Volltext

(Artikel * 2003) Makiya, Kanan
Politische Alternativen statt Selbstmitleid! [Woher weht der "Wind of Change"?]
in iz3w Nr. 268 * Seite 24 - 27
Themen: Islam; Opposition * Vorderasien * Terrorismus; Arabischer Nationalismus * Dok-Nr: 146697
Mittlerer Osten

Woher weht der ?Wind of Change??

Es muss sich was ändern in der so genannten arabischen Welt. Darin sind sich alle oppositionellen Intellektuellen einig ? gleich ob vor Ort oder im Exil. Doch schon bei der Frage, wo zuerst anzusetzen sei, besteht Dissens. Ist es vor allem das selbstmitleidige Beharren auf dem Status als Opfer der USA und Israels, das eine aktive Umgestaltung der repressiven Verhältnisse in arabischen Ländern verhindert? Blockieren die verschiedenen »Ismen« von Antizionismus über Nationalismus bis Panarabismus die demokratische Entwicklung? Oder bedarf es vor allem politischer Initiativen, die auf ?nationale Selbstbestimmung? setzen ? wie etwa in Palästina? Der in den USA lebende irakische Exilant Kanan Makiya und sein palästinensisches Pendant Edward Said stehen in diesem Disput für sehr unterschiedliche Positionen.
Kanan Makiya ist Direktor des »Iraq Research and Documentation Projects« an der Harvard University, lehrt an der Brandeis University und berät die US-amerikanische Regierung. Er ist Autor der Standardwerke »Republic of Fear:
The Politics of Modern Iraq« sowie »Cruelty and Silence: War, Tyranny, Uprising and the Arab World«.

Edward W. Said lebt in New York. Er ist Professor für »English and Comparative Literature« an der Columbia University. Sein Buch »Orientalism« gilt als Grundlagenwerk der postcolonial studies. In jüngerer Zeit bezog der Literaturwissenschaftler Said mit zahlreichen tagespolitischen Kommentaren Stellung zum Israel-Palästina-Konflikt.



Politische Alternativen statt Selbstmitleid!

von Kanan Makiya

Eine Woche nach den Angriffen auf das World Trade Center und das Pentagon traf ich einen arabischen Freund. »Das können keine Araber gewesen sein«, sagte er.
»Natürlich waren es Araber.« »Kein Araber ist dazu fähig, eine derartige Operation zu planen.«
Mein Freund war als junger Mann ein Aktivist der Al-Da?wa Partei, einer irakischen islamistischen Organisation, die in den 1980ern einen Untergrundkrieg gegen das Regime des Saddam Hussein führte, nachdem alle säkularen, nationalistischen, militärischen und liberalen Oppositionsformen zusammengebrochen waren. Die Repression trieb ihn zur islamischen Politik, in einer Zeit, als der Irak gegen die islamische Republik des Iran einen Krieg führte. Aus dem Irak verjagt, lebte er 15 Jahre lang als Flüchtling in verschiedenen Ländern.
Seine Wut richtet sich nun in erster Linie gegen die USA. Er ist wie die überwältigende Mehrheit der Iraker davon überzeugt, dass die USA nach dem Zweiten Golfkrieg den Tyrannen absichtlich an seinem Platz ließen, um danach Sanktionen zu verhängen, die nun die Menschen des Irak den Preis für die Handlungen Husseins von 1990 zahlen lassen.
Ich spreche von meinem Freund, um einige Punkte deutlich zu machen. Es ist wichtig, über die Menschen nachzudenken, die sich aus Gründen, die wir verstehen müssen, dem Terrorismus zugewandt haben: Sie sind weder als Terroristen geboren, noch neigen sie aufgrund ihrer religiösen Glaubenssätze zu gewaltsamen Lösungen ihrer Probleme. Ich möchte das, was am 11. September getan wurde, nicht entschuldigen oder rechtfertigen ? ich möchte nur auf der Notwendigkeit bestehen, zu verstehen, womit wir es zu tun haben, und sei es aus dem Grund, es effektiver zu bekämpfen.
Viele Araber und Muslime akzeptieren weiterhin nicht, dass es ihre Glaubensbrüder bzw. ihre arabischen Brüder waren, die in den 11.9. verwickelt sind. Diese Weigerung bedarf keiner größerer Mühen, sie ist fast wie naturgegeben, ebenso wie die äußerst besorgniserregende, aber weithin akzeptierte Version, dass Juden oder Israelis hinter dem 11.9. stecken. Oberflächlich betrachtet klingt die Erklärung, die Luftpiraten könnten schon deswegen keine Araber gewesen sein, weil die gar nicht in der Lage seien, eine derartige Operation zu planen, wie ein einfacher, naiver Kommentar der Fakten. Doch werfen wir einen Blick auf das Element der Selbstverachtung und inneren Niederlage, das in der Vorstellung enthalten ist, es müsste jemand wie die Israelis gewesen sein, die ein Interesse daran haben, »uns« Araber schlecht aussehen zu lassen. Was geht hier vor sich?

