Volltext

(Artikel * 2003) Bergmann, Ulrike
Keine Bevormundung! Über die Selbstorganisierung arbeitender Kinder
in iz3w Nr. 267 * Seite 35
Themen: Informeller Sektor; Kinderarbeit * ILO * Dok-Nr: 146683
Informelle Ökonomie


Keine Bevormundung!
Über die Selbstorganisierung arbeitender Kinder

In ihrem Bericht 2002 gibt die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) einen geschätzten Zahlenwert von 246 Millionen arbeitender Kinder zwischen fünf und 17 Jahren weltweit an. Nicht eingeschlossen sind dabei 106 Millionen Kinder, die nach ILO-Kriterien in für Kinder akzeptable »wirtschaftliche Aktivitäten« eingespannt sind. Regional betrachtet sind etwa 60 Prozent der wirtschaftlich aktiven Kinder in Asien zuhause, gefolgt von Afrika mit rund 30 und Lateinamerika mit sieben Prozent. In Afrika südlich der Sahara arbeitet fast jedes dritte Kind. In den Industrieländern hingegen leben laut ILO nur ein Prozent (2,5 Mio.) der weltweit wirtschaftlich tätigen Kinder. Terrre des Hommes allerdings spricht allein von 600.000 in Deutschland arbeitenden Kindern. Das sind 40 Prozent aller 13- bis 15-Jährigen. Jedoch findet hier ihre Arbeit in der Regel unter qualitativ anderen Bedingungen statt.


von Ulrike Bergmann

Seit mehr als drei Jahrzehnten setzt sich die ILO aktiv für die Abschaffung der Kinderarbeit ein. In diesem Zusammenhang entstand 1973 die ILO-Konvention 138 über das Mindestalter der Zulassung zur Beschäftigung. Die Übereinkunft verpflichtet die Unterzeichnerstaaten, politisch aktiv zu werden, um Kinderarbeit zu bekämpfen. Betraut mit dieser Aufgabe ist das Internationale Programm zur Abschaffung von Kinderarbeit (IPEC), eine Unterorganisation der ILO. Wenn es auch nicht Anliegen des IPEC ist, Kinderarbeit weltweit zu verbieten, ohne den Kindern Alternativen ? in Form beispielsweise von Schulbildung und verbesserten Einkommensmöglichkeiten für Eltern ? zu bieten, so lanciert es doch Kampagnen zur Bekämpfung von Kinderarbeit (»Red Card To Child Labour Campaign«).
Solange aber Kinder aufgrund familiärer ökonomischer Verhältnisse zur Arbeit gezwungen sind und ? wie an vielen Orten der Welt der Fall ? ein autoritäres und unzureichend ausgestattetes Schulbildungssystem vorherrscht, würde eine Abschaffung von Kinderarbeit von heute auf morgen den Betroffenen vielerorts ihre Lebensgrundlage nehmen. Um der Problematik im Interesse der Kinder zu begegnen, müssten gerechte Entlohnung und menschenwürdige Arbeitsbedingungen an erster Stelle stehen, bevor an die Abschaffung von Kinderarbeit gedacht werden kann. So fordern es die Kinderorganisationen selbst, deren Sichtweisen allerdings in keinem der aktuellen ILO- und IPEC-Dokumente zum Ausdruck kommen und die auch an den Vorbereitungsprozessen der sie betreffenden Konventionen nicht partizipieren konnten.
Dabei organisieren sich arbeitende Kinder seit den 80er Jahren in verschiedenen Regionen des Südens und treten für eine Verbesserung ihrer Situation an die Öffentlichkeit. Bei den Mitgliedern der Organisationen handelt es sich hauptsächlich um 12- bis 16jährige Kinder und Jugendliche, von denen die große Mehrzahl im informellen Sektor der Städte tätig ist. Es entstanden Zusammenschlüsse in einzelnen Städten, Assoziationen von Kindern bestimmter Berufsgruppen und nationale Organisationen arbeitender Kinder. Regelmäßig finden internationale Treffen statt. An dem fünften Kongress arbeitender Kinder und Jugendlicher Afrikas im Herbst 2000 in Bamako (Mali) nahmen Delegierte von Kindern aus 16 verschiedenen Ländern teil ? insgesamt umfasst die afrikanische Bewegung mittlerweile etwa 250 Basisorganisationen.

Würdigen statt abschaffen
An erster Stelle verbindet die Kinderorganisationen die Ansicht, dass nicht die Kinderarbeit selbst ein Problem darstellt, dem es zu begegnen gilt, sondern vielmehr die Bedingungen, unter denen sie meist stattfindet: »Kaum ein arbeitendes Kind hält es für hilfreich, den Kindern die Arbeit zu verbieten. Wenn schon Gesetze, dann wird von ihnen erwartet, dass sie den Kindern ebenso wie den Erwachsenen das Recht einräumen zu arbeiten und dafür sorgen, dass sie bei ihrer Arbeit besser geschützt werden und mehr zu sagen haben« (Liebel). Zentral ist stets der Anspruch auf gesicherte und gerechte Arbeitsverhältnisse.
Mit dieser Forderung widersprechen die Kinderorganisationen dem ILO-Ansatz der Bekämpfung von Kinderarbeit. Auch beklagen sie, die derzeitige Politik der ILO trage dazu bei, dass die Arbeit von Kindern in der Gesellschaft ? obwohl weltweit in großem Umfang in Anspruch genommen ? kaum jemals Anerkennung finde. Doch dürfe die Situation arbeitender Kinder nicht länger ignoriert werden, vielmehr verdiene sie soziale Anerkennung. Die Kinder wollen in der Gesellschaft ihre Positionen vertreten, aktiv partizipieren und Einfluss haben. Sie möchten die Rolle der untergeordneten Minderjährigen endlich ablegen.
Stattdessen sind die Mitglieder der Kinderorganisationen ? ähnlich wie andere Angehörige des informellen Sektors ? mit Diskriminierung, Bevormundung und Reduzierung auf einen Opferstatus konfrontiert. Der Forderung der Kinderorganisationen nach Würde werden die internationalen politischen Institutionen nicht gerecht. So auch die ILO-Konvention 182 von 1999 »zur Beseitigung der schlimmsten Formen von Kinderarbeit«. Sie untersagt bis zum Alter von 18 Jahren gefährliche Tätigkeiten, Zwangsarbeit, Prostitution, Pornographie sowie die zwangsweise Rekrutierung von (Kinder-)Soldaten für Kriegseinsätze. Die Kinderorganisationen kritisieren an dem Dokument, dass Kinderhandel und Zwangsrekrutierung etc. in einem Atemzug mit Kinderarbeit genannt werden. Damit widerspricht die Konvention einerseits der Forderung nach sozialer Anerkennung arbeitender Kinder und Jugendlicher. Zudem handele es sich um gegen Kinder gerichtete Verbrechen, die verurteilt werden müssen. Die fehlende Differenzierung zwischen Arbeit und Verbrechen zeigt einmal mehr, dass Kinder nicht als ernstzunehmende Subjekte behandelt werden.

Literatur:

? M. Liebel, B. Overwien, A. Recknagel (Hg.): Was Kinder könn(t)en. Handlungsperspektiven von und mit arbeitenden Kindern. Frankfurt, 1999

? Terre des Hommes: Themenheft »Kinderarbeit ? Kein Kinderspiel«. Osnabrück, 2001


Ulrike Bergmann ist Mitarbeiterin im iz3w.