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(Artikel * 2004) Henkel, Knut
Mit harten Dollars gegen das Embargo Kubanische Importpolitik
in Lateinamerika Nachrichten Nr. 359 * Seite 47 - 48
Themen: Wirtschaftspolitik * Cuba * Handelsembargo; Schuldendienst; Lebensmittelhandel; US-Agrarexporte * Dok-Nr: 152856
Standorte: DWL Erlangen; FDCL Berlin; iz3w Freiburg; Nicabüro Wuppertal; 3WF Hannover; IFAK Göttingen; AWH Hagen

Kuba
Mit harten Dollars gegen das Embargo
Kubanische Importpolitik

Eine Zuwachsquote von 100 Prozent verzeichnet der Lebensmittelhandel zwischen Kuba und den US-Amerikanischen AgrarexporteurInnen im letzten Jahr. Kubanischen Prognosen zufolge soll das Importvolumen in diesem Jahr um 30 Prozent auf rund 400 Millionen US-Dollar steigen. Dadurch haben sich ganz nebenbei die Mehrheiten in beiden Kammern des US-Parlaments verschoben. Immer mehr Abgeordnete scheinen sich peu ? peu gegen das Handelsembargo zu positionieren.

Texas k?nnte mehr liefern als nur Lebensmittel. Auch an einer Kooperation bei der Erd?lexploration ist Kuba interessiert?, sagt Pedro Alvarez l?chelnd. Der Chef des kubanischen Monopolunternehmens f?r den Lebensmittelimport, Alimport, macht seinen Job ?u?erst geschickt. Jede M?glichkeit nutzt der Medienprofi, um Werbung f?r den Standort Kuba zu machen. So auch die Pressekonferenz in Havannas Nobelabsteige, dem Hotel Nacional. TouristInnen wie UnternehmerInnen seien in Kuba herzlich willkommen, nur die Embargogesetze st?nden dem entgegen, so Alvarez Anfang M?rz an die Adresse der JournalistInnen. Anlass der Pressekonferenz war die Unterzeichnung einer Absichtserkl?rung zwischen Alimport und der Betreibergesellschaft des Hafens von Houston/Texas.
Ziel des Vertrages ist es, die Kooperation im Rahmen der bestehenden Gesetze auszubauen, so James T. Edmonds, Chairman der Hafenbetreibergesellschaft. Immenses Potenzial sieht Edmonds nicht nur im Lebensmittelexport nach Kuba, sondern auch im Kreuzfahrtsektor. ?Wenn es ?nderungen an den bestehenden Gesetzen gibt, wird es einen Wettlauf zwischen den Unternehmen geben?, prognostiziert der Unternehmer. ?Wir wollen dann die Ersten sein, die in das Gesch?ft einsteigen?, so Edmonds. Der sieht die Zukunft des Hafens von Houston im Lateinamerika- und Karibikgesch?ft. Kuba k?nnte dabei auf Grund seiner geografischen Lage ein wichtiger Standort werden.
Vorerst muss sich die Delegation aus Houston, immerhin der zweitgr??te Hafen der USA in Bezug auf das Umschlagvolumen, mit dem Verladen von Lebensmitteln gen Kuba begn?gen. Aber auch das ist ein lukratives und sprunghaft wachsendes Gesch?ft. Allein im letzten Jahr wurden laut Alimport Lebensmittel in H?he von 343,9 Millionen US-Dollar aus den Vereinigten Staaten nach Kuba verschifft ? mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr.
F?r dieses Jahr rechnet Pedro Alvarez mit einem Anstieg des Lebensmittelimports aus den USA auf ?ber 400 Millionen US-Dollar. Ein lukrativer Markt f?r die US-amerikanischen Agrarunternehmen, HafenbetreiberInnen wie Frachtunternehmen. Die hat Alvarez l?ngst auf seiner Seite seit im Dezember 2001 die ersten Gesch?fte nach der Lockerung des Handelsembargos im Vorjahr get?tigt wurden. Waren f?r 612,5 Millionen US-Dollar hat Kuba zwischen Dezember 2001 und Ende Februar 2004 laut Alvarez bezogen. Vertr?ge ?ber 705 Millionen US-Dollar sind unterzeichnet und die Gesch?fte k?nnten ausgeweitet werden, so Alvarez. Der beziffert das Volumen des Lebensmittelimports auf rund 1200 Millionen US-Dollar. Ein ?u?erst interessanter Markt nicht nur f?r die US-Agrarlobby, sondern auch f?r ProduzentInnen aus Europa und Asien. Doch auf Grund der geografischen N?he haben die US-AmerikanerInnen die Nase vorn. Die kurzen Transportwege und damit auch die niedrigeren Kosten sprechen f?r den gro?en Nachbarn mit dem die Beziehungen alles andere als gut sind. Und so haben europ?ische und asiatische Unternehmen augenblicklich das Nachsehen. Sie verlieren systematisch an Marktanteilen, w?hrend die USA innerhalb von k?rzester Zeit zum wichtigsten kubanischen Lieferanten von Lebensmitteln avancierten.

