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(Artikel * 2005) Danninger, Eva
Masken und Zyklone -- Enttauschung und Neubeginn auf Kuba Endlich ist auch der dritte und vierte Band von Leonardo Paduras Havanna Quartett auf deutsch erschienen
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 378 * Seite 56 - 57
Themen: Literatur * Cuba * Gesellschaft; Schwulen- und Transvestitenszene * Dok-Nr: 164951
Standorte: DWL Erlangen; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; 3WF Hannover; IFAK Göttingen; AWH Hagen

Literatur
Masken und Zyklone ? Entt?uschung und Neubeginn auf Kuba
Endlich ist auch der dritte und vierte Band von Leonardo Paduras Havanna-Quartett auf Deutsch erschienen

Der kubanische Journalist und Schriftsteller setzt mit Labyrinth der Masken und Meer der Illusionen seine Zeichnung der kubanischen Gesellschaft fort: Diesmal begibt er sich in den gesellschaftlichen Randbereich der Schwulen- und Transvestitenszene, konfrontiert nicht nur seinen Kommissar Mario Conde, sondern auch die LeserInnen mit tief sitzenden Vorurteilen und l?sst einen Zyklon ?ber Kuba hinweg sausen, der dem Havannaquartett ein dramatisches Ende setzt und gleichzeitig ein Neuanfang f?r Mario Conde ist.

Er l?ftet Geheimnisse hinter Masken und l?sst Illusionen wie Seifenblasen platzen. Leonardo Padura entf?hrt seine LeserInnen in Havannas Parallelwelten und folgt dem kubanischen Traum. Damit stehen sowohl der dritte als auch der vierte Teil seines Havanna-Quartettes den ersten B?nden in nichts nach. Im ersten Teil hatte er seinen Anti-Helden, den Kommissar Mario Conde mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert, indem er ihn gegen einen Mitabiturienten recherchieren lie?. Dabei musste er auf- und entdecken, dass der vermeintlich perfekte Saubermann und zuverl?ssige Genosse nur Fassade war und sich dahinter ein korrupter Machtmensch verbarg.
Die Ideale, zu denen die Kinder der sozialistischen Revolution erzogen werden sollten, zeigten hier sowie in den weiteren B?nden des Quartetts ihr wahres Gesicht.
Auch im dritten Band, Labyrinth der Masken, werden Sauberm?nner entlarvt und die kriminalisierten oder diskriminierten Au?enseiter entlastet. Kommissar Mario Conde, der keine gute Meinung von sich hat, versinkt in diesem Band zeitweilig in tiefen Depressionen. Das Leiden seines Freundes Carlos, dessen gescheiterten Beziehungen und Einsamkeit, belasten ihn.
In diesem Moment bekommt er einen Fall ?bertragen, der nach Routine aussieht, sich aber bald als ?u?erst delikat herausstellt, nicht nur weil das Opfer Sohn eines hochrangigen Diplomaten ist.

Transvestismus, Masken und Vorurteile

Bei den Recherchen ger?t Mario Conde immer tiefer in die Transvestitenszene Havannas. Er muss seinen anf?nglichen Ekel ?berwinden, wobei ihm ausgerechnet der schwule Alberto M?rquez hilft, ein alternder Theaterregisseur, der auf dem H?hepunkt seiner Karriere von der Zensur f?r immer gestoppt wurde.
Er f?hrt Mario Conde ein in die Welt der Schwulen und Transvestiten, eine Welt von Menschen, deren Exaltiertheit Mario im Laufe der Ermittlungen immer verst?ndlicher wird, je mehr er die Diskriminierung und Repression sp?rt, denen sie ausgesetzt sind. Es ?ffnet sich ihm eine gesellschaftliche Parallelwelt, die er zuvor nicht wahrgenommen hatte, weil er, wie alle anderen, diese Realit?t mittels machistisch verbr?mter Vorurteile verdr?ngte.

Dekonstruktion von Vorurteilen und Empathie

Auch wenn die Vorurteile ?ber Homosexualit?t und gesellschaftliche Randbereiche aufgezeigt und aufgebrochen werden, kippt dies im Roman nicht in eine Romantisierung der marginalisierten und diskriminierten Themen um. Die Realit?t ist zu hart f?r die Betroffenen, als dass Romantik aufkommen k?nnte.
Der Roman bleibt spannend bis zum Schluss ? und auch dieses Mal kann man eher von einem Gesellschaftsroman sprechen als von einem Krimi. Dem Krimianteil verdankt der Roman aber seine Spannung, die nicht zuletzt auch durch das geschickte Spiel mit den Masken entsteht. Die Spannung l?st sich allerdings nicht einmal am Schluss, als einige Geheimnisse hinter den Masken gel?ftet werden. Denn was man dahinter sieht, ist nicht beruhigend. Im Gegenteil ? nach der L?sung des Falles, als man tats?chlich hinter einige Masken blicken kann, werden Abgr?nde sichtbar, die alles in Frage stellen. Die Ermittlungen werfen mehr Fragen auf, als sie ?berhaupt l?sen sollten.

Illusionen gehen ?ber Bord ? die Realit?t beginnt

Im letzten Band des Quartetts, Das Meer der Illusionen, l?st Mario Conde seinen letzten Fall. Der Fall spielt im Herbst 1989, ?die Illusionen in Kuba waren beendet, und die Realit?t begann?. (Padura im Interview in LN 370). Mario Conde und seine Freunde sind die versteckte Generation, die immer fremdbestimmt war und jetzt zwischen Nostalgie und Wut hin und her gerissen ist. ?Immer bestimmen andere f?r uns, vom Kindergarten bis zum Grab auf dem Friedhof, auf den man uns einmal bringen wird.?
Daher sehnt Conde den Zyklon herbei, der Kuba bedroht, damit diese reinigende Katastrophe endlich Platz f?r einen Neuanfang schafft. Er l?st seinen letzten Fall und zieht nebenbei Bilanz ?ber sein Leben. Am Ende l?uft alles auf einen dramatischen H?hepunkt zu, auf einen Wendepunkt. Manches wird f?r immer beendet, mancher geht f?r immer weg und manches f?ngt ganz neu an.
Mehr noch als in allen anderen B?nden ist der kubanische Traum und sein Ende das Thema, ohne dass der Autor polemisch w?rde. Die Illusionen sind geplatzt, aber die Erinnerungen und die Hoffnung bleiben: auf einen Neuaufbruch.
Auch wenn der Schluss ein bisschen ?berladen wirkt, da alles zu einem gewaltigen H?hepunkt auf einmal zusammenl?uft, ist dieser Band wahrlich ein w?rdiger Abschluss f?r das Roman-Quartett, da er alle F?den aufgreift und zu einem Ende f?hrt. Man gewinnt einen tiefen und spannenden Einblick in die kubanische Realit?t, differenziert, d?ster und doch voller Hoffnung.

Leonardo Padura: Labyrinth der Masken und Das Meer der Illusionen.
Aus dem kubanischen Spanisch von Hans-Joachim Hartstein, Unionsverlag, Z?rich, 2005, je 19,90 Euro

Text: Eva Danninger
Ausgabe: Nummer 378 - Dezember 2005