Volltext

(Artikel * 2004) Viehmann, Klaus u. a.
Schreie an der Wand Richard Fricks Katalog kubanischer Solidaritätsplakate
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 361/62 * Seite 62 - 65
Themen: Befreiungskampf * Cuba * Solidarität; Plakate * Dok-Nr: 153046
Standorte: DWL Erlangen; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; 3WF Hannover; IFAK Göttingen; AWH Hagen

Sachbuch
Schreie an der Wand
Richard Fricks Katalog kubanischer Solidarit?tsplakate

Camilo Torres, Patrice Lumumba und nat?rlich Ernesto Che Guevara sind einige der Helden, die im Mittelpunkt des Bildbandes Das trikontinentale Solidarit?tsplakat stehen. Die Sammlung kubanischer Plakate scheint aus einer l?ngst vergangenen Epoche zu stammen, doch sie stellt alles in den Schatten, was es im deutschsprachigen Raum zu diesem Thema gibt.

Im Fr?hjahr des Jahres 1966 wurde in Havanna das Exekutivsekretariat der Solidarit?tsorganisation der V?lker Afrikas, Asiens und Lateinamerikas (OSPAAAL) ins Leben gerufen. Von dieser Organisation wurde dann im April 1967 der weltber?hmt gewordene Brief Che Guevaras mit der Forderung ?Schafft zwei, drei, viele Vietnams? publiziert. Ein halbes Jahr sp?ter wurde der gefangene Che Guevara, der wie kein anderer das aktivistisch-internationalistische Moment der kubanischen Revolution verk?rperte, von seinen H?schern in Bolivien ermordet. Unmittelbar darauf schuf der Plakatk?nstler Helena Serrano das Plakat, auf dem das von Alberto Korda mit vision?ren Blick versehene Portrait Che Guevaras ?ber den ganzen lateinamerikanischen Kontinent ausstrahlt. Zugleich illustriert es in bestechender Weise die von Che Guevara unter Einsatz seines Lebens verfochtene Focus-Theorie. Das hei?t: Schwache revolution?re Kr?fte k?nnen durch die milit?rische Aktion einen umfassenden Prozess revolution?rer Umw?lzung in Gang setzen.
Die guevaristische Methode des Guerillakrieges geh?rt einer inzwischen zusammen mit der Sowjetunion untergegangenen historischen Etappe an. Dennoch besteht die Organisation OSPAAAL bis auf den heutigen Tag fort. Seit dem Jahr 1967 bis zur j?ngsten Gegenwart haben hier 52 PlakatgestalterInnen mehrere hundert Plakate hergestellt und als gefaltete Beilage f?r die Zeitschrift Tricontinental in fast allen Teilen der Welt vertrieben. Wenig verwunderlich ist dabei, wenn f?r das OSPAAAL-Kollektiv durch die gesamte Zeit seines Bestehens besonders der Bezug auf Che Guevara geblieben ist, dem ?ber 20 Plakate gewidmet wurden. Sie zeigen dessen Portrait in allen Variationen, wobei bemerkenswert ist, dass Che Guevara erstmals auf einem Plakat l?chelt, das am 20. Jahrestag seiner Ermordung im Jahre 1987 herausgegeben wurde.
Die kubanischen PlakatgestalterInnen stellten sich bei ihrer Arbeit dem unerh?rten Anspruch, mit ihren Werken den nationalen Bezugsraum zu verlassen und einen globalen Horizont zu er?ffnen. Notwendigerweise musste OSPAAAL sich im Kontext des antiimperialistischen nationalen Befreiungskampfes von Kuba aus mit Bildtraditionen anderer nationaler Kulturen auseinandersetzen. So entwarf OSPAAAL Plakate, die auch von Menschen verstanden werden sollen, die nicht lesen und schreiben k?nnen. In den Worten von Mirta Mu?iz sollte das OSPAAAL-Plakat einen ?Schrei an die Wand? bringen. In der Gestaltung mussten sich daf?r die kubanischen PlakatgestalterInnen von der kommerziellen US-amerikanischen Plakatkunst (und ihren Imitationen an zahllosen Reklamefl?chen in Europa und Lateinamerika) freimachen, aber auch von der bombastischen H?sslichkeit des sowjetischen Realismus sowie von der folkloristischen und naiven politischen Grafik aus China. In diesem Spannungsfeld entwarf das OSPAAAL-Kollektiv mit seinen politischen Plakaten eine farbenpr?chtige Bildersprache, die der thematischen und kulturellen Vielfalt der Inhalte entspricht.
OSPAAAL-Plakate erkennt man in der Regel an einem rechts oder links unten in einem Kasten platzierten Logo. Von der Dimension her diesen Kasten sprengend, zeigt es eine Weltkugel, die auf einem ausgestreckten Arm zu ruhen scheint. An dessen Ende ist eine Hand mit einem Gewehr zu sehen. Dabei ist die Typografie abstrakt gew?hlt, und das verleiht dem Logo eine eigent?mlich zeitlose Modernit?t.
Schon hier zeigt sich die, f?r sp?tere von OSPAAAL publizierte Plakate, starke Orientierung an der Darstellung des Gewehrs. Sie symbolisiert die Guevaristische Methode des bewaffneten Befreiungskampfes. Dass die Fixierung auf diese Kampfform zeitweise auch religi?se Z?ge annahm, wird auf einem Plakat von Alfredo G. Rostaggaard deutlich, das er in Gedenken an Camilo Torres gestaltete. Der Befreiungstheologe Torres war als Guerillero 1966 in Kolumbien erschossen worden, und o wird Jesus im Heiligenkranz mit geschultertem Gewehr dargestellt.