Neuer Markt ? altes Embargo
Und auch umgedreht ist der Aufstieg Kubas in den Exportbilanzen bei Lebensmitteln beeindruckend. Vom letzten Platz ist Kuba auf Position 35 der Rangliste der wichtigsten Lebensmittelimporteure geklettert. Und Alvarez wird daf?r sorgen, dass Kuba weiter nach vorn kommt in der Rangliste. Mit jeder Unterschrift eines US-Unternehmers sinkt auch der R?ckhalt f?r das Handelsembargo in den USA. Zahlreiche PolitikerInnen haben ihre Haltung gegen?ber Kuba ge?ndert. Das zeigen nicht allein die Beschl?sse von Senat und Repr?sentantenhaus, die sich beide im letzten Jahr f?r die Aufhebung der Reisebeschr?nkungen nach Kuba f?r US-B?rger aussprachen, sondern auch zahlreiche Besuche von SenatorInnen, Abgeordneten und UnternehmerInnen, die das Terrain in Kuba ausloten.
In den diplomatischen Kreisen Havannas gilt Alvarez l?ngst als Speerspitze Kubas gegen das Handelsembargo. Effektiv reduziere er den R?ckhalt in Kongress und Senat f?r die Kubapolitik des Pr?sidenten George W. Bush. ?Allerdings w?rde niemand vom politischen Establishment in Kuba zugeben, dass hinter der Importpolitik eine politische Strategie steckt?, so der Sozialwissenschaftler Armando Nova von der Universit?t Havanna. Der wei? nur zu gut, was der Fall der Reisebeschr?nkungen dem kubanischen Tourismus bringen w?rde. Mit einer Million TouristInnen im ersten Jahr wird in Kuba kalkuliert. 1,5 Millionen k?nnten es im zweiten Jahr und langfristig bis zu sechs Millionen US-TouristInnen j?hrlich werden. Was damit wom?glich verbunden w?re, will sich Nova nicht n?her ausmalen. Dass US-TouristikexpertInnen im letzten Jahr bereits Audienz bei Fidel Castro erhielten, wei? Nova allerdings. L?ngst laufen auch die Vorbereitungen in anderen Branchen wie dem Erd?lsekor. US-Konzerne wurden von kubanischer Seite bereits eingeladen, auf der Insel und in den K?stengew?ssern nach dem Energietr?ger zu suchen. Die von kubanischer Seite angewandte Strategie, die Wirtschaftslobby der USA als Zugpferd gegen das Handelsembargo in Szene zu setzen, ist durchaus Erfolg versprechend, auch wenn Pr?sident Bush im Wahlkampf nach wie vor auf die HardlinerInnen in Miami setzt. Viele SenatorInnen und Kongressabgeordnete haben die wirtschaftlichen Interessen ihrer Bundesstaaten im Blick und folgen ihrem Pr?sidenten nicht mehr auf seinem Kurs.

Wie lange kann Kuba mit US-Dollars wedeln?
Einen Haken haben die Lebensmittelgesch?fte zwischen der Insel und dem ?berm?chtigen Nachbarn allerdings auch f?r die kubanische Staatskasse. Die Eink?ufe in den USA m?ssen cash beglichen werden und das f?llt den KubanerInnen zunehmend schwer. Eine ganze Reihe von Kontrakten wurde, so ist aus europ?ischen Botschaften in Havanna zu h?ren, ?ber kurzfristige Kredite beglichen. Die sind allerdings kostspielig, da Kuba als Schuldner einen ?beraus schlechten Ruf innehat und Risikoaufschl?ge zu einer Zinsbelastung von 18 bis 20 Prozent f?hren. Die hat die kubanische Regierung bisher akzeptiert, denn das gr??er werdende Loch im Embargo ist den Einsatz scheinbar wert.
Allerdings ist die Finanzdecke der kubanischen Regierung ausgesprochen fadenscheinig. Der Schuldendruck ist hoch, da die Regierung Verbindlichkeiten von ?ber 11 Milliarden US-Dollar vor sich her schiebt. Hinzu kommen laut Berichten des Wall Street Journal Verbindlichkeiten mit Venezuela. Das Land liefert rund die H?lfte des in Kuba ben?tigten Erd?ls und in Caracas sind mittlerweile Schulden in H?he von ?ber 700 Millionen US-Dollar aufgelaufen. Angesichts dieser Situation stellt sich die Frage, wie lange sich Kuba die teuren kurzfristigen Kredite zum Import der US-Lebensmittel noch leisten kann.

Text: Knut Henkel
Ausgabe: Nummer 359 - Mai 2004