Arbeit in Lateinamerika
Warum arbeiten die Piqueteros nicht?
Interview mit Oscar Kuperman, Koordinator der Arbeitslosenorganisation CUBa-MTR
Die porte?os, die HauptstadtargentinierInnen, sind sauer auf die Piqueteros. Im Dezember 2001 demonstrierten sie noch gemeinsam mit ihnen gegen die Regierung. Heute fragen sich viele: Warum arbeiten die Piqueteros nicht statt st?ndig Br?cken zu besetzen, Stra?en zu blockieren und die Erh?hung ihrer staatlichen Unterst?tzung zu fordern? Oscar Kuperman kennt die Antwort. Der 60-J?hrige gelernte Elektroingenieur ist heute Koordinator derCoordinadora de Unidad Barrial ? Movimiento Teresa Rodr?guez (CUBa-MTR). Diese geh?rt zu den piqueteros duros, dem harten Teil der Arbeitslosenbewegung, der sich bisher nicht von der Regierung Kirchner vereinnahmen lie?.
Warum arbeiten die Piqueteros nicht?
So generell kann man das nicht sagen. Denn es gibt Organisationen wie die CUBa-MTR gibt, in denen alle, die eine staatliche Unterst?tzung im Rahmen der planes mano de obra (siehe Kasten) bekommen, auch eine Gegenleistung erbringen m?ssen. Das ist die Vorschrift des Arbeitsministeriums und die setzen wir in unserer Organisation um.
Die Piqueteros von CUBa-MTR arbeiten also?
Nein, denn es ist wichtig zu betonen, dass diese Gegenleistung keine Arbeit im eigentlichen Sinne einer sozialversicherten Arbeit ist. Jeder compa?ero kann in unserer Schuhfabrik, in unserer Handtuchfabrik, im Gem?segarten oder im Putzdienst vom Viertel arbeiten. Aber ich betone noch einmal: Es ist keine Arbeit mit Arbeitsvertrag und Sozialversicherung.
Ist diese so genannte Gegenleistung gesetzlich vorgeschrieben, um eine staatliche Unterst?tzung zu erhalten?
Ja. Und weil wir die Auflage erf?llen, bestehen wir auch alle Kontrollen, die das Arbeitsministerium vornimmt. Die Inspektoren kommen alle drei bis vier Monate und pr?fen, ob die Gegenleistungen wirklich stattfinden. Aber ich spreche hier ausschlie?lich f?r die CUBa-MTR. Hier erhalten die Mitglieder monatlich 150 Pesos [rund 42 Euro] zuz?glich Essensrationen. Dagegen gibt es Regierungs freundliche Piquetero-Organisationen, die nicht kontrolliert werden.
Alle, die staatliche Unterst?tzung erhalten, arbeiten also?
In unserer Organisation ja. Aber die Vergabe der Sozialleistungen durch die B?rgermeister, die Provinzgouverneure, die Abgeordneten oder die Parteifunktion?re vor Ort kontrolliert niemand. Und schon gar nicht die Vergabe durch die Polizei- und Milit?rverwaltungen.
Leisten Frauen ebenfalls solche Gegenleistungen?
Selbstverst?ndlich. Die Frauen arbeiten in Gemeindek?chen und comedores f?r die Armen. Aber wir haben auch Kolleginnen, die in einem Alphabetisierungskurs lesen und schreiben gelernt haben. Die Lehrer sind ebenfalls arbeitslos und erhalten die staatliche Unterst?tzung. Die Lehrt?tigkeit ist ihre Gegenleistung
Das System der Gegenleistung erscheint mir viel einfacher als eine Arbeit im klassischen Sinne, wo man Befehle eines Chefs empfangen und acht oder mehr Stunden arbeiten muss.
Aber genau diese Form von Arbeit fordern wir seit Jahren ein. Wir sind bereit, alle 6.286 planes, die wir bekommen haben, gegen wirkliche Arbeit zur?ck zu geben. Unser Ziel ist, dass die Leute wieder Arbeiter werden, die ihr Lochkarte stechen, wenn sie die Eingangst?r betreten. Die ihre acht Arbeitsstunden haben, die sich mit anderen Kollegen eine Aufgabe teilen, die ein Gehalt, Sozialleistungen, Urlaub und mit den Jahren ihre Rente bekommen.
Die katholische Kirche sprach im Oktober letzten Jahres von den staatlichen Unterst?tzungen als eine Erziehung zur Faulheit. Und selbst Pr?sident Kirchner h?chstpers?nlich sagte, dass die Pl?ne eine Schande seien. Wieso wird daran dann nichts ge?ndert?
