Volltext

(Artikel * 2005) Lambert, Tobias
Ein Riese geht shoppen Auf seiner ersten Lateinamerikareise kündigt der chinesische Präsident Hu Jintao massive Investitionen an
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 367 * Seite 50 - 51
Themen: Freihandelsabkommen; Infrastruktur; Rohstoff; Wirtschaftspolitik * China; Cuba; Lateinamerika * WTO; Telekommunikation; Billigprodukte; ALCA * Dok-Nr: 155470
Standorte: DWL Erlangen; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; 3WF Hannover; IFAK Göttingen; AWH Hagen

Lateinamerika
Ein Riese geht shoppen
Auf seiner ersten Lateinamerikareise k?ndigt der chinesische Pr?sident Hu Jintao massive Investitionen an

Die Volksrepublik China will in den n?chsten zehn Jahren 100 Milliarden US-Dollar in Lateinamerika investieren, um sich in erster Linie Zugang zu Rohstoffen f?r die boomende Wirtschaft zu sichern. W?hrend die politische Klasse jubelt, bef?rchten UnternehmerInnen eine Flut chinesischer Billigprodukte.

Europ?ische und US-amerikanische WirtschaftspolitikerInnen d?rften die erste Lateinamerikareise des chinesischen Staatschefs Hu Jintao Ende November ein wenig neidisch verfolgt haben. Liefern sich die USA und die EU doch seit Jahren eine Art wirtschaftlichen Wettkampf um die Erschlie?ung der M?rkte der s?damerikanischen L?nder. Weder das von den USA geplante Projekt einer gesamtamerikanischen Freihandelszone Alca noch das von der EU angestrebte Freihandelsabkommen mit dem s?damerikanischen Markt Mercosur konnten jedoch bisher in die Tat umgesetzt werden. Einen der entscheidenden Streitpunkte stellt in beiden F?llen die starre Haltung der zwei Wirtschaftsgiganten in Fragen der Agrarsubventionen und der Abschottung der M?rkte f?r landwirtschaftliche Produkte dar.

Kapital im Gep?ck
Von diesem Themenkomplex unbelastet trieb die Volksrepublik China nun am Rande des in Santiago de Chile stattfindenden Gipfeltreffens der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft Apec die ?konomische Ann?herung zwischen Asien und Lateinamerika voran. Neben den Cono Sur-L?ndern Brasilien, Argentinien und Chile besuchte der chinesische Pr?sident auch Kuba und hatte neben einer gro?en Wirtschaftsdelegation massenhaft Kapital im Gep?ck.
Die Wirtschaftsinteressen S?damerikas, dessen Exporte etwa zur H?lfte aus Rohstoffen bestehen, und Chinas, dessen brummende Wirtschaft die best?ndige Sicherung des Zugriffes auf Rohstoff- und Energiequellen verlangt, sind gut miteinander vereinbar. Die Strategie der chinesischen Regierung ist es, durch Investitionen in den Herkunftsl?ndern die direkte Kontrolle ?ber die ben?tigten Ressourcen zu erlangen.
Vor dem brasilianischen Kongress k?ndigte Hu an, dass die Volksrepublik in den kommenden zehn Jahren insgesamt 100 Milliarden US-Dollar in Lateinamerika investieren werde. In Brasilien selbst sind der Ausbau von Stahl-und Aluminiumwerken, Investitionen in Infrastrukturprojekte wie Hafenanlagen und Eisenbahnstrecken sowie eine Vertiefung der Zusammenarbeit im Erd?lsektor geplant.
Allein 20 Milliarden US-Dollar sollen laut dem chinesischen Pr?sidenten der angeschlagenen argentinischen Wirtschaft zu Gute kommen. Das Gros dieser Summe will China in die Infrastruktur stecken. Dar?ber hinaus soll Geld in die Bereiche Telekommunikation und Satellitentechnik sowie die Erschlie?ung von Bodensch?tzen flie?en. H?here Wachstumsraten k?nnten Argentiniens Agrarexporteure in Zukunft durch die verst?rkte Ausfuhr von Fleisch und Frischobst erzielen. China ist zudem jetzt schon Hauptabnehmer f?r brasilianische und argentinische Sojabohnen.

