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(Artikel * 2005) Schulte, Anna
"Ich bin süchtig nach dieser Stadt" Der Dokumentarfilm "Suite Habana": ein authentisches Portrait über den Alltag der kubanischen Hauptstadt
en Lateinamerika Nachrichten Nr. 366 * Pagina 55 - 57
Temas: vida cotidiana; cine; corrupción; arte; Ciudad * Cuba * Ausgrenzung; Havanna; Dokumetarfilm * Dok-Nr: 155355
Standorte: DWL Erlangen; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; 3WF Hannover; IFAK Göttingen; AWH Hagen

Film
?Ich bin s?chtig nach dieser Stadt?
Der Dokumentarfilm Suite Habana: Ein authentisches Portrait ?ber den Alltag in der kubanischen Hauptstadt

Suite Habana ist der neue faszinierende Dokumentarfilm von Fernando P?rez. Der kubanische Regisseur zeigt zehn Menschen, die die ZuschauerInnen 24 Stunden an ihrem Leben teilhaben lassen. Sie alle, beispielsweise der Bahnarbeiter, der Arzt, die Stra?enverk?uferin, der behinderte Junge und sein Vater, zeigen die vielf?ltigen Gesichter Havannas, ihre Verwandlungen zwischen Tag und Nacht, aber auch ihre W?nsche und Tr?ume. Die Geschichten dieser unterschiedlichen Charaktere ergeben ein anderes Bild von Havanna jenseits der g?ngigen Klischees des Buena Vista Club. Dank der DarstellerInnen, die die einen tiefen Einblick in ihr Leben gew?hren, entsteht der Eindruck einer ungew?hnlichen Authentizit?t. Die einzelnen Sequenzen aus dem Tagesablauf der zehn Menschen verwebt P?rez zu einer einzigen und einzigartigen Geschichte, arrangiert wie ein Musikst?ck. Ohne Dialoge oder Interviews, ja nahezu ohne ein einziges Wort fesseln die Bilder das Publikum von der ersten bis zur letzten Minute. Gleichzeitig schafft P?rez mit der Musik des Films und der nachtr?glich komponierten Ger?uschkulisse ein eigenst?ndiges Werk, das den Bildern ihren wahren Ausdruck verleiht. Als bester lateinamerikanischer Film 2003 auf dem Filmfestival in Havanna ausgezeichnet, erhielt Suite Habana unter anderem noch Preise f?r den besten Regisseur, die beste Musik und den besten Ton. (Preis der kubanischen Filmkritik, Martin Luther King Memorial Prize). Die Lateinamerikanachrichten sprachen mit Fernando P?rez ?ber die Entstehung, Ziele und Herausforderungen des Films.

Warum haben Sie nach La vida es silbar nun wieder einen Dokumentarfilm gedreht?
Im Grunde genommen halte ich es f?r meine Berufung Spielfilme zu drehen. Ich f?hle mich dabei viel sicherer. Im Dezember 2002 hatte ich bereits zwei Drehb?cher f?r Spielfilme geschrieben, die es nat?rlich immer noch gibt, und wartete auf eine Finanzierungsm?glichkeit. Genau zu diesem Zeitpunkt bekam ich jedoch von Jos? Maria Morales, dem spanischen Produzenten mit dem ich bereits bei La vida es silbar zusammengearbeitet hatte, das Angebot einen Dokumentarfilm zu drehen. Seine Anfrage war an drei Bedingungen gekn?pft: eine Dauer von 55 Minuten, in digitaler Form, und mit freier Themenwahl ? allerdings ?ber Havanna. Nach einer Woche Bedenkzeit habe ich ihm zugesagt, und zwar aus drei Gr?nden: Ich hatte damals bereits vier Jahre nicht gedreht und bekam die M?glichkeit digitales Kino zu machen, worin ich bisher keine Erfahrung hatte. Drittens war das Thema La Habana ? und ich bin s?chtig nach dieser Stadt.

