Volltext

(Artikel * 2005) Berger, Timo
Meister des Wortspiels Zum Tod des kubanischen Schriftstellers Guillermo Cabrera Infante
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 370 * Seite 50 - 51
Themen: Literatur; Opposition; Zensur * Cuba * Exil; Dissident; Batista-Regime * Dok-Nr: 155525
Standorte: DWL Erlangen; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; 3WF Hannover; IFAK Göttingen; AWH Hagen

Literatur
Meister des Wortspiels
Zum Tod des kubanischen Schriftstellers Guillermo Cabrera Infante

Als Gegner des Batista-Regimes sa? er im Gef?ngnis, unter Fidel Castro protestierte er gegen die Zensur. Vom Exil aus reiste er in den 1960er Jahren nur noch einmal nach Kuba zur?ck. Ende Februar starb Guillermo Cabrera Infante im selbstgew?hlten Londoner Exil an einer Blutvergiftung.

Nach Bekanntwerden des Todes von Guillermo Cabrera Infante r?ckten die deutschen Nachrichtenagenturen vor allem den politischen Aspekt seines literarischen und journalistischen Schaffens in den Vordergrund. Dass Cabrera Infante ein ?Symbol des kubanischen Widerstands? gewesen sei, fand sich auch in den Nachrufen von Spiegel bis Zeit. Zu lange, k?nnte man vermuten, lag das Erscheinungsdatum seines Hauptwerkes Tres tristes tigres (1967, deutsch 1987 Drei traurige Tiger) zur?ck, mit dem der Autor auch in Deutschland eine gewisse Ber?hmtheit erlangt hatte.

?Puff f?r europ?ische Touristen?

Cabrera Infantes von den KritikerInnen vielgepriesenes intellektuelles Engagement beschr?nkte sich aber vor allem auf den spanischsprachigen Raum, zuletzt auf seine regelm??igen Kolumnen in der Madrider Tageszeitung El Pa?s. Hierzulande fiel er vor kurzem durch einige abf?llige Bemerkungen ?ber das heutige Kuba auf: ?Unter der (1959 von Castro gest?rzten) Batista-Diktatur, so hie? es immer, war Kuba ein Bordell f?r die Amerikaner. Heute ist es zu einem Puff f?r europ?ische Touristen geworden?, erkl?rte der Schriftsteller mit seinem notorischen Hang zu Wortspielen Anfang diesen Jahres dem Spiegel.
Im Gegensatz zu anderen Boom-Autoren wie Gabriel Garc?a M?rquez, Carlos Fuentes und Mario Vargas Llosa geh?rte Cabrera Infante zu Unrecht zu den Autoren, deren Ruhm auf nur ein Buch gr?ndete. Zwar war er nach Drei Traurige Tiger weiterhin schriftstellerisch t?tig, doch seine Werke fanden weder bei den KritikerInnen noch bei der Leserschaft einen vergleichbaren Widerhall. Dazu mag auch der Autor selbst beigetragen haben, indem er Vorarbeiten und Teile seines Erfolgsbuches im Nachhinein als eigenst?ndige Erz?hlungen ver?ffentlichte ? so als w?rde er selbst wenig Vertrauen in seine sp?teren Werke setzen.
?berraschend kam dann auch die Verleihung des Cervantes-Preises 1997, der bedeutendsten Auszeichnung f?r spanischsprachige Literatur. Eine Art sp?te Genugtuung f?r einen Autor, der gegen?ber anderen SchriftstellerInnen der Boom-Generation zunehmend ins Hintertreffen geraten war, w?hrend deren Ver?ffentlichungen bis heute als literarische Gro?ereignisse gefeiert werden.
Guillermo Cabrera Infante wurde am 22. April 1929 in Gibara auf Kuba geboren. Als er zw?lf Jahre alt war, zog er mit seinen Eltern nach Havanna um. Das Jahr 1947 markierte einen ersten Wendepunkt in seinem Leben: er gab das Medizinstudium auf und fing an zu schreiben. 1950 begann er ein Studium an der Journalistenschule ? der Journalismus sollte, neben dem Kino, zu einer seiner gro?en Leidenschaften werden.
1952 geriet Cabrera Infante zum ersten Mal mit der strengen Zensurbeh?rde des Batista-Regimes in Konflikt. Aufgrund der Ver?ffentlichung einer Kurzgeschichte, die, so der Vorwurf, ?englisch profanities? (also Anz?glichkeiten) enthalten h?tte, wurde er festgenommen und musste schlie?lich eine Geldbu?e bezahlen. Aus dieser Zeit r?hrte seine erbitterte Gegnerschaft zum Batista-Regime, die ihn sp?ter noch ins Gef?ngnis bringen sollte. Auch seine Eltern waren als Mitgr?nder der kommunistischen Partei Kubas Oppositionelle.
1953 heiratete er zum ersten Mal. Ein Jahr sp?ter begann er unter dem Pseudonym G. Cain in der Wochenzeitung Carteles Filmkritiken zu schreiben. 1957 wurde er sogar Redaktionschef des Blattes. Zus?tzlich zu seiner journalistischen T?tigkeit, verfolgte er seine schriftstellerischen Ambitionen und gewann in den folgenden Jahren mit seinen Kurzgeschichten Preise und Auszeichnungen. Er nahm aktiv am intellektuellen Leben Kubas teil, gr?ndete die Cinemateca de Cuba, der er von 1951 bis 1956 als Leiter vorsa?. Nach der Revolution 1959 wurde er zum Direktor des Nationalen Kulturrats und des Filminstituts ernannt. Gleichzeitig dirigierte er die Literaturbeilage ?Lunes de Revoluci?n? von der Gr?ndung bis zu deren Schlie?ung im Jahr 1961. Doch erst 1960 erschien seine erste bedeutende Erz?hlung Como en la paz en la guerra (deutsch Wie im Krieg so im Frieden). Ende 1961 heiratete er die Schauspielerin Miriam Gomez.
War Cabrera Infante anfangs als Teil des Batista-Widerstands ein Anh?nger der kubanischen Revolution, begann bald nach den ersten S?uberungen und Einschr?nkungen der Meinungs- und Pressefreiheit seine Entfremdung von der Regierung Fidel Castros. Anfang der 60er Jahre protestierte er ?ffentlich gegen die Zensur literarischer B?cher und ging daraufhin in den diplomatischen Dienst nach Europa. Er selbst interpretierte seine Berufung zum Kulturattach? der kubanischen Vertretung in Belgien als ?Abschiebung?. Dieser Aufenthalt im Ausland besch?ftigte Cabrera Infante auch noch nach drei?ig Jahren im Exil. Er schrieb, dass dieser ihm in Bezug auf die kubanische Revolution ?die Augen ge?ffnet? habe. Danach habe er sich in einen Gegner Castros verwandelt.
1964 gewann er seinen ersten internationalen Preis mit Vista del amanecer en el tr?pico (deutsch Die Ansicht der Tropen im Morgengrauen) den Preis ?Biblioteca Breve? des katalanischen Verlagshauses Seix Barral. 1965 kehrte er das letzte Mal nach Kuba zur?ck, um dem Begr?bnis seiner Mutter beizuwohnen. Danach quittierte er den diplomatischen Dienst und ging freiwillig ins europ?ische Exil: zuerst f?r eine kurze Zeit nach Madrid, danach nach London. 1979 erhielt er die britische Staatsb?rgerschaft.