Heute scheint dieses Motiv aus einer fernen Zeit zu stammen. Zweifellos ist diese Etappe des bewaffneten Befreiungskampfes als historisch zu betrachten. Dennoch lassen sich einige OSPAAAL-Plakate in einem sehr aktuellen Sinne interpretieren. W?rde man zum Beispiel heute das 1970 ebenfalls von Rostgaard gestaltete Plakat ohne Slogan verbreiten, so erinnerte es sofort an die gegenw?rtig schwierige milit?rische Lage der US-Truppen im Irak. Dem scheinbar sauber bleibenden US-Marinesoldaten steht die schmutzige Waffengewalt des Widerstandes gegen?ber.
Erg?nzt wird die Darstellung bewaffneter Formen des antiimperialistischen Kampfes auf vielen OSPAAAL-Plakaten durch die gro?formatige Pr?sentation m?nnlicher Heroen des antiimperialistischen Befreiungskampfes der 60er und 70er Jahre. Bekannte aber auch unbekannt gewordene Revolution?re werden gezeigt.
Auf den Plakaten werden Widerspr?che innerhalb der revolution?ren Bewegung nicht thematisiert. Nicht vergessen werden darf bei aller Begeisterung, dass es sich bei OSPAAAL-Plakaten letztlich immer um staatliche Propagandaplakate gehandelt hat. Die ?bergeordneten politischen Instanzen haben sich in Kuba ihr Politikmonopol gerade in kontroversen Fragen sicher nicht von den PlakatgestalterInnen aus der Hand nehmen lassen.
In der BRD wurde das OSPAAAL-Logo in Erkl?rungen und Bekennerschreiben von der Bewegung 2. Juni. aufgenommen. Dennoch sind die von OSPAAAL verbreiteten Plakate hier nicht weiter bekannt geworden, weil die Zeitschrift Tricontinental zwar in Spanisch, Franz?sisch und Englisch erschien, aber nicht in Deutsch. Die geringe Pr?senz in bundesdeutschen Archiven erkl?rt sich auch dadurch, dass sie von Beginn an als Sammlerobjekte sehr begehrt waren, und, wie es ein Kenner mit milder Ironie formulierte, ?bei Auktionen ihren Preis erzielen?. Ausgerechnet eine Serie politischer Plakate, das sich an die Bev?lkerung wirtschaftlich unterentwickelter, ehemals kolonialer Gesellschaften richtet, wird damit in den kapitalistischen Zentren zu einem kommerziellen Objekt.
In dem j?ngst in der Schweiz erschienenen Band Das trikontinentale Solidarit?tsplakat von Richard Frick k?nnen fast alle 340 von diesem Kollektiv bekannt gewordenen Plakate in bislang nicht erreichter Qualit?t betrachtet werden. Diese Leistung ist umso bemerkenswerter, als OSPAAAL seine Plakate selbst nie archiviert hat und Originale weder in Kuba noch an einem anderen Ort der Erde aufzutreiben waren. Sie mussten daher nach Schwarzwei?vorlagen aus der Zeitschrift Tricontinental reproduziert werden. Damit stellt dieses Buch alles weit in den Schatten, was es im deutschsprachigen Raum an Darstellungen und ?bersichten zu kubanischen Solidarit?tsplakaten bislang gab. Dar?ber hinaus kommen mit Alfredo G. Rostgaard, Olivio Mart?nez und L?zaro Abreu Padr?n erstmals drei kubanische Plakatgestalter zu Wort. Rostgaard sch?tzt sich mit diesem Buch gl?cklich, ?das Resultat einer Lebensaufgabe zu sehen, die keine kommerziellen Zwecke verfolgte.? Und Olivio Mart?nez sagt, ?ber die Plakate der OSPAAAL zu schreiben rufe in ihm das Gef?hl hervor, von einer alten Liebe zu reden.
Normalerweise geh?rt ein politisches Plakat an die Wand und nicht in ein Buch. Von Susan Sonntag wurde kritisiert, die Dokumentation von Plakaten in einem Buch verwandele diese in ?miniaturisierte Sehensw?rdigkeiten?, und ?Kulturgegenst?nde?, die uns in der ?bourgeoisen Wohlstandsgesellschaft serviert? werden, damit ?wir uns an ihnen delektieren?. Dieser Anwurf ist zwar nicht umstandslos aus der Welt zu schaffen. Dennoch erinnern die in dem Buch von Richard Frick versammelten OSPAAAL-Plakate an eine Etappe des globalen Befreiungskampfes, die trotz machistisch angehauchtem Heroismus und Nationalismus mit einem enormen kulturellen Reichtum verbunden war. In einer kaum glaublichen editorischen Glanzleistung hat Frick, Lehrer f?r Typographie an der Berufsschule f?r Gestaltung in Z?rich, in jahrelanger Sammelarbeit alle auffindbaren Plakate des OSPAAAL-Kollektivs in einem exzellent und aufw?ndig gedruckten, schwergewichtigen Buch pr?sentiert. Ohne sein Engagement w?rde eine Vielzahl dieser fl?chtigen Plakate f?r immer aus dem Blick geraten.

Richard Frick, Das trikontinentale Solidarit?tsplakat, Bern, 2003, S. 430, Commedia-Verlag, 72 Euro f?r Verdi-Mitglieder, regul?rer Preis 148 SFr.

Text: HKS 13, Klaus Viehmann, Sebastian Haunss, Markus Mohr
Ausgabe: Nummer 361/362 - Juli/August 2004