Rassismus / Antirassismus
Renaissance der Vorurteile
Mit der sozialen Ungleichheit kehrt auch die einst ?berwunden geglaubte Bedeutung der Hautfarbe nach Kuba zur?ck
Die kubanische Bev?lkerung setzt sich laut Zensus des Jahres 1981 offiziell aus fast zwei Dritteln Wei?en, 22 Prozent Mulatten und 12 Prozent Schwarzen zusammen. Sch?tzungen gehen jedoch von einem weitaus niedrigeren Anteil wei?er KubanerInnen aus. Die Benennung der Hautfarbe wurde seinerzeit den Befragten selbst ?berlassen und manch eine/r schrieb sich dabei eine hellere Hautfarbe zu. Allgemein wurden Vorurteile lange Zeit verdr?ngt, anstatt ihre Ursachen zu analysieren.
Der Rassismus, die Rassendiskriminierung und die Fremdenfeindlichkeit sind ein soziales, kulturelles und politisches Ph?nomen und kein nat?rlicher Instinkt des Menschen?, so der Beginn einer Rede des kubanischen Staatschefs Fidel Castro im Jahre 2001. Die Revolution, die in Kuba am Neujahrstag 1959 triumphierte, hatte sich unter anderem auf die Fahnen geschrieben, die sozialen und politischen Rahmenbedingungen radikal zu ver?ndern und stellte somit auch einen Sieg ?ber den Rassismus dar, der die Geschichte Kubas bis dahin ma?geblich mitgepr?gt hatte.
HistorischeAltlasten
W?hrend der fast vierhundert Jahre andauernden Kolonialherrschaft der spanischen Krone strebten die Eliten der Insel eine m?glichst ?wei?e?, europ?isch gepr?gte Gesellschaft an und sahen in dem wachsenden Anteil dunkelh?utiger KubanerInnen stets ein Problem. Jene Eliten selbst waren ma?geblich an der Verschleppung und Versklavung hunderttausender AfrikanerInnen nach Kuba beteiligt. Im Jahre 1762, w?hrend einer einj?hrigen Besetzung Havannas durch Gro?britannien, setzte der Sklavenhandel ein, den Spanien in den folgenden Jahrzehnten in gro?em Ma?stab fortsetzte. Dieser Ausdruck rassistischer Ideologie trug mit dazu bei, dass die Antilleninsel bis Mitte des 19. Jahrhunderts zum weltweit gr??ten Zuckerproduzenten aufsteigen konnte. Erst infolge der Aufhebung der Sklaverei in den USA nach Ende des B?rgerkrieges 1865 begann sich auch in Kuba etwas zu ?ndern. Endg?ltig abgeschafft wurde die Sklavenhaltung allerdings erst 1886. ?hnlich wie beim n?rdlichen Nachbarn, der die Insel 1902 zum Protektorat machte und damit die Kolonialherrschaft Spaniens beendete, war die Abschaffung der Sklaverei aber keineswegs mit dem Ende des institutionellen Rassismus gleichzusetzen. Auch die AfrokubanerInnen durften weder auf den gleichen Parkb?nken Platz nehmen noch die selben Schulen oder gesellschaftlichen Clubs wie die Wei?en besuchen.
Ende der offenen Diskriminierung
Erst durch die Revolution verbesserte sich die Situation f?r Schwarze in Kuba substanziell. Jegliche Form von Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe oder Herkunft wurde formell untersagt, was von staatlicher Seite auch praktisch umgesetzt wurde. Vom wirtschaftlichen und sozialen Leben zuvor ausgeschlossene Bev?lkerungsgruppen kamen erstmals in den Genuss von Bildungsm?glichkeiten sowie gesellschaftlicher Partizipation, und Kuba definierte sich schon bald als Gesellschaft ohne jegliche Diskriminierung und Rassismus. Bestimmte Teile der jahrhundertelang gewachsenen Strukturen der Diskriminierung konnten jedoch bis in unsere Tage nicht aufgebrochen werden. Dies kommt beispielsweise in den Wohnverh?ltnissen in Havanna zum Ausdruck. Ein Gro?teil der schicken Villen in Stadtteilen wie Miramar werden von Wei?en bewohnt, w?hrend schwarze Haba?er@s mehrheitlich Viertel wie Centro Habana mit seinen langsam verfallenden Mietsh?usern bewohnen. Auf den oberen Ebenen von Staat und Partei waren AfrokubanerInnen zu keinem Zeitpunkt auch nur ann?hernd entsprechend ihres Bev?lkerungsanteils vertreten.
Die mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre einsetzende Wirtschaftskrise, die ? vor allem aufgrund des US-Embargos ? in eine immer noch nicht ?berwundene ?Sonderperiode in Friedenszeiten? (Per?odo Especial en Tiempos de Paz) m?ndete, bef?rderte denn auch so manches als ?berwunden geglaubte Vorurteil wieder zur?ck an die Oberfl?che.
R?ckkehr der sozialen Ungleichheit...