K?nnte man den Film also als Ihr pers?nliches Liebesgedicht f?r Havanna beschreiben?
Ja, das kann man. Ich h?tte das Wort ?Gedicht? selber nicht benutzt, weil sich das aus meinem Mund so ?bertrieben anh?rt. Aber tats?chlich hab ich diesen Film aus Liebe zu Havanna gemacht ? zur Realit?t dieser Stadt, den Menschen und allem, was mich dort umgibt. Das hei?t aber nicht, dass der Film oberfl?chlich ist. Er zeigt auch Widerspr?che auf und teilweise ist der Blick auf gewisse Dinge sogar schmerzhaft.

Ihr Film besteht ausschlie?lich aus Bildern und Musik beziehungsweise Ger?uschen. Was war der Grund f?r Sie, ganz auf Dialoge zu verzichten?
Ich glaube an das Bild als Ausdrucksmittel emotionaler und seelischer Zust?nde. In meinen letzten Spielfilmen steht das Bild als Ausdrucksform ebenfalls sehr im Vordergrund. Weiterhin denke ich, dass die Form des Interviews in Dokumentarfilmen ?berhand genommen hat. Es war daher bereits im Vorfeld klar, dass ich ohne Dialoge arbeiten wollte.

Wie kam der Titel des Films zustande?
Als wir entschieden, dass wir einen Film machen wollten, der vor allem auf Bildern aufbaut, wussten wir, dass der Film eine bestimmte musikalische Struktur haben musste. Nach und nach entschied ich, dass diese Struktur die einer Suite sein sollte: eine musikalische Komposition, die ein bestimmtes Thema mit vielen Variationen wiederholt ? bis hin zu tanzbaren Varianten. Die Suite an sich haben wir dann selbst erfunden und sie Havanna gewidmet. Es ist eine Suite des Alltags in Havanna, eine Suite des L?rms. Havanna ist schlie?lich eine der lautesten St?dte der Welt. Alles ist erf?llt von Ger?uschen.

Wie genau ist der Film entstanden? Gab es ein Drehbuch? Und wie haben Sie die zehn DarstellerInnen gefunden?
Nein, der Film hat kein Drehbuch. Fest stand nur die Struktur. Wir wollten 24 Stunden im Leben mehrerer Einwohner Havannas zeigen. Wir haben uns sehr viel Zeit gelassen f?r die Vorbereitungen. Denn ich glaube, es gibt nicht nur ein Havanna, sondern viele. Nach und nach haben wir uns f?r ein Havanna entschieden, das f?r mich auch sehr repr?sentativ ist, weil die meisten Menschen so leben. Viele der Darsteller kannte ich bereits ? nicht pers?nlich, aber ich wusste von ihrer Existenz. Ich musste sie also nur finden und ?berzeugen. Ihnen habe ich viel zu verdanken, denn sie haben uns die T?ren ihrer H?user ge?ffnet, uns in ihr Leben eingelassen, ohne etwas daf?r zu verlangen.
Die endg?ltige Struktur des Films haben wir im Schneideraum festgelegt. Zwei Monate haben wir darauf verwandt, jede Geschichte einzeln zu editieren und k?rzen und danach alle zu einer einzigen Geschichte zusammenzuf?gen. Sp?ter haben wir entschieden, die Tonspur separat zu erstellen. Das dauerte weitere zwei Monate. Wir wollten, dass der Ton authentisch erscheint und entschieden, dass eine k?nstlich erschaffene Ger?uschkulisse aussagekr?ftiger sei.

Der Film ist sehr realistisch und zeigt das einfache, teilweise ?rmliche Leben vieler Menschen in Havanna. Gleichzeitig spart der Film jedoch sowohl extreme Armut wie gro?en Reichtum aus und zeigt auch weder Kriminalit?t noch Ausgrenzung. War das beabsichtigt?
Zu Beginn haben wir versucht auch diese Seiten Havannas zu zeigen. Ich habe zum Beispiel mit Pedro Juan Guti?rrez, dem Autor des Buches Trilog?a Sucia de La Habana, gesprochen. Er stellt in seinem Buch eben diese Seite von Korruption und Ausgrenzung in Havanna dar, die ja auch wirklich existiert. Wir haben versucht, Zugang zu diesem Bereich Havannas zu bekommen, aber das war nicht leicht. Ich denke, dass die Literatur hier Darstellungsformen hat, die das Kino nicht zul?sst. So kommt es, dass man wohl eine, zwei, drei und auch vier Suite Habana machen k?nnte, um die unterschiedlichen Realit?ten aufzuzeigen.

