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(Artikel * 2003) u.a.; Raheb, Viola; Maaly, Khalid Al
Vergesst (nicht) Palästina Die palästinensische Theologin Viola Raheb und der irakische Verleger Khalid Al-Maaly über den Nahen Osten und das arabische Exil
in iz3w Nr. 268 * Seite 28 - 29
Themen: Literatur; Unterdrückungsverhältnisse; Zivilgesellschaft * Israel; Palästina; Vorderasien * Exil * Dok-Nr: 146699
Mittlerer Osten

Vergesst (nicht) Palästina
Die palästinensische Theologin Viola Raheb und der irakische Verleger
Khalid Al-Maaly über den Nahen Osten und das arabische Exil

iz3w: Warum sind die gegenwärtigen arabischen Regime so stabil?
Raheb: Ihre Stabilität beruht vor allem auf der Unterstützung von außen. Insbesondere die USA spielen dabei eine aktive Rolle.

Herrschaft und Macht bestehen nicht nur aus Unterdrückung und Gewalt, sondern auch aus Zustimmung und Partizipation...
Raheb: Die entscheidende Rolle spielen die Sicherheitsapparate, in die oft die Mehrheit der Bevölkerung als Staatsbedienstete eingebunden ist. Sie trägt somit aus eigenem Interesse zur Erhaltung des Systems bei.

In der letzten Zeit mehren sich die Stimmen von arabischen Intellektuellen, welche die Rede vom Opferstatus einer unterdrückten Bevölkerung nicht mehr gelten lassen wollen und welche die Verantwortung des Einzelnen betonen.
Raheb: Solche Stimmen gab es immer. Früher hat man sie nicht wahrgenommen. Jetzt nutzen sie bestimmten Mächten. Die Frage ist doch: Welche Wirkungsmöglichkeiten haben Intellektuelle überhaupt? Progressive palästinensische Intellektuelle haben beispielsweise ständig gefordert, dass eine Veränderung in der politischen Führung stattfinden müsse. Diese gab es aber erst, nachdem die USA sie diktiert hatten. Obgleich diese Veränderung nicht im Sinne der erhofften Reform war.

Was würden Sie denn als amerikanische Interessen benennen?
Raheb: Grundsätzlich ist die Welt an einer Lösung des Konfliktes interessiert. Israel nimmt aber eine Sonderrolle für die westliche Welt ein, es wird als westlicher Staat angesehen und ist somit der verlängerte Arm des Westens in der Region. Ob ein nachhaltiger Frieden zu erreichen ist, der auch die Rechte der Palästinenser berücksichtigt, ist nicht sicher, vor allem nach dem Regierungswechsel in den USA. Die Bush-Regierung hat sich von jeglicher friedlichen Lösung verabschiedet.

Auch die Palästinenser scheinen nur noch auf die militärische Karte zu setzen...
Raheb: Es gibt nach wie vor eine Zivilgesellschaft in Palästina, die nicht auf die militärische Karte setzt. Doch diese wird leider nicht wahrgenommen. Seit Ausbruch der zweiten Intifada versucht Israel, die zivilgesellschaftlichen Institutionen zu zerschlagen. Wer ist überhaupt noch interessiert an der Entwicklung einer Zivilgesellschaft in Palästina? Ich glaube, das Interesse ist eher, ein arabisches Regime in Palästina zu etablieren und eben keinen säkularen demokratischen Staat, der anders ist als seine arabischen Nachbarn.

Gehört das Spektrum des politischen Islam ? man denke an die Terroranschläge ? zur »Zivilgesellschaft«?
Raheb: Gewalt gegen die zivile Bevölkerung Israels ist für die Mehrheit der Palästinenser, auch für viele religiöse Menschen und Organisationen, nicht akzeptabel. Hamas repräsentiert eine politische Minderheit, doch durch ihre Aktionen erweckt sie den Anschein, als repräsentiere sie das gesamte palästinensische Volk. Die Frage ist: Inwiefern werden gemäßigte Stimmen wahrgenommen? Wenn in Großbritannien die Regierung auf Kriegskurs ist, obwohl 91 % der Bevölkerung diesen nicht unterstützt, würden Sie auch nicht sagen: Die Briten wollen Krieg.

Der Westen hat also ein Wahrnehmungsproblem?
Raheb: Wenn ein Selbstmordattentäter andere in den Tod reißt, dann wird darüber berichtet. Alle wissen schnell Bescheid, wie er heißt und woher er kam. Wenn gerade ein westlicher Politiker im Land ist, wird die Reise unterbrochen. Wenn ein Friedensgespräch geplant ist, wird es abgesagt. Wenn aber gesellschaftliche Gruppen für den Frieden arbeiten, ist das keine Schlagzeile wert.