Weil der Staat nicht will, dass die Arbeitslosen arbeiten, da er sonst zus?tzlich mit der Finanzierung der Versicherung, den Sozialleistungen, den Rentenbeitr?gen und der Urlaubsregelung konfrontiert w?re. Au?erdem erlauben beispielsweise weder die Organisation der Bauunternehmer noch die Gewerkschaft der Bauarbeiter, dass die Piqueteros, die soziale Unterst?tzung bekommen, auf ?ffentlichen Baustellen besch?ftigt werden. Zum Einen, weil mit den niedrigen staatlichen Unterst?tzungen die Geh?lter Aller sinken w?rden und zum Anderen, weil der Staat sonst f?r die Kosten der Sozialleistungen aufkommen m?sste.
Es erscheint dem argentinischen Staat also angemessener, dass Millionen Piqueteros eine staatliche Unterst?tzung erhalten ohne wirklich zu arbeiten?
Genau. Die Verordnung besagt, dass die Gegenleistung sich auf h?chstens vier oder weniger Arbeitsstunden belaufen darf. Und im Kleingedruckten steht, dass die Arbeit einen sozialen oder solidarischen Charakter haben muss. Deshalb arbeiten die Beg?nstigten unserer Organisation beispielsweise in Volksk?chen, lehren Lesen und Schreiben und helfen bei der Reparatur von Wohnungen.
Was stellt aus Ihrer Sicht das gr??te Problem dar?
Uns macht die fehlende Berufserfahrung der unter 35-J?hrigen Sorge. Sie waren in der Menem-?ra ab 1989 zwischen 15 und 18 Jahre alt. Damals gab es massive Stellenstreichungen im Hafen, in der Industrie, in der Landwirtschaft und anderen produktiven Sektoren. Sie hatten nie die M?glichkeit ein richtiges Arbeitsverh?ltnis kennen zu lernen.
Und was k?nnte das Problem l?sen helfen?
In erster Linie sozialversicherte Arbeitsverh?ltnisse und die Aussicht auf eine Berufsausbildung. Au?erdem muss man verstehen, dass Arbeitslosigkeit kein ausschlie?lich argentinisches, sondern ein globales Problem ist.
Was glauben Sie mit Stra?enblockaden und Demonstrationen erreichen zu k?nnen?
Wir gehen auf die Stra?e, damit die ?ffentlichkeit von den herrschenden Missst?nden erf?hrt. Dass t?glich ?ber 100 Kinder sterben, von denen die H?lfte unter f?nf Jahre alt ist. Dass Krankenh?user unzureichend ausgestattet sind. Dass immer mehr Kinder der Schule fernbleiben, weil sie nichts zu essen haben oder ihnen die Schulutensilien fehlen.
Wieso glaubt die argentinische Gesellschaft die Piqueteros seien faul und wollten nicht arbeiten?
Weil unsere ?ffentlichkeitsarbeit gegen die Propaganda des Staates nicht ankommt.
Interview: Rodolfo Compte
?bersetzung: Judith Winterstein / J?rgen Vogt
Kasten :
Die staatliche Unterst?tzung f?r sozial Schwache und Arbeitslose wird in Argentinien ?ber Sozialpl?ne, so genannte planes, geregelt. Ein plan bedeutet die konkrete Zuwendung an eine bestimmte Person. Die planes jefe y jefa de hogar (Unterst?tzung f?r den Haushaltsvorstand) entsprechen etwa dem Prinzip der Sozialhilfe in Deutschland. Derzeit gibt es rund 1,6 Millionen solcher Sozialpl?ne, die eine monatliche Unterst?tzung von 150 Pesos, knapp ?ber 40 Euro, bedeuten. Die Piquetero-Organisationen verwalten davon rund 200.000, wovon der Anteil der piqueteros duros bei etwa 9.000 liegt. Die planes manos de obra dienen hingegen der Unterst?tzung der Arbeitslosen. Von ihnen laufen gegenw?rtig 480.000. Als Drittes gibt es noch das Ern?hrungsnotfallprogramm (Programa de Emergencia Alimentaria), das eine ausreichende Ern?hrung der extrem Bed?rftigen sichern soll.
Die Verteilung solcher planes wird oftmals ?ber einen puntero geregelt, in der Regel ein politisches Parteimitglied auf lokaler Ebene. In den meisten F?llen handelt es sich um Peronisten, der puntero kann aber auch zur UCR oder der Radikalen B?rgerunion geh?ren. Nach einem Bericht der Tageszeitung Clar?n sind ?ber die H?lfte der Beg?nstigten der Sozialleistungen f?r Familien Mitglieder einer politischen Partei. KritikerInnen sehen gerade hier die Gefahr von Klientelismus und den Kauf von W?hlerstimmen durch die Vergabepraxis. Allerdings fehlt oftmals auch schlicht eine funktionierende Verwaltungsstruktur, die eine Verteilung der planes gew?hrleisten k?nnte.
j?vo
Text: Rodolfo Compte, Judith Winterstein, J?rgen Vogt
Ausgabe: Nummer 377 - November 2005 |