Opfer des Terrors
Der 11.9. ist ein Auswuchs der Probleme des modernen arabischen Nahen Ostens und nicht der gesamten islamischen Welt, wie das Bin Laden glauben machen will. Kein einziger der Flugzeugentführer oder ihrer Al Qaida-Führer ist Afghane. Sie alle sind Araber, die ihre Probleme in dieses unglückliche Land exportiert haben. Die arabische Welt begreift nicht, dass der Preis für die apokalyptischen Taten in New York und Washington nicht von Amerikanern, sondern von den Individuen arabischer oder muslimischer Herkunft gezahlt werden wird. Dieser Preis ist weitaus höher als ein Bombenfeldzug in Afghanistan, gefolgt vielleicht von einem im Irak. Er ist höher als die rassistischen Angriffe, die nach dem 11.9. überall im Westen ausbrachen. Der höchste Preis, den Menschen wie mein Freund bezahlen, ist, dass sie noch tiefer in das Gefühl versinken, selbst ein Opfer zu sein, sei es der Vereinten Nationen, Israels oder des weltwirtschaftlichen Systems.
Der »Antiamerikanismus« der so genannten arabischen Straße, den Bin Laden manipuliert hat, gründet auf diesem Gefühl des Opferseins und der Zurückweisung von Verantwortung. Er ist kein neues Phänomen im Nahen Osten, sondern eher die letzte und virulenteste Variante einer Idee, die ursprünglich von säkularen, nationalistischen arabischen Intellektuellen wie mir selbst nach dem arabisch-israelischen Krieg von 1967 genährt worden ist. In jenen Tagen hatte diese Vorstellung verschiedene Etiketten: Antiimperialismus, Antizionismus, arabischer Sozialismus oder Panarabismus. Was immer man über diese früheren Etiketten sagen will, so hatten sie zumindest echte Missstände als ihren Ausgangspunkt, etwa die Enteignung von Millionen von Palästinenser infolge der Geburt und der Konsolidierung des Staates Israel. In den Händen arabischer Nationalisten und linker »Antiimperialisten« meiner Generation wurde diese Wahrnehmung von Missständen aber nicht in die harte Arbeit kanalisiert, Zivilgesellschaften aufzubauen und bürgerliche Freiheiten gegenüber den bestehenden tyrannischen Regimen auszuweiten ? wie dies in Lateinamerika in den 1980er Jahren der Fall war.
Könnte es sein, dass wir anders als Lateinamerika belastet waren mit einer »nationalen Frage«, nämlich mit einer Situation, in der ? zumindest bis zu dem in Oslo erreichten Abkommen ? einem ganzen Volk die kollektiven Rechte auf Selbstbestimmung theoretisch und praktisch abgesprochen wurden? Sicher ist dies ein Teil der Antwort. Doch es ist eine Antwort, die zu schnell zu einer Entschuldigung werden kann. Es bleibt die Tatsache, dass meine Generation seit den 60ern bis hin zu den 80ern daran scheiterte, individuelle oder bürgerliche Freiheiten zu thematisieren. Unser Scheitern hinterließ ein Vakuum, das zunehmend durch einen konspirativen Blick auf die Geschichte gefüllt wurde; ein Blick auf die Geschichte, der alle Krankheiten unserer eigenen Welt entweder dem großen Satan Amerika oder dem kleinen Satan Israel zuschrieb. Völlig verloren ging dabei die Selbstwahrnehmung als politisch Handelnde, die dazu in der Lage sind, in der politischen Arena konkrete graduelle Ziele anzuvisieren.