Sie haben in der Schulkommission der palästinensischen Autonomiebehörde gearbeitet und kennen den Apparat von innen. Ist die Autonomiebehörde zu Reformen und zur Machtabgabe an zivilgesellschaftliche Organisationen bereit?
Raheb: Keine Machtinstanz ? auch nicht in Europa ? gibt einfach Macht ab. Veränderungen geschehen langsam, prozesshaft, und sie müssen erstritten werden. Gerade das Beispiel der Schulkommission zeigt, wie Reformen funktionieren können: Es ist eine große Leistung, fast aus dem Stegreif ein Curriculum für die sechs Schulklassen entwickelt zu haben, das demokratisches Denken fördert.

Gerade diese Schulbücher sind heftig kritisiert worden, weil sie antisemitische Klischees verbreiten.
Raheb: Die beanstandeten Bücher sind jordanische Schulbücher, die in Palästina aber weiterhin benutzt werden, bis es zu einem eigenständigen Curriculum kommt. Wenn man in den Büchern nur nach Beweisen für Antisemitismus sucht, um die Palästinenser als Feinde des Friedens vorzuführen, dann wird der Begriff Antisemitismus für politische Zwecke instrumentalisiert. Kritik an der Politik Israels darf nicht mit Antisemitismus gleichgesetzt werden. Diese Schulbücher reflektieren einen politischen Prozess. Vergessen Sie nicht: Es gibt immer noch kein Friedensabkommen zwischen Israel und Palästina. Bildung kann der Politik nicht vorauseilen, aber sie kann Ansätze stärken, welche die Zukunft verändern.


Viola Raheb ist Theologin und lebt zur Zeit in Wien. Sie war Schulleiterin in Bethlehem und ist Mitglied der Evangelisch-Lutheranischen Kirche in Jordanien und Palästina.



iz3w: Sie leben in Köln, verlegen aber die meisten Ihrer Bücher in der arabischen Welt. Woraus besteht Ihr Programm?
Maaly: Klassische arabische Literatur, aber auch zeitgenössische arabische Autoren wie z.B. Mohammed Choukri. Dazu kommen Sachbücher über sogenannte Tabuthemen wie Sexualität und religionswissenschaftliche Werke. Außerdem Übersetzungen deutschsprachiger Literatur, Philosophie und Soziologie von Kant über Celan bis Habermas, sowie Bücher deutscher Orientalisten über den Islam und die arabische Geschichte.

Wo sind diese Bücher erhältlich, und wer kauft sie?
Maaly: In manche Länder wie mein Herkunftsland Irak müssen die Bücher geschmuggelt werden. Sie werden dort dann fotokopiert. Ansonsten sind sie in allen ordentlichen Buchhandlungen erhältlich. Aber da es in der arabischen Welt solche Buchhandlungen nur selten gibt, werden sie meistens auf Buchmessen verkauft.

Auf der Frankfurter Buchmesse geht es zu wie auf einem Volksfest ...
Maaly: Die Buchmesse in Kairo ist eher wie ein Gemüsemarkt. Jeder geht hin und kauft direkt ein und feilscht wie im Basar. Neulich habe ich dort z.B. hundert Exemplare von Robert Musils »Der Mann ohne Eigenschaften« verkauft, der gerade zum ersten Mal auf arabisch erschienen ist.

Wie ist das Feedback? Fragen die Leute nicht: »Was wollen Sie mit Robert Musil in Kairo?«
Maaly: Das geschieht oft. Als ich die Rechte von Günther Grass gekauft habe, da haben die Leute gesagt: »Wer liest die Blechtrommel?« Und jetzt gibt es bald eine Neuauflage. Meistens verkaufe ich aber noch nicht einmal die Erstauflage. Sie liegt normalerweise bei zweitausend Büchern ? für 300 Mio. Araber!

Sie pendeln zwischen der arabischen Welt und Europa. Sind Sie ein Grenzgänger, sehen Sie sich dazu berufen, den Dialog zu fördern?
Maaly: In erster Linie verlege ich Bücher, weil ich daran Freude habe. Man entdeckt neue Welten, die eigentlich Beschreibungen einer vergangenen Welt sind. Ich will zeigen, dass es arabische Klassiker gibt, die man heute noch lesen kann. Und dass es lebhafte Beschreibungen gibt, die der normale arabische Leser nicht kennt. Literatur schildert das normale Leben, das der Dekadenz, dem zerstörten arabischen Leben von heute voranging.

Leben Sie im »Exil«?
Maaly: Ich bin immer im Exil, auch wenn ich in meiner alten Heimat bin. Ein Schriftsteller ist immer in der Fremde.