Freihandel mit Chile?
Mit Chile will Peking sogar Verhandlungen zur Bildung einer gemeinsamen Freihandelszone aufnehmen. Dies w?re das erste derartige Abkommen Chinas mit einem nicht-asiatischen Land, w?hrend Chile weltweit schon zahlreiche Freihandelsvertr?ge abgeschlossen hat. Bereits heute stellt das Reich der Mitte den gr??ten Abnehmer chilenischen Kupfers dar und will sein Engagement zuk?nftig noch verst?rken. Geplant ist eine Kooperation mit dem chilenischen Staatsunternehmen Codelco ? dem gr??ten Kupferproduzenten der Welt. Zus?tzlich wurden sechs weitere bilaterale Handelsabkommen in den Bereichen Landwirtschaft, Energie und Forschung sowie Tourismus vereinbart.
Als letzte Station seiner Lateinamerikareise besuchte der chinesische Pr?sident Kuba. Hu Jintao und Fidel Castro unterzeichneten insgesamt 16 Kooperationsabkommen in Bereichen wie Biotechnologie, Tourismus, Telekommunikation und Bildung. Das wirtschaftlich bedeutendste Abkommen betrifft die Fertigstellung einer Fabrik, welche die Nickelproduktion Kubas von 75.000 auf insgesamt 100.000 Tonnen pro Jahr erh?hen soll. Au?erdem sagte China jeweils circa sechs Millionen US-Dollar Unterst?tzung f?r den Ausbau von Krankenh?usern sowie den Kauf von Schuluniformen zu und verl?ngerte vier Kredite aus den Jahren 1990 bis 1994 um weitere zehn Jahre. Mit etwa zehn Prozent Anteil am Au?enhandel ist China nach Spanien und Venezuela der drittgr??te Handelspartner der Antilleninsel.

Marktwirtschaft und Billigprodukte
Die ?konomische Offensive Chinas dient allerdings nicht nur der Sicherung von Rohstoffen und Energiequellen. Mit der Ank?ndigung der Investitionen wollte Hu den s?damerikanischen L?ndern ein grundlegendes Bekenntnis abringen. Argentinien, Brasilien und Chile sollen die Volksrepublik als funktionierende Marktwirtschaft anerkennen, was die drei L?nder auch postwendend taten. Die Welthandelsorganisation (WTO), der China vor drei Jahren beitrat, stufte das Land damals bis zum Jahre 2016 als wirtschaftliches ?bergangsland ein. Es ist jedoch jedem Staat freigestellt, China grunds?tzlich anders zu beurteilen.
Der Haken: Gem?? WTO-Regelwerk ist es f?r einen Mitgliedsstaat sehr viel schwieriger, gegen?ber einem Land mit dem Status einer Marktwirtschaft einseitige Ma?nahmen gegen Dumping wie beispielsweise Strafz?lle zu ergreifen. Die USA und die Mitgliedstaaten der EU lehnen deshalb eine Anerkennung Chinas als Marktwirtschaft bisher ab.
Im Gegensatz zu den zuversichtlichen Agrarexporteuren, die auf deutliche Zuw?chse im Au?enhandel mit China hoffen, treibt die Gesch?ftsleute aus anderen Branchen die Angst vor dem ?asiatischen Riesen? um. Sie bef?rchten eine ?berschwemmung der nationalen M?rkte durch staatlich subventionierte chinesische Billigprodukte, mit deren Herstellungskosten sie nicht konkurrieren k?nnen.
UnternehmerInnen aus Brasilien und Argentinien trafen sich in Buenos Aires, um mit den Au?enministern beider L?nder die ?ngste zu diskutieren. Im Falle Argentiniens wurde angeblich ein geheimes Zusatzprotokoll mit China ausgehandelt, welches hinter dem R?cken der WTO die argentinische Industrie sch?tzen solle.
Der brasilianische Au?enminister Celso Amorim wollte in den Bef?rchtungen der Unternehmerschaft seines Landes dagegen kaum eine reelle Gefahr sehen. ?Die Risiken sind klein und die Vorteile gro?, war seine Beurteilung. Zudem sehe er in der Diskussion um Chinas wirtschaftliche Macht eine zuk?nftige St?rkung des Mercosur voraus, weil dadurch ?liebevolle Gesten? zwischen argentinischen und brasilianischen Gesch?ftsleuten hervorgerufen worden seien.
Allein Kubas Wirtschaft hat solche Nebenwirkungen zun?chst nicht zu bef?rchten. Das Land ist kein WTO-Mitglied und muss sich daher nicht den Regeln der Organisation unterwerfen. Dass sich Hu mit seinem Kubabesuch sowohl gegen die wirtschaftliche als auch politische Isolierung der Insel engagiert, d?rfte den USA indes weiteres Unbehagen bereitet haben. Der chinesische Pr?sident betonte seine Unterst?tzung, wenn Kuba ?ohne Z?gern den Weg des Sozialismus weiter beschreitet?.

Text: Tobias Lambert
Ausgabe: Nummer 367 - Januar 2005