Das dämonisierte Andere
In den arabischen Ländern sind Systeme und Institutionen, Armeen und Staaten gescheitert. Das größte Scheitern war jedoch ein intellektuelles, insbesondere in der Intelligentsia. Wir scheiterten daran, die meist paranoiden Phantasien der jeweiligen Regime herauszufordern. Wir haben es versäumt, aus den nationalistischen Paradigmen auszubrechen ? zum Beispiel, indem wir unserem israelischen Gegenüber die Hand der Solidarität entgegen strecken. Stattdessen haben viele von uns, die politisch durch den Krieg von 1967 geformt wurden, ihre eigenen Regime nur dafür kritisiert, nicht genügend antizionistisch oder antiimperialistisch zu sein. Angesichts dieses Vakuums politischer Alternativen und der endlosen selbstmitleidigen Opferrhetorik ? wen wundert es, dass verzweifelte junge Mittelklasse-Individuen wie Muhammad Atta und Ziad al-Jarrah sich zu terroristischen Aktivitäten gegen das dämonisierte Andere hingezogen fühlen?
Atta und al-Jarrah durchlebten ? und zwar vor Ort, nicht im Exil oder im Westen ? die praktischen Konsequenzen des Scheiterns der gut gemeinten Träume meiner Generation. Wir haben uns im Großen und Ganzen entweder an unsere hausgemachten Autokratien verkauft oder unsere Sachen gepackt. Und haben dann Dinge getan wie London in eine neue kulturelle Hauptstadt des Nahen Ostens zu verwandeln, mit fünf arabischen Tageszeitungen. Die nachfolgende Generation jedoch blieb zurück: sie mussten Kriege ausfechten und den Kugeln ausweichen.
Ziad al-Jarrah ist 1975 geboren, im Jahr, in dem der libanesische Bürgerkrieg begann. Er ist 26 Jahre jünger als ich und ist wie ich in Beirut zur Schule gegangen. Der entscheidende Unterschied zwischen uns besteht jedoch darin, dass all jene »ismen«, an die meine Generation geglaubt hat, starben, als al-Jarrah aufwuchs: Arabismus, Nationalismus, Sozialismus, Marxismus oder »Third Worldism«. Er hatte unser Scheitern sozusagen in den Knochen stecken. Er konnte darüber möglicherweise nicht theoretisieren, und vielleicht hat er nicht einmal akzeptiert, dass wir gescheitert waren. Einer der »ismen« jedoch war noch nicht vollständig bankrott durch das, was Männer ? und es waren hauptsächlich Männer ? mit ihm konkret veranstaltet hatten: der politische Islam. Der Erfolg der iranischen Revolution von 1979 stärkte das Vertrauen in eine heilige Sache, was in der Politik so oft ein Ersatz für verlorenes Selbstvertrauen darstellt.
Das Leiden von Libanesen, Palästinensern und Irakern ist jedoch keine Erklärung für den Werdegang Bin Ladens. Saudis sind von niemandem kolonisiert worden; sie haben eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen außerhalb der westlichen Welt, und Bin Laden kehrte 1989 aus Afghanistan weder geschlagen noch als Opfer zurück. Und anders als bei der Post-67er Generation von Arabern richtet sich Bin Ladens Zorn nicht gegen Israel, sondern gegen die gesamte post-ottomanische arabische Ordnung. In seiner Erklärung von 1998, in der er Muslime dazu aufruft, Amerikaner zu töten, stellt Bin Laden die amerikanische Präsenz in Saudi-Arabien an die Spitze seiner Liste von Missständen, weil sie das »Land Mohammads verschmutzen«. Die psycho-politische Statur eines solchen Mannes unterscheidet sich vollkommen von der eines Selbstmordattentäters in Gaza oder der Westbank, der um sich schlägt, weil er nichts mehr zu verlieren hat.
Dass Bin Laden die USA zum Sündenbock macht, überschneidet sich mit dem arabischen Mainstream-Diskurs vom Opferdasein, der seit dem Krieg von 1967 vorherrscht. Aber Bin Ladens Argumentation, der treibende Impuls hinter seinen Aktionen, die Anwendung der Vorstellung von »Reinheit« auf Teile oder gar die ganze arabische Halbinsel in modernen Zeiten ? das ist fremdartig und benötigt eine Erklärung.

Der wahre Jihad
Die Besessenheit von Reinheit ist ein charakteristisches Merkmal des Wahhabismus, ein Glaube aus dem 18. Jahrhundert. Er wurde begründet von dem fanatischen Reformer Muhammad al-Wahhab (1703-1787), der sich mit den tribalen Kriegsherren verbündet hatte, die mittlerweile zur saudischen Dynastie geworden sind. Dieser Glaube war außerhalb der arabischen Halbinsel völlig unbekannt, bis der saudische Ölreichtum ihn ausbreitete. Die ursprüngliche Form dieser puritanischen, Bilder-hassenden muslimischen Sekte ist derart extrem, dass sie alle Nichtmuslime ? wie auch alle nicht-wahhabitischen Muslime wie mich ? als »Verschmutzung« ansehen. Bin Laden ist nicht nur mit dieser Ideologie aufgewachsen, die heutzutage in allen saudischen Schulen gelehrt wird, sondern wendete sie gegen sein eigenes Regime, als es seine eigenen Grundsätze während des Golfkrieges verletzte.
Bin Ladens apokalyptische Vision wird sich nicht verwirklichen, seine Niederlage steht außer Zweifel. Die Frage ist, was sein Verschwinden für eine Welt bedeuten wird, deren eigenes Scheitern dafür verantwortlich ist, Bin Laden hervorgebracht zu haben! Das wirkliche Problem besteht nicht im Islam und seiner Beziehung zum Westen; es liegt in dem Durcheinander, in dem sich insbesondere der arabische Teil der islamischen Welt befindet, der gerade einmal 17 Prozent des Ganzen ausmacht. Aziz Ali, das irakische Alter Ego von Bob Dylan, hat in den 30er Jahren ein Gedicht geschrieben, in dem es ganz richtig heißt: »Die Krankheit, die in uns ist, kommt aus uns und steckt in uns«. Gegen diese Art Feind wird George W. Bushs »Krieg gegen den Terror« herzlich wenig ausrichten. Wir müssen es selber tun. Nicht die Amerikaner, sondern Muslime und Araber müssen heute an der Front eines neuen Krieges stehen ? ein Krieg, der es wert ist, für unsere eigene Errettung und unsere eigenen Seelen geführt zu werden. Darin liegt, wie einige muslimische Gelehrte argumentieren würden, die wahre Bedeutung des Jihad, nicht in der Interpretation der Terroristen.

Gekürzte Fassung eines Beitrages aus Dissent (Spring 2002), S. 5-12. Übersetzung aus dem Englischen: Christoph Seidler.