Gibt es überhaupt so etwas wie ein ?arabisches Exil?? Ist das ein sozial homogener Raum, eine Gruppe von Menschen, deren Bezüge dieses Etikett erlauben würde?
Maaly: Ja, das gibt es in London und in Paris oder auch hier in Deutschland. Nur manchmal, wenn ich an meine Freunde im Irak denke, habe ich das Gefühl, dass es eigentlich umgekehrt ist. Leben nicht sie im Exil? Nicht nur die Iraker, sondern auch andere arabische Bürger? Wenn man sich ansieht, wie das Leben dort funktioniert, dann erschrickt man; man hat Mitleid. Seit zehn Jahren muss ich meinen Verwandten, Freunden und Schriftstellern im Irak helfen.

Viele arabische Intellektuelle im Exil, die durchaus kritisch gegenüber der eigenen politischen Führung eingestellt sind, reden wie Funktionäre, sobald sie von westlichen Medien über die eigene Gesellschaft befragt werden. Sie sagen: »Erst müssen die großen weltpolitischen Fragen ? Imperialismus, Israel ? geklärt sein, dann können wir im Kleinen anfangen, eine freiere, demokratischere Gesellschaft aufzubauen.«
Maaly: Sie meinen den Typus Edward Said? Wenn Sie einen arabischen Intellektuellen wie ihn fragen, wie steht es jetzt um Krieg und Frieden, dann sagt er: »Die Amerikaner dürfen das und das nicht machen«. Aber er verliert kein Wort über das Leiden der irakischen Bevölkerung. Er sagt, Saddam Hussein sei ein Diktator, es sei schlimm, letztendlich aber darf er bleiben. Dieser Typus ist ein Heuchler.

Das ist ein harter Vorwurf. Tatsächlich muss doch jeder arabische Intellektuelle immer erst mal ein »Verräter« sein, um bestimmte Wahrheiten zu sagen.
Maaly: Dann sind wir eben Verräter. Wissen Sie, unsere Gesellschaft ist wie eine große Familie: Der Vater herrscht, und wenn ein Sohn abweicht, dann wird er geschlagen und er muss sich wieder einfügen. Damit sollte man als kritischer Mensch nicht leben.

Ist denn das Exil eine andere Familie? Ist das wirklich eine freiere Gesellschaft?
Maaly: Nein. Die meisten Exilanten sind noch schlimmer, weil sie Heimweh haben. Sie klammern sich an ihre Erinnerungen, an die Gewohnheiten von damals. Sie entwickeln sich nicht weiter. Sie gewinnen keine neuen Perspektiven, Erkenntnisse, Standpunkte. Die neue Welt ist und bleibt ihnen unheimlich.

Ich dachte, bei den irakischen Exilanten wie Kanan Makiya sei das anders.
Maaly: Makiya ist eine Ausnahme. Dafür wird er von Edward Said und vielen anderen angefeindet.

Makiya ist Berater des US-Außenministeriums...
Maaly: Said beschreibt ihn als eine Fliege, die um das Weiße Haus herumschwirrt. Allerdings vergisst er dabei, dass er jahrelang selber für die palästinensische Sache bei dem ehemaligen amerikanischen Außenminister George Schultz ein und ausging. Wie er sich verhält, finde ich heuchlerisch.

Was erwarten Sie von anderen Exilanten?
Maaly: Sie sollen sich öffnen, etwas Neues lernen. Leider sind sie ? wie man im Irak sagt ? mit ihrem Zelt hierher gekommen, und sie haben ihr Zelt einfach in ihrer Wohnung aufgebaut.

Aber haben die Exilanten nicht gerade deshalb ihr Land verlassen, um freier denken, leben und handeln zu können, um dieses »Zelt« hinter sich zu lassen?
Maaly: Nein, ein kommunistischer Exilant ist ein Soldat seiner Partei. Er muss für diese Partei spionieren, Berichte schreiben, gehorsam sein. Der bleibt immer so. Bei den islamistischen Exilanten verhält es sich noch schlimmer. Man hört, dass sie nach Europa kommen, weil sie glauben, sie können vom Staat leben und dabei ihre Variante des Islam weiterentwickeln. Wie sollen sie sich ändern?

Was ist mit den Exilanten, die gehen, weil sie sich nicht frei ausdrücken können, wie z.B. Künstler?
Maaly: Es gibt Ausnahmen. Aber ich spreche von der übergroßen Majorität. Die demokratischen Strömungen in der irakischen Opposition werden überschätzt. Und was die irakische, ja die gesamte arabische Kultur betrifft, so ist sie von der Politik beherrscht. Vergleichen Sie das mal mit iranischen oder türkischen Autoren und ihrer Wirkung in ihrer Gesellschaft ? das ist etwas ganz anderes. Der Nationalismus ist unser größtes Problem.


Khalid Al-Maaly ist Lyriker, Übersetzer und Verleger und lebt seit 1980 in Deutschland. Er leitet in Köln den Al-Kamel Verlag und gibt die Zeitschrift Faradis heraus.



Die Interviews führten Jörg Später, Jochen Müller und Christoph Seidler.