Experimentelles Delirium

Mit der Ver?ffentlichung von Tres tristes tigres wurde er international ber?hmt. Es ist ein Sittengem?lde des n?chtlichen vorrevolution?ren Havannas. W?hrend einer endlosen Autofahrt erz?hlen sich drei Freunde, die ?Tiger?, ihre Geschichten von Liebe, Sex, Musik, Drogen und Gewalt. Immer wieder wird diese Fahrt unterbrochen durch eingeschobene Erz?hlungen, Kino-Plots und Nebenhandlungen, in denen Cabrera Infante seine Vorliebe f?r Sprachspiele und Experimente verfolgt. Unvergessener H?hepunkt seines experimentellen Deliriums ist eine Folge von Erz?hlungen, die, den Stil verschiedener kubanischer Autoren imitierend, den Tod von Leo Trotzki schildern.
Andere Hauptwerke von Cabrera Infante sind Rauchzeichen (Holy Smoke, 1963), eine Kulturgeschichte des Tabaks, und der Essay Kino oder Sardine? (Cinema or Sardine?, 1997). Zudem verfasste er Drehb?cher wie etwa f?r John Houstons Adaptation von Malcom Lowrys Unter dem Vulkan. Auf Deutsch erschien von ihm au?erdem eine Sammlung von Film-Essays mit dem Titel Nichts als Kino (alle deutschen Titel im Suhrkamp Verlag).
Die letzten Jahre seines Lebens lebte er in London und widmete sich der Literatur und dem Journalismus. 1991 rechnete er in einer Sammlung politischer Schriften, Mea Cuba, mit Castro ab. Nach Kuba wollte er erst wieder zur?ckkehren, nach dem Ende der Regierung Castro, erkl?rte er noch 1997.
Im Alter von 75 Jahren erlag Cabrera Infante am 21. Februar 2005 in einem Londoner Krankenhaus einer Blutvergiftung, die er sich als Folge mehrerer schwerer Erkrankungen zugezogen hatte. Nach Angaben seiner Familie hatte er sich k?rzlich bei einem Sturz eine H?fte gebrochen. Au?erdem litt er an Diabetes und einer Lungenentz?ndung.

Text: Timo Berger
Ausgabe: Nummer 370 - April 2005