gedanken. Doch bisher ist es auch nicht gegl?ckt, die freiwerdenden Fl?chen wie eigentlich geplant f?r die Lebensmittelversorgung einzusetzen und so die Importabh?ngigkeit zu reduzieren. Ein kostspieliges Dilemma, dass die Wirtschaft der Insel genauso belastet, wie die Sch?den der schweren Hurrikansaison 2005. ?Die sind noch lange nicht behoben?, so Wirtschaftsminister Jos? Luis Rodr?guez. Der taxierte die Hurrikan-Verluste der letzten vier Jahre auf sechs Milliarden US-Dollar. Da die Wirtschaft sich von den Sch?den noch lange nicht erholt habe, m?ssten Mittel f?r den Wiederaufbau der Plantagen und H?user auch weiterhin bereitgestellt werden. Ob Kubas Comandante diese Zusatzausgaben in seine mit spitzen Bleistift erstellte Kalkulation einbezogen hat, muss sich erst noch zeigen. Und dabei k?nnen ihm auch die engagierten Jungrevolution?rInnen an der Zapfpistole nur bedingt helfen.

Knut Henkel

Text: Knut Henkel
Ausgabe: Nummer 382 - April 2006