Nachdem Castro 1993 notgedrungen den zuvor als Imperialistengeld verschm?hten US-Dollar legalisiert hatte, intensivierte sich die bereits mit dem Ende des Ostblocks begonnene wirtschaftliche Spaltung der kubanischen Gesellschaft in Menschen mit und Menschen ohne Zugang zum Greenback. Seither macht aber nicht in erster Linie die Qualit?t, sondern vor allem die Quantit?t des Geldes den Unterschied aus. Bestimmte Waren wurden zwar gar nicht mehr in Kubanischen Pesos angeboten, diese konnten aber zu einem Kurs von 26:1 jederzeit in US-Dollar getauscht werden. Erst k?rzlich wurde der Dollar als offizielles Zahlungsmittel wieder abgeschafft und durch den seit langem schon als kubanische Zweitw?hrung existierenden peso convertible ersetzt, der in Parit?t zur US-W?hrung steht und nur auf Kuba G?ltigkeit besitzt (vgl. LN 366).
Es entstanden jedoch M?glichkeiten, das bescheidene Peso-Gehalt von umgerechnet gut zehn Dollar, mit dem man kaum ?ber die Runden kommt, deutlich aufzubessern. Haupteinnahmequellen von Devisen sind Geld?berweisungen von ExilkubanerInnen an ihre Verwandten, die so genannten remesas, sowie Einnahmen aus dem Tourismusgesch?ft. In beiden Bereichen sind AfrokubanerInnen jedoch benachteiligt. Zun?chst einmal verf?gen sie nur ?ber sehr geringe Emigrationskontakte, da die Revolution f?r die meisten Schwarzen eine Verbesserung des sozialen und wirtschaftlichen Status bedeutete. So waren es nach 1959 ?berwiegend Wei?e aus der der alten Ober- und Mittelschicht, die der Insel den R?cken kehrten und deren Angeh?rige heute finanziell davon profitieren. Aber auch im Tourismussektor ist die ?berwiegende Mehrheit der Angestellten wei?, w?hrend Schwarze h?ufig in Unternehmen besch?ftigt sind, die keinerlei Zugang zu Devisen haben. Durch Trinkgelder kann ein/e im Tourismusbereich besch?ftigte KubanerIn an nur einem Tag mehr verdienen, als ein Arzt oder Lehrer in einem ganzen Monat. Und um ein privates Zimmer (casa particular) an TouristInnen vermieten zu k?nnen, muss man zumindest ?ber ausreichend eigenen Wohnraum verf?gen, was die wei?en KubanerInnen ebenfalls tendenziell beg?nstigt.
Die durch die Krise hervorgerufenen Belastungen sind also in der Praxis alles andere als gleichm??ig verteilt. Dies f?hrt dazu, dass jene, die keinerlei Zugang zu Devisen haben, anderweitig versuchen m?ssen an Geld zu kommen. Dazu bleiben allerdings lediglich M?glichkeiten in einem Bereich, der manchmal abwertend als los l?mpenes, Lumpenproletariat, bezeichnet wird und in erster Linie in den von TouristInnen besuchten Gro?st?dten stark zugenommen hat: Schnorren, informelles Anbieten touristischer Dienstleistungen wie Stadtf?hrungen, die Kleinkriminalit?t und vor allem Prostitution, die sich l?ngst nicht mehr nur auf Frauen beschr?nkt. In all diesen Bereichen bet?tigen sich aufgrund der ?konomischen Benachteiligung ?berwiegend Schwarze, was Vorurteile bef?rdert, die jenen der kolonialen und vorrevolution?ren Zeit erschreckend ?hnlich sind. Etwa dass Schwarze grunds?tzlich faul und der Kriminalit?t zugeneigt sind. In den 1990er Jahren h?uften sich Berichte dar?ber, dass Frauen, allein ihrer dunklen Hautfarbe wegen, der Zutritt in Hotels oder Diskotheken verwehrt wurde. Sie galten schlichtweg als Prostituierte. Ebenso problematisch ist das Verhalten der Polizei auf den Stra?en. Jedem, der die Gassen Havannas oder die Prachtmeile ?Prado? entlang schlendert wird auffallen, dass die zahlreichen Personenkontrollen haupts?chlich Schwarze betreffen.
...und R?ckkehr von Vorurteilen
Institutionelle Diskriminierung ist zwar abgeschafft, scheint aber noch (oder wieder) zu existieren. Man kann der politischen F?hrung zwar diesbez?glich keinen direkten Vorwurf machen oder gar Mutwilligkeit unterstellen, aber die jahrzehntelange Tabuisierung des Themas Rassismus hat zumindest nicht zu einer ?berwindung des Ph?nomens gef?hrt. Eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dessen tiefer liegenden Ursachen hat nie stattgefunden.
Auch die Medien der Insel tragen ihren Teil dazu bei. In den beliebten kubanischen Telenovelas beispielsweise, werden haupts?chlich Dollarprodukte konsumierende Wei?e gezeigt, w?hrend AfrokubanerInnen allenfalls am Rande und oft als zur Unterschicht geh?rende Menschen, eine Rolle spielen. G?nzlich ignoriert wird das Thema von der politischen F?hrung immerhin nicht mehr. Hin und wieder ?u?ern sich hochrangige Funktion?re zu einzelnen Aspekten wie den Vorw?rfen einer diskriminierenden Einstellungspraxis im Tourismussektor. Selbst Fidel h?chstpers?nlich erkannte Anfang 2003 in einer Rede an, dass die Revolution es trotz aller Erfolge nicht geschafft habe ?die Unterschiede im sozialen und wirtschaftlichen Status der schwarzen Bev?lkerung auszurotten?.
Text: Tobias Lambert
Ausgabe: Nummer 367 - Januar 2005 |