Eine der zehn Personen des Films ist ein zehnj?hriger Junge. Ein anderer wandert in die USA aus. Unter anderem geht es auch um die Tr?ume der Menschen. Wollten Sie eine Vision f?r die Zukunft Kubas zeichnen?
Mehr als die Zukunft ? ich bin ja schlie?lich kein Hellseher ? wollte ich die Gegenwart zeigen. Aber eine Gegenwart, die dem Zuschauer die M?glichkeit zu eigenen Reflexionen gibt. Eines der Ziele von Suite Habana war, dem Publikum die M?glichkeit zu geben, mittels des Kleinen und Allt?glichen, ?ber universellere und gr??ere Dinge nachzudenken. Der Zuschauer sollte sich nach dem Film fragen: Welchen Sinn hat das Leben? Und welchen hat es f?r mich? Welche Tr?ume habe ich, und welche nicht? Was sind meine Ziele und was tue ich daf?r, diese zu erreichen? Der Film kann sicherlich keine Antworten auf diese Fragen geben, aber ich glaube er kann helfen, ?ber universellere Dinge als das Momentane nachzudenken. Der Film ist aber sicherlich keine Prognose, wie die Zukunft einmal sein k?nnte.

Was ist Ihr Traum f?r Havanna?
Ich muss sagen, dass ich mir nat?rlich w?nsche, dass es Ver?nderungen geben kann. Gleichzeitig w?nsche ich aber auch, dass sich gewisse Dinge eben nicht ?ndern. Man sagt immer, der Sozialismus mache alles und alle uniform. Aber wenn ich mir die Welt heute so anschaue, muss ich sagen, dass es doch wohl eher der Kapitalismus ist, der die Welt uniformiert, oder?

Viele KubanerInnen ?u?erten nach Kinovorf?hrungen, dass sie sich durch
den Film repr?sentiert f?hlten. Gleichzeitig zeigt der Film ein anderes Bild von Kuba als im Ausland oft dargestellt wird: in Film wird weder viel gesprochen, noch getanzt und auch die Musik ist keinesfalls die, die wir als ?typisch kubanisch? kennen.
Ja, das war die gr??te Herausforderung des Films. Suite Habana ist bereits in Europa, in den USA und in einigen lateinamerikanischen L?ndern gezeigt worden. In all diesen L?ndern herrscht eine sehr unterschiedliche Realit?t. Ich denke, es ist neben all den Einzelreaktionen vieler Menschen zu einer L?nder und Kultur ?bergreifenden Anerkennung und Identifikation mit den Gef?hlen der Personen des Films gekommen. Nach einer Auff?hrung in der Schweiz kam ein Chinese auf mich zu, der sehr ger?hrt war. Er sagte mir, dass er das Gef?hl gehabt habe, im Film einen Teil seines Lebens in Shanghai zu sehen. Das ist das Sch?ne an der Kunst: Sie ist eine universelle Sprache, die von den Konflikten der Menschen ausgeht und geographische Unterschiede verschwinden l?sst.

Was wird Ihr n?chstes Projekt sein?
Im Januar werde ich in Havanna mit einem neuen Projekt beginnen. Der Film wird Madrigal hei?en und sich sehr von Suite Habana unterscheiden. Er besteht aus zwei Geschichten: Die erste handelt in der Welt des Theaters im heutigen Havanna und hat nicht das Ziel ein realistisches Bild aufzuzeigen. Er soll Einblick in eine ?andere Realit?t? geben. Die zweite Geschichte wird abgeleitet aus der ersten, ist aber rein fiktiv und spielt in der Zukunft. Aber mehr kann ich nat?rlich nicht verraten.


Suite Havanna, Kuba 2003, 80 Minuten. Kinostart Berlin: 25.11.2004 fsk-Kino, Kreuzberg. Hamburg: 23.12.2004.

Text: Anna Schulte
Ausgabe: Nummer 366 - Dezember 2004